Gerhard Riegler: Bildungspolitische Vermurungen

Im Artikel 17 unserer Bundesverfassung liest man: „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“

DDr. Günter Haider, von BM Schmied gerne als Bildungswissenschaftler ins Treffen geführt und von ihr auch zum BIFIE-Direktor gemacht, teilte öffentlich mit, „dass auch in Österreich (so wie in Deutschland) ein Bundesländervergleich des Bildungswissens von 14-Jährigen möglich wird.“ (1) Dies geschah an dem Tag, an dem die Bildungsstandardsergebnisse der deutschen Bundesländer präsentiert wurden.

Als die Ergebnisse aber auf dem Tisch lagen, dürfte BM Schmieds Reaktion von heftiger Irritation und Emotion geprägt gewesen sein: Umgehend ließ sie nämlich das Vorhaben des BIFIE via Presseaussendung abblasen. Dieses einigermaßen bemerkenswerte Verhalten veranlasste die PRESSE-Redakteurin Dr. Martina Salomon zu folgender Frage: „Hat sie [Anm.: Schmied] Angst, weil die Ergebnisse nicht ganz so gut in ihr ideologisches Konzept passen könnten wie die von ihr bestellten Umfragen?“

Halten es die Unterrichtsministerin und ihre NMS-„Experten“ weiterhin für billig, ihre Gesamtschule ganz einfach über sündteure Inserate, Folder und Plakate zu propagieren? Sollen weiterhin längst bekannte Worthülsen und bunte Bildchen die pädagogische Realität verdrängen und an die Stelle wissenschaftlicher Fakten treten? Dr. Martina Salomons rhetorisches Fragen erfüllt mich jedenfalls mit Optimismus: JournalistInnen, die hinter die Plakate und Inserate zu schauen vermögen, erkennen, dass das Kartenhaus der ministeriellen Propaganda vor dem Einsturz steht, auch wenn die Ministerin es mit immer mehr Euro-Millionen zu pölzen versucht.

Wir werden in diesem Sinn den Artikel 17 der Bundesverfassung auch über die Ferien hochhalten – uns kann’s ja niemand verbieten –, über die tatsächlichen Ergebnisse von Gesamtschulstudien berichten und damit frischen Wind in Richtung NMS-Kartenhaus blasen.

Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, wünsche ich, dass Sie stolz und zufrieden auf das vergangene Unterrichtsjahr zurückblicken und sich die mehr als verdiente Erholung reichlich gönnen, denn: „Der Lehrer hat die Aufgabe, eine Wandergruppe mit Spitzensportlern und Behinderten bei Nebel durch unwegsames Gelände in nordsüdlicher Richtung zu führen, und zwar so, dass alle bei bester Laune und möglichst gleichzeitig an drei verschiedenen Zielorten ankommen.“ (2) Damit dies den LehrerInnen nicht allzu leicht gelingt, glaubt Österreichs „Bildungspolitik“, auch noch für Vermurungen sorgen zu müssen.

(1) DiePresse.com, 25.6.2010

(2) © Univ.-Prof. Dr. W. Müller-Limmroth


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