Herbert Weiß: Für eine Politik mit Verstand

Vor einer Woche hat Gerhard Riegler den „Bildungsexperten“ Salcher, der sich neuerdings sogar als „Schul-Papst“ titulieren ließ, mit Univ.-Prof. Dr. Taschner verglichen. Aber auch Salcher übte sich zuletzt in einem Vergleich: „In Kanada sprechen die Kinder der Einwanderer nach Abschluss der Schulzeit besser Englisch bzw. Französisch als die Einheimischen. Das zeigt, welche positive Wirkung ein gutes Schulsystem haben kann. Bei uns können die Kinder der dritten Einwanderungsgeneration schlechter Deutsch, als die der zweiten.“ (1)

Die Entscheidung, ob sich der „Bildungsexperte“ Salcher mit diesem Vergleich oder mit seinem Auftritt bei „Kaiser“ Palfrader (2) mehr blamierte, fällt schwer. An Skurrilität ist es jedenfalls kaum zu überbieten, wenn Salcher unser Schulsystem dafür verantwortlich machen möchte, dass sich Österreichs Migrations- und Integrationspolitik jahrzehntelang radikal von der klassischer Einwanderungsländer unterschieden hat.

Ebenso wie in Australien und Neuseeland leben 15-Jährige, die zugewandert sind, in Kanada im OECD-weiten Vergleich in den wohlhabendsten Elternhäusern, nach Österreich Zugewanderte befinden sich im OECD-weiten Schlussfeld. (3)

In Österreich wird der sozioökonomische Rückstand, den das Elternhaus der zu uns zugewanderten SchülerInnen aufweist, immer größer. In nur wenigen OECD-Staaten ist er so groß wie in Österreich. In Kanada ist das sozioökonomische Niveau der Zuwanderer sogar über dem der im Land Geborenen. (4)

Kanada zählt zu den OECD-Staaten, in denen Zuwanderer das höchste Bildungsniveau aufweisen. In Österreich ist der Anteil der 15-Jährigen mit Migrationshintergrund, deren Mutter keinen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II aufweist, drei Mal so groß wie in Kanada. (5)

Das und anderes mehr bildet den sozioökonomischen Nährboden dafür, dass der Leistungsrückstand 10-Jähriger, deren Umgangssprache nicht die Unterrichtssprache ist, in Österreich mehr als drei Mal so groß ist wie in Kanada. (6) Und in Österreich sprechen über 70 Prozent der 15-Jährigen mit Migrationshintergrund, die bereits in unserem Land geboren sind, zu Hause überwiegend nicht die Testsprache. (7)

All das sollte Herr Salcher wissen, bevor er sich zu dieser so ernsten Thematik zu Wort meldet. Aber Salcher bleibt seiner Linie treu: Hauptsache, sich in die Medien bringen, auch wenn er sich damit bis auf die Knochen blamiert.

Was das Bildungsverständnis betrifft, sind auch viele unserer Bildungsexperten und Bildungspolitiker Bildungsferne.“ (8) Für Österreich trifft dieser Befund leider ganz besonders zu.

(1) So kaputt sind unsere Schulen. In: Österreich online vom 2. September 2017.

(2) Der „Bildungsexperte“ Andreas Salcher blamiert sich beim „Kaiser“ am 23. Mai 2014.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2015. Students’ Well-Being (2017), Table III.10.6.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2015 Ergebnisse. Exzellenz und Chancengerechtigkeit in der Bildung (2016), Tabelle I.7.2.

(5) Siehe OECD (Hrsg.), Immigrant Students at School (2015), S. 34.

(6) Siehe Knut Schwippert u. a., Lesekompetenzen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. In: Wilfried Bos u. a., IGLU 2011. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich (2012), S. 195.

(7) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2015 Ergebnisse. Exzellenz und Chancengerechtigkeit in der Bildung (2016), Tabelle I.7.2.

(8) Josef Kraus, 30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen. Vortrag in Berlin am 16. Mai 2017.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Herbert Weiß: Für eine Politik mit Verstand

  1. Nicht schon wieder Salcher. Ewig grüßt das Murmeltier.

    In ein paar Wochen sind Wahlen.
    Wie wäre es mit der Diskussion eines Vorschlages, der von einer vormals als ÖVP bekannten wahlwerbenden Liste kommt:
    „Die Erfüllung der Schulpflicht will die ÖVP an Mindeststandards knüpfen. Am Ende der achten Schulstufe soll es eine Prüfung ‚ähnlich der Matura‘ geben, die ÖVP nennt das ‚Chancenpass‘. Verlangt wird die Erfüllung der bereits bestehenden Bildungsstandards, eine Projektarbeit, eine verbale Beurteilung der Stärken, Schwächen und besonderen Talente der Schüler durch die Lehrer und ein standardisierter Berufsorientierungstest.“
    (STANDARD vom 14. September, Seite 7)

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