Placebo-Politik

Der Placebo-Effekt ist in der Medizin gut untersucht. Wenn der Patient (1) glaubt, dass er ein wirksames Medikament erhält, bessert sich sein Gesundheitszustand schneller, selbst wenn er ein Placebo schluckt. Umgekehrt sinkt die Wirkung – auch die des echten Medikaments –, wenn der Patient den Verdacht hegt, er bekomme ein Placebo. Der Arzt-Patient-Beziehung kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Das Vertrauen in den Arzt ist Voraussetzung für den Placebo-Effekt.

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Diesen letzten, entscheidenden Punkt scheinen verantwortliche Politiker oftmals zu vergessen. Das Vertrauen in sie ist in der Bevölkerung dermaßen gering, dass eine Placebo-Politik niemals funktionieren kann. Trotzdem versuchen sich Spitzenpolitiker darin. Ein Beispiel aus der „Bildungsreform“:

Modellregionen: Die SPÖ möchte ihren Anhängern einreden, damit die Gesamtschule umzusetzen. Die Einführung der Gesamtschule bedeutet aber – und das wollen uns viele Politiker wohlweislich verschweigen –, dass nicht nur eine neue Schulart geschaffen wird, sondern auch alle anderen für diese Altersstufe abgeschafft werden: kein Gymnasium, keine Hauptschule, keine Neue Mittelschule, keine Sonderschule, keine Schwerpunktschulen für Sport, Musik, Informatik etc. Es gibt dann nur mehr eine einzige Schulart für alle. Und das will man umsetzen bei einer 15 Prozent-Grenze pro Bundesland und der Ausnahme von Privatschulen? Wenn Politiker meinen, mir das weismachen zu können, fühle ich mich intellektuell beleidigt.

Der Regierungspartner, die Bundes-ÖVP, ist aber nicht minder „kreativ“ in der Argumentation. Selbstverständlich kämpfe man wie ein Löwe für den Erhalt die AHS-Langform, aber 15 Prozent der gymnasialen Unterstufen will man auch gegen den Willen der betroffenen Schulpartner abschaffen. Ja geht’s noch? Das ist selbst einigen ÖVP-Abgeordneten zu dumm, weshalb sie eine parlamentarische Petition zum Erhalt der Rechte der Schulpartner eingebracht haben.

Und was sagt die Wissenschaft? „Modellregionen: Also ich sag‘ mal zunächst, wissenschaftlich gibt es für diese Modellregionen überhaupt keinen Bedarf. Es gibt eigentlich nichts zum Thema Oberflächenstrukturen von Schulwesen und wie die wirken, was nicht in den letzten sechzig, siebzig Jahren dutzend Male erforscht und beschrieben worden wäre.“ (2)

Die Wähler haben von einer solchen Placebo-Politik die Nase gestrichen voll. Sie wird bei den nächsten Wahlen zu einer bitteren Pille für die Regierungsparteien mutieren.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, Bildungsreform 2015 – Fortschritt oder Rückschritt? Referat gehalten im Weis[s]en Salon am 10. Dezember 2015.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Placebo-Politik

  1. Erich Wallner

    http://diepresse.com/home/recht/rechtallgemein/4886630/Direktorin-gemobbt_Republik-muss-zahlen

    Vor einigen Wochen sah ich einen ORF-Bericht über eine BHS-Schuldirektorin in NÖ, die von einer Landesschulinspektorin in die Berufsunfähigkeit (wegen Depression) gemobbt wurde und ihren Prozess in letzter Instanz gewann.
    Das Pikante an der Causa war der Umstand, dass die Dame die Ehefrau DDr. Heinz Mayers ist, eines der prominentesten Juristen Österreichs. Ich stellte mir also die naheliegende Frage, wie sicher sich eine Landesschulinspektorin in NÖ fühlen musste, wenn sie glaubte, sich ausgerechnet mit der Ehefrau eines Top-Juristen ungestraft anlegen zu können.
    Die Antwort auf diese Frage fand ich vorgestern im STANDARD: „Nach Auffliegen der Affäre verlieh Erwin Pröll seiner Mata Hari der Konferenzzimmer [gemeint ist die Mobberin] das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich für ‘ihre enormen Leistungen im Schulbereich des Landesschulrates für Niederösterreich‘“.

    Damit ist der Beweis erbracht, dass E. Quin Unrecht hat, wenn er schreibt, dass das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Politiker so gering sei. Vielmehr gibt es Personen, die ihren zuständigen Politikern voll vertrauen (können).

    • Alfred Schirlbauer

      Gelungen, Kollege Wallner! Zustimmung durch ironischen Widerspruch. Bin bei Euch: Die Bildungspolitik der letzten 3 Jahrzehnte: eine einzige intellektuelle Beleidigung.

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