Schlagwort-Archive: Schmied

Glaubwürdigkeit

Ein Grund für das miserable Image von Politikern (1) liegt wohl an den hohlen Phrasen, die viele von ihnen verwenden, an den Halbwahrheiten, am fehlenden Mut zur Ehrlichkeit etc. Ein kleines Beispiel aus jüngster Zeit:

Als die Elternvertreter am Wochenende warnten, dass „das Ende der Schulgeldfreiheit“ in Österreich gekommen sei, reagierte das Bildungsministerium prompt. Alles ein Missverständnis, hieß es. Die Eltern hätten ein Rundschreiben falsch verstanden.“ (2)

Reputation Trust Respect Credibility Measurement 3d Illustration

Der Stein des Anstoßes: Ein ministerielles Rundschreiben, in dem klargestellt wird, dass Lernmittel im Eigentum der Schüler stehen und von diesen bzw. ihren Erziehungsberechtigten zu beschaffen sind. Die demonstrative Aufzählung beinhaltet u. a. Hefte, Füllfeder, Zirkel, Taschenrechner, Laptop und Tablet-PC. „Damit wälzt das BMB offensichtlich die selbst an den Schulstandorten nicht finanzierbaren und fehlenden Investitionen auf Eltern ab“, kritisierte der Bundeselternverband in einer Presseaussendung. (3) „Das Ministerium seinerseits wies darauf hin, dass ja niemand einen Laptop kaufen müsse (außer den Schülern in Laptop-Klassen).“ (4) „Ja, aber …“, kann man einwenden.

Der Grundstein für das jetzt virulent werdende Problem wurde 2012 gelegt. In den Verordnungen, die die Reifeprüfungen an AHS und BHS regeln, werden Minimalanforderungen für elektronische Hilfsmittel für die Zentralmatura in Mathematik definiert. Für den AHS-Bereich sind das „grundlegende Funktionen zur Darstellung von Funktionsgraphen, zum numerischen Lösen von Gleichungen und Gleichungssystemen, zur Ermittlung von Ableitungs- bzw. Stammfunktionen, zur numerischen Integration sowie zur Unterstützung bei Methoden und Verfahren in der Stochastik.“ (5) Ab dem Haupttermin 2018 müssen alle Kandidaten bei der Mathematik-Zentralmatura diese höherwertige Technik einsetzen.

Auf das dadurch entstehende Problem hat die AHS-Gewerkschaft bereits in ihrer Stellungnahme zum Entwurf der Prüfungsordnung AHS vom 13. Februar 2012 hingewiesen:

Es ist sozial unverträglich, von allen Schülern die Anschaffung teurer Taschenrechner zu verlangen. Bisher ist die große Mehrheit der AHS-Schüler ohne solche Rechner ausgekommen. Die neue Zentralmatura-Verordnung würde aber die Lehrer dazu zwingen, solche Rechner im Unterricht einzusetzen, und damit alle Schüler zwingen, einen solchen Rechner zu kaufen, weil bei der Klausur nur elektronische Hilfsmittel verwendet werden dürfen, die auch im Unterricht verwendet worden sind. […] Die AHS-Gewerkschaft fordert daher mit allem Nachdruck […] den ausschließlichen Einsatz von Aufgaben, die ohne teure elektronische Hilfsmittel lösbar sind, oder aber die kostenlose Zurverfügungstellung in Analogie zu Schulbüchern.“ (6)

Viele Schulen entscheiden sich anstelle des Kaufs teurer Taschenrechner für die Anschaffung von Notebooks, da diese in vielen anderen Gegenständen eingesetzt werden können und die nötige Mathematiksoftware kostenlos oder sehr billig ist.

Es wäre doch erfrischend, würde die neue Unterrichtsministerin sagen, was Sache ist. Sie könnte es sich auch politisch leisten, hat die Matura-Verordnungen doch ihrer Vorvorgängerin Dr. Claudia Schmied zu verantworten. Schade, dass diese Chance für eine glaubwürdigere Politik nicht genutzt wird.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Eltern streiten mit Ministerium um Geld für Laptops. In: Presse online vom 26. September 2016.

(3) Bildungsministerium überwälzt hunderte Millionen auf Eltern – Schluss mit Lustig. Presseaussendung des BEV vom 24. September 2016.

(4) Eltern streiten mit Ministerium um Geld für Laptops.

(5) § 18 Abs. 3 Prüfungsordnung AHS.

(6) Stellungnahme der AHS-Gewerkschaft zum Entwurf einer Verordnung über die Reifeprüfung in den allgemein bildenden höheren Schulen vom 13. Februar 2012.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Die LehrerInnen sind schuld …

Wir haben uns auf ein Jahrhundertprojekt und epochales Werk geeinigt: Die Neue Mittelschule wird zur Regelschule“, erklärte die damalige Unterrichtsministerin Dr. Claudia Schmied am 25. Oktober 2011 in einer Presseaussendung. (1) „Die Ministerin betonte außerdem, es gehe bei der NMS um mehr als den „Austausch der Türtaferl“, es handle sich um eine „neue Schulart mit besonderen pädagogischen Qualitäten“.“ (2)

bigstock-Motivational-Background-53846014_blog

Mehr als drei Jahre später gibt es diese Unterrichtsministerin nicht mehr, wohl aber einen Bericht über den „Erfolg“ der NMS: „Insgesamt gibt es keine belastbaren Hinweise, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr bestehen Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird“, heißt es in der zusammenfassenden Analyse. (3) Weniger sperrig ausgedrückt: Außer Spesen nichts gewesen. Aber die sind dafür gewaltig: 233 Millionen Euro pro Jahr „exkl. aller Begleitkosten“, gab BM Schmied im Juli 2011 bekannt. (4) Ich schätze die Gesamtkosten im Vollausbau auf rund 300 Millionen Euro pro Jahr. Von der zusätzlichen, unbezahlten und unbedankten Arbeit der LehrerInnen rede ich gar nicht.

Das Evaluationsergebnis selbst ist nicht überraschend. „Die Praktiker wissen […] schon lange, dass es natürlich im Bereich der NMS auch Schwachstellen gibt, die die sogenannten Schreibtischtäter und Theoretiker nicht gesehen haben bzw. bis heute nicht sehen wollen“, bringt es Paul Kimberger, der Vorsitzende der Pflichtschullehrergewerkschaft, auf den Punkt. (5) Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Eder, der Leiter der NMS-Evaluierung, weiß es schon seit 2002 – zumindest, wenn er an seine eigene Studie glaubt, in der die Ergebnisse aller Schulversuche der Sekundarstufe I bilanziert wurden:

Die Evaluationsuntersuchungen ergaben jedoch, dass SchülerInnen vom Niveau der LG III in leistungsheterogenen Mittelschulklassen keine günstigeren Ergebnisse hinsichtlich Lernerfolgen, Befindlichkeit und Einschätzung des Klassenklimas aufwiesen als Schülerinnen der Leistungsgruppe III von Regel-Hauptschulen – obwohl in den Versuchsklassen sehr viel unternommen wurde, um sie durch Teamteaching und Methoden eines schülerorientierten Unterrichts besonders zu fördern. Demnach erbrachten die bisherigen Bemühungen der Schulversuche in der Sekundarstufe I […] trotz hohen Ressourceneinsatzes und eines starken Engagements der Lehrenden keine deutliche Verbesserung hinsichtlich fachlicher Lernerfolge, Schülerbefindlichkeit und Klassenklima.“ (6)

Trotz all dieser Erkenntnisse zwingt das Unterrichtsministerium die Schulen in ein pädagogisch fragwürdiges Korsett mit verpflichtendem Teamteaching, dem faktischen Verbot der Teilung in Leistungsgruppen, einer 7-teiligen Notenskala etc. und verhindert damit eine positive Auswirkung der zusätzlichen Ressourcen. Und dann erdreistet sich die Politik auch noch, den LehrerInnen die Schuld für das bildungspolitische Versagen zu geben: „Ministerin gibt Lehrern Mitschuld“, war im „Kurier“ zu lesen. (7) Hat BM Heinisch-Hosek zwei Monate gebraucht, um diesen Schluss aus dem Bericht zu ziehen, der dem Ministerium bereits am 30. Dezember 2014 übermittelt worden ist? (8) Diese Chuzpe regt nicht nur mich auf. Auch Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann meint: „Schuld am Versagen ist die Politik, nicht die Lehrer!“ Und er äußert einen dringenden Wunsch: „Ich hätte gerne einmal eine Ministerin, die das Wort Verantwortung buchstabieren kann.“ (9)

(1) Bildungsreform – Ministerin Schmied: „Epochales Werk: Die Neue Mittelschule wird zur Regelschule“. OTS-Aussendung vom 25. Oktober 2011.

(2) Regierung schafft Hauptschule endgültig ab. In: Standard online vom 25. Oktober 2011.

(3) Ferdinand Eder, Herbert Altrichter, Johann Bacher, Franz Hofmann, Christoph Weber, Evaluation der Neuen Mittelschule (NMS). Befunde aus den Anfangskohorten. Zusammenfassung (Salzburg und Linz, Februar 2015), S. 22.

(4) Beantwortung der parlamentarischen Anfrage Nr. 8542/J-NR/2011 betreffend Kosten der Neuen Mittelschule (NMS) von Dr. Walter Rosenkranz durch BM Dr. Claudia Schmied vom 13. Juli 2011.

(5) Julia Neuhauser, NMS: „Schreibtischtäter wollten Schwächen nicht sehen“. In: Presse online vom 4. März 2015.

(6) Günther Grogger, Werner Specht, Erich Svecnik Ferdinand Eder, Gottfried Petri, Franz Rauch, Bilanzierung aller Schulversuche der Sekundarstufe I. Metaanalyse vorliegender Evaluations- und Erfahrungsberichte (Graz 2002), S. 5f.

(7) Ute Brühl und Bernhard Gaul, Warum die Schulreform eine halbe Sache blieb. In: Kurier online vom 4. März 2015.

(8) Siehe Jasmin Bürger, Neue Mittelschule: Ministerium hält Bericht unter Verschluss. In: Oberösterreichische Nachrichten online vom 5. Februar 2015.

(9) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

7 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Eselchen

Am 3. Dezember waren alle AHS-DirektorInnen Österreichs vom Unterrichtsministerium zu einer Zentralmatura-Konferenz nach Linz geladen. Noch bevor den staunenden DirektorInnen die „Frohbotschaft“ mitgeteilt wurde, konnte man in den Online-Ausgaben der österreichischen Tageszeitungen bereits lesen: „Zentralmatura: Lehrer sollen Vollständigkeit der Aufgaben prüfen“. (1)

bigstock-Confused-cartoon-donkey-Vecto-62183363_blogIn Linz wurde dann – so die Information, die ich von einigen anwesenden DirektorInnen erhalten habe – weiter ausgeführt, die Aufgabenstellungen für die Zentralmatura würden einige Tage vor den Klausuren angeliefert, müssten von den DirektorInnen und „3 Lehrpersonen“ kontrolliert werden, ein Protokoll darüber sei anzufertigen, und allfällige Reklamationen seien ans BIFIE zu melden.

Damit es keine falschen Vorstellungen bezüglich des Umfangs gibt: Im Haupttermin 2014 umfasste die Aufgabenstellung im A4-Format für Deutsch 18 Seiten, die für Mathematik 40 Seiten, die für Englisch 32 Seiten etc. Die Zentralmatura gibt es in den Gegenständen Deutsch, Slowenisch, Kroatisch, Ungarisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Latein, Griechisch und Mathematik. Das BIFIE selbst gab bei der Konferenz folgenden „Mengenhinweis: Für 100 Kandidaten ca. 120 bis 150 cm A4-Stapel“. Es handelt sich also teilweise um mehr als 10.000 Seiten an Aufgabenstellungen pro Schule!

Die Unterrichtsministerin und das BIFIE haben tatsächlich aus den Pannen im Frühling gelernt. Mit dieser geplanten Vorgangsweise liegt die Verantwortung nicht mehr bei der Unterrichtsministerin, die laut Schulunterrichtsgesetz die Aufgabenstellungen bestimmt, und auch nicht mehr beim BIFIE, das – hoch dotiert – mit der operativen Abwicklung betraut ist. Nun sind es die DirektorInnen und ihre jeweiligen „3 Lehrpersonen“, bei denen die Schuld für jegliche Panne zu suchen ist. Eine Seite unlesbar, fehlende Aufgabenstellungen etc. (alles im Haupttermin 2014 tatsächlich geschehen): Die Schule ist schuld! Es wurde schlecht kontrolliert. Beispiele werden im Vorfeld bekannt: Die DirektorInnen und die LehrerInnen sind schuld! Fast 1.500 Personen aus diesem Kreis kennen sie ja bereits vor den Klausuren. An einer Schule sind die Noten besonders gut: Die DirektorInnen und LehrerInnen habe die Aufgaben nicht geheim gehalten!

Ist das Projekt Zentralmatura, die „am besten vorbereitete Matura, die es überhaupt jemals in Österreich gegeben hat“ (© Exministerin Dr. Claudia Schmied) (2), tatsächlich so schlecht organisiert, dass die Unterrichtsministerin und das BIFIE fix mit Pannen rechnen? Die Strategie, den Schulen den Schwarzen Peter dafür zuzuschieben, ist jedenfalls inakzeptabel.

In Italien heißt der „Schwarze Peter“ übrigens „Asinello“, das Eselchen. Hält das Ministerium DirektorInnen und LehrerInnen für solch ausgewachsene Esel, dass sie diesen billigen Trick nicht durchschauen?

(1) Siehe z.B. Zentralmatura: Lehrer sollen Vollständigkeit der Aufgaben prüfen. In: Standard online vom 3. Dezember 2014.

(2) ORF-Report-Bericht zur Zentralmatura vom 28. Februar 2012.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Gerhard Riegler: Was wichtig ist, bestimme ich …

Es gebe einfach wichtige und weniger wichtige Tests“, erklärte laut Medienberichten die Sprecherin von BM Heinisch-Hosek: „Pisa gehört dazu, andere Tests nicht.“ (1)

Stammwappen der Starchemberg um 1340 (Bild von Wikimedia Commons)

Stammwappen der Starchemberg um 1340 (Bild von Wikimedia Commons)

Im barocken Palais Starhemberg am Minoritenplatz scheint der Absolutismus Renaissance zu feiern. Wozu sich mit langen Erklärungen aufhalten, die das dumme Volk ohnehin nicht versteht? Das hohe Ministerium verkündet die Wahrheit, und damit basta!

Doch dummerweise lassen sich im 21. Jahrhundert nicht alle vom Glanz imperialen Gehabes blenden. So wagte es die „Presse“-Redakteurin Mag.a Julia Neuhauser, unter dem Titel „Danke, Datenleck“ (2) geradezu Majestätsbeleidigendes zu Papier zu bringen. Sie bezeichnete Heinisch-Hoseks doppelten PISA-Salto mit anschließender PIRLS-TIMSS-Schraube als „entlarvend und demaskierend“.

Dabei wandelt die Unterrichtsministerin doch nur auf den „bewährten“ Spuren ihrer Amtsvorgängerin, der es mittlerweile noch besser als KHG gelingt, das Licht der zürnenden Öffentlichkeit zu meiden. Deren Motive wurden vom vormaligen BIFIE-Direktor DDr. Günter Haider vor elf Monaten folgendermaßen beschrieben: „Daten, die nicht entstehen, können später keinen Erklärungsnotstand für Politiker verursachen.“ (3) Bezogen haben sich diese Worte auf Schmieds skandalösen Ausstieg aus der TALIS-Studie, die den enormen Rückstand Österreichs beim Supportpersonal nachgewiesen hatte.

Haiders Erklärung passt jetzt bestens zum dreisten Versuch Heinisch-Hoseks, PIRLS- und TIMSS-Ergebnisse aus der Welt zu schaffen. Lassen Sie mich einige der, wenn sich das Volk dem Machtwort vom Minoritenplatz demütig unterwirft, letztmaligen Ergebnisse Österreichs bei PIRLS und TIMSS in Erinnerung rufen (4):

  • Österreichs 10-Jährige, die zu Hause nicht die Unterrichtssprache sprechen, weisen beim Lesen im internationalen Vergleich einen der größten Leistungsrückstände auf.
  • Bei der Lesekompetenz der 10-Jährigen landet Österreich hinter allen 13 EU-Staaten, „die Österreich aufgrund ihrer ökonomischen oder geografischen Lage besonders nahe stehen, da sie zu den zehn reichsten EU-Ländern zählen und/oder ein Nachbarland sind“ (5), auf dem letzten Platz.
  • Während es 19 % der 10-Jährigen Nordirlands und 18 % derer aus England und Finnland in die Gruppe der sehr guten LeserInnen schaffen, gelingt dies in Österreich nur 5 % der 10-Jährigen. Auch diesbezüglich landet Österreich unter den 14 Vergleichsländern auf dem letzten Platz.
  • Österreich und die Tschechische Republik sind die beiden Länder, in denen sich die Mathematik-Leistungen der 10-Jährigen seit Mitte der 1990er-Jahre am meisten verschlechtert haben.

Weniger wichtig“, meint Österreichs Majestät vom Minoritenplatz, sofern die Botschaft von ihrer Sprecherin richtig verkündet wurde.

(1) Lisa Aigner, Trotz Pisa-Teilnahme: Volksschultest TIMSS bleibt abgesagt. In: Standard online vom 26. Mai 2014.

(2) Julia Neuhauser, Danke, Datenleck! In: Presse online vom 27. Mai 2014.

(3) Zit. n. Julia Neuhauser, Schmied sagt Lehrerstudie ab: Fürchtet sie Ergebnisse? In: Presse online vom 25. Juni 2013.

(4) Eine ausführliche Analyse der Ergebnisse habe ich vor einem Jahr unter dem Titel „Der Leistungsstand unserer 10-Jährigen“ im „gymnasium“, der Zeitschrift der AHS-Gewerkschaft, veröffentlicht.

(5) BIFIE (Hrsg.), PIRLS & TIMSS 2011. Schülerleistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft in der Grundschule. Erste Ergebnisse (Graz 2012), S. 9.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

16 Tage

In 16 Tagen, am 29. April 2014, wird dem Nationalrat die Budgetrede geboten. Eine Passage wird wohl auch den Einsparungen im Bildungsbereich gewidmet sein. Viel Wehklagen wird darin aber nicht vorkommen. „Ich bin dafür, dass wir raus aus dieser Jammerspirale kommen“, erklärte BM Heinisch-Hosek bereits gestern in einem Radiointerview. (1) Irgendwie erinnert mich das an den berüchtigten „Gesudere“-Sager von Alfred Gusenbauer (2) oder die „Leidensgemeinschaft“ von Claudia Schmied (3).

2014 year calendar. April calendar on a white background

Die derzeitige Unterrichtsministerin richtete uns LehrerInnen ihre Interpretation aus: „Hier werden wir bei den Überstunden ein bisschen schrauben. Denn wenn wir die ein oder andere Teilungszahl verändern, heißt das zum überwiegenden Teil, dass weniger Überstunden gemacht werden – ist ja auch eine Erleichterung für die Kolleginnen und Kollegen draußen in den Schulen.“ (4) Die KollegInnen, die doppelt so viele SchülerInnen unterrichten wie bisher, werden sich sehr entlastet fühlen – und die, die ihren Job verlieren, ganz besonders!

Offenbar sind die Maßnahmen koalitionär abgestimmt – auch im Bildungsbereich, zu dem der Finanzminister so zitiert wird: „Die Frage ist nicht, ob wir sparen müssen, sondern wie.“ (5)

Die Beliebigkeit, mit der dieses Spardiktat verordnet wird, ist atemberaubend. […] Es zeigt sich eine Systematik zunehmend autoritärer Geistfeindlichkeit und Bildungsabwehr. Denn das, was – ausgerechnet! – den Schulen zugemutet wird, ist nicht weniger als eine gefährliche Zerstörungsstrategie. Verordnete Verblödung. Vorsätzlicher Chancenentzug. Staatlicher Zukunftsraub.

Alles, was von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) nun recht lapidar verlautbart wurde, nimmt vielen Schülerkohorten jede Chance, einigermaßen unbeschadet durch die Schule zu kommen, geschweige denn, sie möglichst erfolgreich zu absolvieren. Im zweitreichsten Land der EU wird das Schulsystem willentlich auf einen Minimalstandard heruntergefahren. Und niemand in der Regierung schreit auf?“ (6)

Und um wie viel Geld geht es eigentlich? Nach den Aussagen der letzten Tage sind es im Doppelbudget 2014 und 2015 117 Millionen Euro.

Allein im Jahr 2013 hat die Hypo Alpe-Adria 2,7 Milliarden Euro in den Sand gesetzt. (7) Anders ausgedrückt: In gerade einmal 16 Tagen hat die Regierung in dieser Pleite-Bank soviel Geld verbrannt, wie sie nun der Bildung in zwei Jahren entzieht.

Bildung oder Banken? Man kann der Regierung nicht vorwerfen, sie setze keine Prioritäten. Wem die Zukunft unserer Jugend und unseres Wohlstands am Herzen liegt, wird mit mir aber übereinstimmen, dass es die falschen sind.

(1) Heinisch-Hosek: Gute Schule nicht nur Geldfrage. In: ORF online vom 12. April 2014. Die „Jammerspirale“ ist hier zu hören.

(2) „Und des wird heit wos Ordntliches in Donawitz oder des übliche Gesudere?“ Siehe Gusenbauer im Report.

(3) „Jeder, der des Studium beginnt im Joar zwatausendvierzehn, weiß, wos ihm dann erwartet. Und wannas net wü, sollas net studieren. Bitte, i zwing jo niemanden, dass a Lehrer oder Lehrerin wird. I waaß net, i hob manchmoi den Eindruck, des is ois a so eine Leidensgemeinschaft do!“, so Claudia Schmied bei einer Pressekonferenz in Bregenz am 19. September 2013. Allerdings muss man den Originalton hören, um die Sprachmelodie und den überschäumenden Enthusiasmus in ihrer Stimme wirklich „genießen“ zu können.

(4) Heinisch-Hosek bestätigt Schul-Sparpläne. In: Ö1-Morgenjournal vom 11. April 2014.

(5) Spindelegger beharrt auf 800-Mio.-Sparpaket. In: Österreich online vom 12. April 2014.

(6) Lisa Nimmervoll, Bildungsblinde Schraubenfabrik. In: Standard online vom 11. April 2014.

(7) Hypo-Verlust 2013: 2,7 Mrd. Euro. In: ORF online vom 10. April 2014.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

PISA-Test für „Sokrates“

Am 1. April wurde ein weiterer Teil der Auswertung von PISA 2012 präsentiert – das Abschneiden der SchülerInnen im Kompetenzbereich „Problemlösen“.

Multiquesion answer sheet

Kein gelungener Aprilscherz war die Interpretation der Ergebnisse durch manche Medien, die unreflektiert eine APA-Meldung übernahmen. 506 österreichische Punkte lägen „praktisch genau im OECD-Schnitt“ von 500 Punkten, 508 belgische oder US-amerikanische Punkte hingegen „signifikant über dem OECD-Schnitt“. Schade, dass es für Qualitätsjournalismus keine OECD-Tests gibt.

Die AdministratorInnen an Österreichs Gymnasien durchleben derzeit einen permanenten Test im Problemlösen. Dabei geht es nicht wie bei PISA um den Erwerb von Fahrscheinen oder um die Steuerung von Klimaanlagen, sondern um den mühsamen Versuch, die neue Schülerverwaltungssoftware „Sokrates“ zum Laufen zu bringen. Nun haben sogar die AdministratorInnen eines ganzen Bundeslandes eine Resolution verfasst, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. (1)

Im Format der typischen PISA-Aufgaben sehen sich die AdministratorInnen u.a. mit folgenden Herausforderungen konfrontiert:

Aufgabe 1

Der Bildschirm friert während der Eingabe wichtiger Daten in „Sokrates“ ein. Was tun Sie?

A) Sie hoffen auf die Klimaerwärmung.

B) Sie warten 10 Minuten, danach drücken Sie den Reset-Knopf und starten den Computer neu.

C) Sie rufen die Hotline an und warten 40 Minuten, danach drücken Sie den Reset-Knopf und starten den Computer neu.

D) Sie gehen in die Apotheke und besorgen sich eine Großpackung „Valium“.

Aufgabe 2

Der Maturavorsitzende wartet auf die Reifeprüfungszeugnisse, um sie unterschreiben zu können. Der „Sokrates“-Server reagiert wegen Überlastung extrem langsam. Was tun Sie?

A) Sie bieten dem Vorsitzenden eine Tasse Kaffee an, um ihm die Wartezeit zu verschönern.

B) Sie rufen die Hotline an und warten 40 Minuten, danach drücken Sie den Reset-Knopf und starten den Computer neu.

C) Sie basteln in einem Textverarbeitungsprogramm ein provisorisches Formular und tippen die Noten händisch ein.

D) Sie arbeiten nach wie vor mit SchüSta und drucken die Zeugnisse aus.

Während unsere AdministratorInnen an diesen beiden Aufgaben noch zu kiefeln haben, dürfte ihnen die Lösung von Aufgabe 3 recht leicht fallen:

Aufgabe 3

Sie sind eine Ministerin a.D. und haben den „Sokrates“-Vertrag unterschrieben. Was tun Sie?

A) Sie machen Urlaub in der Heimat von Sokrates.

B) Sie freuen sich jeden Tag beim Aufstehen, rechtzeitig aus dem Amt geschieden zu sein.

C) Sie lesen Zeitungsartikel über das Chaos am Burgtheater.

D) Sie freuen sich, dass ihre persönlichen Daten samt Erreichbarkeit nicht auf einem rumänischen Server liegen.

Mehrfachantworten sind möglich.

(1) Resolution von AdministratorInnen an niederösterreichischen AHS zur Einführung des Schülerverwaltungsprogramms „Sokrates“ vom 1. April 2014.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Gerhard Riegler: Bildungsfreiheit

Beschädigtes Image der LehrerInnen, Sokrates, rumänisches Datenleck, TALIS-Verbot, ganz zu schweigen von der Kommunalkredit … – die vormalige Herrin am Minoritenplatz hat einiges hinterlassen, mit dessen Aufarbeitung wir alle noch lange zu kämpfen haben werden.

light of freedom. 3d rendering

Ein Kennzeichen Schmiedscher Bildungspolitik war die Konstruktion Potemkinscher Dörfer mit Hilfe bunter Inserate und Broschüren. „NMS – und alles wird gut!“ war, frei formuliert, einer ihrer größten Propaganda-Schmähs. Wer sich für die NMS-Reform neben den Zusatzressourcen auch mehr pädagogische Freiheit erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht. Die Ex-Bankerin setzte auf Planwirtschaft pur. Egal ob Lechtal oder Neulerchenfeld, die NMS hatte überall nach demselben Konzept umgesetzt zu werden. Nur Naive und „ExpertInnen“ – ob es sich dabei um eine Tautologie handelt, sei dahingestellt – erwarteten sich das NMS-Wunder.

Selbst Neo-Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek musste jetzt gegenüber der „Presse“ eingestehen, dass bei der NMS „nicht immer alles optimal funktioniert“. „Schönreden war gestern“, schreiben die Autorinnen des Artikels und listen auf, was InsiderInnen längst wussten. (1)

Die NMS wird nicht die gewünschten Erfolge bringen, solange die Pädagogik in die Zwangsjacke gesteckt wird, solange das Politbüro das Sagen hat. Wer, wenn nicht die LehrerInnen vor Ort, erkennt am besten, wie die zusätzlichen Ressourcen optimal eingesetzt werden, um die Rendite für die SchülerInnen zu optimieren? Derartiges Denken schien der Ex-Bankerin aber fremd und verdächtig zu sein.

Stattdessen erfand sie ein siebenstufiges Notensystem, um dem bösen „Nicht genügend“ den Garaus zu machen. Doch jungen Menschen hilft man nicht über Defizite hinweg, indem man sie und ihre Eltern täuscht. Das Fieberthermometer zu manipulieren, hat noch niemanden gesund gemacht. Im Bankenbereich ist es vielleicht üblich, Probleme durch derlei Eingriffe scheinbar zu beheben. Dort funktioniert es aber genauso wenig wie in der Pädagogik. Angesichts des angerichteten Desasters haben sich die Damen und Herren da wie dort übrigens sehr schnell aus dem Staub gemacht …

Gedanken darüber, wohin es mit den Menschen gehen soll, macht sich in unserem Bildungssystem kaum noch jemand“, bilanzierte Univ.-Prof. Dr. Marian Heitger schon vor Jahren diese grauenhafte Art von Schulpolitik. (2)

Schulen brauchen Freiheit und Ressourcen, um junge Menschen zu ihrer vollen Entfaltung zu bringen. PädagogInnen verdienen und brauchen das Vertrauen, dass sie Freiheit und Ressourcen optimal für die ihnen anvertrauten jungen Menschen nutzen. Was Univ.-Prof. Dr. Rudolf Taschner der Ex-Unterrichtsministerin vergeblich zugerufen hat, rufe ich ihrer Nachfolgerin in Erinnerung: „Lassen Sie die Schulen verschieden sein. Wagen Sie Bildungsfreiheit.“ (3)

(1) Rosa Schmidt-Vierthaler Und Julia Neuhauser, Die Mängel der Neuen Mittelschule. In: Presse online vom 25. März 2014.

(2) Nachruf: Der „Erzieher der Nation“ ist tot. In: Presse online vom 10. April 2012.

(3) Bernadette Bayrhammer, Podiumsdiskussion: Schule der Zukunft. In: Presse Print-Ausgabe vom 28. Februar 2011.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar