Eselchen

Am 3. Dezember waren alle AHS-DirektorInnen Österreichs vom Unterrichtsministerium zu einer Zentralmatura-Konferenz nach Linz geladen. Noch bevor den staunenden DirektorInnen die „Frohbotschaft“ mitgeteilt wurde, konnte man in den Online-Ausgaben der österreichischen Tageszeitungen bereits lesen: „Zentralmatura: Lehrer sollen Vollständigkeit der Aufgaben prüfen“. (1)

bigstock-Confused-cartoon-donkey-Vecto-62183363_blogIn Linz wurde dann – so die Information, die ich von einigen anwesenden DirektorInnen erhalten habe – weiter ausgeführt, die Aufgabenstellungen für die Zentralmatura würden einige Tage vor den Klausuren angeliefert, müssten von den DirektorInnen und „3 Lehrpersonen“ kontrolliert werden, ein Protokoll darüber sei anzufertigen, und allfällige Reklamationen seien ans BIFIE zu melden.

Damit es keine falschen Vorstellungen bezüglich des Umfangs gibt: Im Haupttermin 2014 umfasste die Aufgabenstellung im A4-Format für Deutsch 18 Seiten, die für Mathematik 40 Seiten, die für Englisch 32 Seiten etc. Die Zentralmatura gibt es in den Gegenständen Deutsch, Slowenisch, Kroatisch, Ungarisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Latein, Griechisch und Mathematik. Das BIFIE selbst gab bei der Konferenz folgenden „Mengenhinweis: Für 100 Kandidaten ca. 120 bis 150 cm A4-Stapel“. Es handelt sich also teilweise um mehr als 10.000 Seiten an Aufgabenstellungen pro Schule!

Die Unterrichtsministerin und das BIFIE haben tatsächlich aus den Pannen im Frühling gelernt. Mit dieser geplanten Vorgangsweise liegt die Verantwortung nicht mehr bei der Unterrichtsministerin, die laut Schulunterrichtsgesetz die Aufgabenstellungen bestimmt, und auch nicht mehr beim BIFIE, das – hoch dotiert – mit der operativen Abwicklung betraut ist. Nun sind es die DirektorInnen und ihre jeweiligen „3 Lehrpersonen“, bei denen die Schuld für jegliche Panne zu suchen ist. Eine Seite unlesbar, fehlende Aufgabenstellungen etc. (alles im Haupttermin 2014 tatsächlich geschehen): Die Schule ist schuld! Es wurde schlecht kontrolliert. Beispiele werden im Vorfeld bekannt: Die DirektorInnen und die LehrerInnen sind schuld! Fast 1.500 Personen aus diesem Kreis kennen sie ja bereits vor den Klausuren. An einer Schule sind die Noten besonders gut: Die DirektorInnen und LehrerInnen habe die Aufgaben nicht geheim gehalten!

Ist das Projekt Zentralmatura, die „am besten vorbereitete Matura, die es überhaupt jemals in Österreich gegeben hat“ (© Exministerin Dr. Claudia Schmied) (2), tatsächlich so schlecht organisiert, dass die Unterrichtsministerin und das BIFIE fix mit Pannen rechnen? Die Strategie, den Schulen den Schwarzen Peter dafür zuzuschieben, ist jedenfalls inakzeptabel.

In Italien heißt der „Schwarze Peter“ übrigens „Asinello“, das Eselchen. Hält das Ministerium DirektorInnen und LehrerInnen für solch ausgewachsene Esel, dass sie diesen billigen Trick nicht durchschauen?

(1) Siehe z.B. Zentralmatura: Lehrer sollen Vollständigkeit der Aufgaben prüfen. In: Standard online vom 3. Dezember 2014.

(2) ORF-Report-Bericht zur Zentralmatura vom 28. Februar 2012.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


6 Gedanken zu “Eselchen

  1. Eines muss mit aller Klarheit gesagt werden (ich habe das schon einmal sehr zum Missfallen mancher getan …): Für die Korrektheit und Vollständigkeit der Maturaangaben etc. ist ausschließlich das BIFIE verantwortlich zu machen.

  2. Außerdem sollte das BIFIE unverzüglich aufgelöst werden, wenn es nicht sicherstellen kann, dass die Aufgabenstellungen korrekt, vollständig und rechtzeitig an den Schulen ankommen! In diesem Fall müsste das Projekt SRP rechtzeitig (!) zurückgefahren und zu bewährten Prüfungsformen zurückgekehrt werden …

  3. Für Mehrleistungen wird in der Marktwirtschaft üblicherweise mehr bezahlt. Wieviel haben den BIFIE und Ministerium veranschlagt?
    Sollte der Betrag 0 sein, sollten sich die Mehrdienstleistungen auch in diesem Rahmen halten. Es kann doch nicht sein, dass immer wieder andere für die Dummheiten der hochdotierten „Fachleute“ gratis herhalten müssen.

  4. Wird eigentlich nur akademisch geprüfte Kopierqualität gefordert. oder soll auch „die Schnecke im Papierhaufen“ gesucht und rückgemeldet werden? Wenn auch eine inhaltliche Bewertung stattfinden soll, dann vermutlich von Lehrpersonen, die das betreffend Fach NICHTunterrichten – so wie bei der Aufsicht der SRP, zur Vermeidung von illegalen Hilfestellungen.

  5. Müssen jetzt die Fragen eine Woche vor der Matura in der Direktion abgegeben werden oder ist das alles noch nicht geklärt? Herzlichen Dank für eine kompetente Antwort im Voraus.

    Anmerkung Quin: Heute (8. Dezember 2014) ist ein Rundschreiben der AHS-Gewerkschaft erschienen zur Klärung einiger dienstrechtlicher Fragen im Zusammenhang mit der neuen Reifeprüfung.

  6. Wer bezahlt die unendlich hohen Kopierkosten? Das Schulbudget wurde ja wieder um 10% gekürzt!

    Anmerkung Quin: Die Aufgabenstellungen werden nicht an der Schule kopiert, sondern sie werden gedruckt und – wenn es keine Pannen gibt – in der benötigten Stückzahl an die Schule geliefert.

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