Wertschätzung

Am 8. Juni 2015 ließ die Bundesbildungsministerin in einem Interview mit der auflagenstärksten Tageszeitung aufhorchen: „Die Erwartung an Lehrer ist unermesslich. Sie sollen alles reparieren, was bei den Kindern irgendwann schiefgelaufen ist. Hinter dieser Erwartung können sie nur zurückbleiben.“ (1)

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Wer jetzt hofft, dass Gabriele Heinisch-Hosek der „Krone“ ein derartiges Interview gegeben hat, muss leider enttäuscht werden. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) fand in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ klare Worte zur permanenten Überforderung der Lehrerschaft.

Dabei hätte „unsere“ Bildungsministerin bereits im März 2015 in der „Kleinen Zeitung“ nachlesen können, was das im Sozialministerium angesiedelte Arbeitsinspektorat zum Thema Stressbelastung verschiedener Berufsgruppen festgestellt hatte: „… 37 Prozent der Befragten arbeiten nach eigenen Angaben unter ständigem Druck und haben keine Zeit zum Verschnaufen. In den Berufsgruppen führen Lehrer (66 Prozent belastet), medizinische Pflegekräfte (65 Prozent) und Berufsfahrer (64 Prozent) das Stress-Ranking an.“ (2)

Wäre diese Studie nicht vor, sondern nach dem ersten Volldurchgang der Zentralmatura durchgeführt worden, wäre die Stressbelastung der Lehrerschaft wohl von der Zweidrittel- zur Dreiviertel-Marke hochgeschnellt. Denn kaum jemals waren Anspannung und Belastung so hoch wie in diesem Schuljahr.

Es ist mir daher ein ehrliches Bedürfnis, Ihnen allen dafür zu danken, dass Sie der „Generation der maturierenden Versuchskaninchen“ mit unglaublichem Einsatz eine weitgehend reibungslose Reifeprüfung ermöglicht haben. Das Gelingen der Zentralmatura ist nämlich nur zu einem verschwindend kleinen Teil der Ministerin und/oder dem BIFIE zu verdanken, sondern in erster Linie dem höchst professionellen Einsatz von LehrerInnen und Schulleitungen.

Mein Dank gilt ganz ausdrücklich auch jener großen Mehrheit von DirektorInnen, die sich nicht in vorauseilendem Gehorsam zusätzliche Belastungen ausgedacht haben, sondern Augenmaß und praktische Vernunft haben walten lassen, als es um die operative Umsetzung der Reifeprüfung, insbesondere der mündlichen, ging. Wie ich selbst als Prüfer und Beisitzer erleben konnte, wie ich aber auch aus zahlreichen Rückmeldungen weiß, gelang das an sehr vielen Schulen. Für mich setzten all diese SchulleiterInnen ein klares Zeichen des Vertrauens und der Wertschätzung für ihre LehrerInnen.

Für derartige Bekundungen hat „unsere“ Ministerin bis dato keine Zeit gefunden. „Die Wertschätzung für die Lehrer ist in den vergangenen Jahren aber stark gestiegen. Das ist gut“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (3). Um sie können wir unsere deutschen KollegInnen nur beneiden!

(1) Zit. n. Bundesbildungsministerin Wanka: „Erwartung an Lehrer ist unermesslich“. In: News4teachers online vom 8. Juni 2015.

(2) Stress am Arbeitsplatz: Jeder Zweite ist belastet. In: Kleine Zeitung online vom 20. März 2015.

(3) Zit. n. „Erwartung an Lehrer ist unermesslich“.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

7 Kommentare

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7 Antworten zu “Wertschätzung

  1. Danke für diese mehr als klaren Worte! Es ist eben dieser „pädagogische Freiraum“ und das pädagogische Augenmaß, die es ermöglichen, dass Schulleiterinnen und Schulleiter, wie auch Lehrerinnen und Lehrer trotz (!) aller ministeriellen und gesetzlichen Rahmenbedingungen unsere Jugend zu einem guten Ziel bringen …

  2. Erich Wallner

    1. Zum Thema „Wertschätzung der Lehrer durch den Dienstgeber“:
    http://www.bvz.at/nachrichten/in-und-ausland/oesterreich/Lehrerdienstrecht-Neues-Modell-bevorzugt;art105107,647802
    Wie es aussieht, fühlen sich APS-Lehrer im neuen Dienstrecht mehr wertgeschätzt als im alten.

    2. Ad: „Das Gelingen der Zentralmatura ist nämlich nur zu einem verschwindend kleinen Teil der Ministerin und/oder dem BIFIE zu verdanken, sondern in erster Linie dem höchst professionellen Einsatz von LehrerInnen und Schulleitungen.“ (E. Quin)
    Wenn man unter „Gelingen“ versteht, dass die Noten gut waren, dann ist das „Gelingen“ sowohl der schriftlichen als auch der mündlichen Neuen Matura in den Sprachen in erster Linie dem neuen Prüfungs- und Beurteilungsschema zu verdanken.

    P.S.: In Mathematik gab es 10,5% Nicht genügend bei der Klausur, in Englisch 5,8% und in Deutsch 3,3%. (Daten für andere Sprachen wurden erst gar nicht erhoben.) Wieso fragt sich niemand, wie bei einer standardisierten Reifeprüfung eine solche Diskrepanz überhaupt auftreten kann? Wie kann es sein, dass die Aufgabenstellung in Mathematik mehr als dreimal so schwer war wie in Deutsch? Oder anders formuliert: Wenn – wie E. Quin schreibt – das Gelingen der Matura dem „höchst professionellen Einsatz von LehrerInnen“ zu verdanken ist – waren dann die DeutschlehrerInnen mehr als dreimal so professionell wie die MathematiklehrerInnen?

  3. Peter Goldberger

    Danke für die witzige Einleitung des Artikels mit der ernüchternden Auflösung, dass es sich bei der lobspendenen Ministerin eben doch nicht um Heinisch-Hosek handle.

    Ich habe mich in meiner aktiven Zeit oftmals entscheiden müssen, ob ich aufgeben oder den im Elternhaus fehlenden Reibebaum für die Kinder im Rahmen der Möglichkeiten ersetzen soll oder nicht.

    Habe mich aus Gründen der Redlichkeit, der moralischen wie intellektuellen, immer wieder im Bewusstsein, dass das Bashing nicht ausbleiben werde, trotzdem für Letzteres entschieden.

    Klingt ein wenig vorgestrig und vielleicht leicht suizidal, aber nur über die Umstände zu klagen und dann stammtischmäßig nichts zu unternehmen, erschien mir als die schlechteste Lösung. Immer nur auf die Unterstützung derer „da oben“ zu warten, schien mir, wie wenn ich meine innere Unabhängigkeit, soweit vorhanden, in die Hände Anderer legen würde. Also entschied ich mich aus eigenem fürs Tätigwerden.

    Ich habe mir, aus eigener Sicht, nicht viel vorzuwerfen. Aber schwierig war’s. Und am Schluss war ich froh, halbwegs unbeschädigt das Weite in der Pension suchen zu dürfen.

    Ein öffentliches, ehrliches, anerkennendes und für die Lehrerschaft ermutigendes ministerielles Machtwort im Sinne der immer schwieriger werdenden Aufgabe hätte halt schon geholfen. An dessen Stelle gab’s jedoch nur vergebliches Dauerwarten im Sinne eines „Kummt net, kummt net …“.

    Danke für den Beitrag!

    Peter Goldberger, Mag.

  4. versuchskanne

    Ja, die Belastung ist hoch. Ja, die Wertschätzung ist gering.
    ABER: sollten wir nicht aufhören uns ständig darüber zu beschweren?
    Wir haben den besten Job der Welt, der zu den wichtgsten und kräfteraubensten überhaupt gehört, vielleicht ist es an der Zeit, dass wir unsere Kapazitäten damit vergeuden zu sudern und unsere Stimmung nicht selbst immer wieder zu verderben, weil wir uns darüber aufregen, wie ungerecht wir behandelt werden -wenn vermutlich auch zurecht – vielleicht sollten wir beginnen, die schlechte Laune Aus unseren Konferenzzimmern zu vertreiben, damit wir produktiv und sinnvoll unserer zentralen Arbeit nachgehen können,

  5. Meine persönlicher Dank und meine Wertschätzung geht an alle, die mit Herz und Hirn versucht haben das Bestmögliche aus den Zwängen und Vorgaben herauszuholen – egal ob sie in einer Schule, am BIFIE, im LSR/SSR oder im Ministerium gesessen sind.

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