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Gerhard Riegler: Was wichtig ist, bestimme ich …

Es gebe einfach wichtige und weniger wichtige Tests“, erklärte laut Medienberichten die Sprecherin von BM Heinisch-Hosek: „Pisa gehört dazu, andere Tests nicht.“ (1)

Stammwappen der Starchemberg um 1340 (Bild von Wikimedia Commons)

Stammwappen der Starchemberg um 1340 (Bild von Wikimedia Commons)

Im barocken Palais Starhemberg am Minoritenplatz scheint der Absolutismus Renaissance zu feiern. Wozu sich mit langen Erklärungen aufhalten, die das dumme Volk ohnehin nicht versteht? Das hohe Ministerium verkündet die Wahrheit, und damit basta!

Doch dummerweise lassen sich im 21. Jahrhundert nicht alle vom Glanz imperialen Gehabes blenden. So wagte es die „Presse“-Redakteurin Mag.a Julia Neuhauser, unter dem Titel „Danke, Datenleck“ (2) geradezu Majestätsbeleidigendes zu Papier zu bringen. Sie bezeichnete Heinisch-Hoseks doppelten PISA-Salto mit anschließender PIRLS-TIMSS-Schraube als „entlarvend und demaskierend“.

Dabei wandelt die Unterrichtsministerin doch nur auf den „bewährten“ Spuren ihrer Amtsvorgängerin, der es mittlerweile noch besser als KHG gelingt, das Licht der zürnenden Öffentlichkeit zu meiden. Deren Motive wurden vom vormaligen BIFIE-Direktor DDr. Günter Haider vor elf Monaten folgendermaßen beschrieben: „Daten, die nicht entstehen, können später keinen Erklärungsnotstand für Politiker verursachen.“ (3) Bezogen haben sich diese Worte auf Schmieds skandalösen Ausstieg aus der TALIS-Studie, die den enormen Rückstand Österreichs beim Supportpersonal nachgewiesen hatte.

Haiders Erklärung passt jetzt bestens zum dreisten Versuch Heinisch-Hoseks, PIRLS- und TIMSS-Ergebnisse aus der Welt zu schaffen. Lassen Sie mich einige der, wenn sich das Volk dem Machtwort vom Minoritenplatz demütig unterwirft, letztmaligen Ergebnisse Österreichs bei PIRLS und TIMSS in Erinnerung rufen (4):

  • Österreichs 10-Jährige, die zu Hause nicht die Unterrichtssprache sprechen, weisen beim Lesen im internationalen Vergleich einen der größten Leistungsrückstände auf.
  • Bei der Lesekompetenz der 10-Jährigen landet Österreich hinter allen 13 EU-Staaten, „die Österreich aufgrund ihrer ökonomischen oder geografischen Lage besonders nahe stehen, da sie zu den zehn reichsten EU-Ländern zählen und/oder ein Nachbarland sind“ (5), auf dem letzten Platz.
  • Während es 19 % der 10-Jährigen Nordirlands und 18 % derer aus England und Finnland in die Gruppe der sehr guten LeserInnen schaffen, gelingt dies in Österreich nur 5 % der 10-Jährigen. Auch diesbezüglich landet Österreich unter den 14 Vergleichsländern auf dem letzten Platz.
  • Österreich und die Tschechische Republik sind die beiden Länder, in denen sich die Mathematik-Leistungen der 10-Jährigen seit Mitte der 1990er-Jahre am meisten verschlechtert haben.

Weniger wichtig“, meint Österreichs Majestät vom Minoritenplatz, sofern die Botschaft von ihrer Sprecherin richtig verkündet wurde.

(1) Lisa Aigner, Trotz Pisa-Teilnahme: Volksschultest TIMSS bleibt abgesagt. In: Standard online vom 26. Mai 2014.

(2) Julia Neuhauser, Danke, Datenleck! In: Presse online vom 27. Mai 2014.

(3) Zit. n. Julia Neuhauser, Schmied sagt Lehrerstudie ab: Fürchtet sie Ergebnisse? In: Presse online vom 25. Juni 2013.

(4) Eine ausführliche Analyse der Ergebnisse habe ich vor einem Jahr unter dem Titel „Der Leistungsstand unserer 10-Jährigen“ im „gymnasium“, der Zeitschrift der AHS-Gewerkschaft, veröffentlicht.

(5) BIFIE (Hrsg.), PIRLS & TIMSS 2011. Schülerleistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft in der Grundschule. Erste Ergebnisse (Graz 2012), S. 9.

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Einstandsgeschenk

BM Heinisch-Hosek macht sich Sorgen wegen der hohen Arbeitsbelastung der LehrerInnen. Sie hält aber „nichts davon, eine Arbeitszeitstudie zuzulassen, die den jetzigen Zustand beschreibt.“ (1) Den Grund dafür hat sie bereits in den Gesprächen zum neuen Lehrerdienstrecht genannt. Die Forderung der Lehrergewerkschaften nach einer wissenschaftlichen Arbeitszeitstudie als Grundlage für ein neues Dienstrecht wies sie nämlich mit der Frage zurück: „Was sollen wir denn machen, wenn herauskommt, dass die Lehrer jetzt schon zu viel arbeiten?“

bigstock-Present-3533562_blogDamit setzt sie den Kurs von BM Dr. Schmied konsequent fort. Ich erinnere an die TALIS-Studie der OECD. Laut den im Juni 2009 präsentierten Ergebnissen von TALIS 2008 bietet selbst die Türkei ihren Lehrkräften bessere Arbeitsbedingungen als Österreich. Um wenigstens internationales Mittelmaß zu erreichen, fehlen hierzulande 13.500 Vollbeschäftigte als Supportpersonal. Um für skandinavische Verhältnisse zu sorgen, müssten 23.500 vollbeschäftigte Supportkräfte angestellt werden.

BM Dr. Schmied ließ Österreich daraufhin an TALIS 2013 nicht mehr teilnehmen. Finanzielle Motive wurden vorgeschoben. Der ehemalige BIFIE-Direktor Mag. Josef Lucyshyn erklärte jedoch, dass dem BMUKK daraus überhaupt keine Kosten erwachsen wären! DDr. Günter Haider, Lucyshyns Kollege als BIFIE-Direktor, bestätigte das in einem Leserbrief an die „Presse“ und legte auch die skandalösen Motive des BMUKK dar: „In mehreren Sitzungen zwischen dem BMUKK und dem BIFIE in Sachen Jahresplanung wurde der wiederholte Antrag des BIFIE-Direktoriums auf TALIS-Durchführung von Seiten der Ministerin oder ihres Vertreters im Aufsichtsrat, SCh Kurt Nekula, jedes Mal kategorisch abgewiesen. Die vorgebrachten Ablehnungsgründe waren weder finanzielle Motive noch der mangelnde Informationsgehalt der Studie – es wurden ausschließlich politische Gründe ins Treffen geführt der Art, man wäre doch nicht dumm, der Lehrergewerkschaft neuerlich Argumente zu liefern.“ (2)

Aber BM Heinisch-Hosek hat ihr spezielles Einstandsgeschenk für LehrerInnen, um deren hohe Belastung etwas zu erleichtern: das neue Lehrerdienstrecht mit seiner durchschnittlich 30%igen Erhöhung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. „Schon jetzt haben sehr viele AHS-Lehrer Mehrdienstleistungen – die werden wir dann entlasten, weil die jungen Kolleginnen und Kollegen diese Stunden durch ihre geregelte Mehrarbeit übernehmen. Die Älteren können sich dann zurücklehnen und müssen keine Angst haben, überlastet zu sein“, lautet ihr zynischer Befund. (3) Außerdem werde sie „die Lehrer dazu einladen, die Arbeitszeit anders aufzuteilen. Schauen wir, ob wir die 15 freien Unterrichtswochen im Jahr nicht anders gestalten können.“ Die Sommerferien seien schließlich „nicht in Stein gemeißelt“. (4)

Bei einer solchen Gabe muss ich an die Worte von Thyde Monnier denken: „Ein Geschenk ist genau soviel wert wie die Liebe, mit der es ausgesucht worden ist.“

(1) Lisa Aigner, Heinisch-Hosek will Gesamtschule in Modellregionen. In: Standard online vom 20. Dezember 2013.

(2) Siehe meinen Kommentar „Wissentlich zweimal die Unwahrheit“… vom 3. Juli 2013.

(3) Heinisch-Hosek: Aus für Lehrer-Mitsprache. In: News online vom 20. Dezember 2013.

(4) Julia Neuhauser und Christoph Schwarz, Heinisch-Hosek: Neun Wochen Ferien sind „nicht in Stein gemeißelt“. In: Presse Print-Ausgabe vom 21. Dezember 2013.

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Die Mächte der Finsternis

In einem Interview antwortete BM Schmied auf die Frage, ob sie die neue Lehrerausbildung und das neue Lehrerdienstrecht „in Richtung Gesamtschule“ gemacht habe, mit: „Natürlich.“ Und auf den Hinweis der Journalistin, sie könne dann wohl den Vorwurf der AHS-Gewerkschaft, das Dienstrecht sei ein „ideologisches Machwerk“, kaum von der Hand weisen, kam die Antwort: „Machwerk ist entwertend. Ich habe nichts gegen den Begriff Ideologie einzuwenden.“ (1)

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Der Ideologin vom Minoritenplatz passte es natürlich nicht in den Kram, dass die NMS vom damaligen BIFIE-Direktor Josef Lucyshyn scharf kritisiert wurde, weil sie die Ministerin als ihren Erfolg und als einen entscheidender Schritt in Richtung Gesamtschule verkaufen wollte. „Im Jahr 2009 war das Bifie per Parlamentsbeschluss beauftragt worden, den Modellversuch NMS mit immerhin 1000 Euro Zusatzbudget pro Schüler und Jahr zu evaluieren. Ende 2012 sollte ein Bericht vorgelegt werden, der als Entscheidungsgrundlage für die generelle Einführung dienen sollte – die flächendeckende Umstellung der Hauptschulen hat die Regierung allerdings in der Zwischenzeit beschlossen.“ Diese Vorgangsweise bezeichnete Lucyshyn als „Ignoranz der Politik gegenüber Daten“. (2) Die Kritik an der NMS wurde auch vom zweiten Ex-BIFIE-Direktor Günter Haider bestätigt. (3)

Der offen geäußerte Tadel bekam Josef Lucyshyn nicht gut. Am 29. März 2012 wurde er von BM Schmied mit sofortiger Wirkung seines Amtes enthoben. Die Vorwürfe waren schwerwiegend. Von einem Schreibtisch um 12.000 Euro war die Rede, von verschwundenen Blackberrys und von mehreren unrechtmäßigen Vertragsvergaben. Auch ein Disziplinarverfahren wurde eingeleitet …

Von der zuständigen Disziplinarkommission wurde Lucyshyn im ersten Quartal dieses Jahres von allen Anklagepunkten freigesprochen. (4) BM Schmied berief und ging in die zweite Instanz. Das Ergebnis: Freispruch in allen Punkten. Eindeutiger können wohl die politischen Gründe für den Rausschmiss Lucyshyns nicht dokumentiert werden.

Der Ministerin bleibt jetzt theoretisch noch der Gang zum Höchstgericht. Eher aber findet sie sich bald in einer anderen Rolle. Lucyshyn wird BM Schmied wohl klagen. „Sein Anwalt prüft derzeit sowohl eine Amtshaftungsklage gegen das Unterrichtsministerium als auch eine Organhaftungsklage gegen die Ministerin persönlich.“ (5)

Der Zusammenbruch ihres ideologischen Kartenhauses lässt BM Schmied offensichtlich panisch werden. Zuletzt beschwerte sie sich sogar über die Niveaulosigkeit ihres eigenen Parteivorsitzenden: „Wenn wir eine TV-Debatte wie jene zwischen Faymann und Glawischnig miterleben und feststellen, dass kein bildungspolitisches Thema behandelt wird, dann wird klar, wo wir uns derzeit intellektuell bewegen.“ (6)

Wenn die hehre Ideologie Schiffbruch erleidet, verbleibt als letzte Erklärung der Hinweis auf die Mächte der Finsternis“, schrieb Paul Watzlawick in „Die erfundene Wirklichkeit“. Solche „Mächte der Finsternis“ scheint BM Schmied in ihrer Panik mittlerweile allerorts auszumachen – nicht nur in der Gewerkschaft.

Das ideologische Trauerspiel vom Minoritenplatz hätte im Interesse der österreichischen Schule schon längst seinen letzten Akt erleben sollen.

(1) Julia Neuhauser, Schmied: „Zweiklassen-Gesellschaft in Schulen auflösen“. In: Presse Online vom 26. August 2013.

(2) Neue Mittelschule: „Ignoranz der Politik gegenüber Daten“. In: Presse Online vom 28. November 2011.

(3) Siehe mein Posting „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“ vom 12. September 2013.

(4) Siehe mein Posting „Die „Bin-ich“-Mentalität“ vom 11. April 2013.

(5) Julia Neuhauser, Zweite Instanz bestätigt: Schmied entließ Bifie-Chef zu Unrecht. In: Presse Online vom 17. September 2013.

(6) Stefan Grissemann, Claudia Schmied: „Kulturausgaben müssen erhöht werden”. In: Profil Online vom 14. September 2013.

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„Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“

Mit diesem Satz beginnt Artikel 17 Staatsgrundgesetz. Er trat am 23. Dezember 1867 in Kraft und ist nach wie vor gültig. Eine Rechtsnorm wie diese gehört zweifellos zu den Fundamenten freier Gesellschaften.

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BM Dr. Schmied scheint diese Bestimmung recht „flexibel“ zu interpretieren, wenn man der „Presse“ Glauben schenkt, die gestern titelte: „Forscher müssen vor Schmied ,kuschen‘“. (1) Zitiert wird der frühere BIFIE-Direktor und einstige Schmied-Intimus DDr. Günter Haider.

Für BM Schmied heiligt der Wahlkampfzweck offenbar alle Mittel. Über lapidare Hemmnisse wie das Staatsgrundgesetz setzt sich die Herrin am Minoritenplatz locker hinweg. So wurde an das BIFIE etwa der „Befehl“ ausgegeben, „ja keine Berichte im Wahljahr zu veröffentlichen“.

Weigerten sich BIFIE-Forscher, trat ein Stufenplan in Kraft, der laut „Presse“ so ablief:

  • telefonische Warnungen aus dem Ministerium
  • ernsthafte Gespräche“ im Ministerbüro
  • Kuschen die Wissenschaftler dann noch nicht, wird an institutionellen Hebeln gezogen

Was ist also derartig brisant, dass es, Artikel 17 Staatsgrundgesetz zum Trotz, der Öffentlichkeit vorenthalten werden soll?

Günter Haider spricht Klartext: Viele Behauptungen Schmieds, vom „angeblichen pädagogischen Erfolg der gemeinsamen Neuen Mittelschule, von den Wirkungen der Ganztagsschule oder den tatsächlich benötigten pädagogischen Unterstützungskräften zerbröseln, wenn entsprechende Fakten aus den wissenschaftlichen Evaluationen bekannt würden“.

In Österreich ist die Meinungsfreiheit durch Art. 13 Staatsgrundgesetz und Art. 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention geschützt. Diese Bestimmungen erlauben Günter Haider, die Wahrheit über eine amtierende Bundesministerin zu sagen, und mir darüber zu schreiben. Oder sollte der Ex-BIFIE-Direktor lügen? Dann müsste BM Schmied ihn wohl stante pede klagen. Davon habe ich aber noch nichts gehört …

Nähme Bundeskanzler Faymann seine Verantwortung wahr, würde er umgehend dafür sorgen, dass Artikel 17 Staatsgrundgesetz auch am Minoritenplatz wieder Geltung hat.

(1) Julia Neuhauser, Bildungsinstitut Bifie: Forscher müssen vor Schmied „kuschen“. In: Presse Online vom 11. September 2013. Alle Zitate stammen aus diesem Artikel.

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„Wissentlich zweimal die Unwahrheit“…

… sagt BM Schmied laut DDr. Günter Haider, wenn sie behauptet, die Teilnahme an TALIS 2013 sei „rausgeschmissenes Geld“ und brächte „nichts Neues“. (1) Weder Josef Lucyshyn noch Günter Haider, die ehemaligen BIFIE-Direktoren, lassen die Argumente Schmieds gelten. „„Dem BMUKK wären überhaupt keine zusätzlichen Kosten erwachsen“, sagt Lucyshyn. Haider bestätigt das. Das BIFIE hätte die Kosten der Talis-Studie aus dem bereits durch den Nationalrat bewilligten Budget bezahlt. Das wäre durch Kürzungen bei anderen Studien und durch interne Umschichtungen möglich gewesen. […] Außerdem hätte es sehr wohl neue Erkenntnisse gegeben, so die beiden. Bei Talis 2013 wären erstmals auch Volksschulen sowie die Sekundarstufe II überprüft worden (bisher nur die Sekundarstufe I).“ (2)

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Zu den weiteren Fakten:

  • TALIS (Teaching and Learning International Survey) ist die einzige repräsentative internationale Studie, die die Lehrerarbeit und das Umfeld des Unterrichts untersucht.
  • TALIS 2013 hätte die einmalige Gelegenheit geboten, auch die Rahmenbedingungen an den im letzten Jahr getesteten PISA-Schulen zu prüfen. Damit wäre es möglich gewesen, die Auswirkungen der Qualität des Arbeitsumfelds auf die PISA-Ergebnisse zu überprüfen.
  • 2013 haben wesentlich mehr Länder (34) ihre Teilnahme zugesagt als 2008 (24), was den internationalen Vergleich noch deutlich aussagekräftiger gemacht hätte.

In mehreren Sitzungen zwischen dem BMUKK und dem BIFIE in Sachen Jahresplanung wurde der wiederholte Antrag des BIFIE-Direktoriums auf TALIS-Durchführung von Seiten der Ministerin oder ihres Vertreters im Aufsichtsrat, SCh Kurt Nekula, jedes Mal kategorisch abgewiesen. Die vorgebrachten Ablehnungsgründe waren weder finanzielle Motive noch der mangelnde Informationsgehalt der Studie – es wurden ausschließlich politische Gründe ins Treffen geführt der Art, man wäre doch nicht dumm, der Lehrergewerkschaft neuerlich Argumente zu liefern“, führt DDr. Haider in seinem Leserbrief weiter aus.

Die Talis-Studie ist so brisant, weil sie die Lehrerarbeit und die Arbeitsbedingungen an den Schulen in den OECD-Ländern untersucht. Österreich nahm an der Studie bereits im Jahr 2008 teil – mit einem erschreckenden Ergebnis: In keinem anderen Land gibt es weniger Schulpsychologen, Sozialarbeiter und unterstützendes administratives Personal als in Österreich. Hätte die Talis-Studie 2013 dasselbe oder zumindest ein ähnliches Bild gezeigt, dann wäre das ein schlagkräftiges Argument für die Gewerkschaft gewesen. Diese fordert seit Anbeginn der Verhandlungen zum neuen Lehrerdienstrecht, dass mehr Unterstützungspersonal an den Schulen eingesetzt wird.“ (3)

Juristisch betrachtet ist das vorsätzliche Unterdrücken relevanter Fakten wohl kein Amtsmissbrauch. Politisch betrachtet wäre Claudia Schmied damit in den allermeisten westlichen Demokratien als Ministerin völlig untragbar. Und aus Sicht aller Betroffener (SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen), die unter dem durch TALIS aufgezeigten Mangel leiden, ist Schmieds Vertuschungspolitik eine riesige Sauerei.

(1) So formuliert es Günter Haider Direktor in einem mir vorliegenden Leserbrief an die „Presse“.

(2) Julia Neuhauser, Ex-BIFIE-Chefs: Schmied sagte Studie „aus politischen Gründen“ ab. In: Presse Online vom 3. Juli 2013.

(3) a.a.O.

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Einsparung

Das Ressort wird auch künftig keine Werbung betreiben, jedoch seiner Informationspflicht gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern weiterhin nachkommen und, sofern erforderlich, nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Mittel die Öffentlichkeit über Vorhaben des Ressorts in angemessener Weise und mit geeigneten Mitteln informieren.“ So zitierte der „Standard“ vor beinahe vier Jahren BM Schmieds Anfragebeantwortung an den Nationalrat. (1)

Smiling  Piggy bank with euro bills isolated on white backgroundAls „angemessen“ und „geeignet“ erschienen der Unterrichtsministerin offenbar innerhalb eines knappen Jahres Inserate in der „Kronen Zeitung“ um 196.895,25 Euro, in „Österreich“ um 310.610,91 Euro und in der Wiener Gratiszeitung „heute“ um 129.110,47 Euro. (2) Allein in der Zeit von 6. bis 9. September 2009 kassierte „Österreich“ nochmals rund 96.000 Euro. (3)

Jetzt, nach Jahren des bangen Wartens, konnte man in der „Presse“ endlich lesen, dass BM Schmied zum Sparstift gegriffen hat. „Schluss mit der Vergeudung von Steuermitteln!“, scheint nun ihre Devise zu sein. Wer auf die baldige Pleite kleinformatiger „Qualitätsmedien“ gehofft hat, muss allerdings enttäuscht werden. Für Medienkooperationen und ähnliche Machwerke wird das Geld aus dem ministeriellen Füllhorn weiter sprudeln.

Wo also spart Claudia Schmied? Sie hat beschlossen, Österreichs Teilnahme an der TALIS-Studie (Teaching and Learning International Survey) der OECD zu stornieren. Um welche Millionenbeträge ging es dabei? Der ehemalige BIFIE-Direktor DDr. Günter Haider gibt Aufklärung: „Die Teilnahmegebühr hätte lediglich 15.000 Euro betragen. Und: Das Bifie habe in den Budgetverhandlungen mit dem Ministerium sogar angeboten, durch interne Umschichtungen für diesen Betrag aufzukommen. Extrageld vom Unterrichtsministerium wäre demnach also nicht einmal benötigt worden.“ (4) Mehr als sechs TALIS-Durchgänge oder vier Tage Inserate in „Österreich“, das war wohl die Frage.

BM Schmied zeigte sich „empört“ über diese Kritik und sprach von Kosten in Höhe von 345.000 Euro. (5) Außerdem hat man im BMUKK folgende Erklärung parat: „Es gebe lediglich pragmatische Gründe dafür, dass die Studie im Jahr 2013 nicht noch einmal durchgeführt wurde. Es habe sich seit dem Jahr 2008 nicht viel verändert. Das wisse man.“ (6)

BM Schmied weiß also, was TALIS 2008 aufgezeigt hat: Österreichs LehrerInnen werden in ihrer Arbeit allein gelassen wie in keinem anderen Land der Welt. Wir sind Schlusslicht beim Unterstützungspersonal. Und daran hat sich seit dem Jahr 2008 nicht nur „nicht viel“, sondern gar nichts geändert.

Ich bin auch fürs Sparen. Spätestens bei der nächsten Regierungsbildung sollte Claudia Schmied eingespart werden. Das wäre garantiert ein Gewinn für Österreichs Schulwesen.

(1) „Inseraten-Kampagne“ Schmieds unter Beschuss. In: Standard Online vom 10. September 2009.

(2) a.a.O.

(3) Das ist der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage durch BM Schmied vom 16. November 2009 zu entnehmen.

(4) Julia Neuhauser, Schmied sagt Lehrerstudie ab: Fürchtet sie Ergebnisse? In: Presse Online vom 25. Juni 2013.

(5) Schmied empört über Kritik der Lehrergewerkschaft. In: Kleine Zeitung Online vom 26. Juni 2013.

(6) Neuhauser, Lehrerstudie.

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Alles wurscht?

Ob sich die Schüler in Österreich wohl fühlen, ist mir wurscht!“ Als mir von diesem Ausspruch erzählt wurde, habe ich im Kollegenkreis ein kleines Ratespiel veranstaltet, wer denn der Urherber dieser nicht ganz unproblematischen These sein könnte. Erraten hat es niemand; die Auflösung folgt am Ende.

Wer die Schuldebatte der letzten Wochen verfolgt hat, muss zum Schluss kommen, dass es nicht wenigen bildungspolitisch Verantwortlichen in diesem Land offenbar herzlich „wurscht“ ist, wie es den SchülerInnen geht. Nur eine Anmerkung zur aktuellen Sitzenbleiben-Debatte: Wen kümmern die 95,5 % der AHS-OberstufenschülerInnen, die nicht repetieren? Wer macht sich ernsthaft Gedanken über die Förderung der zukünftigen LeistungsträgerInnen unseres Landes?

Nicht „wurscht“ ist mir auch, was der grüne Bildungssprecher kürzlich im Parlament (1) im Zusammenhang mit dem Ausbau der schulischen Tagesbetreuung verlauten ließ. Er lehnt als einziger das Konzept der FreizeitpädagogInnen ab und fordert die flächendeckende Einführung verpflichtender Ganztagsschulen (des sog. „verschränkten“ Unterrichts).

In Kombination würde dies bedeuten, dass

  • alle SchülerInnen zu ganztägiger Anwesenheit in der Schule verpflichtet wären,
  • wir LehrerInnen die komplette Freizeitbetreuung ALLER SchülerInnen übernehmen müssten und
  • sämtliche Vereine, die insbesondere im nicht-großstädtischen Bereich eine breite Palette sinnvoller Freizeitaktivitäten anbieten, zusperren könnten.

Völlig „wurscht“ scheint es Herrn Walser auch zu sein, dass LehrerInnen und SchülerInnen trotz inferiorer Infrastruktur und völlig unzumutbarer Platzverhältnisse ganztägig in den Schulen kaserniert würden.

Sollten Sie noch immer nicht wissen, von wem das Eingangsstatement stammt, ein kleiner Hinweis: Österreichs SchülerInnen bestätigen in internationalen Studien, dass sie sich in der Schule weit wohler fühlen, als dies für die meisten anderen EU-Staaten gilt. Finnlands SchülerInnen hingegen lehnen ihre Schule in einem extremen Ausmaß ab. (2)

Die Auflösung: DDr. Günter Haider, BIFIE-Direktor und „Bildungsexperte“, outete sich punkto Wohlfühlen bei einer Veranstaltung der Industriellenvereinigung Steiermark am 21. Juni 2011.

Sollten sich „Experten“ wie Walser und Haider durchsetzen, ginge es unseren SchülerInnen wie denen Finnlands. „Wurscht“ wäre mir das allerdings nicht!

(1) Parlamentskorrespondenz Nr. 635 vom 21. Juni 2011

(2) Zuletzt wieder in der WHO-Studie „Inequalities in Young People’s Health“ (2008), S. 42f.

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