Das 12 $-Wort

Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu. Die Beurteilungskonferenzen stehen vor der Tür. Die Reifeprüfungen sind schon oder werden gerade abgelegt. Eine Zeit höchster Arbeitsbelastung knapp vor den wohlverdienten Ferien. Um Letztere werden LehrerInnen oft beneidet, um Ersteres nicht.

Ich bin sicher, dass noch das jährlich wiederkehrende Lehrerbashing einsetzen wird, denn nicht nur Wahlkampf, sondern auch Ferienbeginn ist üblicherweise die Zeit fokussierter Unintelligenz (© Michael Häupl). In Wirklichkeit jedoch haben Österreichs LehrerInnen höchsten Respekt verdient. Sie leisten unter schwierigen Bedingungen hervorragende Arbeit:

  • In Österreich spricht fast jedeR fünfte 15-Jährige zu Hause nicht die Unterrichtssprache. Der EU-Mittelwert liegt bei 14,5 Prozent, und im „Bildungsmekka“ Finnland bei bloß 6 Prozent. (1)
  • Dafür werden in Österreich aber nur 6,1 Prozent der öffentlichen Ausgaben ins Schulwesen investiert. Der OECD-Mittelwert ist um ein Drittel größer. (2)
  • Trotzdem gehört Österreich zu den EU-Staaten mit den wenigsten SchulabbrecherInnen. Nur 7,3 Prozent der 18- bis 24-Jährigen haben ihre Schullaufbahn ohne einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II beendet. Im EU-Durchschnitt sind es fast um die Hälfte mehr. (3)
  • Der Einstieg ins Berufsleben gelingt den AbsolventInnen unseres differenzierten Schulwesens weit besser als denen in anderen Staaten. In Österreich sind 8,8 Prozent der 20- bis 24-Jährigen „not in education, employment or training (NEET)“. Im EU-Durchschnitt sind es um 70 Prozent mehr. (4)
  • Und Österreichs 15-Jährige fühlen sich ihrer Schule weit mehr verbunden, als das in den meisten anderen OECD-Staaten der Fall ist. (5)

Vielleicht sollten manche PolitikerInnen und JournalistInnen es mit der Recherche etwas genauer nehmen. Sie müssen ja nicht gleich so gründlich sein wie der US-amerikanische Journalist und Autor Hunter Stockton Thompson. Dieser fuhr ein Jahr lang mit den kalifornischen Hell‘s Angels, bevor er 1966 sein Buch „Hell‘s Angels: The Strange and Terrible Saga of the Outlaw Motorcycle Gangs“ veröffentlichte. Es wird erzählt, dass sich seine Honorarforderung auf zwölf Dollar pro Wort belief. Aus Jux schickten ihm daraufhin ein paar Studenten zwölf Dollar mit der Bitte, Thompson solle ihnen dafür sein bestes Wort zukommen lassen – und es kam postwendend: „Danke!“

Sie, geschätzte KollegInnen, verdienen jedenfalls kein Bashing, sondern höchste Wertschätzung und das 12 $-Wort.

(1) Siehe OECD (Hrsg.), The Resilience of Students with an Immigrant Background (2018), Figure 5.2.

(2) Siehe OECD (Hrsg.), Bildung auf einen Blick 2018 (2018), Tabelle C4.1.

(3) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 14. Juni 2019

(4) a.a.O.

(5) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2015. Students’ Well-Being (2017), Table III.7.6.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Das 12 $-Wort

  1. 1. Aus dem STANDARD (6. 4. 2018):

    „Vorkenntnisse muss niemand mitbringen, was Polizistinnen und Polizisten wissen müssen, lernen sie in der zweijährigen Grundausbildung. Aber dorthin muss man erst einmal kommen – der Aufnahmetest ist auch Thema Nummer eins beim Recruiting-Day. Die Durchfallquote liegt bei 30 Prozent. In einzelnen Durchgängen schafften es acht von zehn Bewerbern nicht.

    Mangelnde Deutschkenntnisse

    Neben den Fitnessvorgaben erweisen sich vor allem die geforderten Deutschkenntnisse als eine hohe Hürde. Jeder dritte Bewerber weiß etwa nicht, was richtig ist: „Kaffehaus“, „Kaffeehaus“, „Caffehaus“ oder „Cafeehaus“. Auch mit den s und f in „Flussschifffahrt“ gibt es Probleme. Und viele lassen den Dativ dort hochleben, wo er nichts verloren hat. Die sprachlichen Anforderungen sollen aber trotzdem nicht nach unten nivelliert werden, heißt es im Innenministerium.“

    2. Aus dem STANDARD vom 15. 4. 2018:

    „Bewerbungen verdoppelt

    Seit einigen Wochen ist Schulungsraum H18 gut besucht: Im Februar startete die Polizei eine Kampagne, mit der sie jungen Menschen den Beruf Polizist schmackhaft machen wollen. Auf Plakaten, in Radio- und Fernsehspots werben sie für neue Mitarbeiter – und das äußerst erfolgreich. Die Zahl der Bewerber hat sich seither verdoppelt: von wöchentlich etwa 50 auf fast 100. Das Problem: Etwa 40 Prozent scheitern am Diktat.“

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