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Herbert Weiß: Sozial, demokratisch, für das Volk?

Wenn man aus den Namen der beiden Parteien, die derzeit die Geschicke Österreichs bestimmen, auf ihre Arbeit schließen könnte, wäre unser Land im Moment wohl in bester Hand.

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In der Realität sieht das aber leider „etwas“ anders aus. Ich will mich bei meiner Beurteilung nicht auf eine Stufe mit jenen PolitikerInnen oder „BildungsexpertInnen“ stellen, die Studien wie PISA bewerten, ohne sie je gelesen zu haben. Eine Aussage sei mir in diesem Zusammenhang aber gestattet: Ein Land wie Österreich, das im Zeitraum von 1999 bis 2013 den Anteil der Ausgaben für das Schulwesen am BIP von 4,2 % auf 3,2 % gesenkt hat, kann nicht erwarten, in internationalen Studien zu den Gewinnern zu zählen. (1)

Bundeskanzler Mag. Christian Kern stellte zu diesem Thema in seiner Ansprache beim Bundeskongress der GÖD am 11. Oktober 2016 Folgendes fest: „Es wird nicht gelingen, die Qualität bei wachsenden Aufgaben, aber gleichbleibenden Ressourcen zu erhalten oder zu steigern.“ (2) Bei den wachsenden Aufgaben werden ihm alle, die das österreichische Schulwesen von innen kennen, beipflichten, woher er allerdings die Information über die „gleichbleibenden Ressourcen“ hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das aktuelle PISA-Ergebnis lässt in jedem Fall folgende Interpretation zu: Die bei PISA 2015 getesteten 15-Jährigen gehören einem Jahrgang an, der eine vielen Reformen ausgesetzte Schule durchlebt (hat). Die um drei Jahre älteren, also die bei PISA 2012 Getesteten haben noch nicht so viele schulpolitische „Segnungen“ über sich ergehen lassen müssen.

Nun aber zurück zu den Regierungsparteien. Die größere der beiden bezeichnet sich als sozial und demokratisch. Für ihre Bildungssprecherin sind die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie „aufrüttelnd“ und „nicht länger hinnehmbar“. In ihren weiteren Ausführungen wird dann der massive Ausbau von Ganztagsschulen als ein zentrales Element der notwendigen Reform bezeichnet, um die Kinder besser zu fördern. Das Tüpfelchen auf dem „I“ ist für mich aber folgende Aussage: „Der nächste Schritt muss die Schulautonomie sein: Motivierte LehrerInnen und Schwerpunktsetzungen an Schulen nach den Eignungen und Neigungen der SchülerInnen sind gut für das Lernklima und die Unterrichtsqualität; und genau diese Qualität ist ein Schlüssel zum Lernerfolg – das zeigen auch die besten Pisa-Länder“. (3) Von „Autonomie“ zu sprechen, wo in Wahrheit Einsparungen und die Beseitigung gewachsener demokratischer Strukturen gemeint sind, ist einer demokratischen Repräsentantin unwürdig.

Großbritannien liegt hinsichtlich der sozialen Mobilität unterhalb von südamerikanischen Ländern wie Argentinien.“ (4) Dass es sozial sein soll, mit einem Gesamtschulsystem jenen Kindern, die aus sozial schwachen Verhältnissen kommen, aus ideologischen Gründen die Chance zu nehmen, sich aufgrund ihrer Leistung nach oben zu arbeiten, verstehe ich ganz und gar nicht. Was bleibt also von „demokratisch“ und „sozial“ übrig?

Es ist aus meiner Sicht aber auch nicht christlich, eine Politik mitzutragen, die in letzter Konsequenz nur mehr den Betuchten ermöglicht, ihren Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen: „Alle Gesamtschulsysteme haben andere Modi der Segregation entwickelt. Der einfachste und banalste, der übrigens im Moment massiv im Vormarsch ist – da gibt es eine wunderbare 16-Cities-Studie, die sechzehn Großstädte in mehreren Ländern vergleicht –, ist Trägerschaft: öffentlich, privat, frei.“ (5)

Damit sind wir bei der zweiten Regierungspartei, die sich manchmal auch christlich-sozial nennt. Ob sie den Namen „Volks“-Partei verdient, sei ebenso dahingestellt. Denn immerhin spielt sie bei allen Reformen des Schulsystems willfährig mit, auch wenn sie sich damit, wie etwa bei der verpflichtenden Ganztagsschule oder der Gesamtschule, eindeutig gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit des „Volkes“ stellt.

Wenn sich Österreichs Parteien statt auf Dogmen mehr auf das Wohl der Bevölkerung konzentrierten, sähe ich der Zukunft unseres Landes und vor allem der unserer Jugend mit größerem Optimismus entgegen.

(1) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure B2.2. OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2002 (2002), Table B2.1b.

(2) Zit. n. Kern verspricht mehr Personal für die Ämter. In: Standard online vom 11. Oktober 2016.

(3) PISA – Grossmann: Ergebnisse „nicht hinnehmbar“ – Schluss mit Reformblockaden. OTS-Aussendung vom 6. Dezember 2016.

(4) Julian Nida-Rümelin, „Profil“ (Zeitung des dphv) vom September 2016, S. 20.

(5) Stefan Hopmann, Bildungsreform 2015 – Fortschritt oder Rückschritt?. Keynote beim „Weis[s]en Salon“ vom 10. Dezember 2015.

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Placebo-Politik

Der Placebo-Effekt ist in der Medizin gut untersucht. Wenn der Patient (1) glaubt, dass er ein wirksames Medikament erhält, bessert sich sein Gesundheitszustand schneller, selbst wenn er ein Placebo schluckt. Umgekehrt sinkt die Wirkung – auch die des echten Medikaments –, wenn der Patient den Verdacht hegt, er bekomme ein Placebo. Der Arzt-Patient-Beziehung kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Das Vertrauen in den Arzt ist Voraussetzung für den Placebo-Effekt.

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Diesen letzten, entscheidenden Punkt scheinen verantwortliche Politiker oftmals zu vergessen. Das Vertrauen in sie ist in der Bevölkerung dermaßen gering, dass eine Placebo-Politik niemals funktionieren kann. Trotzdem versuchen sich Spitzenpolitiker darin. Ein Beispiel aus der „Bildungsreform“:

Modellregionen: Die SPÖ möchte ihren Anhängern einreden, damit die Gesamtschule umzusetzen. Die Einführung der Gesamtschule bedeutet aber – und das wollen uns viele Politiker wohlweislich verschweigen –, dass nicht nur eine neue Schulart geschaffen wird, sondern auch alle anderen für diese Altersstufe abgeschafft werden: kein Gymnasium, keine Hauptschule, keine Neue Mittelschule, keine Sonderschule, keine Schwerpunktschulen für Sport, Musik, Informatik etc. Es gibt dann nur mehr eine einzige Schulart für alle. Und das will man umsetzen bei einer 15 Prozent-Grenze pro Bundesland und der Ausnahme von Privatschulen? Wenn Politiker meinen, mir das weismachen zu können, fühle ich mich intellektuell beleidigt.

Der Regierungspartner, die Bundes-ÖVP, ist aber nicht minder „kreativ“ in der Argumentation. Selbstverständlich kämpfe man wie ein Löwe für den Erhalt die AHS-Langform, aber 15 Prozent der gymnasialen Unterstufen will man auch gegen den Willen der betroffenen Schulpartner abschaffen. Ja geht’s noch? Das ist selbst einigen ÖVP-Abgeordneten zu dumm, weshalb sie eine parlamentarische Petition zum Erhalt der Rechte der Schulpartner eingebracht haben.

Und was sagt die Wissenschaft? „Modellregionen: Also ich sag‘ mal zunächst, wissenschaftlich gibt es für diese Modellregionen überhaupt keinen Bedarf. Es gibt eigentlich nichts zum Thema Oberflächenstrukturen von Schulwesen und wie die wirken, was nicht in den letzten sechzig, siebzig Jahren dutzend Male erforscht und beschrieben worden wäre.“ (2)

Die Wähler haben von einer solchen Placebo-Politik die Nase gestrichen voll. Sie wird bei den nächsten Wahlen zu einer bitteren Pille für die Regierungsparteien mutieren.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, Bildungsreform 2015 – Fortschritt oder Rückschritt? Referat gehalten im Weis[s]en Salon am 10. Dezember 2015.

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Wien unter dem Halbmond

Strafen für „Integrationsunwilligkeit“, Kopftuchverbot etc. In den letzten Tagen stellt sich mir als grundsätzlich fröhlichem Menschen immer wieder die Frage, ob ich lachen oder weinen soll, denn die Diskussion entbehrt weder einer gewissen unfreiwilligen Komik noch der Symptome totalitärer Regime.

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Niklas Meldemann, Detail der Rundansicht der Stadt Wien zur Zeit der Ersten Türkenbelagerung (Nürnberg 1530), kolorierter Holzschnitt, Museum der Stadt Wien (Bild von Wikimedia Commons)

In freien Gesellschaften muss es jedem (1) erlaubt sein zu wollen, was immer es auch sein mag. Wenn dieser Wille zu Handlungen führt, die die herrschenden Normen verletzen, dann – und nur dann – sind Sanktionen zulässig. Eine Beschränkung des Willens hingegen ist Gesinnungsterror und würde an den Grundpfeilern unserer demokratischen Republik sägen. Das ist der Teil der Debatte, der mich zum Weinen anregt.

Aus historischen Gründen, oftmals als Abgrenzung zu einem vorher existierenden Gottesgnadentum, gibt es eine Reihe von demokratischen Staaten, die eine sehr strikte Trennung von Staat und Religion in ihren Verfassungen festgeschrieben haben und daher auch religiöse Symbole jeder Art in Schulen oder öffentlichen Gebäuden verbieten. Insofern kann man sich bei der Forderung nach einem Kopftuchverbot auf demokratische Vorbilder berufen. Allerdings regt es mich schon zum Lachen an, wenn das Kopftuch als muslimisches Kennzeichen klassifiziert wird. Verheiratete orthodoxe Jüdinnen bedecken ihr Haar. Im Christentum wird das Kopftuch heute noch v. a. von Frauen der orthodoxen Kirchen und mennonitischer bzw. täuferischer Gemeinschaften getragen. Der Schleier von Ordensfrauen ist allgemein bekannt. Konsequenterweise müssten die Befürworter des Kopftuchverbots auch all das untersagen.

Meines Erachtens ist die derzeitige Diskussion der Versuch, die massenweise Abwanderung von Wählern der derzeitigen Regierungsparteien zur FPÖ zu verhindern. Rational ist sie jedenfalls nicht, aber dafür gibt es Anleihen in der Geschichte:

Der Nürnberger Drucker und Verleger Niklas Meldemann reiste im Oktober 1529, einen Monat nach Beendigung der ersten Belagerung Wiens durch Truppen des Osmanischen Reiches, in die Stadt, um einen Holzschnitt anzufertigen. Das Werk zeigt den Stephansdom mit einem vergoldeten Halbmond auf der Spitze. Ab 1530 appellierte die Wiener Bevölkerung immer wieder an die Habsburgischen Herrscher, man möge doch dieses „islamische Feldzeichen“ entfernen. Erst nach der zweiten Belagerung 1683 ließ Leopold I. dieses „heidnische Symbol“ durch ein Kreuz ersetzen.

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Albrecht Dürer, Das Leben der Maria, Holzschnitt vor 1511 (Bild von Wikimedia Commons)

Auch damals interessierten offenbar niemanden die Fakten. Das „heidnische Symbol“ trug ursprünglich die Inschrift „Meine Hoffnung ist Christi“. (2) Die Mondsichel ist im Christentum ein Symbol für Maria, die Mutter Jesu. Das geht auf eine Textstelle in der Offenbarung des Johannes zurück: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.“ (Offb 12,1) Aber wie merkte der Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker George Santayana so treffend an: „Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe http://geosolution.bplaced.net/atlas/aut_w/page/00034288.htm.

Dieser Kommentar ist am 10. Februar 2015 auch in der Print- und der Online-Ausgabe des „Standard“ erschienen.

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Gerhard Riegler: Tag(e) des Gymnasiums

Am heutigen 14. November, dem „Tag des Gymnasiums“, fanden quer durch Österreich beeindruckende Demonstrationen der Vitalität der AHS statt.

Ich durfte in den letzten Wochen viele „Tage des Gymnasiums“ erleben. Im Vorfeld der Personalvertretungs- und Gewerkschaftswahlen war ich an zahlreichen Schulen eingeladen und konnte eine bunte Vielfalt schulischer Wirklichkeit erleben, konnte tausenden AHS-LehrerInnen, für die ich seit vielen Jahren als „höchster“ Personalvertreter mein Bestes zu geben versuche, in die Augen blicken und mich ihren Fragen und Anliegen stellen. 100 Mails am Tag – und meistens sind es mehr – können trotz aller Vorteile digitaler Kommunikation diesen persönlichen Kontakt nicht ersetzen!

Es bewegt mich, junge KollegInnen in den Konferenzzimmern zu sehen, um deren berufliche Existenz wir gekämpft haben und weiter kämpfen werden. Dass wir diese jungen LehrerInnen ebenso wie diejenigen, die in den nächsten fünf Jahren in unsere Berufsgruppe eintreten, dem neuen Lehrerdienstrecht im letzten Moment entreißen konnten, habe ich neben ihnen stehend als besonders beglückend empfunden.

Allen KollegInnen, die der Öffentlichkeit am „Tag des Gymnasiums“ einmal mehr vor Augen führten, dass das Gymnasium eine tragende Säule unseres differenzierten Schulwesens ist, sei herzlich gedankt! Wir bieten Österreichs Jugend Chancen, von denen ihre Altersgefährten in der Mehrzahl der EU-Staaten leider nur mehr träumen können.

Wie wichtig unser Engagement für das Gymnasium ist, beweist auch die SPÖ Tirol, die beim Bundesparteitag neben einem Antrag zur Cannabis-Legalisierung auch einen zur Abschaffung des Gymnasiums in seiner Langform einbringen will. „Ganz Tirol soll zu einer Gesamtschulmodellregion werden“, fordern die Tiroler GenossInnen. Die „Bildungsministerin müsse dafür sorgen, dass Lehrer sowie Eltern solche Schulversuche gar nicht mehr durch Abstimmung verhindern können“. (1) Schluss mit demokratischer Mitbestimmung der Betroffenen, her mit dem Diktat der Politik! Ein Aufschrei der vorgeblich „basisdemokratischen“ Grünen gegen diesen unglaublichen Anschlag auf die demokratischen Rechte von LehrerInnen und Eltern ist selbstverständlich nicht zu vernehmen. Für Vorarlberg fordern sie ja dasselbe. (2) 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer stimmt mich ein solches „Demokratieverständnis“ besonders nachdenklich. Wissen manche den Wert der Freiheit nicht mehr zu schätzen?

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Der 26. und 27. November 2014 sind besondere „Tage des Gymnasiums“. Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek, die an ihren Vorurteilen gegenüber den GymnasiallehrerInnen festhält (3), der Grüne Bildungssprecher Walser, Wirtschaftskammerpräsident Leitl und andere warten gespannt auf das Wahlergebnis: Werden die österreichischen AHS-LehrerInnen die wahlwerbenden Gruppierungen stärken, die für den Erhalt der AHS-Langform und damit auch um zwei Drittel der Arbeitsplätze im AHS-Bereich kämpfen, oder werden Sie für die angeblich „unabhängige“ Gruppierung votieren, die seit Jahren deren Abschaffung fordert?

Ich hoffe auf Festtage für das Gymnasium! Möchtegern-TotengräberInnen des Gymnasiums mögen sehr deutlich erfahren: Das Gymnasium lebt!

(1) Katharina Mittelstaedt, Roter Parteitag: Tiroler SPÖ will sich für Cannabis-Legalisierung starkmachen. In: Standard online vom 11. November 2014.

(2) Vorarlberg: Rauch (Grüne) ist „stolz“. In: Ö1-Mittagsjournal vom 8. Oktober 2014.

(3) BM Gabriele Heinisch-Hosek in der ATV-Sendung „Klartext“ am 3. November 2014.

Karikatur von Andreas Paar.

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Abschied von der Politik

Die Koalitionspartner führen „zusätzlich zur Neuen Mittelschule eine Mittelstufe als Orientierungsphase für die 10- bis 12-Jährigen“ ein. Schon im Schuljahr 2014/15 soll damit begonnen werden können […] Die Gesamtschule für alle bis zum 12. Lebensjahr ist damit praktisch fix. […]

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Die Koalitions-„Experten“ haben zwar noch keine „pädagogische und organisatorische Konfiguration“ für diese zwei neuen Klassenstufen. Aber eines steht schon fest: „Der Unterricht erfolgt gemäß den Rahmenbedingungen der NMS“. Mit anderen Worten: Sie wissen zwar noch nicht Was und Wie, aber es steht fest, dass es eine Gesamtschule ist.

Weitere Skurrilität: Diese Gesamtschule soll laut Koalition nicht nur an AHS, sondern auch an Volksschulen eingeführt werden. Was nichts anderes ist als für volle sechs Jahre ein Zurück zur achtklassigen Volksschule der Maria Theresia. […]

Eine besondere Frechheit der Koalitions-„Experten“: Sie wagen es, im gleichen Papier von „Stärkung der Schulautonomie“ zu reden. Das heißt aber nicht etwa, dass die Schulen entscheiden könnten, ob sie das Gesamtschulmodell umsetzen. […]

Mit absoluter Garantie: Dieses „Bildungs“-Papier wird bei einer Umsetzung die künftige Bildungs-Qualität der jungen Österreicher signifikant verschlechtern. Und sehr viel teurer machen. Beides sind ja offenbar die Ziele dieser Koalitionsverhandlungen.“ (1)

Mir wäre es ja keine Zeile wert, hätte ich diese Worte in „Österreich“ oder einem ähnlichen „Qualitätsmedium“ gelesen. Blanker Unsinn, hätte ich mir gedacht, Effekthascherei, Kaffeesudleserei. Die Worte stammen aber von Dr. Andreas Unterberger, dem langjährigen Chefredakteur der „Presse“ und der „Wiener Zeitung“, dem Online-Journalisten des Jahres 2010 und politischen Blogger. Heute um 1:00 in der Früh postete er einen Kommentar mit dem Titel „Die Gesamtschule kommt: Die AHS wird mit Zustimmung der ÖVP um zwei Jahre kastriert“, aus dem die zitierten Passagen stammen. Unterberger beruft sich auf ein „Zwischenprotokoll“, das ihm exklusiv vorliege.

Wenn das SPÖ-ÖVP-Koalitionsübereinkommen im Bildungsbereich nicht so aussieht, erwarte ich mir eine sofortige und hörbare Klarstellung durch die Regierungsparteien – zumindest aber durch die ÖVP. Bis jetzt habe ich sie nicht vernommen. Ganz im Gegenteil! Die „Presse“ schreibt, ein „entsprechendes Gerücht, das der Blogger Andreas Unterberger am Donnerstag veröffentlicht hat, wurde der „Presse“ in Koalitionskreisen bestätigt.“ (2)

Sollten Unterbergers Ausführungen dem rot-schwarzen Pakt entsprechen, dann wollen sich manche in der ÖVP wohl nicht nur das angeblich so tolle italienische Schulsystem zum Vorbild nehmen, sondern auch die Democrazia Cristiana, die als gemäßigte katholische Volkspartei zwischen 1945 und 1993 fast alle Ministerpräsidenten Italiens stellte und Mitte der 90er-Jahre in die Bedeutungslosigkeit verschwand.

Dem Gymnasium, der preiswertesten (3) und beliebtesten Schulart, die ersten beiden Jahre zu rauben, dem achtjährigen Gymnasium also die beiden Unterschenkel zu amputieren, werden die WählerInnen den Regierungsparteien hoffentlich nicht verzeihen – und der ÖVP schon gar nicht, hat diese doch den Erhalt der AHS-Langform immer wieder versprochen – auch noch vor der letzten Nationalratswahl.

Der letzte Generalsekretär der Democrazia Cristiana Mino Martinazzoli meinte: „Eine Politik ohne Ethik ist keine Politik mehr.“ (4) Wenn die Ausführungen von Dr. Andreas Unterberger stimmen, so hat sich zumindest die ÖVP von der Politik verabschiedet.

(1) Andreas Unterberger, Die Gesamtschule kommt: Die AHS wird mit Zustimmung der ÖVP um zwei Jahre kastriert. In: andreas-unterberger.at am 28. November 2013.

(2) Julia Neuhauser, Bernadette Bayrhammer, Thomas Prior, Koalition plant „Gesamtschule light“. In: Presse online vom 28. November 2013.

(3) Bezogen auf die Pro-Kopfkosten der Schüler.

(4) „La politica separata dall’etica non è più politica.

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When I’m sixty-four …

Als begeistertem Musiker kam mir der Beatles-Hit „When I’m sixty four“ in den Sinn, als ich die Aussagen des Wiener Bürgermeisters zur Gesamtschule las. Er bezeichnet sie als „conditio sine qua non“ für die Regierungsbeteiligung der SPÖ nach den Nationalratswahlen. Laut „Presse“ kann Michael Häupl „nicht verstehen, wie sich eine ganze Partei von „älteren Herren“ in der Gewerkschaft in Geiselhaft nehmen lasse.“ (1)

when i'm sixty-four_blogVom Herrn Bürgermeister in die Seniorenliga versetzt zu werden, überraschte mich. Ist der Wiener Landeshauptmann in Wahrheit gar ein agiler Endzwanziger, für den ein Mittvierziger wie ich bereits zu den „alten Knackern“ gehört? Hat ihn womöglich die beim Heurigen gelebte Bürgernähe optisch rasant altern lassen? Ein kurzer Blick ins Internet wies ihn mir allerdings als Jahrgang 1949 aus, was ihn wohl ebenso wenig als jungen Wilden durchgehen lässt wie seinen Gesamtschulgenossen Hannes Androsch, Jahrgang 1938.

Ich frage mich, wieso sich der Wiener Bürgermeister als Mittsechziger plötzlich so jung fühlt. Ein Blick in die Annalen der Gesamtschule liefert die Antwort, wurde doch die mittlerweile berüchtigte Odenwaldschule in Heppenheim als älteste Gesamtschule Deutschlands bereits 1910 gegründet. (2) Dagegen wiederum ist Michael Häupl ein Jungspund. Alt aussehen lässt es ihn dennoch, einen pädagogisch verstaubten Hut aus der Zeit des deutschen Kaiserreiches als neuesten bildungspolitischen Schrei verkaufen zu wollen.

Vielleicht könnte Michael Häupl sich Jean-Jacques Rousseau zu Herzen nehmen, der meinte: „Die Jugend ist die Zeit, die Weisheit zu erlernen, das Alter die Zeit, sie anzuwenden.“ (3)

Apropos „When I’m sixty-four“: Ich setze mich mit aller Kraft dafür ein, dass ich im besungenen Alter meine (wohl noch eine ganze Weile ungeborenen) Enkelkinder ein staatlich finanziertes, qualitativ hochwertiges und sinnvoll differenziertes Bildungssystem besuchen sehe. Dafür lasse ich mich auch heute schon gerne von „jungen Wilden“ wie Häupl und Androsch als „alten Geiselnehmer“ bezeichnen.

(1) Häupl: Gesamtschule ist „conditio sine qua non“. In: Presse Online vom 29. April 2013.

(2) Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Gesamtschule.

(3) „La jeunesse est le temps d’étudier la sagesse, la vieillesse est le temps de la pratiquer.

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Nieder mit den Alpen!

„Nieder mit den Alpen, freie Fahrt zum Mittelmeer!“ An diesen ebenso alten wie platten Schmäh fühle ich mich durch die neueste Umfrage eines Instituts für „Freizeit- und Tourismusforschung“ erinnert, mit der angeblich eruiert wurde, ob die Bevölkerung für die „Ganztags- und Gesamtschule“ wäre.

Bei dieser – es gilt die Unschuldsvermutung – wohl streng objektiv und wissenschaftlich fundierten Befragung im Auftrag der SPÖ Niederösterreich kam neben satten Mehrheiten für die „Ganztags- und Gesamtschule“ auch Folgendes zutage: „Mehr als zwei Drittel können sich unter der Gesamtschule wenig bzw. nichts vorstellen, während lediglich vier von zehn die Ganztagsschule ein Begriff ist“. (1) Viele Befragte hielten die „Gesamtschule“ wohl für ein Synonym von „Ganztagsschule“, in der die Kinder nicht den GANZen, sondern den GESAMTen Tag in der Schule verbringen. Mancher „Experte“ könnte, wie die Erfahrung zeigt, durchaus unter ihnen gewesen sein.

Damit kein Missverständnis aufkommt, eine Klarstellung: Der Ausbau eines qualitätsvollen ganztägigen Betreuungsangebots verdient höchste Priorität. Allen Eltern und ganz besonders allen AlleinerzieherInnen sollte raschest möglich ein solches Angebot zur Verfügung stehen. Dass dafür gigantische Infrastrukturinvestitionen (Küchen, Aufenthaltsräume, Sportstätten etc.) an unseren Schulen getätigt werden müssten, kann allerdings durch kein Umfrageergebnis weggezaubert werden.

Eine „Nona“-Frage nach einem sinnvollen Ganztagsbetreuungsangebot begrifflich mit der Frage nach der Gesamtschule zu verkoppeln, ist weder eine neue, noch eine besonders originelle Idee. Seriöse Umfragen schauen jedenfalls anders aus.

Ich bin schon gespannt, wofür politische Parteien demnächst Geld bei Umfragen verschleudern werden. Vor der Frage nach dem Abtragen der Alpen zur Beschleunigung der Adriareise werden wohl die meisten Parteien doch zurückschrecken. Ich rege deshalb – ebenfalls zur Beschleunigung der Urlaubsanreise zu manch anderer Destination – folgende Umfrage an: „Sind Sie für Diplomatenpässe für alle?“ Eine satte Mehrheit scheint vorprogrammiert.

(1) Mehrheit für Gesamt- und Ganztagsschule. In: Kleine Zeitung Online vom 23. Jänner 2012.

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