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Problemlösungskompetenz

In unserer kompetenzvernarrten Bildungswelt wäre es schön, wenn die zuständigen PolitikerInnen Problemlösungskompetenz bewiesen. Gelegenheit dazu gäbe es genug, wie allein die Lektüre der Tageszeitungen vom 21. und 22. Februar zeigt.

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So war etwa am Dienstag in der „Presse“ (1) zu lesen, dass ein Viertel der Schüler zuhause nicht Deutsch spricht, und in Wien der Anteil von SchülerInnen mit einer anderen Umgangssprache als Deutsch bereits 50 Prozent beträgt, womit die Bundeshauptstadt in eine Situation geraten ist, die es meines Wissens OECD-weit in keiner anderen Metropole gibt. Dass Arabisch und Rumänisch beim Zuwachs ganz vorn liegen, wird die pädagogischen Herausforderungen wohl auch nicht verringern.

Ein weiterer „Presse“-Artikel beschäftigte sich am darauffolgenden Tag mit der aktuellen Allianz-Studie zum Thema Stress. Darin heißt es wörtlich: „Am meisten gestresst sind die Lehrer (45 Prozent), gefolgt von der Handelsbranche (43 Prozent) und dem Transportwesen (42 Prozent)“. (2)

Zweifellos ist die in den letzten Jahren konstant gewachsene Stressbelastung der LehrerInnen nicht monokausal mit der drastischen Zunahme des Anteils jener Kinder verknüpft, die zuhause nicht Deutsch sprechen, gibt es doch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die es Eltern schwer machen, ihren Aufgaben in Erziehung und Förderung ihrer Kinder gerecht zu werden. Schule verkommt seit vielen Jahren immer mehr zur Reparaturwerkstätte sozialer Nöte. Dass angesichts all dieser Umstände die Stressbelastung für annähernd die Hälfte der PädagogInnen mittlerweile unerträglich geworden ist, kann nur praxisferne „ExpertInnen“ verwundern.

Müssten die zuständigen PolitikerInnen nach Lektüre der beiden Artikel nicht darüber nachdenken, was schiefgelaufen ist, und überlegen, was sie für Österreichs Schule und ihre LehrerInnen tun können? Hätten sie nicht jeden Grund dazu, ihre Problemlösungskompetenz zu beweisen? „Handreichungen“ der Lehrergewerkschaften, mit welchen dringend gebotenen Schritten dem Burnout der LehrerInnen und dem Kollaps der Schule entgegengewirkt werden müsste, stehen ihnen in jeder Menge zur Verfügung.

Die Bildungsministerin hat sich tatsächlich prompt zu Wort gemeldet: „Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt“, titelte die „Presse“ (3) am Donnerstag. Die „Modellregionen“ seien „nicht vergessen und nicht gestorben“, sagte die Ministerin. Ist das Problemlösungskompetenz?

(1) Ein Viertel der Schüler spricht zuhause nicht Deutsch. In: Presse online vom 21. Februar 2017.

(2) Stress-Studie: Am meisten leiden die Lehrer. In: Presse online vom 22. Februar 2017.

(3) Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt. In: Presse online vom 23. Februar 2017.

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Integration

Immer mehr Väter verweigern Handschlag mit Lehrerinnen“, titelte der „Kurier“ vor wenigen Tagen. (1) Der Ausgangspunkt war wohl eine heftige Diskussion in der Schweiz, ob jugendliche Muslime Frauen den in einer Schule üblichen Handschlag aus religiösen Gründen verweigern dürfen.

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Der Fall zeigt klar eine zentrale Problematik von Integration: „Die unterschiedlichen kulturellen Bedingungen führen oft zu Missverständnissen“, wie es Bettina Koller, die Leiterin einer Flüchtlingswohngemeinschaft, ausdrückt. „Diskussionen gab es auch, als die Burschen im Tanzkurs zum ersten Mal auf die Mädchen trafen: „Sie trugen kurze Röcke und T-Shirts mit kurzen Ärmeln. Die Burschen fragten mich, ob das Huren sind“, erzählt Koller.“ (2)

Zweifellos schwierig ist der Balanceakt zwischen Toleranz, die ja auch ZuwanderInnen als wichtiger Wert vermittelt werden soll, und falscher Toleranz, die zulässt, dass die grundlegenden Werte der Aufklärung, die einen modernen, westlichen Staat zumindest theoretisch prägen, untergraben werden.

Ein notwendiges Mittel für Integration ist die Beherrschung der Sprache jenes Landes, in dem Integration gelingen soll. Das scheint nun auch die Politik endlich erkannt zu haben. Über das derzeit in Begutachtung befindliche Schulrechtspaket soll die Sprachförderung ausgebaut und erstmals auf nicht mehr schulpflichtige Jugendliche ausgedehnt werden. Höchst zweifelhaft erscheint jedoch, ob die dafür zur Verfügung gestellten Ressourcen genügen werden, wenn wir uns die von Gerhard Riegler letzte Woche genannten Zahlen in Erinnerung rufen (3):

  • 38 % der 10-Jährigen Österreichs verfügen über kein ausreichendes Leseverständnis. In Wien sind es sogar 44 %.
  • 10-Jährige aus einem Elternhaus mit höchstens Pflichtschulabschluss haben auf ihre gleichaltrigen MitschülerInnen, deren Eltern eine universitäre oder ähnliche Bildung aufweisen, in Deutsch einen Leistungsrückstand von über drei Jahren. Sie befinden sich mit ihren Leistungen kurz vor Ende der Volksschule dort, wo die anderen bereits am Beginn standen.

Inzwischen sprechen schon 22 % aller SchülerInnen Österreichs die Unterrichtssprache nicht als Umgangssprache. Dieser Anteil hat sich innerhalb von nur sieben Jahren um mehr als ein Drittel erhöht – und er wird weiterhin steigen. In der Volksschule liegt der Anteil nämlich bereits bei 28 %. (4)

Integration ist ein langer und manchmal höchst mühevoller Prozess, der beide Seiten fordert. Eine Alternative dazu gibt es allerdings nicht, wenn wir weiterhin in einer freien und friedlichen Gesellschaft leben wollen.

(1) Michaela Reibenwein und Julia Schrenk, Immer mehr Väter verweigern Handschlag mit Lehrerinnen. In: Kurier online vom 8. April 2016.

(2) a.a.O.

(3) Gerhard Riegler, Späte Einsicht. In: QUINtessenzen vom 9. April 2016.

(4) Statistik Austria (Hrsg.), Schulstatistik, erstellt am 14. Dezember 2015.

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Zähneknirschen

Integrationsmängel seien auch dadurch entstanden, dass es in der SPÖ immer verpönt war, diese Probleme auszusprechen“, konnte man im „Kurier“ lesen. (1) An diesem Satz erstaunt weniger der Inhalt als die Tatsache, dass zwei SPÖ-Landeshauptleute aussprechen, was Kritikern (2) der höchst mangelhaften Integrationspolitik schon längst bekannt und bewusst ist. Mit dem Slogan „Strafen für Integrationsunwilligkeit“ haben Politiker aller Couleurs dann aber das gewohnte Niveau der Boulevardmedien erreicht.

The ostrich has buried a head in sand

Den Willen einer Person als strafwürdig anzusehen, ist einer freien demokratischen Republik unwürdig. Ich muss dabei an Religionswächter in manchen muslimischen Staaten oder Politkommissare linker und rechter Diktaturen denken. Wenn aus dem Willen einer Person Taten folgen, die unsere Normen verletzen, sind Sanktionen selbstverständlich notwendig. Der Wille jedoch ist frei.

Geldstrafen sind zweifellos das letzte Mittel, wenn Erziehungsberechtigte ihren Erziehungspflichten nicht nachkommen. Dringend bräuchten wir etwas ganz anderes: Unterstützungspersonal. Im Mittelpunkt muss der Schüler stehen, der Probleme hat oder macht und zu dessen Erziehungsberechtigten die Kommunikation nicht herstellbar ist. Die Ursachen können vielfältig sein und müssen nichts mit Migrationshintergrund zu tun haben. In anderen Staaten gibt es dafür Sozialarbeiter, die sich der Angelegenheit annehmen. Ein solches niederschwelliges Angebot fehlt in Österreich.

Durch unsere Vergangenheit bedingt, ist eine vernunftorientierte Diskussion über Migration und Integration in Österreich ebenso wie in Deutschland kaum möglich. Einer, der es geschafft hat, ist der Bürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln Heinz Buschkowsky, SPD, der nun in den Ruhestand tritt. „Sein Name ist besonders auch den türkischen und arabischen Kids geläufig, und dies nicht mal unbedingt als Unperson. Dass er von denen über die Straße angerufen wird: „Bürgermeister, hast du Feinde? Sag uns Bescheid, wir kämpfen für dich“, das hat er zwar in einem „Zeit“-Interview selbst behauptet, doch man nimmt es ihm ab. Und er hat tatsächlich Feinde. Von Einwanderern habe er sich nicht bedroht gefühlt, „noch nie. Von Linksradikalen öfter““, sagte er kürzlich in einem Interview. (3) „Er geht Zuwanderer hart an – um sich zugleich vor sie zu stellen“, charakterisiert ihn „Die Welt“. (4) Von ihm könnte man in Österreich lernen.

Mein Stufenplan:

  1. Ausbau von Unterstützungssystemen, um den betroffenen Schülern zu helfen.
  2. Im Rahmen dieser Unterstützungssysteme effiziente Wege eröffnen, die Eltern zur Wahrnehmung ihrer Pflichten bringen, wenn diese grob vernachlässigt werden, was – und das möchte ich ausdrücklich betonen – nur wenige Personen betrifft.
  3. Wenn alles nichts hilft, strafen.

Mir konnte noch niemand schlüssig erklären, warum es moralisch vertretbar ist, das Überziehen der Parkzeit in der Kurzparkzone – und sei es auch nur um wenige Minuten – mit einer saftigen Geldstrafe zu ahnden, Eltern, die ihre Fürsorge- und Erziehungspflichten dauerhaft vernachlässigen, aber völlig unbehelligt zu lassen. „Kopf aus dem Sand!“, muss die Devise lauten, sonst werden wir bald alle mit den Zähnen knirschen!

(1) Daniela Kittner, Integration: Niessl stellt neue Forderungen. In: Kurier online vom 27. Jänner 2015.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Ulli Kulke, Vor Buschkowsky hatten selbst Türkengangs Respekt. In: Die Welt online vom 27. Jänner 2015.

(4) a.a.O.

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Gerhard Riegler: Kopf aus dem Sand

„Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen!“ Dieser Spruch kam mir angesichts der Reaktion der Unterrichtsministerin auf den jüngsten Vorstoß von Staatssekretär Sebastian Kurz in den Sinn.

„Not amused“ zeigte sich BM Schmied, als der Integrationsstaatssekretär wieder einmal den Finger auf den wundesten Punkt der österreichischen Schulpolitik legte: das Fehlen einer rechtzeitigen und angemessenen (Sprach)Förderung für die jungen Menschen, die in fremdsprachigen und/oder bildungsfernen Familien aufwachsen. Aber nicht einmal die Unterrichtsministerin wird wohl leugnen wollen, dass die meisten davon betroffenen Kinder Migrationshintergrund haben. Es war also nicht nur das gute Recht eines Integrationsstaatssekretärs, sondern geradezu seine Pflicht, Klartext zu reden: „Jedes sechste Kind mit Migrationshintergrund verlässt derzeit unser Schulsystem, ohne einen Hauptschulabschluss zu haben. Und ich bin mir nicht sicher, ob alle schon den Ernst der Lage erkannt haben.“ (1)

Leicht möglich, dass die indigniert knirschende Reaktion der Ministerin daher rührt, dass sie sich davon persönlich betroffen fühlt. Irgendwann wird BM Schmied aber zur Kenntnis nehmen müssen, dass Bildungs- und erst recht Integrationspolitik nicht mit Hilfe von Hochglanzbroschüren und bunten Inseraten zu erledigen ist. Eine faktenbasierte Politik könnte sie vielleicht damit beginnen, den höchst lesenswerten Kommentar „Mehr Integrations- als Schulproblem“ (2) der stellvertretenden Chefredakteurin des „Kurier“ Dr. Martina Salomon aufmerksam zu lesen.

Bemerkenswert empfand ich auch das „Outing“ an der Spitze des Artikels, wie in Redaktionen mit Informationen der Lehrervertretung üblicherweise umgegangen wird: ungelesen ab in den digitalen Rundordner. Völlig klar: Wer im Sinne des Inserenten (3) schreiben muss, tut sich damit leichter, wenn er sich gegenüber Daten und Fakten verschließt. Und doch bleibt zu hoffen, dass viele Journalisten dem Beispiel Dr. Salomons folgen und nicht nur gegenüber brennenden Integrationsfragen, sondern auch gegenüber der Expertise der Lehrervertretung die Augen öffnen.

Mein Appell an die Unterrichtsministerin: „Kopf hoch, Frau Minister! Gefragt ist eine Schulpolitik, die die Arbeit an den Schulen mit großer Umsicht unterstützt, statt sie durch Ignoranz zu behindern. Österreichs Jugend braucht und verdient eine Schulpolitik, die nicht am Sand ist.“

(1) Sebastian Kurz schießt scharf. In: Presse Online vom 9. Oktober 2012.

(2) Martina Salomon, Mehr Integrations- als Schulproblem. In: Kurier Online vom 5. Oktober 2012.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

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Gerhard Riegler: Dazugelernt?

Jahrzehntelang wurden Leistungsfeststellung und Leistungsbeurteilung aus ideologischem Festhalten an alten Dogmen konsequent diskreditiert. Gehuldigt wurde der „Spaßpädagogik“ wie einer pädagogischen Heilslehre. Wir LehrerInnen wurden systematisch beim Beurteilen, einer ebenso wichtigen wie komplexen und oft auch undankbaren Aufgabe, mehr und mehr verunsichert. Schwamm drüber, gilt nicht mehr. Man wird ja noch gescheiter werden dürfen: In der PRESSE fordert die amtsführende Präsidentin des Wiener Stadtschulrats neuerdings Bildungsstandards und Zentralmatura, um in Zukunft „geschenkte Noten“ zu verhindern. VolksschullehrerInnen, die – sicher vollkommen zu Recht – über massiven Elterndruck klagen, empfiehlt Brandsteidl in „hilfreicher“ Manier einer Bildungspolitikerin mehr „Professionalität“.

Dasselbe politische „Spiel“ wurde ebenso beharrlich mit der ungemein wichtigen Aufgabe getrieben, Kinder mit Migrationshintergrund zu integrieren, um ihnen möglichst große Bildungschancen zu bieten, statt sie als Dropouts und spätere Arbeitslose auf der Straße landen zu lassen: Nach der reinen Lehre der IdeologInnen sollte nämlich Jahrzehnte hindurch „Integration“ darin bestehen, Kindern, die kein Wort der Unterrichtssprache verstanden, einfach in eine Klasse hineinzusetzen. Wer anderes behauptete, wurde quasi noch gestern als gestrig betrachtet. Heute sind sich alle, die etwas vom Bildungswesen verstehen, einig, dass es ein Irrweg war, ein Irrwitz, junge Menschen durch ideologische Verblendung ihrer Bildungschancen zu berauben. Aber man wird ja noch gescheiter werden dürfen.

Hoffentlich gelingt es uns LehrerInnen mit unserer Erfahrung und der Fähigkeit zu sachlichem und praxisorientiertem Denken, den derzeit als Dogma propagierten Irrweg in die Einheitsschulen zu verbarrikadieren, bevor auch auf diesem Weg ungemein viel Unfug geschieht. Nicht noch einmal sollen erst in zwei Jahrzehnten ideologische „VordenkerInnen“ von heute angesichts nicht mehr zu leugnender Konsequenzen ernüchtert feststellen müssen: „Man wird ja noch gescheiter werden dürfen!“

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