Symbolpolitik?

Wann ist etwas gesellschaftspolitisch wichtig? Hängt es von der Zahl der betroffenen Personen ab? Wohl eher nicht, sonst gäbe es keinen Minderheitenschutz. Wichtig – zumindest aus Sicht der Politik – ist, was die Menschen emotional berührt.

Seit der „Flüchtlingswelle“ sind das Fragen der Migration, des Umgangs mit Menschen aus dem Ausland etc. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wieder einmal das „Kopftuchverbot“ auf dem politischen Servierteller auftaucht. Es ist zweifellos skurril, wenn Kinder in der Volksschule oder gar im Kindergarten von ihren Eltern zum Tragen eines Kopftuchs verpflichtet werden. „Mädchen werden, indem sie ihr Haar vor Männern nicht zeigen sollen, schon im Kindesalter als Sexualobjekte gesehen. Diese Sexualisierung der Mädchen gehört einfach verboten, und wenn wir an das Kindeswohl denken, haben solche Praktiken keinen Platz in unserer Gesellschaft“, hält die Migrationsexpertin Emina Saric fest. (1)

Wie sieht es aber nach der Volksschule aus? Es dürfte wohl recht schwierig zu erklären sein, warum ein zehnjähriges Mädchen kein Kopftuch in der Schule tragen darf, ein elfjähriges hingegen schon. Rechtlich gäbe es im Alter von vierzehn Jahren eine Zäsur. „Nach vollendetem 14. Lebensjahre hat Jedermann ohne Unterschied des Geschlechtes die freie Wahl des Religionsbekenntnisses nach seiner eigenen Ueberzeugung und ist in dieser freien Wahl nöthigenfalls von der Behörde zu schützen“, heißt es in Artikel 4 des nach wie vor gültigen Gesetzes über interkonfessionelle Verhältnisse aus dem Jahr 1868.

Massenphänomen ist das Kopftuch in der Primarstufe freilich keines. In ganz Tirol etwa tragen nach Aussage der zuständigen Bildungslandesrätin 19 Mädchen in Volksschulen ein solches. (2) Trotzdem ist das Thema heiß umstritten, da es um ein Symbol geht, und solche wurden „oft als Zeichen einer Gemeinschaft geschaffen, das die Anhänger eint und die Gegner mobilisiert.“ (3)

Aus der Genderperspektive gibt es unterschiedliche Sichtweisen auf dieses Thema. Ich kann derjenigen jedoch viel abgewinnen, „die das Kopftuch klar als Unterdrückungsmechanismus der patriarchalen Strukturen sieht, weil es ausschließlich den weiblichen Körper und die Kontrolle der weiblichen Sexualität betrifft.“ (4)

Allerdings spricht das alles noch nicht eindeutig für ein Kopftuchverbot. Manche jungen Burschen tragen eine Kippa, ganz eindeutig ein religiöses Symbol. Müsste man diese dann nicht auch verbieten? Und rein praktisch stellt sich die Frage, wer ein solches Kopftuchverbot exekutieren soll? Rufen LehrerInnen die Polizei, wenn ein Kind die Abnahme des Kopftuchs verweigert?

Also alles nur Symbolpolitik? Ja, es ist „nur“ ein Symbol, und mit der Beseitigung desselben wird kein Problem gelöst. Aber Symbole betreffen immer weit mehr als die Sachebene. Sie sind etwas Zusammengefügtes, wenn man die Bedeutung des griechischen Wortstammes hernimmt. „Dieses Zusammenfügen kann so weit gehen, dass in einem einzigen Symbol eine ganze Ideologie enthalten ist wie beispielsweise im Kreuz das Christentum, in der Mondsichel der Islam, im Hakenkreuz die Ideologie der Nazis.“ Und daher wirken sie „einigend und polarisierend; aufwühlend und beruhigend. Und immer mitten ins Herz.“ (5)

(1) Lisa Nimmervoll, Emina Saric über das Kopftuch: „Ein Feldzug gegen den Frauenkörper“. In: Standard online vom 7. August 2018.

(2) Siehe In Tirol 19 Mädchen von Kopftuchverbot in Volksschule betroffen. In: Presse online vom 21. November 2018.

(3) Die Macht der Symbole. PM Magazin 8/2004 vom 20. August 2014.

(4) Nimmervoll, Kopftuch.

(5) Macht der Symbole.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Symbolpolitik?

  1. Ad: Aus der Genderperspektive gibt es unterschiedliche Sichtweisen auf dieses Thema. Ich kann derjenigen jedoch viel abgewinnen, „die das Kopftuch klar als Unterdrückungsmechanismus der patriarchalen Strukturen sieht, weil es ausschließlich den weiblichen Körper und die Kontrolle der weiblichen Sexualität betrifft.“

    Na ja, da frage ich mich dann, wie es wohl mit dem weißen Kommunionkleid aussieht, welches sieben- oder achtjährige Mädchen bei uns tragen – oder zu tragen gezwungen bzw. manipuliert werden, denn von welchem Volksschulkind kann man schon sinnvollerweise behaupten, dass es sich bei der Erstkommunion bewusst für den Empfang eines Sakraments entscheidet? Den Leib Christi zu empfangen – das ist ein Thema für Theologen, nicht für kleine Kinder.

    Abgesehen davon, dass diese Kinder bereits als Babys getauft wurden – ein klassischer Fall von religiöser Fremdbestimmung – treffen beim Kommunionkleid die eingangs zitierten Kriterien alle zu:
    1. Unterdrückung: Das Kind soll religiös konditioniert werden; ein paar Jahre später folgt dann die Firmung: beides Vorbereitungen für die Einordnung in eine Gesellschaft, wo einem (= den Schafen) vom kirchlichen Lehramt (= den „Hirten“) vorgeschrieben wird, was man darf und was nicht
    2. patriarchalische Strukturen – braucht man im Zusammenhang mit der katholischen Kirche nicht näher zu begründen
    3. ausschließlich den weiblichen Körper betreffend – auch klar, Buben tragen keine Kommunionkleider
    4. die Kontrolle der weiblichen Sexualität betreffend: Die Farbe Weiß bedeutet im katholischen Brauchtum (weißes Hochzeitskleid) „Unschuld“ im Sinne des 6. Gebotes – also Verzicht auf voreheliche Sexualität. In der Tradition dürfen nur Jungfrauen ein weißes Hochzeitskleid tragen. Diese sexuelle Repression wird im weißen Kommunionkleid bereits auf kleine Mädchen angewandt. Bezeichnenderweise gibt es für die Buben kein entsprechendes Gegenstück: die schwarze Farbe des Kommunionsanzuges hat keine sexuelle Bedeutung.

    Erich Wallner

  2. Ganz einfach: bis14 ist das Tragen von religiösen Symbolen in der Schule nicht gestattet. Nach 14 muss das dann
    selbstverständlich freigestellt werden

  3. Herr Pruenster, das Zitat nach Fußnote # 4, welches ich kommentiere, bezieht sich überhaupt nicht auf die Schule, sondern offenbar auf alle Lebensbereiche.
    Wenn sich E. Quin die Freiheit nimmt, über den Tellerrand des Lehrers zu blicken, dann nehme ich das auch für mich in Anspruch.

  4. Pawel Rubljow
    Grundsätzlich haben die beiden Herren, Pruenster und Wallner bis zu einem gewissen Grad recht, aber auch nicht mehr. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es sich da und dort eingebürgert hat, die Erstkommunionkinder in ganz einfache weiße Kutten zu kleiden, egal ob Mädchen oder Knabe. Also Sexualisierung?? In Frankreich ist das schon sehr lange üblich (vielleicht auch im Sinne der égalité). Und kein Erstkommunionkind trägt dann am Montag und alle weiteren Tage Weiß. Wenn es die Tradition so „will“, das Mädchen in Weiß zur Erstkommunion antreten, dann stecken wohl viele, sehr viele Mamis dahinter, denen es sicher mehr um das Hübsch-Sein als um Sxualisierung geht. Uns Papis ist das sowiso Wurst, die stehen der Kirche sowiso meist fern und freuen sich der bei Gelegenheit eins auszuwischen. Herr Waller hat offenbar diese Möglichkeit wahrgenommen. Übrigens, die Kirche besteht aus fehlbaren, Irrtümern anfälligen Menschen.

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