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Gerhard Riegler: Höhenflüge statt Talfahrten

Eineinhalb Wochen habe ich inzwischen in die Analyse der PISA-Daten investiert. Mit den PISA-Daten meine ich natürlich nicht nur den äußerst knapp gehaltenen Bericht des BIFIE, sondern die internationalen Berichte und die Auseinandersetzung mit den Rohdaten.

Ein Editorial bietet nicht ansatzweise den Rahmen, innerhalb dessen auf Details eingegangen werden könnte. Ganz abgesehen davon, dass ich erst einen kleinen Teil der Arbeit geleistet habe, die ich leisten möchte. PISA-Daten liefern nämlich in der Tiefe ungemein viele Informationen, die wertvoll wären, würde sich die Politik auf sie einlassen, was in Österreich bisher leider nicht gelungen ist. Statt „leider“ hätte ich vielleicht zutreffender „skandalöserweise“ schreiben sollen.

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Es drängt sich zunächst ein Vergleich zwischen PISA 2006 und PISA 2015 auf, da bei beiden Durchgängen mit den Naturwissenschaften dieselbe Hauptdomäne im Mittelpunkt stand. Der Vergleich der Ergebnisse der derzeit 28 EU-Staaten zeigt:

Österreichs 15-Jährige belegten vor dem Jahrzehnt der „Reformpolitik“ bei PISA 2006 die Plätze 7 (Mathematik), 7 (Naturwissenschaften) und 12 (Lesen), neun Jahre später sind sie auf die Plätze 10 (Mathematik), 12 (Naturwissenschaften) und 18 (Lesen) abgerutscht.

Eine verantwortungsbewusste Politik hätte spätestens an den Ergebnissen von PISA 2006 erkannt, dass das jahrzehntelange Verdrängen und Vertuschen des integrationspolitischen Handlungsbedarfs unübersehbare Folgen nach sich gezogen hat: Nicht wie in den beiden anderen Kompetenzbereichen am Ende des ersten Viertels des internationalen Orchesters, sondern nur im Mittelfeld landeten unsere 15-Jährigen mit ihrer Lesekompetenz bei PISA 2006. Dass Schwächen in der Lesekompetenz sehr stark auf die anderen Bereiche ausstrahlen, dass also in der Mathematik und den Naturwissenschaften noch weit bessere Platzierungen als am Ende des ersten Viertels möglich gewesen wären, sei ergänzend erwähnt.

Statt aber ehrlich zu sein, die Folgen einer jahrzehntelangen Vogel-Strauß-Politik einzugestehen und sich unverzüglich an die Behebung des von ihr verursachten Schadens zu machen, griff Österreichs Schulpolitik zur Propagandatrommel. Schlag um Schlag wurde die Verleumdungspolitik gegen unser Schulwesen und uns LehrerInnen geführt, ein Anschlag auf die Qualität unseres Schulwesens nach dem anderen unternommen.

Verkauft wurde dieses destruktive Treiben als „Reformen“. Um sich dafür in Medien Unterstützung zu verschaffen, holte man sich – zusätzlich zu den sündteuren Inseraten und „Medienkooperationen“ auf Kosten des Steuerzahlers – skurrile Typen, die sich „ExpertInnen“ nannten und unser Schulwesen medial mit völlig verrückten Vorwürfen überschütteten.

Die Schulpolitik des letzten Jahrzehnts hat erheblichen Schaden angerichtet, die Bilanz liegt in aller Ausführlichkeit auf dem Tisch. Jede Unternehmensleitung würde gegenüber den dafür Verantwortlichen rechtliche Schritte prüfen. Österreichs Schulpolitik ist angesichts dieser Bilanz zumindest aufgefordert, ihr Tun unverzüglich, ehrlich und schonungslos zu reflektieren. Reformen, die zu einem so deutlichen Qualitätsverlust geführt haben, sind als Fehlentscheidungen einzugestehen und schnellstens zurückzunehmen.

Um wieder dort zu landen, wo wir waren, bevor der Absturz provoziert wurde – nämlich am Ende des ersten Viertels –, sind schulpolitische Höhenflüge einzuleiten. Manche Aussage, die nach der Präsentation der aktuellen PISA-Ergebnisse zu hören oder lesen war, halte ich für eine Zumutung gegenüber allen an der Schule Beteiligten. Wer nach diesem Desaster der Reformen des letzten Jahrzehnts, die für diese Talfahrt sorgten, eine Beschleunigung der Reformen fordert, kommt mir vor wie ein Autofahrer, der von der Straße abkommt, über die Böschung fährt und glaubt, sich durch Vollgas retten zu können. Abgesehen von Irren und Selbstmördern würde dies niemand tun, es sei denn, er ist in Panik. Dass Panik Personen erfasst, deren schulpolitische Positionen zu diesem Schaden geführt haben, ist verständlich.

Irrsinn und Panik sind gleichermaßen schlechte Berater. Vernunft und Verantwortungsbewusstsein mögen endlich Österreichs Schulpolitik bestimmen!

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Gerhard Riegler: Das Ende einer fahrlässigen Schulpolitik

Der Absturz Baden-Württembergs beim innerdeutschen Leistungsvergleich von SchülerInnen der 9. Jahrgangsstufe (IQB-Bildungstrend 2015) könnte für Österreich Goldes wert sein. Der jähe Aufprall sollte nämlich einen Denkanstoß geben, und zwar auch über die Grenzen Deutschlands hinaus!

Baden-Württembergs SchülerInnen landeten bei derartigen Vergleichsstudien immer wieder in Deutschlands Spitzenfeld. Neben Bayern schien Baden-Württemberg einen Platz auf dem Podest gepachtet zu haben.

bildungswissenschaft-at_blogNach Jahren intensiver „Reformpolitik“, deren Phrasen bis ins Detail jener Propaganda glichen, der wir in Österreich schon so lang ausgesetzt sind, ist Baden-Württemberg von Deutschlands Spitze ins Mittelfeld abgerutscht und erreicht in etlichen Bereichen nicht einmal mehr durchschnittliche Ergebnisse.

Die Folgen einer Schulpolitik, die auf das Trommeln von Politphrasen statt auf das reiche Erfahrungswissen der PraktikerInnen und die ebenso reiche bildungswissenschaftliche Evidenz gesetzt hat, rufen jetzt Bestürzung in der schulpolitischen Chefetage hervor, aus der sich manche „Player“ inzwischen verabschieden mussten. Für die geschädigten jungen Menschen kommt dies leider zu spät. Unseren KollegInnen in Baden-Württemberg gilt meine tief empfundene Sympathie.

Eine Schulpolitik, die nicht genug Zeit findet, sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinanderzusetzen, und die zu abgehoben ist, um das Wissen der LehrerInnen als Basis ihrer Arbeit zu nutzen, hat sich in fahrlässiger Art und Weise auf windige „ExpertInnen“ verlassen und damit der Schule massiven Schaden zugefügt. Und damit bin ich auch schon in Österreich gelandet.

Seit wenigen Tagen kann sich jeder schulpolitisch Interessierte – und das sollten politische EntscheidungsträgerInnen doch wenigstens sein – mit extrem wenig Aufwand auf www.bildungswissenschaft.at über aktuellste bildungswissenschaftliche Erkenntnisse informieren. Es steckt in dieser Website enorm viel Arbeitszeit. Bei der steirischen ZA-Mandatarin Gudrun Pennitz, ohne die ich dieses Werk nie geschafft hätte, möchte ich mich dafür herzlichst bedanken.

Wir wollten einer fahrlässigen Schulpolitik einen Riegel vorschieben. Ich bin davon überzeugt, dass uns dies gelungen ist. Sollte nämlich weiterhin Schulpolitik an der bildungswissenschaftlichen Evidenz vorbeigeführt werden, kann nicht mehr von Fahrlässigkeit gesprochen werden. Dann ist Vorsatz am Werk, wenn es LehrerInnen sukzessive erschwert bis verunmöglicht wird, im Interesse ihrer SchülerInnen erfolgreiche Arbeit zu leisten.

Ich hoffe doch sehr, dass niemand unser Schulwesen vorsätzlich in den Graben fahren will.

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Gerhard Riegler: Genug der Ehre

Soll ich mich am Beginn des Schuljahres mit einem „Experten“ auseinandersetzen, der vor wenigen Tagen gefordert hat, die Mitwirkungsrechte der Lehrervertretung im Schulwesen auf ein Minimum zu reduzieren? (1) Oder ist für ihn die Erwähnung in den Fußnoten der Ehre genug?

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Soll ich in Erinnerung rufen, dass dieser „Experte“ vor einem Jahr davon geschwärmt hat, dass in der Privatwirtschaft DienstgeberInnen über „eine schlagkräftige Organisation“ verfügen, der die DienstnehmerInnen kaum etwas Gleichwertiges entgegensetzen können, und darüber geklagt hat, dass im österreichischen Schulwesen „die Situation hier offensichtlich umgekehrt gestaltet“ sei. (2) Oder ist für ihn die Erwähnung in den Fußnoten der Ehre genug?

Soll ich mich mit Aussagen von PolitikerInnen befassen, die diese nach der Präsentation der aktuellen Ausgabe der OECD-Studie „Education at a Glance“ getätigt haben? Oder verdienen Menschen, die Studien kommentieren, die sie ganz offensichtlich nicht gelesen haben, nicht einmal eine Erwähnung in den Fußnoten?

Ich will es mit Eckehard Quin halten: „Ich muss nicht zu jedem Schwachsinn etwas sagen.“ (3) Ich will stattdessen grundlegende Ergebnisse der OECD-Studie skizzieren, die über 500 Seiten umfasst, zu denen noch hunderte Tabellen hinzukommen, die nur online präsentiert werden:

Österreich gehört zu den Staaten, in denen

  • die wenigsten jungen Menschen als SchulabbrecherInnen das Schulwesen verlassen,
  • SchülerInnen vergleichsweise jung den Abschluss der Sekundarstufe II erreichen und
  • die meisten jungen Menschen, von denen kein Elternteil einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II erreicht hat, diesen so wichtigen Bildungsabschluss schaffen. Da in Österreich jahrzehntelang Integrationspolitik verabsäumt wurde, gelingt Menschen mit Migrationshintergrund der Bildungsaufstieg leider weit seltener.

Österreichs Schulwesen ist im internationalen Vergleich erfolgreich, obwohl uns weit weniger Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, als uns zustünden. Auch „Education at a Glance 2016“ belegt diese gravierende Unterfinanzierung: 3,2 % des Bruttoinlandsprodukts fließen in unserem Land ins Schulwesen, 3,8 % sind es im OECD-Mittel, nicht weniger als 4,8 % in Großbritannien. (4) Im OECD-Mittel ist der BIP-Anteil für das Schulwesen in den letzten beiden Jahrzehnten leicht gewachsen, in Österreich wurde er von „Reform“ zu „Reform“ verkleinert – in Summe um nicht weniger als ein Viertel! 0,6 % des BIP, die unserem Schulwesen für eine lediglich mittelmäßige Ressourcenausstattung fehlen, bedeuten zwei Milliarden Euro jährlich!

Unterstützt wurde die Politik des Sparens auf Kosten der Bildung von „ExpertInnen“ und ihrer zweifach irrwitzigen Parole, Österreich habe ein leistungsschwaches, aber teures Schulsystem.

Österreichs Schulwesen und seinen LehrerInnen, die unter schwierigsten Rahmenbedingungen Hervorragendes leisten, kann nicht genug der Ehre widerfahren. Sie verdienen maximale Unterstützung. Der in die Fußnote verbannte „Experte“ aber verdient die scharfe Kritik des Jugendsoziologen Mag. Bernhard Heinzlmaier, die soeben auf meinem Bildschirm gelandet ist: „Heute erscheint Arroganz, Dünkel und Überheblichkeit in Kombination mit dem zügellosen Einsatz von Manipulation und parteilicher Demagogie zum gesamtgesellschaftlichen Phänomen geworden zu sein.

(1) Siehe Petra Stuiber, Experte will Schulreform mit Lehrern, aber ohne Gewerkschaft. In: Standard online vom 20. September 2016.

(2) Lorenz Lassnigg, Politics – Policy – Practice. Eckpunkte einer sinnvollen Weiterentwicklung des Schulwesens (2015), S. 45.

(3) Zit. n. Lisa Kogelnik, Lehrergewerkschaft wehrt sich. In: Standard online vom 21. September 2016.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure B2.2.

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Gerhard Riegler: Die sinkende Qualität

Wie abstrus die Behauptung des „Bildungsexperten“ Dr. Salcher ist, Österreich habe „mittlerweile das zweitteuerste Schulsystem der Europäischen Union mit der Tendenz, dass es unfinanzierbar wird“ (1), habe ich in meinem Kommentar vom 25. September aufgezeigt. Was Dr. Salcher aber mit seiner anschließenden Behauptung, dass unser Schulwesen „in der Qualität sinkt“, gemeint hat, frage ich mich bis heute.

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  • Versteht Dr. Salcher unter „sinkender Qualität“, dass Österreich zu den Staaten gehört, in denen die wenigsten SchülerInnen ihre Schullaufbahn beenden, ohne einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II geschafft zu haben? In Finnland ist deren Anteil um mehr als ein Drittel größer, in Italien, dessen Gesamtschulwesen von manchen „BildungsexpertInnen“ als Vorbild propagiert wird, sogar mehr als doppelt so groß. (2)
  • Versteht Dr. Salcher unter „sinkender Qualität“, dass Österreich unter allen achtundzwanzig EU-Staaten mit 10,8 % hinter Deutschland die zweitniedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweist, während sie im hochgelobten Finnland bereits auf 23,7 %, in Italien sogar auf über 40 % gestiegen ist? (3)
  • Versteht Dr. Salcher unter „sinkender Qualität“, dass in Österreich, Gott sei Dank, nur 9,6 % der 20- bis 24-Jährigen als NEETs („Not in Education, Employment and Training“) auf der Straße stehen, während es in Finnland um die Hälfte mehr und in Italien mit 32,0 % sogar mehr als drei Mal so viele sind? (4)

Das und vieles mehr wird erreicht, obwohl Österreichs Schulwesen zusätzlich zu allen anderen Aufgaben seit Jahren durch die Migration mit Herausforderungen konfrontiert ist, wie sie in dieser Dimension in kaum einem anderen OECD-Staat gegeben sind, und trotz der Tatsache, dass Österreichs LehrerInnen so wenig Supportpersonal zur Seite haben, wie dies in keinem anderen Staat der Fall ist.

Oder sind Dr. Salchers einzige Qualitätsindikatoren PISA-Platzierungen? Und selbst da läge er daneben, wie Mag. Dr. Eckehard Quin in seinem „Faktencheck“ vom 4. Oktober eindrucksvoll dargelegt hat. (5)

Wenn Österreichs Politik auf „BildungsexpertInnen“ setzt, denen es an Wissen oder Ehrlichkeit fehlt, sinken die Chancen der Jugend unseres Landes, sich auch in Zukunft in einer privilegierten Situation zu befinden, um die sie von Gleichaltrigen anderer Staaten beneidet wird. Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann hat es vor einem Jahr in der „Wiener Zeitung“ überaus höflich formuliert: „Bei den von mir kritisierten Bildungsexperten ist der wissenschaftliche Status mitunter ja etwas uneindeutig.“ (6)

Ich möchte Liessmanns Aussage mit einer optimistischen Einschätzung ergänzen: „Die Qualität ihrer Beiträge zur sogenannten „Bildungsdiskussion“ aber kann eindeutig nicht mehr sinken.“ Hoffentlich werde ich nicht eines Besseren belehrt!

(1) Dr. Andreas Salcher, €co, ORF 2 am 17. September 2015.

(2) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 6. Oktober 2015.

(3) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 30. September 2015.

(4) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 6. Oktober 2015.

(5) Eckehard Quin, Faktencheck. In: QUINtessenzen vom 4. Oktober 2015.

(6) Bettina Figl, Interview mit Konrad Paul Liessmann: „Die ideale Schule wäre eine Katastrophe“. In: Wiener Zeitung online vom 9. Oktober 2014.

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Gerhard Riegler: Vorsätze …

Ich habe mir während der Sommerferien vorgenommen, mich im neuen Schuljahr nicht durch jeden Unfug, der dahergeredet wird, provozieren zu lassen und sattsam bekannten „BildungsexpertInnen“ in ihren Parallelwelten möglichst wenig Beachtung zu schenken. Ein Vorsatz …

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Als ich am Donnerstag der Vorwoche im €co-Journal Dr. Andreas Salcher seine Weisheiten von sich geben sah, war es vorbei mit meinem Vorsatz. Was Österreichs „Bildungsexperte Nr. 1“ im Brustton der Überzeugung dozierte, ist derart weit von der Realität entfernt, dass es meine Selbstbeherrschung überforderte.

Ich zitiere Dr. Salcher:

Wir haben mittlerweile das zweitteuerste Schulsystem der Europäischen Union mit der Tendenz, dass es unfinanzierbar wird. […] Das heißt einfach, dass dieses System in den Kosten explodiert und in der Qualität aber sinkt.“ (1)

Die Realität kann jeder lesekompetente Mensch nachlesen:

  1. Österreich hat keineswegs „das zweitteuerste Schulsystem der Europäischen Union. Unter den 20 EU-Staaten, zu denen die aktuellste Ausgabe der OECD-Studie „Education at a Glance“ (2) Angaben liefert, belegt Österreich mit einem Anteil von nur 3,6 Prozent des BIP für das Schulwesen den elften Platz. Den größten Anteil des BIP investieren in ihr Schulwesen Großbritannien, Irland, Belgien und Dänemark.
  2. Die Kosten für unser Schulwesen „explodieren“ keineswegs. Ganz im Gegenteil! Der Anteil des BIP, der Österreichs Schulwesen zur Verfügung gestellt wird, ist seit 1995 um 15 Prozent gesunken, während er im selben Zeitraum im OECD-Mittel um 7 Prozent erhöht wurde und inzwischen deutlich über dem Österreichs liegt. (3)

Drei brisante Fragen stellen sich mir angesichts dessen:

  1. Kennt der ORF wirklich niemanden, der zu Österreichs Schulwesen kompetenter Auskunft geben kann als Dr. Salcher?
  2. Warum hat der ORF in diesem Fall auf den „Fakten-Check“, der die Aussagen als wahrheitswidrig erwiesen hätte, verzichtet?
  3. Gibt es einen Auftraggeber für wahrheitswidrige Aussagen, die in der Öffentlichkeit die Stimmung für ein weiteres Sparen auf Kosten unseres Schulwesens aufbereiten sollen?

Meinen Vorsatz will ich zumindest insofern einhalten, dass ich mich nicht mehr frage, ob Dr. Salcher selber glaubt, was er sagt.

(1) Dr. Andreas Salcher, €co, ORF 2 am 17. September 2015

(2) OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014: OECD Indicators (2014), Table B.2.2.

(3) ibidem

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Gerhard Riegler: Schöne neue Bildungswelt

An Juvenals „difficile est saturam non scribere“ erinnerte mich ein Kommentar Rudolf Öllers mit dem vielsagenden Titel „Die Bildungsbegrenzungsverordnung“. Er zeichnet ein völlig verrücktes Szenario, was aber nicht heißen soll, dass es völlig realitätsfern ist.

Dark abstract concrete interior. Man stands in the light of opening.

Die „Bildungsstaatsanwaltschaft“ verfolgt in dieser düsteren Vision Vergehen wie das illegale Betrachten von naturwissenschaftlichen Dokumentationen und Verbrechen wie das illegale Unterrichten der Infinitesimalrechnung.

Manch‘ LeserIn wird Öllers Zukunftsszenario für maßlos übertrieben halten, vielleicht auch als Panikmache zur Seite schieben wollen. Das taten wohl auch viele, als sie dereinst Orwells Roman „1984“ gelesen hatten. Mittlerweile sind Orwells düstere Prognosen nicht nur dank NSA in manchen Bereichen von der Realität übertroffen worden.

Zurück zur „Bildungsbegrenzungsverordnung“: Ziel „fortschrittlicher“ Bildungspolitik ist es, Chancengleichheit in erster Linie durch „Chancenbegrenzung“ zu erreichen. Kinder sollen möglichst früh und möglichst lang dem Einfluss ihrer Eltern entzogen werden. Die schöne neue „hausübungsfreie“ Welt wird gelebt. Eltern sollen in ihrer „Freizeit“ gemeinsam mit ihren Kindern der Spaß- und Konsumgesellschaft huldigen: vom Freizeitpark in den Shoppingtempel und abends ab vor das Pay-TV-Gerät. Das kurbelt den Konsum an und belebt die Wirtschaft.

Eltern, die mit ihren Kindern das Einmaleins üben oder gar Vokabel wiederholen, wird von der „ExpertInnen“-Propaganda das schlechte Gewissen vermittelt, sie seien schuld, wenn sich MitschülerInnen aus bildungsferneren Familien schlecht fühlen. „Gute“ Eltern wünschen sich Kinder, die ganztagsschulbetreut um 18:00 Uhr lächelnd und hausübungsfrei im trauten Heim erscheinen, um sich schulstressfrei der Nutella-Familienidylle hingeben zu können.

Dass weder die Ganztagsschule noch die Gesamtschule – Österreichs „BildungsexpertInnen“ verwechseln die Begriffe aus Einfalt oder Absicht noch immer – mehrheitsfähig sind, kümmert eine „fortschrittliche“ Bildungspolitik wenig. Wer Widerstand leistet, wird zwangsbeglückt. Völlig verrückt, aber leider gar nicht realitätsfern!

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Die Weisesten und die Dümmsten

Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“ An diese Worte Konrad Adenauers musste ich denken, als ich die Antwort Bernd Schilchers (1) auf den „Standard“-Kommentar Konrad Paul Liessmanns (2) las. Unterschiedlicher könnten die Argumentationslinien der beiden tatsächlich nicht sein.

Wise versus stupid concept on two pieces of jigsaw puzzle

Liessmann: „Worauf beruhen denn unsere Errungenschaften? Worauf beruht unsere Wissenschaft? Worauf beruht unsere Technik? Worauf beruht unser ökonomischer Fortschritt, von dem wir alle zehren? Genau auf diesen Bildungssystemen, von denen wir glauben, sie waren die schlechtesten aller Zeiten.“ (3)

Schilcher: „Sie können Lern- und soziale Prozesse nicht in einem Halbtag erledigen – noch dazu mit „Auspufflehrern“, die, sobald ihre Stunde fertig ist, heimfahren, man also nur mehr ihr Auto von hinten sieht.“ (4)

Liessmann: „Die Peinlichkeiten der ersten zentralisierten und kompetenzorientierten Reifeprüfung waren nur ein Vorspiel zu dem, was sich in naher Zukunft zeigen wird: Was als Farce in den Köpfen einiger Bildungsbürokraten begonnen hat, wird später bei Kindern und Jugendlichen als Tragödie enden.“ (5)

Schilcher: „Ich muss daher lachen, wenn manche von einem Niveauverlust durch die neue Matura reden. Wie kann man ein Niveau verlieren, das nicht vorhanden ist? Kein Niveau kann man nicht verlieren.“ (6)

Liessmann: „Ein erster Ansatz wäre, einmal denen zuzuhören, die täglich mit Fragen der Erziehung und Bildung befasst sind: den Lehrern zum Beispiel. Dazu wäre es aber notwendig, sie zu ermutigen, ihre Erfahrungen und ihr Wissen zu publizieren, ohne sofort mit dem Verweis rechnen zu müssen, dass sie ohnehin nur ihre Standesinteressen vertreten.“ (7)

Schilcher: „Nicht ein einziges seiner „Argumente“ stammt von Liessmann. Alles was er auf vielen Seiten sagt […] ist bereits von den Besitzstandswahrern der AHS Gewerkschaft vorformuliert worden. Nicht selten wortwörtlich. Nur dass Quinn [sic!] & Co. zugeben, bloße Interessensvertretung zu betreiben, während der Herr Professor aus all dem eine „Theorie der Unbildung“ macht.“ (8)

An diesem Punkt der Invektive des „Bildungsexperten“ gegen den Philosophen musste ich schmunzeln, denn Worte des Konfuzius schossen mir durch den Kopf: „Nur die Weisesten und die Dümmsten können sich nicht ändern.

(1) Bernd Schilcher, Das Vernunftproblem des obersten Bildungsbürgers. In: Standard online vom 21. September 2014.

(2) Konrad Paul Liessmann, Die Bildungsexperten. In: Standard online vom 13. September 2014.

(3) Konrad Paul Liessmann in „Pro und Contra“ auf Puls 4 am 15. September 2014.

(4) Bernd Schilcher, Plädoyer gegen die Halbtagsschule. In: Presse online vom 14. Juni 2007.

(5) Konrad Paul Liessmann, Von der Farce in den Köpfen einiger Bildungsbürokraten. In: Format online vom 1. September 2014.

(6) Bernd Schilcher, „Kein Niveau kann man nicht verlieren“. In: Standard online vom 23. Juni 2009.

(7) Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift (Wien 2014), S. 44.

(8) Schilcher, Vernunftproblem. Ich habe die Interpunktion des Originals unverändert übernommen.

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