Gudrun Pennitz: Die Stunde der BildungsentsorgerInnen

Während das „Corona-Semester“ hierzulande mehr oder weniger erfolgreich zu Ende gebracht wird, taucht am schulischen Horizont ein zarter Hoffnungsschimmer auf. Ab Herbst, so wünschen es sich sicher nicht nur wir LehrerInnen, möge ein halbwegs normaler Unterrichtsalltag wieder Einzug halten an den Schulen. In Deutschland glauben währenddessen altbekannte BildungsentsorgerInnen, ihre Stunde sei gekommen. Sie nützen die Sorge um den Schulerfolg der Schwächeren im nächsten Jahr als Deckmäntelchen, um den Bildungsinhalten an den Kragen zu gehen. Eine von der Friedrich-Ebert-Stiftung zusammengestellte „Expertenkommission“ kommt nämlich zu dem Schluss, dass „das übliche Stoffpensum“ im nächsten Schuljahr sicher nicht behandelt werden könne. Die Schule müsse sich auf ihre „Kernaufgaben“ konzentrieren und Lehrpläne verschlanken. Ideen, welche Stoffbereiche als verzichtbar gelten, werden gleich mitgeliefert: „beispielsweise Lyrik im Fach Deutsch.“ Bildungsinhalte als Gerümpel, Lehrpläne, die entrümpelt werden müssen. An solche Zumutungen erinnern wir österreichischen LehrerInnen uns noch allzu gut.

Klassenarbeiten oder Tests müssten ebenfalls reduziert werden. Auch die Bedeutung von Noten für Übergangsentscheidungen sei zu überdenken. Und natürlich sollte vor diesem Hintergrund auf das klassische Sitzenbleiben verzichtet werden. (1)

Bei all diesen leistungsfeindlichen Phantasien geht die Erkenntnis beinahe unter, auf welchen Stellenwert Bildungsinhalte nicht nur in Deutschlands Bildungswesen ohnehin schon reduziert wurden. Literatur erscheint manchen als ungeliebter Rest eines bürgerlichen Bildungsguts, der bei erster Gelegenheit endgültig entsorgt werden soll.

Der Artikel wurde auf Facebook übrigens mit folgendem bezeichnenden Kommentar einer Leserin versehen: „Richtig so! An 80 % der Dinge, die ich damals in der Schule gelernt habe, kann ich mich nicht mehr erinnern.“ Man solle an den Schulen doch besser lehren, wie man einen Zahlschein ausfüllt.

Ich wünsche mir eine Herdenimmunität gegen dieses Virus der Geistlosigkeit!

(1) Siehe „Kosinussatz streichen! Lyrik verkürzen!“: Das nächste Schuljahr kann nur gelingen, wenn die Lehrpläne abgespeckt werden. In: www.news4teachers.de vom 7. Juni 2020.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


7 Gedanken zu “Gudrun Pennitz: Die Stunde der BildungsentsorgerInnen

  1. Der Einleitungssatz des Artikels, auf den sich Koll. Pennitz bezieht, lautet folgendermaßen:

    „Einen völlig unbeschränkten Unterricht wie vor der Corona-Krise wird es auf absehbare Zeit wohl kaum geben können. Aber was geht stattdessen? Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung wollte es genauer wissen und hat eine prominent besetzte Expertenkommission aus Wissenschaft, Schulpraxis, Eltern- und Schülerorganisationen und den Schulträgern zusammengestellt. Die Fachleute haben ihren umfassenden Bericht nun präsentiert. Ihre Forderung: Schule muss sich inhaltlich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren – und dafür sowohl Lernpläne kurzfristig verschlanken sowie auf den üblichen Prüfungsturnus verzichten.“

    Weiter unten heißt es dann:
    Wichtig aus Sicht der Experten: „Es sollten keine Stundenplankürzungen ausschließlich zu Lasten der sogenannten Nebenfächer erfolgen.“

    Und:
    Andererseits sei klar, dass nicht das übliche Stoffpensum behandelt werden könne. Deshalb fordern die Fachleute: „Für das Schuljahr 2020/21 sollten Kürzungen in den Lehrplänen bzw. in den erwarteten Leistungszielen aller Fächer vorgenommen werden.“

    Ein unvoreingenommener Leser muss zu dem Schluss kommen, dass es hier nicht um den Regelunterricht geht, sondern um eine zeitlich beschränkte Art von verkürztem Unterricht, wie wir ihn zum Beispiel in Österreich im Mai / Juni praktizieren / praktiziert haben. Sonst würde der Satz von den Stundenplankürzungen zu Lasten der Nebenfächer [Anmerkung E.W.: z.B. Musik, Sport] überhaupt keinen Sinn machen. Und glaubt vielleicht jemand, dass wir in Ö im Mai / Juni das „übliche Stoffpensum“ behandelt haben?

    Aber wenn eine „prominent besetzte Expertenkommission aus Wissenschaft, Schulpraxis, Eltern- und Schülerorganisationen und den Schulträgern“ flugs zu „altbekannte BildungsentsorgerInnen“ mutiert, dann kann offenbar von Unvoreingenommenheit der Berichterstatterin sowieso keine Rede sein.

  2. ..Nur als Ergänzung – es hat schon immer Aufrufe zur Lehrplanverschlankung gegeben – und wird sie auch weitergeben..man sollte es den Schulen überlassen, was sie den Schülern mitgeben..die meisten Lehrer haben da ein ganz gutes Gespür und nehmen den Lehrplan als Leitfaden (mehr oder weniger mäandernd),nach elf Unterichtsjahren kann ich das so sagen (glaube ich)..wichtig ist eine gute Balance zwischen Anforderung bzw. Strenge und ziehen lassen – den was die jungen Leute nach ihrer Schulzeit machen, das hängt von vielen anderen Dingen ab, auf die die Schule nur wenig Einfluss hat…von meiner Schulzeit (Piaristen-Gymnasium, 1980 -1990er Jahre) weis ich auch nicht mehr viel, aber darauf kommt es auch nicht an, denke ich… die Lehrer haben sich um uns bemüht..jeder/jede auf seine Weise..und das war schon viel wert.

  3. ein breites Bildungsangebot im Gymnasium, aber nicht nur dort, ist unverzichtbar. Im späteren Leben (Studium, Beruf) stellt sich dann heraus, was man davon mitnimmt. Ich glaube der Leserin schon, dass sie 80% vom Gelernten wieder vergessen hat, aber das heißt, nicht, dass es unnötig war, denn sie konnte ja von vornherein nicht wissen, was für sie einmal relevant sein würde.

    1. Der letzte Satz – „denn sie konnte ja von vornherein nicht wissen, was für sie einmal relevant sein würde“ – gefällt mir nicht, denn er legitimiert letztendlich die ewige Schülerfrage „Za wos brauch‘ ma des?“

      Ich sehe das mehr so wie im Sport: Wer käme da auf den Gedanken, zu fragen, wann er je im Leben Klimmzüge brauche würde? Körperliche Ertüchtigung ist ein Gesamt-Unternehmen, ebenso wie geistige Ertüchtigung. Da kann man nicht jeden Schritt einzeln hinterfragen. (Siehe auch die letzten Zeilen von Koll. Wartmann.)

  4. Sagen Sie, Herr Quin, schämen Sie sich eigentlich gar nicht, (m)einen Kommentar einfach zu zensurieren, nur weil ich Frau Pennitz eine Fehlleistung nachgewiesen habe?

    Zu der von mir behaupteten Voreingenommenheit gibt es nur zwei Alternativen: entweder Unfähigkeit, einen Text sinnerfassend zu lesen, oder bewusste Manipulation. Ich habe mich sowieso für die gelindeste der drei Varianten entschieden.

    Anmerkung Quin: Ich zensuriere keine Kommentare. Mir ist daher nicht klar, wovon Herr Wallner spricht. (Eine Verzögerung bei der Veröffentlichung ist keine Zensur und kann schon einmal an einem Wochenende vorkommen, wenn man wie ich oft eine dreistellige Zahl von Mails pro Tag bekommt.)

  5. Ad: Anmerkung Quin:

    Ich spreche von einem Kommentar, den ich vor eineinhalb Tagen abgeschickt habe – ich hatte mich darin mit dem Originaltext der Anmerkung (1) des Beitrags von Frau Pennitz befasst.
    Ein Blick in meinen Posteingang zeigt dort eine Aufforderung zu „Abonnieren bestätigen“ vom Samstag 15:59. Ich muss also wohl diesen meinen Beitrag ordnungsgemäß abgeschickt haben und bilde mir nichts ein.

    Meine Anfrage an Koll. Quin hätte ich gar nicht verfasst, wenn mir so etwas (= ein kritischer Kommentar von mir erschien nicht) nicht auch schon früher einmal passiert wäre. Und für eine Veröffentlichung war sie auch gar nicht gedacht – ich besitze bloß keine E-Mail Adresse von Koll. Quin und nahm an, er würde sich (falls überhaupt) direkt an mich wenden – oder am besten zuerst ein evtl. übersehenes Mail suchen.

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