Gerhard Riegler: Weltweit Vorbild, im eigenen Land verdrängt

Ende Februar waren beim AMS insgesamt 24.500 Akademiker als arbeitslos gemeldet, um 1139 bzw. 4,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Inklusive Schulungsteilnehmern waren es knapp 30.000.“ (1) Noch nie hat es in Österreich so viele arbeitslose AkademikerInnen gegeben. Zu „verdanken“ ist diese Tatsache nicht zuletzt einer Politik, die sich vom Vorwurf der OECD, Österreich habe eine zu geringe Akademikerquote, ins Bockshorn jagen ließ, statt sich dessen bewusst zu sein, dass Österreichs Schulwesen zu bieten hat, worum uns andere Staaten inzwischen beneiden.

vielfalt

In unserem Land hatten und haben junge Menschen mit einem erfolgreichen Abschluss jeder Art von Sekundarstufe II – ob Lehre, mittlere oder höhere Schule – bessere Chancen auf einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben als „AkademikerInnen“ in anderen Staaten. In Österreich sind nach den aktuellsten Daten der Eurostat nur sechs Prozent der 25- bis 29-jährigen AbsolventInnen einer Sekundarstufe II arbeitslos, im EU-Mittel aber über neun Prozent der JungakademikerInnen.

Entscheidend ist – nicht nur in Österreich -, die Sekundarstufe II erfolgreich abzuschließen, statt die Schullaufbahn als Dropout zu beenden. Es kommt also darauf an, dass junge Menschen den für sie richtigen Weg finden und ihn konsequent zu Ende gehen.

Während Österreichs Jugendarbeitslosenquote, noch vor wenigen Jahren die niedrigste aller EU-Staaten, langsam, aber sicher steigt, hat die Arbeitslosenquote Deutschlands den niedrigsten Wert seit einem Vierteljahrhundert erreicht. Finnlands hohe Akademikerquote, die Österreichs Politik vor die Nase gehalten wurde, und Finnlands Massen junger Menschen, die keine Arbeit finden, haben eine gemeinsame Wurzel, deren man sich bei unserem deutschen Nachbarn bewusst ist: „In Finnland gibt es kein vergleichbares System der beruflichen Bildung wie in Deutschland. Die extrem hohe Studienanfängerquote ist auch Ausdruck eines Defizits, es gibt keine nicht-akademische Berufsausbildung.“ (2)

Aber längst ist man sich nicht nur in Deutschland des Vorteils eines vielfältigen Bildungsangebots bewusst, sondern auch in immer mehr Staaten, denen die Vielfalt fehlt: „Viele Länder, u. a. das Vereinigte Königreich (modern apprenticeships), Spanien (nuevo contrato de la formación y aprendizaje) und Frankreich (apprentissage nouveau), setzen auf neue/modifizierte duale Ausbildungssysteme, um den hohen Jugendarbeitslosigkeits- und Schulabbruchquoten entgegenzuwirken.“ (3)

Bis nach Südostasien hat sich die duale Bildung als Erfolgsmodell durchgesprochen. Südkoreas Politik scheut auch nicht davor zurück, mit dem Namen „Meister Schools“ zu demonstrieren, wo man sich dieses Erfolgsmodell abgeschaut hat. „The employment rate of university graduates in 2013 was 56 %. […] For vocational institutions, the employment rate of Meister high-schools in 2013 was over 90 %.“ (4)

In Österreich aber feiert man es als Erfolg der NMS, dass mehr AbsolventInnen eine höhere Schule beginnen und weniger eine duale Bildung, als dies für die Hauptschule gegolten hat. Ob diese jungen Menschen den Weg zur Matura erfolgreich beenden oder als Dropout enden, ist für Österreichs Schulpolitik – vor wenigen Tagen einmal mehr im Unterrichtsministerium hautnah erlebt – kein Thema. Unglaublich, aber leider wahr.

(1) Anita Staudacher, Arbeitslosigkeit: Höchster Anstieg bei Akademikern. In: Kurier online vom 1. März 2017.

(2) Julian Nida-Rümelin in Hanns Seidel Stifung (Hrsg.), Akademikerschwemme versus Fachkräftemangel (2016), S. 81.

(3) ibw (Hrsg.), Befragung österreichischer LehrabsolventInnen zwei Jahre nach Lehrabschluss (2016), S. 11.

(4) OECD (Hrsg.), OECD Skills Strategy Diagnostic Report Korea 2015 (2015), S. 50.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

2 Antworten zu “Gerhard Riegler: Weltweit Vorbild, im eigenen Land verdrängt

  1. Erich Wallner

    Es ehrt einen AHS-Repräsentanten, wenn er zugibt, dass zu viel Gymnasium auch nicht gut ist („Bockshorn“), und die Vorteile der dualen Bildung in Erinnerung ruft.

    Gestern las ich im Teletext, dass in es Österreich bei Führerscheinprüfungen eine Durchfallsquote von 1/3 gibt. Das rief mir die Ergebnisse der Zentralmatura 2016 ins Gedächtnis:
    Deutsch: 1,1% Nicht genügend, Mathematik: 6,9% Nicht genügend, Englisch: 2,1% Nicht genügend.
    Quelle: https://www.bmb.gv.at/ministerium/vp/2016/20160628_ahs.pdf?5i81ve

    Ich frage mich, wie es eine solche Diskrepanz bei Prüfungen geben kann? Verblöden Schul-Absolventen augenblicklich, wenn es um den Führerschein geht? (Immerhin kann man ja davon ausgehen, dass es nicht an der Motivation mangelt – außerdem kostet jedes Mal Antreten extra.) Oder sind die Lehrkräfte bei den Fahrschulen so schlecht?
    Interessant finde ich, dass nirgendwo der Verdacht geäußert wird, dass angesichts einer so hohen Durchfallsrate am System der Führerscheinprüfung etwas nicht stimmen könnte – 1/3 Durchfaller ist dort eine sozial akzeptierte Quote. Gnade Gott uns AHS-LehrerInnen, wenn wir bei der Matura auch nur in die Nähe dieser Zahl kämen.

    Könnte es vielleicht daran liegen, dass wir an den AHS ein potemkinsches Dorf aufgebaut haben? Immerhin werden unsere Matura-Noten ja nicht einmal von der nächsten Instanz, den Universitäten und Fachhochschulen, ernst genommen: So etwas wie in Deutschland, ein Zugangssystem basierend auf Maturanoten, gibt es in Österreich nicht. Und wenn man sich die Sehr gut anschaut (Deutsch: 19,9%, Mathematik: 11,9%, Englisch: 24,1%), dann fragt man sich unwillkürlich, ob man seinerzeit im Mathematikunterricht bei der Gauss’schen Normalverteilungskurve etwas falsch verstanden hat. (Das Ergebnis im Gegenstand Mathematik selber haut ja noch hin, aber in den Sprachen ist die Relation jenseitig. Und wieso kann sich ein Gegenstand – Mathematik – überhaupt so deutlich von den anderen unterscheiden?)

    Womit sich der Kreis zum ersten Absatz schließt: Vorbehalte gegenüber der AHS, so wie sie jetzt praktiziert wird, sind angebracht.
    Aber die Führerschein-Prüflinge kommen ja nicht nur aus der AHS, sondern auch aus allen anderen Schultypen, und dort sind die Noten auch viel besser als 1/3 nicht bestanden. Könnte es sein, dass in ganz Österreich irgendetwas schief läuft bei der Leistungsbeurteilung an Schulen?

    Wie ist es möglich, dass bei einer so lebenspraktischen Sache wie dem Führerschein 1/3 durchfallen, während dieselben Leute (in den meisten Fällen handelt es sich ja um Jugendliche oder junge Erwachsene) in der Schule meist problemlos reüssieren? Wie können zwei Beurteilungssysteme mit so disparaten Ergebnissen Seite an Seite existieren?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s