Weihnachtswunsch

Am Donnerstag hat BM Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann mediales Aufsehen erregt, indem er die Einrichtung einer Ombudsstelle für „Wertefragen und Kulturkonflikte“ ankündigte und die Wiener NMS-Lehrerin und Autorin Susanne Wiesinger („Kulturkampf im Klassenzimmer“) als Ombudsfrau vorstellte. Darüber hinaus soll 2019 im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung eine eigene Abteilung für Schule und Integration eingerichtet werden. Weiters wurde der Soziologe Kenan Güngör mit einer Studie über Werte- und Kulturkonflikte beauftragt. „Mittels einer Onlinebefragung und Fokusgesprächen soll Güngör herausfinden, wie oft es tatsächlich zu solchen Konflikten komme. Dabei gehe es etwa um die Teilnahme am Turnunterricht, an Klassenfahrten oder auch die Beurteilung des Nahostkonflikts oder Antisemitismus.“ (1)

Mit diesen Maßnahmen wird zweifellos nicht das Integrationsproblem gelöst, aber es sind ebenso zweifellos erste Schritte in die richtige Richtung. Und diese belegen, dass sowohl ein entsprechendes Problembewusstsein als auch der Mut vorhanden ist, die Probleme endlich beim Namen zu nennen – etwas, was in der Vergangenheit viel zu oft vermieden wurde. „Mit dem Schweigen hat man nur die Rechten gestärkt, weil die haben es angesprochen – zurecht“, meinte Wiesinger auf der Pressekonferenz. (2)

Spannend wird freilich, was die politische Ebene tut, nachdem erste Ergebnisse vorliegen – was nach einem Jahr der Fall sein soll. (3) Mehr Lehrer (4), mehr Sozialarbeiter, mehr Kulturvermittler werden benötigt, weiß Wiesinger schon jetzt, aber dafür muss man wahrlich kein Prophet sein.

Und woher soll das Geld kommen? (5)

Ich habe einen Vorschlag, den ich schon seit vielen Jahren höchstrangigen Politikern unterbreite:

Das Aufblähen der Universitäten und der rasante Ausbau der Elementarbildung saugen das Bildungsbudget aus. Die Sekundarstufe bleibt dabei mit chronischer Blutleere auf der Strecke. Und an dieser Blutleere scheitert die Umsetzung vieler sinnvoller Maßnahmen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Investition in den vorschulischen Bereich ist sehr sinnvoll, und auch eine bessere Ausstattung des tertiären Bereichs ist zu begrüßen. Was ich aber schlicht und einfach nicht akzeptieren will, ist die „Entwicklungshilfe“, die wir an Deutschland leisten.

Laut Weltbank gibt es weltweit nur mehr zwei Ströme internationaler Studierender, die mehr Menschen umfassen als der von Deutschland ins kleine Österreich: der von China nach Großbritannien (bei extrem hohen Studiengebühren) und der von Kasachstan nach Russland. (6)

Auf Platz 3 liegt, wie gesagt, der Strom junger Menschen aus Deutschland, die mit dem deutschen Abitur in der Hand an Österreichs Universitäten um das Geld studieren, das man Österreichs Schulwesen entzieht, und die nach dem Studium Österreich wieder verlassen, um in Deutschland als Akademiker ins Arbeitsleben einzusteigen. Österreich gehört nämlich zu den Staaten, denen es am wenigsten gelingt, internationale Studierende im Land zu halten …

Die – auch europarechtskonforme – Lösung des Problems wäre ganz einfach: kostendeckende Studiengebühren für alle Studierenden und, um Studiengebühren für Österreicher und andere Personen, die Anspruch auf Familienbeihilfe haben, de facto zu vermeiden, Anhebung der österreichischen Familienbeihilfe für Studierende um die Höhe der Studiengebühren. Schlagartig stünden dem österreichischen Bildungssystem Hunderte Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung, die im Schulbereich dringend benötigt werden. Zu Weihnachten darf man sich ja wohl etwas wünschen …

(1) „Kulturkampf im Klassenzimmer“-Autorin wird Ombudsfrau. In: Presse online vom 20. Dezember 2019.

(2) a.a.O.

(3) Siehe Ö1-Mittagsjournal vom 20. Dezember 2019.

(4) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(5) Eurostat-Datenbank-Abfrage vom 15. Dezember 2019.

(6) Siehe Weltbank (Hrsg.), Critical Connections: Promoting Economic Growth and Resilience in Europe and Central Asia (2018), S. 175.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Weihnachtswunsch

  1. Wer in Österreich die Matura mit Auszeichnung besteht und den Aufnahmetest fürs Medizinstudium nicht schafft, der kann nach Deutschland studieren gehen, und zwar ohne Studiengebühren zahlen zu müssen (die es in Deutschland nicht gibt) – weil er den dort gültigen numerus clausus ja geschafft hat. Der EU sei Dank: er wird deutschen Staatsbürgern gleich gestellt.

    Dagegen hat Kollege Quin wohl nichts einzuwenden? Oder vielleicht auch deutsche Studiengebühren nur für Ausländer?

    Und dass der dann frischgebackene Mediziner mit 50% Wahrscheinlichkeit in Deutschland hängen bleibt (Freundin, neues soziales Umfeld, Angebote aus Deutschland, Zustände an österreichischen Spitälern …), sodass der österreichische Steuerzahler 12 Jahre Schulbildung „umsonst“ in ihn investiert hat – wenn kümmert’s? Erst vorgestern machte wieder eine Meldung über den drohenden baldigen Kollaps der medizinischen Versorgung die Runde – aber so schlimm wird es schon nicht werden…

    Um die Auswirkungen des neuen Lehrerdienstrechts – Stichwort Induktionsphase – hat sich ja auch jahrelang niemand geschert. Jetzt, wo der Hut schon lichterloh brennt, schreibt der ÖPU-Bundeskongress einen Brief an den Minister (der für die Malaise gar nicht verantwortlich ist).

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