Schlagwort-Archive: BIFIE

Gerhard Riegler: Den Worten mögen Taten folgen!

Österreichs Bundeskanzler hat sich am Mittwoch in seiner „Rede zur Zukunft Österreichs“ entschuldigt. Ein mutiger und mich auch beeindruckender Schritt.

Österreichs Regierung hat allen Grund, sich ganz besonders für Österreichs Schulpolitik des letzten Jahrzehnts, die unter dem Titel „Reformpolitik“ enormen Schaden angerichtet hat, zu entschuldigen. Die Auseinandersetzung mit den unzähligen Befunden, die PISA vor einem Monat auf den Tisch gelegt hat, hat mich auf dieses Eingeständnis des Versagens hoffen lassen.

Ein Anfang ist gemacht, dem unverzüglich konkrete Maßnahmen folgen müssen. Eine Schulpolitik, die Fakten verdrängt, um ihren verhängnisvollen Weg fortsetzen zu können, muss sofort gestoppt werden. Daten geheim zu halten, die Kontextfragen zu den Bildungsstandards geliefert haben, ist ein untauglicher Versuch, das eigene Versagen zu vertuschen.

Hand holding megaphone - Facts vector illustration isolated on backgroundZurück zu PISA: Warum wurden in Österreich die Eltern- und Lehrerfragebögen nicht zum Einsatz gebracht? Hat man Angst zu erfahren, was die von Schule unmittelbar Betroffenen zu sagen haben? Deutschland ist einen anderen – einen mutigeren – Weg gegangen. In Deutschland wurden Lehrkräfte im Rahmen einer nationalen Zusatzerhebung auch schon befragt, als es von der OECD noch gar keine Lehrerfragebögen gab. Und zwar vom ersten PISA-Durchgang an.

Von Deutschland könnte Österreichs Schulpolitik sehr viel lernen. Auch aus einem Vergleich der höchst unterschiedlichen Ergebnisse der deutschen Bundesländer, die sich stark in der jeweiligen Schulpolitik unterscheiden, bei innerdeutschen Vergleichsstudien.

Ohne PISA-Ergebnisse überbewerten zu wollen: Deutschland, einst hinter Österreich liegend, ist ins europäische Spitzenfeld aufgestiegen. Gäbe es noch die bundeslandspezifische PISA-Auswertung, wäre Bayern inzwischen höchstwahrscheinlich Europas PISA-Sieger. Österreich hingegen ist ins Mittelfeld und in vielen Kategorien unter dieses abgerutscht.

Wer Österreichs vom BIFIE verfassten PISA-Bericht (1) mit dem Deutschlands (2) vergleicht und aus dem deutschen Bericht Daten über Österreich erfährt, die der BIFIE-Bericht verschweigt, dem wird es wohl so gehen, wie mir: Ich bin mit meiner Geduld am Ende.

Ein Beispiel gefällig?

Auffallend hohe Quoten von Schulleitungen, die das Lernen und Schulklima an ihrer Schule durch Absentismus gefährdet sehen, finden sich in Finnland (44 Prozent), Österreich (49 Prozent), Slowenien (53 Prozent) und Kanada (56 Prozent).“ (3)

Dem BIFIE war dieses erschreckende Faktum keine Erwähnung wert.

Noch eines?

Von den 15-Jährigen, von denen nur ein Elternteil zugewandert ist, sprechen in Großbritannien 6,3 % zu Hause nicht die Unterrichtssprache, in Frankreich 10,0 %, in Deutschland aber 16,4 % und in Österreich sogar 23,4 %. (4)

Dem BIFIE ist auch das keine Erwähnung wert. Wie lang will man noch die größte Herausforderung für Österreichs Schulwesen unter den Teppich kehren?

Es schmerzt: Deutschlands PISA-Bericht vergleicht die Ergebnisse der 15-Jährigen nicht einmal mehr mit denen Österreichs, sondern wählt als Vergleichsstaaten Finnland, Kanada, die Niederlande, Großbritannien und die Schweiz. Österreich wird als einer der „leistungsschwächeren Staaten“ erwähnt. (5)

Eine radikale schulpolitische Umkehr hat der Entschuldigung des Bundeskanzlers zu folgen, alte Konzepte sind zu verwerfen, Regierungsvereinbarungen neu zu bewerten, wenn die Talfahrt auf Kosten der österreichischen Jugend ein Ende finden soll. Den Worten mögen Taten folgen! Und zwar nicht irgendwann, sondern hic et nunc.

(1) Birgit Suchán u. a., PISA 2015. Grundkompetenzen am Ende der Pflichtschulzeit im internationalen Vergleich (2016).

(2) Kristina Reiss u. a., PISA 2015. Eine Studie zwischen Kontinuität und Innovation (2016).

(3) Ebenda, S. 210.

(4) Siehe ebenda, S. 328.

(5) Ebenda, S. 211.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

7 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Gerhard Riegler: Eine Erkenntnis reicher

Am Mittwoch der Vorwoche präsentierte das BIFIE um 10 Uhr MedienvertreterInnen den „Nationalen Bildungsbericht“. Wer wie ich dieses alle drei Jahre erscheinende Werk sofort nachlesen wollte und deshalb die BIFIE-Website besuchte, erfuhr, dass man es im Lauf des Nachmittags zum Download anbieten werde. Offensichtlich sollten Medien ausschließlich anhand dessen berichten können, was man ihnen in der Pressekonferenz präsentierte. Das gelang …

bigstock-stop-brainwashing-don-t-brain-104287418_blog

Drei Tage habe ich in die Lektüre des über 600 Seiten umfassenden Berichts investiert, für den nicht wenig Steuergeld ausgegeben wird.

Der erste Tag war der Tag der Enttäuschung. Die Hoffnung, neueste Daten vorzufinden, die ich in meine Datenbank einspeisen kann, wurde nicht erfüllt. Geboten wird eine Auswahl längst bekannter Daten, die teilweise sogar schon überholt sind.

Der zweite Tag war der Tag der Empörung. Über weite Strecken glaubt man, ein politisches Propagandawerk vor sich zu haben und keinen „Nationalen Bildungsbericht“. Zentrales Thema der Propaganda war, wie könnte es anders sein, das Schlechtreden unseres differenzierten Schulwesens. Keine Erwähnung finden durfte hier natürlich,

  • dass es unserem differenzierten Schulwesen gelingt, die Abhängigkeit der Schülerleistungen vom Elternhaus während der kritisierten Sekundarstufe I zu reduzieren, und
  • dass die Leistungen der 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, was ich schon vor Jahren nachgewiesen habe. (1)

Der dritte Tag aber war der Tag der Erkenntnis. Seit Jahren wundere ich mich, dass Österreichs Schulpolitik und ihre „ExpertInnen“ immer wieder horrende Zahlen betreff Schulabbruch in Umlauf bringen, während internationale Analysen unserem Schulwesen diesbezüglich ein sehr gutes Zeugnis ausstellen. Laut Eurostat haben in Österreich nur 7,3 % der 18- bis 24-Jährigen ihre Schullaufbahn ohne erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II abgebrochen, während es im EU-Mittel um die Hälfte mehr sind. (2)

Nun weiß ich den Grund: „Auch das BMBF selbst kann Übergänge von Schülerinnen und Schülern von der Sekundarstufe I in land- und forstwirtschaftliche und Gesundheitsschulen nicht nachvollziehen und somit Analysen des Bildungsabbruchs nur eingeschränkt durchführen.“ (3)

Und wie löst man das ministerielle Informationsdefizit? Ganz einfach: Die fast 40.000 jungen Menschen, die das BMBF aus dem Blick verliert, weil sie die oben genannten Schulen besuchen, werden zu denen hinzugerechnet, die als SchulabbrecherInnen aus unserem Schulwesen fallen.

Dazu fällt mir Univ.-Prof. Hopmanns Bilanz der Bildungsdebatte ein: „Die österreichische Debatte ist extrem von Überzeugungen geprägt, die sich relativ unbeschadet von empirischem Wissen verhalten.“ (4)

Empirisches Wissen habe ich mir vom „Nationalen Bildungsbericht“ erhofft. Für die Qualität des Gebotenen trägt die neue Unterrichtsministerin selbstverständlich keinerlei Verantwortung. Dringend geboten erscheint aber die Entscheidung, ob der Bericht die in ihn investierten Ressourcen des Unterrichtsbudgets wert ist.

Da die neue Unterrichtsministerin erfreulicherweise eine faktenbasierte Schulpolitik angekündigt hat, wird sie auf einen „Nationalen Bildungsbericht“ nicht verzichten wollen. Dann ist aber schnellstens zu entscheiden, wem die verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut wird, einen „Nationalen Bildungsbericht“ zu verfassen, der diesen Namen tatsächlich verdient.

(1) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17

(2) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 2. Juni 2016.

(3) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2015, Band 2 (2016), S. 189.

(4) Zit. n. Gesamtschule: „Kasperl aus dem Sack“. In: Presse online vom 5. April 2016.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

7 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Gerhard Riegler: Späte Einsicht

Nach Möglichkeit und bei entsprechendem Bedarf sollen Schülerinnen und Schüler […] vor dem vollständigen Eintritt in den Regelunterricht, in eigenen Sprachstartgruppen intensiv in der Unterrichtssprache Deutsch soweit auf den Regelunterricht vorbereitet werden, dass sie in diesen vollständig übertreten und diesem folgen können.“ (1)

The ostrich has buried a head in sand

So lautet ein Vorhaben der Bundesregierung, das am Donnerstag in Begutachtung geschickt wurde. Es ist höchst erfreulich, dass endlich Einsicht ideologische Blockaden zu überwinden scheint. Die katastrophalen Ergebnisse der Standardüberprüfung am Ende der Volksschule dürften das jahrelange Verdrängen der Wirklichkeit nun doch beenden. Am Tag der Präsentation hatte die Unterrichtsministerin ja noch einen kläglich-skurrilen (letzten?) Versuch unternommen, die traurige Wirklichkeit schönzureden: „Das Ergebnis zeigt, dass das österreichische öffentliche Bildungswesen sehr gut funktioniert.“ (2)

Hier einige Fakten:

  • 38 % der 10-Jährigen Österreichs verfügen über kein ausreichendes Leseverständnis. In Wien sind es sogar 44 %. (3)
  • Österreichweit erreichen fast zwei Drittel der 10-Jährigen die Lernziele beim Leseverständnis nicht oder nur teilweise. (4)
  • 10-Jährige aus einem Elternhaus mit höchstens Pflichtschulabschluss haben auf ihre gleichaltrigen MitschülerInnen, deren Eltern eine universitäre oder ähnliche Bildung aufweisen, einen Leistungsrückstand von über drei Jahren. Sie befinden sich mit ihren Leistungen kurz vor Ende der Volksschule dort, wo die anderen bereits am Beginn standen. (5)

Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann fand im Ö1-Morgenjournal klare Worte: „Da ist es fast unmöglich, egal wie gut die Lehrkraft ist, tatsächlich alle so zu erreichen, dass sie ihre Möglichkeiten ausnutzen können. Das heißt, was wir dringend bräuchten, wäre eine Schulorganisation – schon in der Volksschule –, die es ermöglichen würde, unterschiedlichen Förderbedarf unterschiedlich zu bedienen.“ (6)

Spät kommt die Erkenntnis der Politik, für viele junge Menschen, denen durch das jahrelange Verschleppen eines dringenden Handlungsbedarfs faire Chancen geraubt wurden, viel zu spät. Deshalb mischt sich in meine Freude ein hohes Maß an Ärger und Wut. Österreichs Schulpolitik scherte sich viel zu lange keinen Deut um bildungswissenschaftliche Erkenntnisse.

Was jenseits der engen Grenzen Österreichs oder gar in englischer Sprache publiziert wird, ignoriert die Politik nahezu durchgängig. Aber zumindest den leicht verständlichen Nationalen Bildungsbericht des BIFIE hätten die Damen und Herren schon vor drei Jahren in die Hand nehmen können, statt die ewig gleichen dummen Sprüche zu klopfen. In ihm hätten sie lesen können, dass in Österreich 10-Jährige, deren Eltern höchstens über Pflichtschulabschluss verfügen, auf ihre MitschülerInnen, deren Eltern eine universitäre oder ähnliche Bildung aufweisen, in Deutsch einen Leistungsrückstand von über drei Jahren aufweisen. Ja, genau dasselbe, was jetzt die Standardergebnisse belegen! (7)

Sollten sich PolitikerInnen, durch diesen Kommentar angeregt, vielleicht doch noch dazu bequemen, den Nationalen Bildungsbericht drei Jahre nach seinem Erscheinen in die Hand zu nehmen, werden sie auf derselben Seite erfahren, dass es unserer differenzierten Sekundarstufe I gelingt, diesen Rückstand um immerhin etwa ein Drittel zu verkleinern.

Ebenso könnten sie in BIFIE-Publikationen nachlesen, dass der enorme Rückstand, den 10-Jährige mit Migrationshintergrund aufweisen, während der differenzierten Sekundarstufe I deutlich verringert wird. (8)

In Staaten, deren öffentliches Schulwesen sich auf Gesamtschulen beschränkt, steigt die Abhängigkeit der Schülerleistungen vom Elternhaus während der Sekundarstufe I. Um das zu erfahren, müssten sie zu bildungswissenschaftlicher Literatur aus dem Ausland greifen, aber das … (s. o.)

Die „Panama Papers“ führten binnen weniger Tage zu ersten Rücktritten. Das jahrelange Ignorieren, Vertuschen und Auf-den-Kopf-Stellen von Fakten durch Österreichs „Schulpolitik“ würden meines Erachtens Rücktritte nicht weniger rechtfertigen. Ignoranz und Präpotenz haben genug Schaden angerichtet und gefährden unsere Zukunft.

(1) Erläuterungen zum Schulrechtspaket 2016 vom 7. April 2016.

(2) Conrad Seidl, Vier von zehn Volksschülern können nicht sinnerfassend lesen. In: Standard online vom 1. April 2016.

(3) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Landesergebnisbericht Wien (2016), S. 31.

(4) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Bundesergebnisbericht (2016), S. 39.

(5) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Bundesergebnisbericht (2016), S. 103.

(6) Ö1-Morgenjournal vom 1. April 2016, 8:00.

(7) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht, Österreich 2012 (2013), Band 2, S. 199.

(8) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2013 – Mathematik, 4. Schulstufe (2014), S. 30f; BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2013 – Englisch, 8. Schulstufe (2014), S. 50f.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Wertschätzung

Am 8. Juni 2015 ließ die Bundesbildungsministerin in einem Interview mit der auflagenstärksten Tageszeitung aufhorchen: „Die Erwartung an Lehrer ist unermesslich. Sie sollen alles reparieren, was bei den Kindern irgendwann schiefgelaufen ist. Hinter dieser Erwartung können sie nur zurückbleiben.“ (1)

a sticky note is on the keyboard of a computer as a reminder: th

Wer jetzt hofft, dass Gabriele Heinisch-Hosek der „Krone“ ein derartiges Interview gegeben hat, muss leider enttäuscht werden. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) fand in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ klare Worte zur permanenten Überforderung der Lehrerschaft.

Dabei hätte „unsere“ Bildungsministerin bereits im März 2015 in der „Kleinen Zeitung“ nachlesen können, was das im Sozialministerium angesiedelte Arbeitsinspektorat zum Thema Stressbelastung verschiedener Berufsgruppen festgestellt hatte: „… 37 Prozent der Befragten arbeiten nach eigenen Angaben unter ständigem Druck und haben keine Zeit zum Verschnaufen. In den Berufsgruppen führen Lehrer (66 Prozent belastet), medizinische Pflegekräfte (65 Prozent) und Berufsfahrer (64 Prozent) das Stress-Ranking an.“ (2)

Wäre diese Studie nicht vor, sondern nach dem ersten Volldurchgang der Zentralmatura durchgeführt worden, wäre die Stressbelastung der Lehrerschaft wohl von der Zweidrittel- zur Dreiviertel-Marke hochgeschnellt. Denn kaum jemals waren Anspannung und Belastung so hoch wie in diesem Schuljahr.

Es ist mir daher ein ehrliches Bedürfnis, Ihnen allen dafür zu danken, dass Sie der „Generation der maturierenden Versuchskaninchen“ mit unglaublichem Einsatz eine weitgehend reibungslose Reifeprüfung ermöglicht haben. Das Gelingen der Zentralmatura ist nämlich nur zu einem verschwindend kleinen Teil der Ministerin und/oder dem BIFIE zu verdanken, sondern in erster Linie dem höchst professionellen Einsatz von LehrerInnen und Schulleitungen.

Mein Dank gilt ganz ausdrücklich auch jener großen Mehrheit von DirektorInnen, die sich nicht in vorauseilendem Gehorsam zusätzliche Belastungen ausgedacht haben, sondern Augenmaß und praktische Vernunft haben walten lassen, als es um die operative Umsetzung der Reifeprüfung, insbesondere der mündlichen, ging. Wie ich selbst als Prüfer und Beisitzer erleben konnte, wie ich aber auch aus zahlreichen Rückmeldungen weiß, gelang das an sehr vielen Schulen. Für mich setzten all diese SchulleiterInnen ein klares Zeichen des Vertrauens und der Wertschätzung für ihre LehrerInnen.

Für derartige Bekundungen hat „unsere“ Ministerin bis dato keine Zeit gefunden. „Die Wertschätzung für die Lehrer ist in den vergangenen Jahren aber stark gestiegen. Das ist gut“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (3). Um sie können wir unsere deutschen KollegInnen nur beneiden!

(1) Zit. n. Bundesbildungsministerin Wanka: „Erwartung an Lehrer ist unermesslich“. In: News4teachers online vom 8. Juni 2015.

(2) Stress am Arbeitsplatz: Jeder Zweite ist belastet. In: Kleine Zeitung online vom 20. März 2015.

(3) Zit. n. „Erwartung an Lehrer ist unermesslich“.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

7 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Eselchen

Am 3. Dezember waren alle AHS-DirektorInnen Österreichs vom Unterrichtsministerium zu einer Zentralmatura-Konferenz nach Linz geladen. Noch bevor den staunenden DirektorInnen die „Frohbotschaft“ mitgeteilt wurde, konnte man in den Online-Ausgaben der österreichischen Tageszeitungen bereits lesen: „Zentralmatura: Lehrer sollen Vollständigkeit der Aufgaben prüfen“. (1)

bigstock-Confused-cartoon-donkey-Vecto-62183363_blogIn Linz wurde dann – so die Information, die ich von einigen anwesenden DirektorInnen erhalten habe – weiter ausgeführt, die Aufgabenstellungen für die Zentralmatura würden einige Tage vor den Klausuren angeliefert, müssten von den DirektorInnen und „3 Lehrpersonen“ kontrolliert werden, ein Protokoll darüber sei anzufertigen, und allfällige Reklamationen seien ans BIFIE zu melden.

Damit es keine falschen Vorstellungen bezüglich des Umfangs gibt: Im Haupttermin 2014 umfasste die Aufgabenstellung im A4-Format für Deutsch 18 Seiten, die für Mathematik 40 Seiten, die für Englisch 32 Seiten etc. Die Zentralmatura gibt es in den Gegenständen Deutsch, Slowenisch, Kroatisch, Ungarisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Latein, Griechisch und Mathematik. Das BIFIE selbst gab bei der Konferenz folgenden „Mengenhinweis: Für 100 Kandidaten ca. 120 bis 150 cm A4-Stapel“. Es handelt sich also teilweise um mehr als 10.000 Seiten an Aufgabenstellungen pro Schule!

Die Unterrichtsministerin und das BIFIE haben tatsächlich aus den Pannen im Frühling gelernt. Mit dieser geplanten Vorgangsweise liegt die Verantwortung nicht mehr bei der Unterrichtsministerin, die laut Schulunterrichtsgesetz die Aufgabenstellungen bestimmt, und auch nicht mehr beim BIFIE, das – hoch dotiert – mit der operativen Abwicklung betraut ist. Nun sind es die DirektorInnen und ihre jeweiligen „3 Lehrpersonen“, bei denen die Schuld für jegliche Panne zu suchen ist. Eine Seite unlesbar, fehlende Aufgabenstellungen etc. (alles im Haupttermin 2014 tatsächlich geschehen): Die Schule ist schuld! Es wurde schlecht kontrolliert. Beispiele werden im Vorfeld bekannt: Die DirektorInnen und die LehrerInnen sind schuld! Fast 1.500 Personen aus diesem Kreis kennen sie ja bereits vor den Klausuren. An einer Schule sind die Noten besonders gut: Die DirektorInnen und LehrerInnen habe die Aufgaben nicht geheim gehalten!

Ist das Projekt Zentralmatura, die „am besten vorbereitete Matura, die es überhaupt jemals in Österreich gegeben hat“ (© Exministerin Dr. Claudia Schmied) (2), tatsächlich so schlecht organisiert, dass die Unterrichtsministerin und das BIFIE fix mit Pannen rechnen? Die Strategie, den Schulen den Schwarzen Peter dafür zuzuschieben, ist jedenfalls inakzeptabel.

In Italien heißt der „Schwarze Peter“ übrigens „Asinello“, das Eselchen. Hält das Ministerium DirektorInnen und LehrerInnen für solch ausgewachsene Esel, dass sie diesen billigen Trick nicht durchschauen?

(1) Siehe z.B. Zentralmatura: Lehrer sollen Vollständigkeit der Aufgaben prüfen. In: Standard online vom 3. Dezember 2014.

(2) ORF-Report-Bericht zur Zentralmatura vom 28. Februar 2012.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Gerhard Riegler: Anstand und Verantwortung

Die österreichische Schule hat die Aufgabe, an der Entwicklung der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen durch einen ihrer Entwicklungsstufe und ihrem Bildungsweg entsprechenden Unterricht mitzuwirken.“ So liest man im Schulorganisationsgesetz über die „Aufgabe der österreichischen Schule“.

bigstock-Motivational-Background-53846014_blog

Wir LehrerInnen sind also nicht „nur“ moralisch, sondern auch gesetzlich dazu verpflichtet, die uns anvertrauten SchülerInnen zu verantwortungsvollen und im besten Wortsinn „anständigen“ Menschen zu erziehen. Dieser Aufgabe stellen wir uns Tag für Tag, auch wenn uns bewusst ist, dass unser Wirken im erzieherischen Bereich rasch an seine Grenzen stößt. Eine Kollegin hat einmal erschöpft festgestellt, dass es ihr öfter gelingt, mathematisch wenig Begabten das Integral nahezubringen als zu Hause wenig Erzogenen ein anständiges Benehmen.

Die Ereignisse rund um die Zentralmatura führten uns in der letzten Woche vor Augen, wie schlecht es auch außerhalb des Klassenzimmers um den Anstand bestellt ist: Selbst wo Fehler eklatant und Versäumnisse offenkundig waren, wurde versucht, sich mit fadenscheinigen Erklärungsversuchen herauszulavieren, anstatt sich anständig bei den Betroffenen zu entschuldigen. Statt sich zu Fehlern und Versäumnissen zu bekennen und öffentlich Abbitte zu leisten, machte man es sich im Bunker mit der Aufschrift „Geheimhaltung“ bequem.

Die Themenwahl bei der Deutsch-Klausur belegt in beeindruckender Weise einen Mangel an Moral und Anstand. Selbst wenn ich den Verantwortlichen zubillige, die Textauswahl und Themenstellung „nach bestem Wissen und Gewissen“ vorgenommen zu haben, wären sie meines Erachtens nach der öffentlich geäußerten Kritik dazu verpflichtet gewesen, öffentlich Stellung zu beziehen.

Wie kann es sein, dass sich die verantwortliche Person oder Personengruppe, die den Text ausgewählt und die Fragen dazu erstellt hat, ganz einfach verbirgt und verschweigt? Kein Wort der Rechtfertigung oder gar der Entschuldigung! Fehlt es am Anstand?

Wie kann es sein, dass die verantwortliche Kommission, die diesen Vorschlag abzusegnen hatte, es nicht der Mühe Wert gefunden hat, der Öffentlichkeit, insbesondere aber den betroffenen ReifeprüfungskandidatInnen, zu erklären, was hier schief gelaufen ist? Fehlt es auch ihr am Anstand?

Wie sollen LehrerInnen von jungen Menschen erreichen, sich für vergleichsweise harmloses Fehlverhalten zu entschuldigen, wenn im Dunstkreis des Unterrichtsministeriums Achselzucken und Bunkermentalität die standardisierte Form des Umgangs mit eigenen Fehlern sind? In den unüberschaubar vielen, rund um die Zentralmatura eingerichteten „Kommissionen“ muss rasch und „anständig“ umgerührt werden, damit Anstand wieder zur Grundkompetenz wird, auch wenn er sich nicht so leicht vermessen lässt.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

I scream ice cream

„I Scream, You Scream, We All Scream for Ice Cream“ – ein Lied aus den 1920ern, das später zu einem Jazz Standard wurde – kam mir in den Sinn, als ich als Reaktion auf mein letztes Posting ein Mail einer Englischkollegin las. Sie erklärte mir, warum unterschiedliche, korrekte Schreibweisen eines Wortes (ice cream und ice-cream) bei der Englisch-Zentralmatura zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen können.

Nehmen wir an, im Hörtext der Englisch-Zentralmatura hätte der Sprecher festgestellt, er esse kein Eis. Nehmen wir weiters an, dass im Antwortbogen der PrüfungskandidatInnen genau danach gefragt worden wäre.screaming ice cream cartoon

Der Sachverhalt lässt sich nun, wie ich meine, sprachrichtig z. B. so ausdrücken:

A: He does not eat ice cream.
B: He doesn’t eat ice cream.
C: He does not eat ice-cream.
D: He doesn’t eat ice-cream.

Raten Sie einmal, welche dieser Antworten bei der Englisch-Zentralmatura nach den Beurteilungsvorgaben der BIFIE-„ExpertInnen“ als richtig zu werten wäre (Mehrfachnennungen möglich)! Die Lösung: beim letzten Maturatermin keine, heuer eine (Antwort D).

Laut Vorgaben des BIFIE dürfen nämlich bei manchen Antwortformaten maximal vier Wörter verwendet werden. Kontraktionen wie „doesn’t“ galten bis vor Kurzem noch als zwei Wörter, sodass keine der Antworten als richtig zu werten gewesen wäre, jetzt sehen die „ExpertInnen“ darin aber nur ein Wort, womit D den Vorgaben entspricht.

Die wenigsten unserer SchülerInnen wissen noch, was ein Telegramm ist, doch mit Telegrammstil war die Aufgabe auch schon vor der neuesten Kontraktions-„Entschärfung“ lösbar: „does not eat ice-cream” ist zwar nur mehr ein Fragment, wäre dafür aber in Vergangenheit und Gegenwart richtig gewesen! Der Bindestrich zwischen „ice“ und „cream“ musste und muss jedenfalls sein, denn die Standardschreibweise „ice cream“ sprengt auch im Telegrammstil die 4-Wort-Barriere.

Die Frage, die sich wohl nicht nur der Kollegin stellt, die mir diesen Hinweis gegeben hat: Was soll die „kompetenzorientierte“ Reifeprüfung eigentlich prüfen? Die Recherchefähigkeit im Vorfeld, um auch das Kleingedruckte in Texten von BIFIE, Uni Innsbruck, BMBF etc. zu kennen? Haben sie dabei auch die brandaktuelle BIFIE-Vorgabe gefunden, die vor wenigen Monaten vielleicht noch ganz anders gelautet hat?

Habe nur ich den Eindruck, dass es bei einigen Passagen der Englisch-Zentralmatura mehr aufs BIFIE-regelkonforme Zählen als aufs Englischkönnen ankommt?

Die Kollegin findet all das in Anlehnung an den „ice cream“-Song nur mehr zum Schreien, was ich gut nachvollziehen kann.

Ich glaube, dass viele MitarbeiterInnen des BIFIE gute Arbeit geleistet haben und mit viel Engagement und Enthusiasmus bei der Sache sind. Ich bin aber auch der festen Überzeugung, dass sich zu viele Personen im BIFIE und in dessen Dunstkreis in Anlehnung an ein Gedicht von Wallace Stevens als „Emperors of Ice-Cream“ fühlen. Diesen selbsternannten Kaisern ist raschest das Handwerk zu legen. In einer Demokratie ist kein Platz für absolutistisches Gehabe – schon gar nicht bei der Matura, bei der es für die KandidatInnen um die Studienberechtigung geht.

P.S.: Eben erreichte mich die Nachricht einer Kollegin, die sich bei der BIFIE-Hotline freundlich nach der Lösung ihres SRDP-Rechner-Problems erkundigt hatte. Diese offensichtlich „kompetenz-programmierte“ Excel-Datei, mit der die erreichten Prozentsätze und damit die Noten berechnet werden, läuft nämlich nicht auf Mac-Rechnern. Die Antwort der „Empress of Ice-Cream“ am anderen Ende der Leitung war ebenso klar wie skandalös: Für dieses Problem habe das BIFIE keine Lösung, und die freche Fragestellerin möge froh sein, dass das BIFIE überhaupt einen solchen Rechner zur Verfügung stelle. I scream …

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

12 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare