Glaubwürdigkeit

Ein Grund für das miserable Image von Politikern (1) liegt wohl an den hohlen Phrasen, die viele von ihnen verwenden, an den Halbwahrheiten, am fehlenden Mut zur Ehrlichkeit etc. Ein kleines Beispiel aus jüngster Zeit:

Als die Elternvertreter am Wochenende warnten, dass „das Ende der Schulgeldfreiheit“ in Österreich gekommen sei, reagierte das Bildungsministerium prompt. Alles ein Missverständnis, hieß es. Die Eltern hätten ein Rundschreiben falsch verstanden.“ (2)

Reputation Trust Respect Credibility Measurement 3d Illustration

Der Stein des Anstoßes: Ein ministerielles Rundschreiben, in dem klargestellt wird, dass Lernmittel im Eigentum der Schüler stehen und von diesen bzw. ihren Erziehungsberechtigten zu beschaffen sind. Die demonstrative Aufzählung beinhaltet u. a. Hefte, Füllfeder, Zirkel, Taschenrechner, Laptop und Tablet-PC. „Damit wälzt das BMB offensichtlich die selbst an den Schulstandorten nicht finanzierbaren und fehlenden Investitionen auf Eltern ab“, kritisierte der Bundeselternverband in einer Presseaussendung. (3) „Das Ministerium seinerseits wies darauf hin, dass ja niemand einen Laptop kaufen müsse (außer den Schülern in Laptop-Klassen).“ (4) „Ja, aber …“, kann man einwenden.

Der Grundstein für das jetzt virulent werdende Problem wurde 2012 gelegt. In den Verordnungen, die die Reifeprüfungen an AHS und BHS regeln, werden Minimalanforderungen für elektronische Hilfsmittel für die Zentralmatura in Mathematik definiert. Für den AHS-Bereich sind das „grundlegende Funktionen zur Darstellung von Funktionsgraphen, zum numerischen Lösen von Gleichungen und Gleichungssystemen, zur Ermittlung von Ableitungs- bzw. Stammfunktionen, zur numerischen Integration sowie zur Unterstützung bei Methoden und Verfahren in der Stochastik.“ (5) Ab dem Haupttermin 2018 müssen alle Kandidaten bei der Mathematik-Zentralmatura diese höherwertige Technik einsetzen.

Auf das dadurch entstehende Problem hat die AHS-Gewerkschaft bereits in ihrer Stellungnahme zum Entwurf der Prüfungsordnung AHS vom 13. Februar 2012 hingewiesen:

Es ist sozial unverträglich, von allen Schülern die Anschaffung teurer Taschenrechner zu verlangen. Bisher ist die große Mehrheit der AHS-Schüler ohne solche Rechner ausgekommen. Die neue Zentralmatura-Verordnung würde aber die Lehrer dazu zwingen, solche Rechner im Unterricht einzusetzen, und damit alle Schüler zwingen, einen solchen Rechner zu kaufen, weil bei der Klausur nur elektronische Hilfsmittel verwendet werden dürfen, die auch im Unterricht verwendet worden sind. […] Die AHS-Gewerkschaft fordert daher mit allem Nachdruck […] den ausschließlichen Einsatz von Aufgaben, die ohne teure elektronische Hilfsmittel lösbar sind, oder aber die kostenlose Zurverfügungstellung in Analogie zu Schulbüchern.“ (6)

Viele Schulen entscheiden sich anstelle des Kaufs teurer Taschenrechner für die Anschaffung von Notebooks, da diese in vielen anderen Gegenständen eingesetzt werden können und die nötige Mathematiksoftware kostenlos oder sehr billig ist.

Es wäre doch erfrischend, würde die neue Unterrichtsministerin sagen, was Sache ist. Sie könnte es sich auch politisch leisten, hat die Matura-Verordnungen doch ihrer Vorvorgängerin Dr. Claudia Schmied zu verantworten. Schade, dass diese Chance für eine glaubwürdigere Politik nicht genutzt wird.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Eltern streiten mit Ministerium um Geld für Laptops. In: Presse online vom 26. September 2016.

(3) Bildungsministerium überwälzt hunderte Millionen auf Eltern – Schluss mit Lustig. Presseaussendung des BEV vom 24. September 2016.

(4) Eltern streiten mit Ministerium um Geld für Laptops.

(5) § 18 Abs. 3 Prüfungsordnung AHS.

(6) Stellungnahme der AHS-Gewerkschaft zum Entwurf einer Verordnung über die Reifeprüfung in den allgemein bildenden höheren Schulen vom 13. Februar 2012.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

3 Antworten zu “Glaubwürdigkeit

  1. Erich Wallner

    „Ein Grund für das miserable Image von Politikern liegt wohl an den hohlen Phrasen, die viele von ihnen verwenden, an den Halbwahrheiten, am fehlenden Mut zur Ehrlichkeit etc.“ (E. Quin)

    E. Quin weist darauf hin, dass die AHS-Gewerkschaft das Problem teurer Rechner bereits 2012 thematisiert hat.
    Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Wahr ist nämlich auch, dass in unseren Schulen schon seit langer Zeit ein viel umfassenderes Problem in Sachen sozialer Verträglichkeit existiert: Die Kosten für Sprach-, Sport- und Projektwochen aller Art im In- und Ausland. Diese dienen nicht zuletzt der Pflege des „Schulprofils“ und der Wertigkeit des jeweils eigenen Unterrichtsgegenstandes.
    Schulen und Fachgruppen lizitieren sich gegenseitig hoch auf dem Schlachtfeld der Projektitis, und alles dient ja nur dem Wohl der Schüler und einem modernen Unterricht.
    Die Kosten, die dort anfallen, sind wohl wesentlich höher als die für einen Taschenrechner – der noch dazu an Geschwister etc. weiter gegeben werden kann. Aber typischerweise wird dieses Thema in Lehrerkreisen und seitens der Gewerkschaft (wie auch seitens der Elternvertretung – weil ja der SGA jeweils zustimmen muss und man die dort vertretenen Eltern nicht brüskieren will) nicht angesprochen. Wenn jemand anderer an etwas Schuld ist (idealerweise das Ministerium), dann sind wir schnell bei der Hand mit Kritik – wenn wir selber etwas verursachen, dann reden wir nicht darüber.

    „Halbwahrheiten, fehlender Mut zur Ehrlichkeit“ (Zitat E. Quin)

    Kommentar Quin: Man kann mit dem Tun der Gewerkschaft einverstanden sein oder nicht. Sie trägt an manchen Dingen die Mitverantwortung oder die Mitschuld, wie immer man das bezeichnen möchte. Aber der Gewerkschaft die Schuld an der Durchführung bzw. den Kosten von Sprach-, Sport- oder Projektwochen zu geben, zeigt eklatante Unkenntnis oder pure Polemik.

    • Markus Artner

      Wer den Grund für die sinkenden teilnahmequoten in der Problematik sozialer Verträglichkeit sieht (oder der Gewerkschaft die Schuld gibt) hat entweder keine Ahnung oder ist bewusst polemisch.
      Ich erlebe Jahr für Jahr dass die wahren Gründe NICHT sozialer Natur sind, sondern kulturell und gesellschaftlich motiviert. Was die Eltern nicht mit den Kindern unternehmen, werden sie von sich aus schon gar nicht wollen, weil sie es schlicht nicht kennen (frei nach dem Motto „was der Bauer nicht kennt…“
      Das Problem der Notebooks ist auch ein hausgemachtes. Fehlgeleitete Schulautonomie die fünfte…

    • Erich Wallner

      Sowohl E. Quins Antwort als auch der erste Absatz im Kommentar von Herrn Artner beweisen, dass die Einführung des Punktes „reading comprehension“ bei der Englisch-Zentralmatura ein sinnvoller Fortschritt gewesen ist.

      Man sollte solches auch im Fach Deutsch überlegen.

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