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Gerhard Riegler: En Marche!

Emmanuel Macron hat mit einer neuen politischen Partei namens „En Marche“ das Vertrauen großer Teile der französischen Bevölkerung und damit am vergangenen Sonntag die Präsidentschaftswahlen überlegen gewonnen. Frankreichs bisherige Großparteien waren schon im ersten Wahlgang abgewählt worden.

Besonders beeindruckend waren für mich der hohe Anteil junger Menschen und deren Begeisterung bei den Wahlfeiern: junge Menschen, die ihre Hoffnung auf einen Jungpolitiker setzen, dessen Hauptbotschaft die ist, für eine neue Politik sorgen zu wollen.

Die Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand ist unter Frankreichs Jugend zurecht riesengroß. Es geht ihr im internationalen Vergleich wahrlich nicht gut. Dass dies so ist, liegt nicht zuletzt an Frankreichs Bildungssystem, das sich gerne mit dem Wort „égalité“ schmückt, dessen Wirklichkeit aber so weit von Chancengerechtigkeit entfernt ist wie in nur wenigen Staaten Europas. Das muss selbst die Bertelsmann Stiftung, die Gesamtschulsysteme gerne bewirbt, eingestehen: „The worst performers with regard to the influence of socioeconomic background on students’ educational success are Hungary, France, Bulgaria and Slovakia.“ (1)

Auch die EU-Kommission bestätigt, dass Frankreich Schulsystem soziale Ungleichheit nicht annähernd auszugleichen versteht, sondern sie sogar massiv verstärkt: „PISA surveys show that France is one of the countries in which the school system contributes most to widening inequalities.“ (2)

Frankreich setzte auf „Matura für alle“, wofür sich auch in Österreich manche PolitikerInnen aussprachen. In Frankreich kann man die Folgen dieses Irrwegs studieren: „In Frankreich machen drei Viertel eines Jahrgangs das Abitur (Baccalauréat). Diese außerordentlich hohe Studienanfängerquote wird nicht nur mit dem Preis einer extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit von 22 Prozent, also rund zweieinhalbmal so hoch wie in Deutschland, bezahlt, sondern auch mit einer exorbitant hohen Abbrecherquote in Höhe von 50 Prozent eines Jahrgangs!“ (3)

Auf eine Politik, die vielleicht wirklich an eine Chancengleichheit durch gleiche Abschlüsse für alle glaubte, folgte allerdings beinharte soziale Selektion: „Während normale Universitäten in Frankreich nichts kosten, zahlt man für ein Aufbaustudium an Elite-Unis wie der ENA, den „grandes écoles“, zwischen 7000 und 12000 Euro jährlich.“ (4) „Normale Universitäten“ werden immer mehr zu Stätten der Hoffnungslosigkeit, zu einem Parkplatz für junge Menschen, die nach dem Baccalauréat keinen Platz im Berufsleben finden. „Only students from elite schools or with a Doctorate stand a very good chance at getting top level jobs.“ (5)

Statt hier noch weitere Belege für das Scheitern des französischen Bildungssystems mit seinen verheerenden Auswirkungen auf Frankreichs Jugend anzuführen, appelliere ich an Österreichs BildungspolitikerInnen: Nehmt eure Aufgabe ernst, übt sie seriös aus, verspielt nicht die Chancen der Jugend! Beendet euer politisches Spiel, bevor ihr zu Recht das Vertrauen der Jugend verspielt. En Marche!

(1) Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Social Justice in the EU – Index Report 2015 (2015), S. 29.

(2) EU-Kommission (Hrsg.), Investing in children: Breaking the cycle of disadvantage. A study of national practices (2014), S. 72.

(3) Julian Nida-Rümelin und Klaus Zierer, Auf dem Weg in eine neue deutsche Bildungskatastrophe. Zwölf unangenehme Wahrheiten (2015), S. 39.

(4) Thomas Spang, Info: So viel zahlt man für Universitäten in Europa. In: Stuttgarter Nachrichten online vom 10. Mai 2015.

(5) Marie Duru-Bellat, Access to Higher Education: the French case (2015), S. 36.

Ein Kommentar

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Glaubwürdigkeit

Ein Grund für das miserable Image von Politikern (1) liegt wohl an den hohlen Phrasen, die viele von ihnen verwenden, an den Halbwahrheiten, am fehlenden Mut zur Ehrlichkeit etc. Ein kleines Beispiel aus jüngster Zeit:

Als die Elternvertreter am Wochenende warnten, dass „das Ende der Schulgeldfreiheit“ in Österreich gekommen sei, reagierte das Bildungsministerium prompt. Alles ein Missverständnis, hieß es. Die Eltern hätten ein Rundschreiben falsch verstanden.“ (2)

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Der Stein des Anstoßes: Ein ministerielles Rundschreiben, in dem klargestellt wird, dass Lernmittel im Eigentum der Schüler stehen und von diesen bzw. ihren Erziehungsberechtigten zu beschaffen sind. Die demonstrative Aufzählung beinhaltet u. a. Hefte, Füllfeder, Zirkel, Taschenrechner, Laptop und Tablet-PC. „Damit wälzt das BMB offensichtlich die selbst an den Schulstandorten nicht finanzierbaren und fehlenden Investitionen auf Eltern ab“, kritisierte der Bundeselternverband in einer Presseaussendung. (3) „Das Ministerium seinerseits wies darauf hin, dass ja niemand einen Laptop kaufen müsse (außer den Schülern in Laptop-Klassen).“ (4) „Ja, aber …“, kann man einwenden.

Der Grundstein für das jetzt virulent werdende Problem wurde 2012 gelegt. In den Verordnungen, die die Reifeprüfungen an AHS und BHS regeln, werden Minimalanforderungen für elektronische Hilfsmittel für die Zentralmatura in Mathematik definiert. Für den AHS-Bereich sind das „grundlegende Funktionen zur Darstellung von Funktionsgraphen, zum numerischen Lösen von Gleichungen und Gleichungssystemen, zur Ermittlung von Ableitungs- bzw. Stammfunktionen, zur numerischen Integration sowie zur Unterstützung bei Methoden und Verfahren in der Stochastik.“ (5) Ab dem Haupttermin 2018 müssen alle Kandidaten bei der Mathematik-Zentralmatura diese höherwertige Technik einsetzen.

Auf das dadurch entstehende Problem hat die AHS-Gewerkschaft bereits in ihrer Stellungnahme zum Entwurf der Prüfungsordnung AHS vom 13. Februar 2012 hingewiesen:

Es ist sozial unverträglich, von allen Schülern die Anschaffung teurer Taschenrechner zu verlangen. Bisher ist die große Mehrheit der AHS-Schüler ohne solche Rechner ausgekommen. Die neue Zentralmatura-Verordnung würde aber die Lehrer dazu zwingen, solche Rechner im Unterricht einzusetzen, und damit alle Schüler zwingen, einen solchen Rechner zu kaufen, weil bei der Klausur nur elektronische Hilfsmittel verwendet werden dürfen, die auch im Unterricht verwendet worden sind. […] Die AHS-Gewerkschaft fordert daher mit allem Nachdruck […] den ausschließlichen Einsatz von Aufgaben, die ohne teure elektronische Hilfsmittel lösbar sind, oder aber die kostenlose Zurverfügungstellung in Analogie zu Schulbüchern.“ (6)

Viele Schulen entscheiden sich anstelle des Kaufs teurer Taschenrechner für die Anschaffung von Notebooks, da diese in vielen anderen Gegenständen eingesetzt werden können und die nötige Mathematiksoftware kostenlos oder sehr billig ist.

Es wäre doch erfrischend, würde die neue Unterrichtsministerin sagen, was Sache ist. Sie könnte es sich auch politisch leisten, hat die Matura-Verordnungen doch ihrer Vorvorgängerin Dr. Claudia Schmied zu verantworten. Schade, dass diese Chance für eine glaubwürdigere Politik nicht genutzt wird.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Eltern streiten mit Ministerium um Geld für Laptops. In: Presse online vom 26. September 2016.

(3) Bildungsministerium überwälzt hunderte Millionen auf Eltern – Schluss mit Lustig. Presseaussendung des BEV vom 24. September 2016.

(4) Eltern streiten mit Ministerium um Geld für Laptops.

(5) § 18 Abs. 3 Prüfungsordnung AHS.

(6) Stellungnahme der AHS-Gewerkschaft zum Entwurf einer Verordnung über die Reifeprüfung in den allgemein bildenden höheren Schulen vom 13. Februar 2012.

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Gerhard Riegler: STARK!

Woher hat der meine Daten, noch dazu die private Adresse?“ Auf diese Frage konnte ich der Kollegin keine Antwort geben.

Bezogen hat sich die Anfrage auf eine Zusendung des STARK-Verlags, in der Gratisexemplare eines neu auf den Markt gebrachten Produkts zur „effektiven und erfolgreichen Vorbereitung auf die standardisierte, kompetenzorientierte schriftliche Reifeprüfung“ (1) beworben werden.

Profit

Es kam, wie wir es den Spitzen des Unterrichtsministeriums seit Beginn der Zentralmatura-Entwicklung immer wieder vorhergesagt haben: Bei zentral erstellten Prüfungsaufgaben werde es nicht lange dauern, bis die über den Unterricht hinausgehende Vorbereitung zu einem profitablen Geschäftsmodell wird. Wenn man SchülerInnen bzw. ihre Eltern nicht zur Kassa bitten möchte, müsse man auf die Zentralisierung verzichten oder aber wirklich alles dafür tun, keinen lukrativen Markt entstehen zu lassen. Dazu würden qualitativ hochwertige Übungsmaterialien gehören, die das Ministerium SchülerInnen zur Verfügung stellt.

Es kam, wie es kommen musste: Unsere Warnungen und Empfehlungen wurden im Ministerium zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht genügend berücksichtigt. Selbstverständlich stößt der Handel in einer freien Marktwirtschaft in diese Lücke vor. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, in der Nachfrage Angebote entstehen lässt.

Es ist allerdings nicht irgendwer, der die Marktlücke blitzschnell erkannt hat. Der STARK-Verlag ist nach Eigenangabe bei derartigen Vorbereitungsmaterialien Marktführer in Deutschland und gehört zum Pearson-Imperium. (2) Und Pearson ist der milliardenschwere Platzhirsch auf dem Feld, das durch die weltweite Normierungs- und Standardisierungsbewegung im Bildungswesen geschaffen wurde – beim Erstellen und Durchführen von Tests und der Vorbereitung auf sie. (3)

Übrigens, der nächste Pisa-Test wird gegen gutes Geld von Pearson produziert, und Andreas Schleicher von der OECD sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Unternehmens. So ein Zufall …“, meint der Bildungsphilosoph Dr. Matthias Burchardt. (4)

Auf dem weltweit boomenden Nachhilfemarkt hat sich Pearson inzwischen auch schon stark positioniert. Österreich gehört zu den OECD-Staaten mit einem vergleichsweise geringen Nachhilfeaufkommen. Dass sich dies infolge der Zentralmatura ändern könnte, auch darauf haben wir die Spitzen des Unterrichtsministeriums warnend hingewiesen.

Vielleicht kann man im Unterrichtsministerium die Frage, woher der STARK-Verlag private Daten von Lehrkräften erfahren haben könnte, kompetent beantworten. Vielleicht sind die um knapp 45 Euro zum Kauf angebotenen Produkte für die etwa 45.000 jungen Menschen, die in Österreich in einem halben Jahr maturieren werden, in wenigen Tagen uninteressant. Vielleicht bekommen unsere SchülerInnen vom Unterrichtsministerium ja noch einen Link unter den Weihnachtsbaum gelegt, der ihnen den kostenfreien Download hochwertiger Übungsmaterialien zur Zentralmatura ermöglicht. Naive Wünsche?

(1) Siehe http://www.stark-verlag.at/reihen/produktliste.asp?reihe=157&fach=D.

(2) Siehe http://www.pearson.de/main/main.asp?page=pearson/stark-verlag.

(3) Siehe etwa John Oliver in seiner „Last Week Tonight“-Show vom 3. Mai 2015.

(4) Lisa Nimmervoll, Bildungsphilosoph: „Unsere Kinder werden zu Zwergen degradiert“. In: Standard online vom 10. November 2014.

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Wertschätzung

Am 8. Juni 2015 ließ die Bundesbildungsministerin in einem Interview mit der auflagenstärksten Tageszeitung aufhorchen: „Die Erwartung an Lehrer ist unermesslich. Sie sollen alles reparieren, was bei den Kindern irgendwann schiefgelaufen ist. Hinter dieser Erwartung können sie nur zurückbleiben.“ (1)

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Wer jetzt hofft, dass Gabriele Heinisch-Hosek der „Krone“ ein derartiges Interview gegeben hat, muss leider enttäuscht werden. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) fand in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ klare Worte zur permanenten Überforderung der Lehrerschaft.

Dabei hätte „unsere“ Bildungsministerin bereits im März 2015 in der „Kleinen Zeitung“ nachlesen können, was das im Sozialministerium angesiedelte Arbeitsinspektorat zum Thema Stressbelastung verschiedener Berufsgruppen festgestellt hatte: „… 37 Prozent der Befragten arbeiten nach eigenen Angaben unter ständigem Druck und haben keine Zeit zum Verschnaufen. In den Berufsgruppen führen Lehrer (66 Prozent belastet), medizinische Pflegekräfte (65 Prozent) und Berufsfahrer (64 Prozent) das Stress-Ranking an.“ (2)

Wäre diese Studie nicht vor, sondern nach dem ersten Volldurchgang der Zentralmatura durchgeführt worden, wäre die Stressbelastung der Lehrerschaft wohl von der Zweidrittel- zur Dreiviertel-Marke hochgeschnellt. Denn kaum jemals waren Anspannung und Belastung so hoch wie in diesem Schuljahr.

Es ist mir daher ein ehrliches Bedürfnis, Ihnen allen dafür zu danken, dass Sie der „Generation der maturierenden Versuchskaninchen“ mit unglaublichem Einsatz eine weitgehend reibungslose Reifeprüfung ermöglicht haben. Das Gelingen der Zentralmatura ist nämlich nur zu einem verschwindend kleinen Teil der Ministerin und/oder dem BIFIE zu verdanken, sondern in erster Linie dem höchst professionellen Einsatz von LehrerInnen und Schulleitungen.

Mein Dank gilt ganz ausdrücklich auch jener großen Mehrheit von DirektorInnen, die sich nicht in vorauseilendem Gehorsam zusätzliche Belastungen ausgedacht haben, sondern Augenmaß und praktische Vernunft haben walten lassen, als es um die operative Umsetzung der Reifeprüfung, insbesondere der mündlichen, ging. Wie ich selbst als Prüfer und Beisitzer erleben konnte, wie ich aber auch aus zahlreichen Rückmeldungen weiß, gelang das an sehr vielen Schulen. Für mich setzten all diese SchulleiterInnen ein klares Zeichen des Vertrauens und der Wertschätzung für ihre LehrerInnen.

Für derartige Bekundungen hat „unsere“ Ministerin bis dato keine Zeit gefunden. „Die Wertschätzung für die Lehrer ist in den vergangenen Jahren aber stark gestiegen. Das ist gut“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (3). Um sie können wir unsere deutschen KollegInnen nur beneiden!

(1) Zit. n. Bundesbildungsministerin Wanka: „Erwartung an Lehrer ist unermesslich“. In: News4teachers online vom 8. Juni 2015.

(2) Stress am Arbeitsplatz: Jeder Zweite ist belastet. In: Kleine Zeitung online vom 20. März 2015.

(3) Zit. n. „Erwartung an Lehrer ist unermesslich“.

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Gerhard Riegler: Fakten auf den Tisch!

Der 2. Band einer Studie mit dem sperrigen Titel „Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg, Bildungserwartungen, Schulorganisation, Pädagogische Konzepte, rechtliche Rahmenbedingungen. Projektbericht Band 2“ (ISBN: 978-3-7065-5474-9) sorgte nicht nur in Vorarlberg in den letzten Tagen für gehörige Aufregung. Die Vorarlberger Politik nahm den Bericht als Grundlage für die Ankündigung, in Vorarlberg spätestens in zehn Jahren die Gesamtschule der 10- bis 14-Jähringen einzuführen und damit Sonderschulen, die NMS und die AHS-Unterstufe abzuschaffen.

Ich wollte dieses schicksalsschwangere Werk umgehend erwerben, um es einer seriösen Analyse zu unterziehen. Im Gegensatz zu PolitikerInnen, „BildungsexpertInnen“ und den von ihnen „gefütterten“ Medien äußere ich mich zu Bildungsstudien erst NACH deren Lektüre.

Doch meine Versuche, das Buch zu kaufen, scheiterten kläglich. Der Band würde „Ende Mai“ erscheinen, war vom Verlag zu erfahren. Genaues wisse man aber nicht, das Buch sei derzeit noch nicht erhältlich – ein unglaublicher Verstoß gegen jegliche Seriosität, von Wissenschaftlichkeit ganz zu schweigen: Die verantwortlichen Ländle-PolitikerInnen zitieren aus einer Studie, die der Öffentlichkeit bis auf Weiteres vorenthalten wird, und versuchen so, via mediale Berichterstattung Tatsachen zu schaffen, die einer seriösen Überprüfung entzogen werden.

Nach Erscheinen des ersten Bandes gelang es mir, rasch an den Bericht heranzukommen. Seine Analyse hat Vorarlberger GesamtschulfetischistInnen wenig Freude bereitet. Ein Grund für die jetzt gewählte Vorgangsweise? Ein paar Kostproben daraus:

  • 72 % der Eltern mit einem Kind an der NMS und 82 % der Eltern mit einem Kind in der AHS geben an, dass ihr Kind gerne zur Schule geht.
  • 81 % der SchülerInnen in der 6. und 8. Schulstufe an einer NMS und 84 % an der AHS sagen, sie seien mit ihrer Schule sehr zufrieden bzw. zufrieden.
  • Sehr hoch ist die Zufriedenheit der Eltern mit der Schule ihres Kindes – ohne Unterschied zwischen NMS und AHS: 90 % der Eltern wissen ihr Kind in guten Händen.
  • Sehr viele Eltern und SchülerInnen würden ihre Schule wieder auswählen.

Das durchsichtige Propagandamanöver mit der unter Verschluss gehaltenen Studie wird nach Vorliegen der Fakten wohl einmal mehr wie eine Seifenblase zerplatzen.

Die am Mittwoch veröffentlichten Ergebnisse der Mathematikklausuren bei der Zentralmaturapremiere haben bei manchen Vorarlberger Verantwortlichen aber schon jetzt für ein öffentlich wahrnehmbares Umdenken gesorgt. So berichten die „Vorarlberger Nachrichten“, dass Landesschulinspektorin Christine Schreiber „die vergleichsweise vielen Mathematik-‚Fünfer‘ auf den hohen Anteil an Oberstufenrealgymnasien“ zurückführt und – Geheimstudie hin oder her – Konsequenzen daraus zieht: „Angesichts der Ergebnisse gelte es jedenfalls, die Entscheidung, eine flächendeckende Gesamtschule einzuführen, nochmals zu überdenken …“ (1)

(1) Vorarlberg will aus „roter Laterne“ in Mathematik lernen. In: Vorarlberg online vom 27. Mai 2015.

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Gerhard Riegler: Trojanisches Pferd „Autonomie“

Wenn die Regierung „die heiklen, ungelösten Fragen einfach delegiert, dann ist das schlicht verantwortungslos und eine Pervertierung der Autonomie.“ (1) Mit diesen Worten analysiert der „Standard“ -Redakteur Michael Völker die aktuellen Pläne der Bundesregierung zur Bildungspolitik. Dem Wort „Autonomie“ droht wohl bald das Schicksal des (Un)Wortes „Experte“.

The Trojan Horse in the town of Canakkale TurkeyDabei bräuchte unser Schulsystem kompetente ExpertInnen ebenso dringend wie tatsächliche Autonomie. Denn viel zu lange schon werden Schulen an den kurzen Gängelbändern derer geführt, die entweder nie eine Unterrichtsstunde gehalten oder es vorgezogen haben, sich aus dem Unterricht in die Schulbürokratie oder Schulpolitik zu verabschieden. Die unglaubliche Pannenserie rund um die Zentralmatura hat auch der breiten Öffentlichkeit deren Kompetenz deutlich vor Augen geführt.

Wir LehrerInnen wünschen uns seit vielen Jahren mehr pädagogische Freiheit und das Vertrauen in unsere Professionalität, um vor Ort rasch und unbürokratisch auf die spezifischen Bedürfnisse unserer SchülerInnen eingehen zu können. Es würde einem erfolgreichen Unterricht dienen, würden sich die „Zentralstelle“, wie das Ministerium im Amtsdeutsch auch genannt wird, und die Landesschulräte bzw. der Stadtschulrat für Wien darauf konzentrieren, den PädagogInnen an den „nachgeordneten Dienststellen“ bestmögliche Rahmenbedingungen zu schaffen.

Die groß angekündigte „Autonomie“-Offensive aber droht zum Trojanischen Pferd zu verkommen. Was als „Mehr“ an Freiheit verkauft wird, scheint nichts anderes als eine autonome Mangelverwaltung zu beinhalten. Diese „Pervertierung der Autonomie“, wie es im Titel des „Standard“-Artikels heißt, bedroht die Qualität unseres Schulwesens massiv.

Zu hoffen ist, dass sattsam bekannte „ExpertInnen“ in den diversen Kommissionen endlich Fachleuten Platz machen. Das würde nämlich den Durchbruch zu einer Autonomie bringen, die den LehrerInnen das Vertrauen in ihre Professionalität zurückgibt. Fachleute würden darüber hinaus von der Politik Ressourcen einfordern, die den Erfordernissen eines erfolgreichen Unterrichts gerecht werden.

Um zu erkennen, was erfolgreichen Unterricht unterstützt, wäre allerdings nicht einmal hohe fachliche Expertise erforderlich. Lese- und minimale Fremdsprachenkompetenz würden ausreichen: „PISA data on autonomy shows that schools with more autonomy to make decisions on curriculum and instruction had better performance than those that did not, but school systems where schools had more autonomy regarding managing resources did not perform better.“ (2)

Ich fordere mehr Vertrauen in die „Helden des Alltags“ (© Mag. Mathias Brodkorb, Bildungsminister Mecklenburg-Vorpommerns) und Unterstützung für ihr pädagogisches Wirken. Die schulautonome Verwaltung des Ressourcenmangels lehne ich ab. Bis Vernunft und Einsicht einkehren, werde ich wie Kassandra vor dem Trojanischen Pferd „Autonomie“ warnen. Hoffentlich mit mehr Erfolg als sie!

(1) Michael Völker, Die Pervertierung der Autonomie. In: Standard online vom 24. März 2015.

(2) OECD (Hrsg.), Education Policy Outlook 2015 – Making Reforms Happen (Jänner 2015), S. 107.

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Es ist ja Fasching …

Während ich als einziger Frühaufsteher in der Familie alleine meinen Morgenkaffee schlürfe, versuche ich mir einzureden, dass die verschiedenen Meldungen der letzten Tage, die ich während des Frühstücks lese, nur durch ein Faktum erklärt werden können: Es ist Fasching.

bigstock-toy-the-clown-7166853_blogDer Vizekanzler antwortet auf die Frage, ob die ÖVP gegen die Gesamtschule sei: „Im Mittelpunkt stehen das Kind und die Eltern, die derzeit zu viel an Nachhilfe zahlen müssen. Ich möchte die Frage der Gesamtschule aber auch nicht aussparen. Auch da werden wir einen Weg finden – mit Modellregionen zum Beispiel.“ (1) Diese Aussage ist aus zweierlei Gründen bemerkenswert. Einerseits haben sich bei der Abstimmung im Rahmen des intensiv beworbenen „Evolutionsprozesses“, an der nur ÖVP-Mitglieder teilnehmen konnten, 84 % „für ein differenziertes Schulsystem“ ausgesprochen. Andererseits gehört Österreich international zu den Ländern mit dem geringsten Nachhilfeaufkommen. (2)

Seit Jahren ist bekannt, dass in diesen Tagen rund 20.000 SchülerInnen ihre „Vorwissenschaftlichen Arbeiten“ auf einen Server hochladen müssen. Die Beherrschung von Grundrechnungsarten reicht, um sich daraus die zu erwartende Serverbelastung ausrechnen zu können – und trotzdem steht alles still. Diese Panne war wirklich zu vermeiden, die erste Reaktion des Ministeriums peinlich und falsch („Die Verzögerung bzw. Fehlermeldung beim Upload passiert nur bei Arbeiten mit sehr umfangreicher Datenmenge (etwa durch nicht komprimierte Bilder bzw. Grafiken).“), und die Problembehebung mehr als mangelhaft. Und es wird kein Fettnapf ausgelassen. Obwohl die Daten diesmal nicht auf einem rumänischen Kapsch-Server liegen, lieferte die Sicherheitsprüfung der Domain die Bewertung „F“, was einem Sechser in unserem Notensystem entspräche. Einen Tag, nachdem ich diese Unglaublichkeit medial aufgezeigt habe, ist es immerhin schon ein „C“ geworden, was beweist, wie leicht es wäre … (3)

Aber Gott sei Dank gibt es „unabhängige Experten“ wie den Präsidenten des Rechnungshofes. „Warum uns der aufgeblähte Staat Milliarden kostet“, erklärt er der für ihren Qualitätsjournalismus bekannten „Krone“. (4) Der Anteil der Beschäftigen „in general government as a percentage of the labour force“ liegt in den am Hungertuch nagenden skandinavischen Staaten Finnland, Schweden, Dänemark oder Norwegen exorbitant über dem in Österreich (114, 145, 182 bzw. 187 % darüber). Im OECD-Mittel ist der Anteil immerhin noch um 45 % größer als hierzulande, und selbst in den USA, bekannt als Hort der staatlichen Planwirtschaft, liegt der Anteil um 35 % über dem in der Alpenrepublik. (5)

Und dann lese ich zum Abschluss folgende Meldung: „Schon vor der Notverstaatlichung Ende 2009 galt die Krisenbank Hypo Alpe-Adria als Eldorado für Berater. Vor allem aber in der Zeit danach, ab 2010, wurden jede Menge Experten, Gutachter und Consultants unter Vertrag genommen. Dafür wurden bis Ende 2013 bereits wieder Summen jenseits von 250 Mio. Euro ausgegeben.“ (6)

Mich beschleicht leider der Verdacht, dass dieses närrische Treiben am Aschermittwoch nicht zu Ende sein wird …

(1) Oliver Pink, Mitterlehner: „SPÖ schaut halt nicht zu, wie wir uns profilieren“. In: Presse online vom 11. Februar 2015.

(2) Bei PISA 2012 gaben 23 % der getesteten österreichischen Jugendlichen an, Mathematiknachhilfe zu bekommen. In Finnland waren es 47 %, in Südkorea 65 %, in Singapur 67 %, in Japan 70 % und in Shanghai 71 %. Siehe dazu PISA 2012-Datenbank, Abfrage vom 14. Februar 2015.

(3) Siehe Bernadette Bayrhammer, Zentralmatura: Sicherheitslücke bei Maturaplattform. In: Presse online vom 13. Februar 2015.

(4) Manfred Schumi, RH-Präsident Moser: Warum uns der aufgeblähte Staat Milliarden kostet. In: Kronen Zeitung online vom 13. Februar 2015.

(5) OECD (Hrsg.), Government at a Glance 2013, S. 103. Und falls sich der Herr Präsident mit Englisch ein bisschen schwer tut, kann er sich das auch in einem Bericht des Bundeskanzleramts ansehen: BKA (Hrsg.), Das Personal des Bundes 2014. Daten und Fakten (Wien 2014), S. 14.

(6) Staatsbank Hypo machte 250 Mio. Euro für Berater locker. In: ORF online vom 14. Februar 2015.

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