Herbert Weiß: Sichtbarer Unsinn

Als geradezu skurril empfinde ich, welche Retro-Ansichten im Schatten der Coronakrise von manch altbekannten Meistern aufgewärmt werden. So wettert etwa Ferdinand Eder (1) im „Standard“ mit den Worten „Da wird der Unsinn sichtbar“ über die Leistungsbeurteilung. Wilhelm Weinhäupl, Leiter des Montessori-Vereins Salzburg, bezeichnet die SchülerInnen sogar als „Opfer eines falschen Leistungsbegriffs„. (2)

Manch arme ZeitgenossInnen scheinen unter unheilbarer Allergie gegenüber Leistung und deren Messung zu leiden. Zum Glück aber haben Menschen, die unter dieser Krankheit leiden, nicht mehr das Sagen in Österreichs Schulwesen. Dass sie das Sagen leider viel zu lang hatten, hat tiefe Spuren in Österreichs Klassenzimmern hinterlassen. Auch die OECD hat schon wiederholt die geringe Leistungsmotivation von Österreichs SchülerInnen aufgezeigt. Über nur durchschnittliche Platzierungen bei PISA-Rankings werden in Medien regelmäßig Krokodilstränen vergossen. Dass die Leistungsfeindlichkeit der Schulpolitik und ihrer „ExpertInnen“ Früchte trägt, findet leider kaum mediale Beachtung.

Wichtig wäre, das Fachpersonal an allgemeinbildenden Schulen bei der Hinführung zu Leistung (nicht gleichzusetzen mit Überforderung) zu stärken, denn nicht selten entstehen Absenkung des Leistungsniveaus und beschönigende Notengebung auf massiven Druck seitens Eltern und auch Politik, die in Folge Probleme junger Menschen in Ausbildung und Studium beklagen.“ (3)

Plagt den ehemaligen Erziehungswissenschaftler Ferdinand Eder vielleicht das schlechte Gewissen?

(1) ehemals Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Salzburg

(2) Lisa Kogelnik, Noten basteln in Zeiten von Corona. In: Standard online vom 9. Juni 2020.

(3) Christine Henry-Huthmacher u. a., Ausbildungsreife & Studierfähigkeit (2016), S. 8.

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2 Gedanken zu “Herbert Weiß: Sichtbarer Unsinn

  1. Ad: „Wichtig wäre, das Fachpersonal an allgemeinbildenden Schulen bei der Hinführung zu Leistung (nicht gleichzusetzen mit Überforderung) zu stärken, denn nicht selten entstehen Absenkung des Leistungsniveaus und beschönigende Notengebung auf massiven Druck seitens Eltern und auch Politik …“ (Herbert Weiß)

    Bereits am 10. Juni veröffentlichte die PRESSE die Mathematik-Ergebnisse der heurigen Zentralmatura. Auf der Homepage des Ministeriums suche ich sie bislang vergebens – ebenso wie die Ergebnisse aus Deutsch und Englisch.
    Im Vorjahr gab es in Englisch (AHS) österreichweit 22,6% Sehr gut und 29,8% Gut. Dazu 23,5% Befriedigend und 15,6% Genügend. Der Anteil der Nicht genügend sank nach den Kompensationsprüfungen von 8,4% auf 1,8%. VOR Kompensationsprüfungen ergibt das einen Notenschnitt von 2,57. Die Ergebnisse in Englisch sind übrigens seit 2015 durchwegs konstant.
    Ich bin jetzt nach 40 Dienstjahren 3 Jahre in Pension. So einen Notenschnitt hatte ich nur hin und wieder in den allerbesten Klassen – an einem Gymnasium mit Latein ab der 3., wohlgemerkt. (Ich hatte aber auch Klassen mit 3,4.) Die oben zitierten 2,57 beziehen sich aber auf ALLE AHS in ganz Österreich.

    Meine letzte Matura war 2015, die erste österreichweit verpflichtende Zentralmatura. Der Notenschnitt meiner 8. Klasse damals: 1,65. (Die schlechtesten Noten waren 2 Befriedigend.) Seit damals weiß ich, dass die Zentralmatura in Englisch ein Betrug ist – so ähnlich, wie es Koll. Weiß beschreibt: „beschönigende Notengebung auf massiven Druck seitens Eltern und auch Politik“. Er meint aber Noten während des Schuljahres. Bei der Zentralmatura waren aber nicht die Eltern dahinter, sondern nur die Politik: das Punkte-Bewertungssystem wurde so hingetrimmt, dass man das Projekt „Zentralmatura“ in Englisch (und Deutsch) als Erfolg verkaufen konnte. (Wieso es die Mathematiker an der AHS bis heute nicht hinbekommen, an der BHS aber schon, ist ein Rätsel, auf das ich keine Antwort weiß.)

    Was mich als (gewesener) Lehrer aber mindestens genauso stört wie das von der Politik aufgestellt Potemkin’sche Dorf ist der Umstand, dass die Lehrerschaft = Kollegenschaft widerspruchslos bei diesem Betrug mitmacht: Kein Mensch aus meinem Berufsstand hat je irgendwo öffentlich wahrnehmbar thematisiert, dass die Noten bei der Zentralmatura Feigenblätter sind. (Gilt nicht nur für die Anglisten, sondern auch für die Germanisten.)

    Abschließend würde mich die Meinung von Mag. Dr. Detlef Schaffer zu diesem Thema interessieren, der sich hin und wieder in diesem Forum zu Wort meldet. Er war mal mein LSI. Zu seiner Zeit gab es zwar noch keine zentrale Erhebung der Noten bei der Matura – aber wissen möchte ich doch, ob er glaubt, dass zu seiner Zeit ein NÖ-weiter Englisch-Schnitt von 2,57 bei der Klausur realistisch gewesen wäre?

    1. Hier wäre nur eine kurze Replik auf die Frage warum AHS und BHS – Mathe-Ergebnisse unterschiedlich sind: nach meiner Erfahrung im Austausch mit MA-Kollegen in der HTL (bin selbst HTL Lehrer) sind die Aufgabenstellungen in den beiden Schultypen nicht genau gleich (in der HTL gibt es weniger Vektor-Rechnung, weniger Geometrie (Hyperbeln, Ellipse usw.) ….), weiters sind viele HTL Schüler durch die technischen Fächer das viele Rechnen gewöhnt (wobei die Rechenfertigkeit meiner Meinung nach oft sehr verbesserungsbedürftig ist, aber vielleicht bin ich auch nur betriebsblind geworden…)

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