Wien unter dem Halbmond

Strafen für „Integrationsunwilligkeit“, Kopftuchverbot etc. In den letzten Tagen stellt sich mir als grundsätzlich fröhlichem Menschen immer wieder die Frage, ob ich lachen oder weinen soll, denn die Diskussion entbehrt weder einer gewissen unfreiwilligen Komik noch der Symptome totalitärer Regime.

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Niklas Meldemann, Detail der Rundansicht der Stadt Wien zur Zeit der Ersten Türkenbelagerung (Nürnberg 1530), kolorierter Holzschnitt, Museum der Stadt Wien (Bild von Wikimedia Commons)

In freien Gesellschaften muss es jedem (1) erlaubt sein zu wollen, was immer es auch sein mag. Wenn dieser Wille zu Handlungen führt, die die herrschenden Normen verletzen, dann – und nur dann – sind Sanktionen zulässig. Eine Beschränkung des Willens hingegen ist Gesinnungsterror und würde an den Grundpfeilern unserer demokratischen Republik sägen. Das ist der Teil der Debatte, der mich zum Weinen anregt.

Aus historischen Gründen, oftmals als Abgrenzung zu einem vorher existierenden Gottesgnadentum, gibt es eine Reihe von demokratischen Staaten, die eine sehr strikte Trennung von Staat und Religion in ihren Verfassungen festgeschrieben haben und daher auch religiöse Symbole jeder Art in Schulen oder öffentlichen Gebäuden verbieten. Insofern kann man sich bei der Forderung nach einem Kopftuchverbot auf demokratische Vorbilder berufen. Allerdings regt es mich schon zum Lachen an, wenn das Kopftuch als muslimisches Kennzeichen klassifiziert wird. Verheiratete orthodoxe Jüdinnen bedecken ihr Haar. Im Christentum wird das Kopftuch heute noch v. a. von Frauen der orthodoxen Kirchen und mennonitischer bzw. täuferischer Gemeinschaften getragen. Der Schleier von Ordensfrauen ist allgemein bekannt. Konsequenterweise müssten die Befürworter des Kopftuchverbots auch all das untersagen.

Meines Erachtens ist die derzeitige Diskussion der Versuch, die massenweise Abwanderung von Wählern der derzeitigen Regierungsparteien zur FPÖ zu verhindern. Rational ist sie jedenfalls nicht, aber dafür gibt es Anleihen in der Geschichte:

Der Nürnberger Drucker und Verleger Niklas Meldemann reiste im Oktober 1529, einen Monat nach Beendigung der ersten Belagerung Wiens durch Truppen des Osmanischen Reiches, in die Stadt, um einen Holzschnitt anzufertigen. Das Werk zeigt den Stephansdom mit einem vergoldeten Halbmond auf der Spitze. Ab 1530 appellierte die Wiener Bevölkerung immer wieder an die Habsburgischen Herrscher, man möge doch dieses „islamische Feldzeichen“ entfernen. Erst nach der zweiten Belagerung 1683 ließ Leopold I. dieses „heidnische Symbol“ durch ein Kreuz ersetzen.

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Albrecht Dürer, Das Leben der Maria, Holzschnitt vor 1511 (Bild von Wikimedia Commons)

Auch damals interessierten offenbar niemanden die Fakten. Das „heidnische Symbol“ trug ursprünglich die Inschrift „Meine Hoffnung ist Christi“. (2) Die Mondsichel ist im Christentum ein Symbol für Maria, die Mutter Jesu. Das geht auf eine Textstelle in der Offenbarung des Johannes zurück: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.“ (Offb 12,1) Aber wie merkte der Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker George Santayana so treffend an: „Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe http://geosolution.bplaced.net/atlas/aut_w/page/00034288.htm.

Dieser Kommentar ist am 10. Februar 2015 auch in der Print- und der Online-Ausgabe des „Standard“ erschienen.


4 Gedanken zu “Wien unter dem Halbmond

  1. Dass man die Augen vor den Fakten fest verschließt, passiert immer wieder. Vor ca. 20 Jahren wurde in Österreich ein Fortpflanzungsmedizingesetz beschlossen. Dort heißt es (in der geltenden Fassung):

    • § 17. (1) Samen, Eizellen sowie Hoden- und Eierstockgewebe dürfen nur in einer nach § 5 Abs. 2 zugelassenen Krankenanstalt, Samen auch durch einen Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, der eine Meldung gemäß § 5 Abs. 1 erstattet hat, entnommen und bis auf Widerruf oder bis zum Tod der Person, von der sie stammen, aufbewahrt werden. Entwicklungsfähige Zellen dürfen nur bis auf Widerruf der Frau, von der die Eizellen stammen, oder bis zum Tod eines der Ehegatten oder Lebensgefährten, höchstens jedoch zehn Jahre in einer nach § 5 Abs. 2 zugelassenen Krankenanstalt aufbewahrt werden. Die Aufbewahrung hat dem jeweiligen Stand der Wissenschaft und Technik zu entsprechen.

    Dass befruchtete Zellen „höchstens 10 Jahre“ aufbewahrt werden dürfen ist ein Euphemismus dafür, dass sie dann zu vernichten sind. In der Diktion mancher politischer bzw. religiöser Gruppen müsste das „staatlich angeordneter Mord“ heißen.
    Interessanterweise halten aber FPÖ, ÖVP und die katholische Kirche, um nur drei der in dieser Sache (= Abtreibung) üblichen Verdächtigen zu nennen, konsequent still und tun so, als ob es dieses Gesetz gar nicht gäbe – welches ausgerechnet 2004 unter Schwarz-Blau novelliert wurde (zuvor war die Aufbewahrungsfrist kürzer).

  2. Sehr geehrter Herr Kollege Quin!

    Bis zum heutigen Tage eigentlich immer sehr einverstanden mit Ihren Ansichten und Kommentaren, regt sich heute erstmals bei der Lektüre Ihres Blog-Beitrages „Wien unter dem Halbmond“ Ärger, vielleicht sogar Zorn, mithin auf alle Fälle das Bedürfnis zum Widerspruch.

    Widerspruch gegen Ihre (fahrlässige? vorsätzliche?) Verharmlosung und Relativierung religiöser Symbole. Dazu zunächst in aller Knappheit: Selbstverständlich stellt im politischen Islam das Kopftuch ein Symbol für die Unterdrückung der Frauen dar und kann daher keineswegs verharmlosend in einem Atemzug genannt werden mit dem Kopftuch, wie es von jüdisch oder christlich orthodoxen Frauen getragen wird, oder mit dem Schleier, den christliche Nonnen (freiwillig) nehmen, ohne damit einen Gottesstaat propagieren zu wollen, oder mit dem Kopftuch einer Chemotherapie-Patientin. Dazu nur eine von zahlreichen möglichen Belegstellen (diese stammt aus dem Wikipedia-Eintrag zum Kopftuchstreit):

    In die gleiche Richtung argumentierte der damalige Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland , Hakki Keskin , 2004 in einer Stellungnahme: „Das Tragen des Kopftuchs für Lehrerinnen oder gar Forderungen nach einer Trennung von Jungen und Mädchen beim Schwimm- und Sportunterricht, wie wir dies in Hamburg seit einigen Wochen erleben, haben mit dem seinem Wesen nach sehr toleranten Islam nichts zu tun… Dies ist ein Versuch zahlenmäßig kleiner, radikaler Gruppen innerhalb der islamischen Bevölkerung, die Religion für ihre politisch-ideologische Gesinnung zu instrumentalisieren. Ihr Endziel ist ein Staat nach dem Gesetz der Scharia . Dies sollte jedem klar sein.“

    (http://de.wikipedia.org/wiki/Kopftuchstreit )

    Desgleichen gilt auch für Ihr Beispiel mit dem Halbmond. Erstens ist umstritten, ob es sich in den christlichen Darstellungen tatsächlich um die Halbmondsichel handelt, die Annahme, dass hier das weibliche astronomische Symbol der Venus okkupiert wurde, ist m.E. viel naheliegender; zweitens auch hier: Mit der Verwendung wird kein politisches Ziel verfolgt, während in der muslimischen Welt seit Jahrhunderten Halbmond und Stern (mit dem Minarett) als eindeutige Siegeszeichen Verwendung finden.

    Auch dazu ein Beleg aus der Wiener Zeitung vom 24.8.2010:

    Ganz aus der Luft gegriffen ist diese Behauptung nicht. Zumindest in der islamistischen Literatur ist die Auffassung des Minaretts als Kampfzeichen nachzuweisen. Der türkische Autor Ziya Gökalp (1875-1924) schrieb: „Moscheen sind unsere Kasernen, ihre Kuppeln die Helme, die Minarette unsere Bajonette.“

    Ich hoffe also, dass Sie, sehr verehrter Kollege, wieder zu der analytischen Präzision, die Ihre Kommentare bisher geprägt haben, zurückfinden mögen. Als Anregung für Sie folgende Parabel:

    Stellen Sie sich vor, Sie (als Exekutivorgan o.Ä.) erfahren folgendes:

    In einer Terroristen-Wohnung wird TNT vermutet.

    Im Badezimmer von Lieschen Müller soll sich TNT befinden.

    Im CD-Schrank von Klein Oliver würde man angeblich auf TNT stoßen.

    Auf einem Flughafen wurde TNT gesichtet.

    Weil Sie sich gerade in der Nähe des Flughafens befinden, überprüfen Sie den Hinweis dort zunächst. Sie finden zwar keinen Sprengstoff, aber ein Flugzeug der niederländischen Airline TNT.

    Klein Oliver wohnt in der Nähe des Flughafens, Sie kontrollieren ihn also als nächsten und stellen fest: Ja, in seinem CD-Schrank findet sich eine CD mit dem Titel TNT der Gruppe Dynamite Deluxe und das macht ihn zwar irgendwie verdächtig, aber ein Einschreiten Ihrerseits erscheint Ihnen nicht gerechtfertigt.

    Bei Lieschen Müller – sie öffnet Ihnen im Negligé – schlägt Ihnen bereits der Duft von TNT, einem Parfüm der Firma Mäurer & Wirtz entgegen, Sie verlassen – es sei Ihnen vergönnt – Stunden später etwas ausgelaugt ihr Etablissement.

    Nun hätten Sie noch die Terroristen-Wohnung zu kontrollieren, doch da Sie schon zu erschöpft sind, beruhigen Sie sich mit den Ergebnissen und Erkenntnissen des heutigen Tages, Sie legen sich in Ihren eigenen vier Wänden ruhig schlafen und rühren nicht einmal mehr die Gute-Nacht-Lektüre auf Ihrem Nachtkästchen an: ein schon ein wenig abgegriffenes Buch von Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter.

    Gegen vier Uhr früh werden Sie durch einen dumpfen Knall aus Ihren Träumen geweckt.

    Darüber sind Sie auch sehr froh, denn Sie hatten gerade einen fürchterlichen Alptraum. Sie träumten, dass in Saudi-Arabien 15 Mädchen, die aus einer brennenden Schule vor den Flammen geflüchtet, allerdings nicht korrekt verschleiert waren, von der Religionspolizei mit Stöcken wieder zurück ins brennende Gebäude getrieben wurden, in dem sie daraufhin hilflos verbrennen mussten. –

    Mit kollegialen Grüßen

    Wolfgang Wiener

    (BG/BRG St.Veit/Glan)

    Taggenbrunner Straße 14

    9300 St.Veit/Glan

    wolfgang.wiener@schule.at

    >

  3. Ad: „Selbstverständlich stellt im politischen Islam das Kopftuch ein Symbol für die Unterdrückung der Frauen dar“:
    Frage an den Kollegen Wiener: Was symbolisiert das Kreuz im politischen Katholizismus?

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