Einstandsgeschenk

BM Heinisch-Hosek macht sich Sorgen wegen der hohen Arbeitsbelastung der LehrerInnen. Sie hält aber „nichts davon, eine Arbeitszeitstudie zuzulassen, die den jetzigen Zustand beschreibt.“ (1) Den Grund dafür hat sie bereits in den Gesprächen zum neuen Lehrerdienstrecht genannt. Die Forderung der Lehrergewerkschaften nach einer wissenschaftlichen Arbeitszeitstudie als Grundlage für ein neues Dienstrecht wies sie nämlich mit der Frage zurück: „Was sollen wir denn machen, wenn herauskommt, dass die Lehrer jetzt schon zu viel arbeiten?“

bigstock-Present-3533562_blogDamit setzt sie den Kurs von BM Dr. Schmied konsequent fort. Ich erinnere an die TALIS-Studie der OECD. Laut den im Juni 2009 präsentierten Ergebnissen von TALIS 2008 bietet selbst die Türkei ihren Lehrkräften bessere Arbeitsbedingungen als Österreich. Um wenigstens internationales Mittelmaß zu erreichen, fehlen hierzulande 13.500 Vollbeschäftigte als Supportpersonal. Um für skandinavische Verhältnisse zu sorgen, müssten 23.500 vollbeschäftigte Supportkräfte angestellt werden.

BM Dr. Schmied ließ Österreich daraufhin an TALIS 2013 nicht mehr teilnehmen. Finanzielle Motive wurden vorgeschoben. Der ehemalige BIFIE-Direktor Mag. Josef Lucyshyn erklärte jedoch, dass dem BMUKK daraus überhaupt keine Kosten erwachsen wären! DDr. Günter Haider, Lucyshyns Kollege als BIFIE-Direktor, bestätigte das in einem Leserbrief an die „Presse“ und legte auch die skandalösen Motive des BMUKK dar: „In mehreren Sitzungen zwischen dem BMUKK und dem BIFIE in Sachen Jahresplanung wurde der wiederholte Antrag des BIFIE-Direktoriums auf TALIS-Durchführung von Seiten der Ministerin oder ihres Vertreters im Aufsichtsrat, SCh Kurt Nekula, jedes Mal kategorisch abgewiesen. Die vorgebrachten Ablehnungsgründe waren weder finanzielle Motive noch der mangelnde Informationsgehalt der Studie – es wurden ausschließlich politische Gründe ins Treffen geführt der Art, man wäre doch nicht dumm, der Lehrergewerkschaft neuerlich Argumente zu liefern.“ (2)

Aber BM Heinisch-Hosek hat ihr spezielles Einstandsgeschenk für LehrerInnen, um deren hohe Belastung etwas zu erleichtern: das neue Lehrerdienstrecht mit seiner durchschnittlich 30%igen Erhöhung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. „Schon jetzt haben sehr viele AHS-Lehrer Mehrdienstleistungen – die werden wir dann entlasten, weil die jungen Kolleginnen und Kollegen diese Stunden durch ihre geregelte Mehrarbeit übernehmen. Die Älteren können sich dann zurücklehnen und müssen keine Angst haben, überlastet zu sein“, lautet ihr zynischer Befund. (3) Außerdem werde sie „die Lehrer dazu einladen, die Arbeitszeit anders aufzuteilen. Schauen wir, ob wir die 15 freien Unterrichtswochen im Jahr nicht anders gestalten können.“ Die Sommerferien seien schließlich „nicht in Stein gemeißelt“. (4)

Bei einer solchen Gabe muss ich an die Worte von Thyde Monnier denken: „Ein Geschenk ist genau soviel wert wie die Liebe, mit der es ausgesucht worden ist.“

(1) Lisa Aigner, Heinisch-Hosek will Gesamtschule in Modellregionen. In: Standard online vom 20. Dezember 2013.

(2) Siehe meinen Kommentar „Wissentlich zweimal die Unwahrheit“… vom 3. Juli 2013.

(3) Heinisch-Hosek: Aus für Lehrer-Mitsprache. In: News online vom 20. Dezember 2013.

(4) Julia Neuhauser und Christoph Schwarz, Heinisch-Hosek: Neun Wochen Ferien sind „nicht in Stein gemeißelt“. In: Presse Print-Ausgabe vom 21. Dezember 2013.

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6 Gedanken zu “Einstandsgeschenk

  1. Wenn derartige Aussagen und die daraus zu ziehenden Schlüsse nur in öffentlichen Medien kundgetan würden (werden könnten).
    In der Form lesen wir dies leider nur in „eigenen Kreisen“.
    Gerhard Katzinger

  2. Die Ferienfrage können wir getrost den Schülern überantworten. Die lassen sicher keine Änderung auch nur um einen einzigen Tag zu, sondern legen halb Wien lahm.

    Zu der fehlenden Arbeitszeitstudie: Solange das zu erwartende Ergebnis niemanden interessiert, braucht man sie nicht durchführen. Solange das Thema Arbeitszeit eine reine Glaubens-, keine Sachfrage ist, brauchen wir nicht auf einer argumentativen Ebene über sie verhandeln.
    Negativbeispiel „Profil“: Im der jüngsten „Abrechnung“ werden Lehrer zitiert, die angegeben haben, sie hätten in den Osterferien 20 Stunden gearbeitet. Genau diese 20 Stunden werden von den Autoren als vermeintlicher Beweis dafür gewertet, wie falsch doch die Angaben sein müssen, die eine angebliche Arbeitsbelastung in der unterrichtsfreien Zeit belegen sollen. Das heißt, statt einem Danke für nachgewiesenermaßen geleistete Arbeit wird man noch verhöhnt und als Lügner hingestellt.

    Wir benötigen daher von Haus aus andere Argumente, unter anderem ein „HINUNTERfahren“ auf 40 Stunden durchschnittliche Wochenarbeitszeit, ein sukzessives Zurechtstutzen dieses Wildwuchses an Dingen, die andere machen können, wenn sie wollen, dass sie geschehen.
    Wir sind kein Reservoir, in das profilierungssüchtige Experten einfach hineingreifen können, um kostenlose Leistungen zu erhalten.

  3. Ad: „Die Forderung der Lehrergewerkschaften nach einer wissenschaftlichen Arbeitszeitstudie als Grundlage für ein neues Dienstrecht wies sie nämlich mit der Frage zurück: „Was sollen wir denn machen, wenn herauskommt, dass die Lehrer jetzt schon zu viel arbeiten?“

    Ich habe mir seinerzeit die LAZ-Studie 2000 besorgt (was gar nicht so einfach war – die Lehrergewerkschaft hat sie zuerst massiv beworben und dann, als sie heraußen war, sofort verräumt. Fehlanzeige, wer glaubt, die hätten vielleicht einfach einen Link zum Download angeboten).
    Mein Hauptinteresse galt der Frage der relativen Arbeitszeitbelastung der Fächer untereinander – also z.B. wieviel arbeiten Anglisten relativ gegenüber etwa Musiklehrern?
    Zur Erklärung: Seit meinem Dienstbeginn 1977 (AHS) habe ich in der Werteinheiten-Umrechnung der Fächer praktisch keine Veränderungen feststellen können – und wahrscheinlich ist diese Konstruktion noch um einiges älter.
    Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass in der Studie zwar zum Beispiel alle möglichen Krankheiten erforscht worden waren – aber ein so zentraler Punkt wie die Arbeitszeit nur summarisch angegeben wurde, d.h. nur innerhalb der jeweiligen Schultypen.
    Der Grund dafür war mir schon klar – nur keine schlafenden Hunde wecken! Die Daten wären ja – erstmalig – da gewesen. Diese Feigheit fällt uns jetzt auf den Kopf, wenn im neuen Lehrerdienstrecht alle Gegenstände mehr oder weniger über einen Kamm geschoren werden.
    Wenn Kollege Quin jetzt eine „wissenschaftliche Arbeitszeitstudie“ fordert, dann sollte er auch dazu sagen, dass wir diese Chance schon einmal, nämlich im Jahr 2000, versemmelt haben: wissenschaftlich ist das nämlich nicht, wenn man vorhandene Daten aus taktischen Überlegungen unter den Tisch kehrt.

    Anmerkung Quin: Die Arbeitszeitstudie „LehrerIn 2000“ wurde zu 2/3 vom Dienstgeber bezahlt. Wenn irgendetwas darin nicht enthalten ist, so liegt die Schuld zu 2/3 beim Dienstgeber.
    Die Anschuldigung, die Gewerkschaft würde die Ergebnisse der Studie nicht publik machen wollen, ist grotesk. Die Argumente der Lehrergewerkschaften werden durch die Studie bestätigt.
    Die Studie steht übrigens nach wie vor im Internet zum Download bereit.

    1. Ich gebe mal auf der ÖPU-Homepage das Stichwort „Lehrerarbeitszeitstudie“ ein. Link dazu finde ich keinen, nur drei Zitate.
      Das ist ein bisserl wie mit der Bibel: alle reden davon, aber keiner liest sie.

      Anmerkung Quin: Danke für dieses implizite Kompliment. So wichtig die ÖPU auch sein mag, die Welt des Internets ist etwas weitläufiger als die ÖPU-Website.

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