Alles wurscht?

Ob sich die Schüler in Österreich wohl fühlen, ist mir wurscht!“ Als mir von diesem Ausspruch erzählt wurde, habe ich im Kollegenkreis ein kleines Ratespiel veranstaltet, wer denn der Urherber dieser nicht ganz unproblematischen These sein könnte. Erraten hat es niemand; die Auflösung folgt am Ende.

Wer die Schuldebatte der letzten Wochen verfolgt hat, muss zum Schluss kommen, dass es nicht wenigen bildungspolitisch Verantwortlichen in diesem Land offenbar herzlich „wurscht“ ist, wie es den SchülerInnen geht. Nur eine Anmerkung zur aktuellen Sitzenbleiben-Debatte: Wen kümmern die 95,5 % der AHS-OberstufenschülerInnen, die nicht repetieren? Wer macht sich ernsthaft Gedanken über die Förderung der zukünftigen LeistungsträgerInnen unseres Landes?

Nicht „wurscht“ ist mir auch, was der grüne Bildungssprecher kürzlich im Parlament (1) im Zusammenhang mit dem Ausbau der schulischen Tagesbetreuung verlauten ließ. Er lehnt als einziger das Konzept der FreizeitpädagogInnen ab und fordert die flächendeckende Einführung verpflichtender Ganztagsschulen (des sog. „verschränkten“ Unterrichts).

In Kombination würde dies bedeuten, dass

  • alle SchülerInnen zu ganztägiger Anwesenheit in der Schule verpflichtet wären,
  • wir LehrerInnen die komplette Freizeitbetreuung ALLER SchülerInnen übernehmen müssten und
  • sämtliche Vereine, die insbesondere im nicht-großstädtischen Bereich eine breite Palette sinnvoller Freizeitaktivitäten anbieten, zusperren könnten.

Völlig „wurscht“ scheint es Herrn Walser auch zu sein, dass LehrerInnen und SchülerInnen trotz inferiorer Infrastruktur und völlig unzumutbarer Platzverhältnisse ganztägig in den Schulen kaserniert würden.

Sollten Sie noch immer nicht wissen, von wem das Eingangsstatement stammt, ein kleiner Hinweis: Österreichs SchülerInnen bestätigen in internationalen Studien, dass sie sich in der Schule weit wohler fühlen, als dies für die meisten anderen EU-Staaten gilt. Finnlands SchülerInnen hingegen lehnen ihre Schule in einem extremen Ausmaß ab. (2)

Die Auflösung: DDr. Günter Haider, BIFIE-Direktor und „Bildungsexperte“, outete sich punkto Wohlfühlen bei einer Veranstaltung der Industriellenvereinigung Steiermark am 21. Juni 2011.

Sollten sich „Experten“ wie Walser und Haider durchsetzen, ginge es unseren SchülerInnen wie denen Finnlands. „Wurscht“ wäre mir das allerdings nicht!

(1) Parlamentskorrespondenz Nr. 635 vom 21. Juni 2011

(2) Zuletzt wieder in der WHO-Studie „Inequalities in Young People’s Health“ (2008), S. 42f.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Alles wurscht?

  1. wir verändern das system schule, in dem uns die, um die es wirklich geht, wurscht sind?
    entlarvend in zwei richtungen.
    profilierungssucht, parteipolitisches hickhack, gekränkte eitelkeiten?
    oder doch der durchbruch finanzkapitalistischer gepflogenheiten, frei nach dem leitsatz „mir wurscht, wie’s denen geht, hauptsache meine interessen sind durchgesetzt!“
    und die folgen?
    wurscht. wenn’s kracht, wird’s schon jemand richten.

  2. Wir verändern das System Schule, in dem uns die, um die es tatsächlich geht, wurscht sind?
    Entlarvend, in zwei Richtungen.
    Profilierungssucht, parteipolitisches Hickhack, gekränkte Eitelkeiten?
    Oder doch der Durchbruch finanzkapitalistischer Gepflogenheiten, frei nach dem Leitsatz „Mir wurscht, wie`s denen geht, Hauptsache meine Interessen sind durchgesetzt!“
    Und die Folgen?
    Wurscht. Wenn`s kracht, wird`s schon jemand richten

  3. Ich bin einerseits entsetzt von den Äußerungen verschiedener (mehr oder weniger wichtiger) Bildungspolitiker und andererseits sehr froh eine Standesvertretung zu haben, die alles unternimmt, um unser Schulsystem vor der Verschlechterung, ja dem Zusammenbruch zu bewahren. ich wünsche Ihnen/ euch allen viel Kraft und Stärke. Bitte weiter so, sonst schaut es für unsere Schule finster aus. Ulrike Sedlbauer

  4. Per e-Mail an office@bifie.at:

    Guten Tag, Herr DDr. Haider!

    Bitte lesen Sie die Vorwürfe Dr. Quins auf „Alles wurscht?“ und dementieren Sie glaubwürdig („audiatur et altera pars“) oder nehmen Sie Ihren Hut!

  5. Mir fehlen die Worte zu Walser und Haider. Doch Eckehard Quin und seinem Team möchte ich für den unermüdlichen Einsatz für die Langform der AHS und das österreichische Bildungssystem Danke sagen.

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