Brüder oder Narren

Diese Woche wurden die Ergebnisse der Standardüberprüfung in Mathematik veröffentlicht, die im Mai 2017 auf der 8. Schulstufe durchgeführt worden ist. Da in den Medien darüber recht ausführlich berichtet worden ist, möchte ich mein Augenmerk nur auf zwei Aspekte richten.

Vorausschicken muss man Folgendes: „3 % der Jugendlichen […] waren aufgrund einer Körper- oder Sinnesbeeinträchtigung oder weil sie nach dem Sonderschullehrplan bzw. dem Lehrplan einer niedrigeren Schulstufe unterrichtet wurden, von der Überprüfung ausgenommen und zählten nicht zur Zielgruppe der zu testenden Schülerinnen und Schüler. Dies galt weiters für 2135 außerordentliche Schüler/innen (2,6 %) aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse.“ (1)

  • Der Anteil der Schüler (2), die die Standards in Mathematik nicht oder nur teilweise erreichen, liegt bei denen ohne Migrationshintergrund bei erschreckenden 36 %, bei denen mit Migrationshintergrund bei katastrophalen 65 %. (3)
  • Ähnlich sieht es aus, wenn man nach der Erstsprache (Deutsch oder eine andere) differenziert. 36 % der Schüler mit Deutsch als Erstsprache erreichen die Standards nicht oder nur teilweise. Bei den Schülern mit einer anderen Erstsprache sind es 68 %. (4)

Diese Zahlen dokumentieren drastisch das Scheitern von Integration bzw. dessen, was man in Österreich dafür gehalten hat, zu verantworten von einer Politik, die die Probleme jahrzehntelang ignoriert und den Kopf in den Sand gesteckt hat.

Unser Widerstand gegen eine Zerstörung des differenzierten Schulwesens hat den benachteiligten jungen Menschen zumindest ein bisschen geholfen. Der Leistungsrückstand der Kinder von Eltern, die maximal Pflichtschulabschluss aufweisen, auf die von Eltern mit postsekundärem oder tertiärem Bildungsabschluss beträgt in Mathematik nach der Sekundarstufe I 101 Punkte. (5) Vor der Sekundarstufe I ist dieser Rückstand noch um ein Viertel größer (126 Punkte). (6)

Es ist zu hoffen, dass die gezielte und frühzeitige Sprachförderung für alle jungen Menschen, die wegen fehlender Deutschkenntnisse dem Unterricht nicht folgen können, Besserung bringt, auch wenn nochmals betont werden muss, dass außerordentliche Schüler gar nicht an der Testung teilgenommen haben. Dass dieser Schritt nicht schon vor Jahrzehnten gesetzt wurde, zeugt von ungeheurem politischen Versagen, das vielen jungen Menschen Bildungschancen geraubt und unsere Schulen vor Aufgaben gestellt hat, die bei allem Einsatz der Lehrer nicht zu meistern sind.

Wenn Integration in Zukunft nicht besser gelingt, steuern wir auf Zustände wie in Paris oder Stockholm zu. Integration ist daher in Wahrheit nicht „nur“ eine weltanschauliche Frage, sondern eine schlichte Notwendigkeit – für die integrierenden und die zu integrierenden Menschen. „Wir müssen lernen, als Brüder miteinander zu leben oder als Narren miteinander unterzugehen.

(1) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2017. Mathematik, 8. Schulstufe. Bundesergebnisbericht (2018), S. 72.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Siehe Bundesbericht, S. 47. Ein Schüler hat Migrationshintergrund, wenn beide Elternteile im Ausland geboren wurden. Die einzige Ausnahme von dieser Regel bilden Schüler, deren Eltern (ein Elternteil oder beide) in Deutschland geboren sind. Sie werden aufgrund der gleichen Sprache nicht zur Gruppe der Schüler mit Migrationshintergrund gezählt (BIFIE-Definition).

(4) a.a.O.

(5) Siehe BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2017. Bundesergebnisbericht, S. 55.

(6) Siehe BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2013. Mathematik, 4. Schulstufe. Bundesergebnisbericht (2014), S. 36.

(7) „We must learn to live together as brothers or perish together as fools.“ (Martin Luther King Jr.)


3 Gedanken zu “Brüder oder Narren

  1. Wie ist das zu verstehen?

    Kollege Quin schreibt:
    Unser Widerstand gegen eine Zerstörung des differenzierten Schulwesens hat den benachteiligten jungen Menschen zumindest ein bisschen geholfen. Der Leistungsrückstand der Kinder von Eltern, die maximal Pflichtschulabschluss aufweisen, auf die von Eltern mit postsekundärem oder tertiärem Bildungsabschluss beträgt in Mathematik nach der Sekundarstufe I 101 Punkte. Vor der Sekundarstufe I ist dieser Rückstand noch um ein Viertel größer (126 Punkte).

    Dazu ist Folgendes festzustellen:
    (1) Offenbar meint Quin mit „differenziertem Schulwesen“ die Separierung von AHS-Unterstufe und NMS.
    (2) Die überwiegende Mehrheit der oben genannten Kinder besucht die NMS und nicht die AHS.
    (3) Daher kann die oben genannte Verminderung des Leistungsrückstandes zwischen VOR und NACH der Sekundarstufe I hauptsächlich nur ein Verdienst der NMS sein.

    Wie aber kann das sein, wenn AHS-Gewerkschafter in den vergangenen Jahren von der NMS nur abfällig und negativ gesprochen haben, wie z.B. AHS-Gewerkschafter Mathias Hofer (in quinecke-wordpress/2014/02/02): „Die NMS das sinkende Schiff“, „Aber die größten Verlierer sind wohl die Kinder der NMS-Jahrgänge“, „Klar ist auch, dass das Projekt NMS gescheitert ist“, etc.

    Mag. Herbert Paukert (Homepage: http://www.paukert.at)

    Anmerkung Quin: Auf diesem Blog kommen – außer in der Behauptung von Mag. Paukert, die er von anderer Stelle aus einem Kommentar übernommen hat – keine Aussagen vor, die die in den MMS arbeitenden KollegInnen verunglimpfen.

    Ich selbst, damals noch Vorsitzender der AHS-Gewerkschaft, habe mich am 25. Oktober 2011 in einer Presseaussendung zur Einführung der NMS geäußert (AHS-Quin: Mittelschule stärkt das differenzierte Schulsystem).

    Ich schreibe auch in diesem Kommentar nirgendwo, dass der Erfolg der Unterstufe hauptsächlich oder gar allein der AHS zuzuschreiben wäre. Das tut nur Mag. Paukert für die NMS. Der Erfolg des differenzierten Schulsystem beruht auf der hervorragenden Arbeit der LehrerInnen ALLER Schularten.

    1. Richtigstellung

      (1) Nirgends in meinem Kommentar steht irgendeine Verunglimpfung von Lehrern. Ich habe nur nachweisbare Aussagen eines AHS-Gewerkschafters zitiert. Zur Quin-Aussage „Die Mittelschule stärkt das differenzierte Schulsystem“ kann nur angemerkt werden, dass es ohne die NMS die derzeitige Form des differenzierten NMS-AHS-Schulsystems ja gar nicht gäbe.

      (2) Eine wesentliche Mitschuld am beklagten Mangel an Integration trägt genau dieses separierte NMS-AHS-Schulsystem, welches Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern den Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen durch die frühe Selektion erheblich erschwert.

      (3) Eine Leistungsdifferenzierung ist für einen sinnvollen Unterricht notwendig, aber nicht in voneiander getrennten Schulen, sondern in einer gemeinsamen Schule mit fairen Aufstiegsmöglichkeiten. Eine solche gemeinsame, differenzierte Schule aller 10- bis 15-jährigen Kinder bringt nur Vorteile, zumal die AHS-Unterstufen undifferenziert sind.

      Mag. Herbert Paukert (Homepage: http://www.paukert.at)

  2. Interessant in diesem Zusammenhang gleich der erste Artikel aus der PRESSE im aktuellen „Wochenspiegel“. Ein Auszug daraus:

    Die AHS erzielten mit einem Mittelwert von 599 Punkten deutlich bessere Ergebnisse als die Pflichtschulen (511). Diese Unterschiede sind vor allem eine Folge der Schulwahlentscheidung nach der Volksschule, heißt es im Bericht. Bei den Mathe-Bildungsstandards in der vierten Klasse Volksschule 2013, für die die gleichen Schüler getestet worden waren, waren diese Leistungsunterschiede bereits vorhanden (die Schüler mussten damals ankreuzen, ob sie in eine AHS oder eine Pflichtschule wechseln, Anm.). „Die Unterschiede am Ende der 8. Schulstufe zwischen den Schulsparten spiegeln im Wesentlichen diese Eingangsvoraussetzungen wider.“

    Wenn Kollege Quin also schreibt (zu Koll. Paukert): „Der Erfolg des differenzierten Schulsystems beruht auf der hervorragenden Arbeit der LehrerInnen ALLER Schularten“, dann ist das ein „Erfolg“ auf österreichisch: „Erfolg“ ist hierzulande schon dann gegeben, wenn es (nach der Volksschule) nicht (noch) schlechter wird. (Mich erinnert das an etwas, was Qualtinger zum Thema Fußball gesagt hat: „Ein Unentschieden ist ein Sieg für Österreich.“)

    Falls Koll. Quin jedoch in dem Adjektiv „ALLER (Schularten)“ auch die VS inkludiert, dann widerspricht der von ihm diagnostizierte „Erfolg“ diametral den von ihm selber verwendeten Adjektiven „drastisch“ und „katastrophal“ im Text von „Brüder oder Narren“.

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