Gerhard Riegler: Prosit 2018

Die Weihnachtsferien habe ich der Lektüre zahlreicher Studien und bildungswissenschaftlicher Publikationen gewidmet und manch Spannendes gelesen. Mehrmals war ich mir im Lauf der beiden Wochen sicher, den Fakten und Erkenntnissen, mit denen ich mich gerade beschäftigte, mein erstes Edit des Jahres 2018 zu widmen. Entschieden habe ich mich letztlich für Informationen, die ich dem „Global Talent Competitiveness Index 2017“ entnommen habe:

Österreich gehört zu den Top 5 der 28 EU-Staaten mit dem höchsten kaufkraftbereinigten BIP pro EinwohnerIn. Vor uns liegen nur Luxemburg, Irland und die Niederlande. Mit dem Blick in die Zukunft sollten wir uns bei allen Herausforderungen und auch Sorgen dieser privilegierten Stellung bewusst sein!

Da Bildung Österreichs wichtigster Rohstoff ist, dürfen wir Lehrerinnen und Lehrer als Bildungsverantwortliche der Praxis auf diese Position unseres Landes wohl auch mit Stolz schauen. Wir scheinen nicht gerade das schlechteste Schulwesen zu haben. Wir dürften mit dem Rohstoff Bildung nicht so schlecht gewirtschaftet haben.

Wer den 359 Seiten umfassenden „Global Talent Competitiveness Index 2017“ zu Ende liest, stößt aber auch noch auf eine weitere Information, die ich für höchst erwähnenswert halte: Österreich gehört laut diesem Bericht auch zu den Top 5 der 28 EU-Staaten, deren Bevölkerung die größte Aufwärtsmobilität erlebt. Unser Land befindet sich in der Gruppe der fünf Staaten, in denen Menschen die größten Chancen zugeschrieben werden, dass sie über eigene Anstrengung und Leistung auch aus sozioökonomisch schwachem Elternhaus nach oben kommen.

Wie oft mussten wir uns seit der Jahrtausendwende von Pseudo-ExpertInnen das Gegenteil dessen nachsagen lassen? „… es ist genau wie beim Fußball, da gibt es sehr viele Trainer und bei der Schule gibt es sehr viele Schulmeister. Ich habe mir vorgenommen, ein bisschen mehr Rationalität in die Schuldiskussion zu transportieren“, so Österreichs neuer Bildungsminister. (1)

As education ministers, we have a vital role – and I would even say a duty – to base our policies on sound evidence, not fashionable, experimental theory.“ So hat es der britische Schulminister Nick Gibb bei seiner Ansprache vor dem Education World Forum am 24. Jänner 2017 formuliert.

Dafür die Basis zu legen, dass Österreich ein privilegiertes Land bleibt, ist unser Auftrag als Lehrerinnen und Lehrer. Auftrag und Pflicht der Politik ist es, uns dabei nach Kräften zu unterstützen: mit einer Schulpolitik, die auf die Expertise der Lehrerinnen und Lehrer setzt und dem Schulwesen einen fairen Anteil am erwirtschafteten BIP zur Verfügung stellt.

Auf viel mehr Rationalität in Österreichs Schulpolitik, auf ein erfolgreiches Jahr 2018!

(1) Übernehmen Sie ein Himmelfahrtskommando? In: Krone online am 23. Dezember 2017.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Prosit 2018

  1. Ad: „Österreich gehört zu den Top 5 der 28 EU-Staaten mit dem höchsten kaufkraftbereinigten BIP pro EinwohnerIn. Vor uns liegen nur Luxemburg, Irland und die Niederlande. Mit dem Blick in die Zukunft sollten wir uns bei allen Herausforderungen und auch Sorgen dieser privilegierten Stellung bewusst sein!“

    Wenn ich den Begriff „kaufkraftbereinigtes BIP“ nicht falsch verstehe, dann gibt es an, wieviel sich Menschen leisten können (Lebenshaltungskosten). Demnach können sich nur in drei EU-Staaten die Menschen mehr leisten als bei uns. Dass ausgerechnet Irland vor uns liegt, überrascht dabei auf den ersten Blick. Die Fußnote #5 auf der Website https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Bruttoinlandsprodukt_pro_Kopf
    erklärt, warum – und dass Irland eigentlich gar nicht auf die Liste gehörte. Auch Luxemburg ist wegen seiner vielen Grenzgänger nicht vergleichbar – siehe Fußnote #4. Auf dieser Wiki-Liste steht übrigens Deutschland auf Platz 20 weltweit vor Österreich (22.). Wie man sieht, sind solche Rankings nicht in Stein gemeißelt.

    Mich macht aber noch etwas anderes stutzig: Im aktuellen Daten-Dienstag sind unsere Bundeländer aufgelistet hinsichtlich der Kindergarten-Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache. Die Spanne reicht von 14,2% in Kärnten bis zu 63,3% im bevölkerungsreichsten Wien. Österreich ist also eines der EU-Länder mit den meisten Zuwanderern.
    Und ausgerechnet diese vielen Zuwanderer sollen alle so gut verdienen, dass sie das ganze Land mit an die Spitze in Sachen BIP heben? Oder anders interpretiert: Die „echten“ Österreicher verdienen so viel, dass sie sogar die vielen Migranten in der Statistik mitziehen?

    Mir kommt das unplausibel vor – auch wenn ich zu Sylvester wieder mal gesehen habe, wieviel Geld unsere Leute buchstäblich zum Verpulvern haben.

    1. Lieber Kollege Wallner, es ist auch für mich fast unglaublich, was Österreich trotz der enormen Herausforderung schafft, die durch das jahrzehntelange migrations- und integrationspolitische Versagen entstanden ist. Dabei denke ich an die Leistungen bezüglichder Wirtschaftskraft ebenso wie an die Leistungen unseres Schulwesens.

      Wenn sich dieselbe Politik, die für das gravierende Versagen verantwortlich ist, erdreistet, unser Schulwesen und seine Lehrerinnen und Lehrer zu diffamieren, tue ich mir mit der Selbstbeherrschung schwer.

      1. Wenn man die beiden statistischen Sonderfälle Irland und Luxemburg herausrechnet, dann wären wir, zusammen mit den Niederlanden und Deutschland, also EU-Spitzenreiter beim (kaufkraftbereinigten) BIP.

        Wie passt das zusammen damit, das wir eine Regierung haben, die von einer Mehrheit der Bevölkerung gewählt wurde, welche glaubt, dass uns die „Ausländer“ die Haare vom Kopf fressen – sodass wir als Allererstes gleich einmal deren Kinderbeihilfe kürzen müssen?

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