Gerhard Riegler: Die Stunde der Wahrheit

Österreichs LehrerInnen arbeiten durchschnittlich 43 Stunden pro Woche – vier Stunden mehr, als es dem OECD-/EU-Mittelwert entspricht. Österreich gehört damit zu den Staaten mit der höchsten Lehrerarbeitszeit. Dies ist insbesondere auf eine sehr zeitaufwendige Vorbereitung des Unterrichts zurückzuführen. „Im Kontext der teilnehmenden OECD-/EU-Länder betrachtet ist der Vorbereitungsaufwand in Österreich am höchsten: Rund 46 Minuten bereiten sich die Lehrkräfte in Österreich für 60 Minuten Unterricht vor.“ (1)

In einem international besonders hohen Ausmaß wird Österreichs LehrerInnen von ihrer Schulleitung diese gewissenhafte Vorbereitung des Unterrichts ebenso wie ihre Pünktlichkeit bestätigt. „Mangelnde Vorbereitung auf den Unterricht und Zuspätkommen von Lehrkräften werden von Österreichs Schulleiterinnen und -leitern als wesentlich weniger problematisch eingeschätzt als im OECD-/EU-Schnitt.“ (2)

Von wegen Fortbildungsmuffel! „Österreich gehört mit 97 % zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an Lehrerinnen und Lehrern, der Fortbildung besucht.“ (3)

Österreichs LehrerInnen werden mit ihren Aufgaben alleingelassen wie die keines anderen Landes. „Das Verhältnis von Lehrkräften zu pädagogisch-unterstützendem Personal beträgt 29:1 und jenes von Lehrkräften zu administrativem Personal 25:1. Österreich liegt mit diesen Zahlen weit abgeschlagen hinter den anderen teilnehmenden OECD-/EU-Ländern.“ (4) In keinem anderen Staat steht den Lehrkräften so wenig Supportpersonal zur Seite wie in Österreich. Sogar der Türkei muss sich Österreich diesbezüglich geschlagen geben.

An Österreichs Schulen kommt es im internationalen Vergleich zu sehr viel physischer und psychischer Gewalt, sehr viel Unterrichtszeit fällt Disziplinlosigkeit zum Opfer. „61 % der österreichischen Lehrer/innen der Sekundarstufe I befinden sich an Schulen, deren Leiter/in dieses Verhalten [Anm.: das Stören im Unterricht] als beeinträchtigend für das Lernen empfindet. An zweiter Stelle folgen vulgäre/ordinäre Ausdrucksweisen (45 % der Lehrekräfte [sic!] befinden sich an Schulen, in denen dies ein Problem ist) und an dritter Stelle Bedrohungen, Einschüchterungen oder Beschimpfungen unter den Schülerinnen und Schülern.“ (5)

Diese und noch weit mehr Tatsachen legte die OECD-Studie TALIS der Politik auf den Tisch – im Juni 2009. Die Reaktion der damaligen Unterrichtsministerin: Ausstieg aus TALIS, um solche Daten nicht noch einmal präsentiert zu bekommen. Punkt.

Unser Protest gegen diese skandalöse Vorgangsweise und unser unablässiges Erinnern an die vor inzwischen fast neun Jahren präsentierten Daten haben dazu geführt, dass Österreich am nächsten TALIS-Durchgang wieder teilnimmt. Die Erhebungen für diesen nächsten Durchgang laufen an den 279 ausgewählten Schulen Österreichs nach Ostern an.

Für die LehrerInnen und DirektorInnen der ausgewählten Schule bietet sich die Gelegenheit, ihr berufliches Wirken und seine Rahmenbedingungen anonym und damit ohne Angst vor Repression ehrlich zu beschreiben. Nutzen wir sie!

Für die Lehrervertretung bietet sich nach Präsentation der neuen TALIS-Ergebnisse die Gelegenheit, der Politik aktuelle Daten auf den Tisch zu legen. Wir werden sie nutzen.

Für Österreichs Schulpolitik bietet sich die Chance, endlich auf Basis von Fakten verantwortungsbewusst zu agieren. Nein, nicht nur die Chance, sondern die Pflicht, wenn sie Österreichs unsagbaren TALIS-Skandal hinter sich lassen will. Ein Jahrzehnt politischer Säumigkeit ist mehr als genug!

(1) BIFIE (Hrsg.), TALIS 2008: Schule als Lernumfeld und Arbeitsplatz (2009), S. 21f.
(2) ibidem, S. 29.
(3) ibidem, S. 32.
(4) ibidem, S. 25.
(5) ibidem, S. 27.


Ein Gedanke zu “Gerhard Riegler: Die Stunde der Wahrheit

  1. Ad: „Österreich gehört mit 97 % zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an Lehrerinnen und Lehrern, der Fortbildung besucht.“

    Das Problem liegt im Verb: Fortbildung „besuchen“ ist etwas ganz anderes als „Fortbildung betreiben“.

    Wenn ich als Englischlehrer im Jahr drei Fachtagungen besuche, dann komme ich auf netto ungefähr 3 x 6 = 18 Stunden Fortbildung und liege damit überdurchschnittlich gut.
    Wenn ich jede Woche eine Stunde dem von mir abonnierten TIME-Magazin widme, dann komme ich im Jahr auf 50 Stunden, und kein Mensch anerkennt das als Fortbildung. Das fängt schon damit an, dass ich das TIME-Magazin nicht einmal von der Steuer absetzen kann. Von der Lektüre englischsprachiger Bücher rede ich da noch gar nicht.

    Es stimmt etwas nicht mit dem Begriff „Fortbildung“. Man kann „Fortbildung“ nicht an den Stunden messen, die man „besucht“. Über sowas kann man höchstens Statistiken führen. Die sind aber nichts wert.

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