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Gerhard Riegler: Die Frage nach dem Warum

Wir LehrerInnen müssen damit leben, dass Schule auch bei privaten Zusammenkünften regelmäßig zum Thema wird und uns unser berufliches Wirken daher auch in der Freizeit fordert. Dabei erleben wir hautnah, welches Bild von Schule Menschen, die mit ihr nicht unmittelbar und aktuell in Kontakt stehen, via Medien vermittelt wird.

Bei der heurigen Osterjause im Kreis der Verwandtschaft wurde ich mit Fragen konfrontiert, die ich mir seit Jahren selbst stelle: „Haben die Schulpolitiker so wenig Ahnung von der wirklichen Schule, dass sie einen Unsinn nach dem anderen beschließen? Warum lassen sie sich von euch nicht beraten?“

Als erfreulich empfinde ich, dass sich allmählich durchzusprechen scheint, dass die bisherigen „Bildungsreformen“ keineswegs die in den Hochglanzbroschüren vollmundig versprochenen Heilswirkungen gezeigt, sondern Österreichs Schulwesen erheblich geschädigt haben. Erfreulich ist dies deshalb, weil aus dieser Erkenntnis allmählich eine kritische Distanz gegenüber schulpolitischen „Reformpaketen“ resultiert, die der Bevölkerung als Arznei verkauft werden, obwohl sie Krankheit verursachen.

Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt, ohne Produkthaftung von Seiten derjenigen, die all dies inszeniert haben. Dass die allermeisten Reformen eben gerade denen schaden, denen sie zugutekommen sollten, nämlich den sozial Schwächsten, wird verdrängt.“ (1)

Geantwortet habe ich, wovon ich von Jahr zu Jahr mehr überzeugt bin: Ich glaube, dass einigen PolitikerInnen, und zwar nicht den unwichtigsten, tatsächlich bewusst ist, was sie tun. Ich glaube, dass sie das öffentlich finanzierte Schulwesen bewusst schädigen. Ich glaube, dass sie das öffentliche Vertrauen ins Schulwesen bewusst untergraben, um auch hierzulande den Nährboden für elitäre Bildungstempel zu schaffen, in denen die Kinder derer unterrichtet werden, deren Eltern es sich leisten können, pro Kind und Monat einige tausend Euro Schulgeld zu bezahlen.

Im OECD-Mittel besuchen bereits etwa drei Mal so viele SchülerInnen wie in Österreich derartige „private independent schools“, in den USA gar schon fünf Mal so viele. (2) In den USA sind Klassen in „private independent schools“ um ein Drittel kleiner als an den staatlich finanzierten Schulen, in Frankreich und Großbritannien mit einer durchschnittlichen Klassenschülerzahl von 13,1 bzw. 10,7 sogar nur halb so groß. (3)

Ob sich die Demontage des öffentlich finanzierten Schulwesens beenden lässt, wird von uns abhängen. Nicht „die Politik“ gilt es zu überzeugen, sondern diejenigen, auf deren Stimmen PolitikerInnen angewiesen sind. Der ehemalige Bundespräsident Deutschlands Joachim Gauck hat es in seiner Abschiedsrede am 18. Jänner 2017 auf den Punkt gebracht: „Wir, die Bürger, sind es, die über die Gestalt unseres Gemeinwesens entscheiden. Und wir, die Bürger, tragen die Verantwortung für die Zukunft unserer Kinder und Enkel.

Allen, die aktiv dazu beitragen, dass Fakten als Antwort auf Propaganda Verbreitung finden, und damit für Aufklärung sorgen, möchte ich an dieser Stelle herzlich danken.

(1) Josef Kraus, Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt (2017), S. 12.

(2) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2015 Results: Policies and Practices for Successful Schools (2016), Table II.4.7.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Table D2.1.

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Gerhard Riegler: Die Bildungspolitik braucht eine Reform

Am Montag ist das schon drei Tage zuvor den Medien vollmundig präsentierte „Autonomiepaket“ nun tatsächlich in Begutachtung gegangen. Wenn ich mir ansehe, was von all dem, was ursprünglich geplant war, nicht mehr enthalten ist, bin ich sehr froh und dem Verhandlungsteam der Lehrergewerkschaften sehr dankbar.

Angesichts dessen, dass unsere Schulen dringend Hilfe bräuchten, um zusätzliche Herausforderungen meistern zu können, die nicht zuletzt durch politisches Versagen verursacht sind, und angesichts dessen, dass in diesem riesigen Paket kein bisschen Hilfe zu finden ist, packt mich allerdings die Wut. „Was jetzt gemacht wird, geht an den Kernproblemen des Bildungswesens um Lichtjahre vorbei“, lautet die Diagnose des ehemaligen Präsidenten des Wiener Stadtschulrates Mag. Dr. Kurt Scholz, mit der er mir aus dem Herzen spricht. (1)

Am Dienstag ist „unsere“ Ministerin mit einer Aussage in die Öffentlichkeit getreten, die ich, um höflich zu bleiben, als Entgleisung bezeichne: „Wir haben eines der teuersten Schulsysteme im OECD-Vergleich, schneiden bei internationalen Testungen aber maximal durchschnittlich ab. Das zeigt ganz klar, dass das Problem nicht am Mangel an finanziellen Mitteln liegt.“ Und das, obwohl die Ministerin ganz genau weiß, dass unserem Schulwesen im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte massiv Ressourcen entzogen wurden, obwohl sie weiß, dass Österreichs Schulwesen jährlich zwei Milliarden Euro mehr bekommen müsste, um denselben Anteil am Brutto-Inlandsprodukt nutzen zu können, der den Schulen im OECD-Mittel vergönnt ist.

Nein, BM Mag. Dr. Sonja Hammerschmid wurde nicht falsch zitiert, nein, dieser unsägliche Sager ist ihr auch nicht im Rahmen eines Interviews durch ein intellektuelles Blackout passiert. Nein, er stammt aus einer Presseaussendung, sollte also wohlüberlegt sein. (2)

Finanziert wurde diese Presseaussendung vom Bildungsministerium, dem das Geld fehlt, um zumindest die Klassenschülerhöchstzahl 25 auch nur annähernd gesetzeskonform umzusetzen. Dessen Chefin aber verspürt das Bedürfnis, unser Schulwesen als teuer und uns LehrerInnen als das Problem hinzustellen. Österreichs Schulwesen leidet tatsächlich nicht nur unter massiver Unterfinanzierung.

Dringender Reformbedarf besteht in der Bildungspolitik, nicht im Bildungswesen“, bringt es Ronald Barazon, der langjährige Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, auf den Punkt. (3)

(1) Zit. n. Die Zukunft in Schwarz und Weiß. In: Kleine Zeitung vom 23. März 2017.

(2) Hammerschmid: Bildungssystem braucht moderne Pädagogik, nicht mehr Ressourcen. Presseaussendung vom 21. März 2017.

(3) Ronald Barazon, Die Vernichtung des Bildungswesens. Videokommentar vom 16. März 2017.

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Gerhard Riegler: Höhenflüge statt Talfahrten

Eineinhalb Wochen habe ich inzwischen in die Analyse der PISA-Daten investiert. Mit den PISA-Daten meine ich natürlich nicht nur den äußerst knapp gehaltenen Bericht des BIFIE, sondern die internationalen Berichte und die Auseinandersetzung mit den Rohdaten.

Ein Editorial bietet nicht ansatzweise den Rahmen, innerhalb dessen auf Details eingegangen werden könnte. Ganz abgesehen davon, dass ich erst einen kleinen Teil der Arbeit geleistet habe, die ich leisten möchte. PISA-Daten liefern nämlich in der Tiefe ungemein viele Informationen, die wertvoll wären, würde sich die Politik auf sie einlassen, was in Österreich bisher leider nicht gelungen ist. Statt „leider“ hätte ich vielleicht zutreffender „skandalöserweise“ schreiben sollen.

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Es drängt sich zunächst ein Vergleich zwischen PISA 2006 und PISA 2015 auf, da bei beiden Durchgängen mit den Naturwissenschaften dieselbe Hauptdomäne im Mittelpunkt stand. Der Vergleich der Ergebnisse der derzeit 28 EU-Staaten zeigt:

Österreichs 15-Jährige belegten vor dem Jahrzehnt der „Reformpolitik“ bei PISA 2006 die Plätze 7 (Mathematik), 7 (Naturwissenschaften) und 12 (Lesen), neun Jahre später sind sie auf die Plätze 10 (Mathematik), 12 (Naturwissenschaften) und 18 (Lesen) abgerutscht.

Eine verantwortungsbewusste Politik hätte spätestens an den Ergebnissen von PISA 2006 erkannt, dass das jahrzehntelange Verdrängen und Vertuschen des integrationspolitischen Handlungsbedarfs unübersehbare Folgen nach sich gezogen hat: Nicht wie in den beiden anderen Kompetenzbereichen am Ende des ersten Viertels des internationalen Orchesters, sondern nur im Mittelfeld landeten unsere 15-Jährigen mit ihrer Lesekompetenz bei PISA 2006. Dass Schwächen in der Lesekompetenz sehr stark auf die anderen Bereiche ausstrahlen, dass also in der Mathematik und den Naturwissenschaften noch weit bessere Platzierungen als am Ende des ersten Viertels möglich gewesen wären, sei ergänzend erwähnt.

Statt aber ehrlich zu sein, die Folgen einer jahrzehntelangen Vogel-Strauß-Politik einzugestehen und sich unverzüglich an die Behebung des von ihr verursachten Schadens zu machen, griff Österreichs Schulpolitik zur Propagandatrommel. Schlag um Schlag wurde die Verleumdungspolitik gegen unser Schulwesen und uns LehrerInnen geführt, ein Anschlag auf die Qualität unseres Schulwesens nach dem anderen unternommen.

Verkauft wurde dieses destruktive Treiben als „Reformen“. Um sich dafür in Medien Unterstützung zu verschaffen, holte man sich – zusätzlich zu den sündteuren Inseraten und „Medienkooperationen“ auf Kosten des Steuerzahlers – skurrile Typen, die sich „ExpertInnen“ nannten und unser Schulwesen medial mit völlig verrückten Vorwürfen überschütteten.

Die Schulpolitik des letzten Jahrzehnts hat erheblichen Schaden angerichtet, die Bilanz liegt in aller Ausführlichkeit auf dem Tisch. Jede Unternehmensleitung würde gegenüber den dafür Verantwortlichen rechtliche Schritte prüfen. Österreichs Schulpolitik ist angesichts dieser Bilanz zumindest aufgefordert, ihr Tun unverzüglich, ehrlich und schonungslos zu reflektieren. Reformen, die zu einem so deutlichen Qualitätsverlust geführt haben, sind als Fehlentscheidungen einzugestehen und schnellstens zurückzunehmen.

Um wieder dort zu landen, wo wir waren, bevor der Absturz provoziert wurde – nämlich am Ende des ersten Viertels –, sind schulpolitische Höhenflüge einzuleiten. Manche Aussage, die nach der Präsentation der aktuellen PISA-Ergebnisse zu hören oder lesen war, halte ich für eine Zumutung gegenüber allen an der Schule Beteiligten. Wer nach diesem Desaster der Reformen des letzten Jahrzehnts, die für diese Talfahrt sorgten, eine Beschleunigung der Reformen fordert, kommt mir vor wie ein Autofahrer, der von der Straße abkommt, über die Böschung fährt und glaubt, sich durch Vollgas retten zu können. Abgesehen von Irren und Selbstmördern würde dies niemand tun, es sei denn, er ist in Panik. Dass Panik Personen erfasst, deren schulpolitische Positionen zu diesem Schaden geführt haben, ist verständlich.

Irrsinn und Panik sind gleichermaßen schlechte Berater. Vernunft und Verantwortungsbewusstsein mögen endlich Österreichs Schulpolitik bestimmen!

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Gerhard Riegler: Das Ende einer fahrlässigen Schulpolitik

Der Absturz Baden-Württembergs beim innerdeutschen Leistungsvergleich von SchülerInnen der 9. Jahrgangsstufe (IQB-Bildungstrend 2015) könnte für Österreich Goldes wert sein. Der jähe Aufprall sollte nämlich einen Denkanstoß geben, und zwar auch über die Grenzen Deutschlands hinaus!

Baden-Württembergs SchülerInnen landeten bei derartigen Vergleichsstudien immer wieder in Deutschlands Spitzenfeld. Neben Bayern schien Baden-Württemberg einen Platz auf dem Podest gepachtet zu haben.

bildungswissenschaft-at_blogNach Jahren intensiver „Reformpolitik“, deren Phrasen bis ins Detail jener Propaganda glichen, der wir in Österreich schon so lang ausgesetzt sind, ist Baden-Württemberg von Deutschlands Spitze ins Mittelfeld abgerutscht und erreicht in etlichen Bereichen nicht einmal mehr durchschnittliche Ergebnisse.

Die Folgen einer Schulpolitik, die auf das Trommeln von Politphrasen statt auf das reiche Erfahrungswissen der PraktikerInnen und die ebenso reiche bildungswissenschaftliche Evidenz gesetzt hat, rufen jetzt Bestürzung in der schulpolitischen Chefetage hervor, aus der sich manche „Player“ inzwischen verabschieden mussten. Für die geschädigten jungen Menschen kommt dies leider zu spät. Unseren KollegInnen in Baden-Württemberg gilt meine tief empfundene Sympathie.

Eine Schulpolitik, die nicht genug Zeit findet, sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinanderzusetzen, und die zu abgehoben ist, um das Wissen der LehrerInnen als Basis ihrer Arbeit zu nutzen, hat sich in fahrlässiger Art und Weise auf windige „ExpertInnen“ verlassen und damit der Schule massiven Schaden zugefügt. Und damit bin ich auch schon in Österreich gelandet.

Seit wenigen Tagen kann sich jeder schulpolitisch Interessierte – und das sollten politische EntscheidungsträgerInnen doch wenigstens sein – mit extrem wenig Aufwand auf www.bildungswissenschaft.at über aktuellste bildungswissenschaftliche Erkenntnisse informieren. Es steckt in dieser Website enorm viel Arbeitszeit. Bei der steirischen ZA-Mandatarin Gudrun Pennitz, ohne die ich dieses Werk nie geschafft hätte, möchte ich mich dafür herzlichst bedanken.

Wir wollten einer fahrlässigen Schulpolitik einen Riegel vorschieben. Ich bin davon überzeugt, dass uns dies gelungen ist. Sollte nämlich weiterhin Schulpolitik an der bildungswissenschaftlichen Evidenz vorbeigeführt werden, kann nicht mehr von Fahrlässigkeit gesprochen werden. Dann ist Vorsatz am Werk, wenn es LehrerInnen sukzessive erschwert bis verunmöglicht wird, im Interesse ihrer SchülerInnen erfolgreiche Arbeit zu leisten.

Ich hoffe doch sehr, dass niemand unser Schulwesen vorsätzlich in den Graben fahren will.

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Gerhard Riegler: Nicht schon wieder!

Für 18. Oktober hat sich die Regierung erneut eine Deadline gesetzt.“ (1)

Not Again.Die nächste Welle der sogenannten Bildungsreform rollt auf uns zu. Ich bin davon überzeugt, dass die große Mehrheit der von Schule Betroffenen diesem Ereignis mit großer Skepsis und gemischten Gefühlen entgegenschaut.

Zu oft haben wir im Lauf der letzten beiden Jahrzehnte „Bildungsreformen“ erlebt, die in Wirklichkeit Sparprogramme für das Schulwesen bedeuteten und dem Schulwesen geänderte Rahmenbedingungen bescherten, die es LehrerInnen immer schwerer machten, Schule erfolgreich zu gestalten.

Wer mir jetzt Mangel an Optimismus vorwirft, wird wohl durch die Kulissen eines Besseren belehrt, die in den letzten Tagen auf die Bühne der Schulpolitik geschoben wurden, um einen passenden Hintergrund für einen als Reform getarnten Anschlag zu bieten. Schon wieder wird im Orchestergraben das sattsam bekannte Lied vom zu teuren Schulwesen, den zu kleinen Klassen und den zu hohen Lehrergehältern angestimmt.

Wir haben den Nationalratsabgeordneten, Regierungsmitgliedern und Medien schon zu oft belegte und damit überprüfbare Fakten auf den Tisch gelegt, als dass ich noch glauben könnte, dass diejenigen, die schon wieder die Stimmung gegen Österreichs Schulwesen anheizen, an ihre „Argumente“ glauben.

Es muss der österreichischen Schulpolitik bekannt sein, dass, wie auch die aktuelle Ausgabe der OECD-Studie „Education at a Glance“ belegt,

  • Österreich Schulwesen 2 Milliarden Euro pro Jahr weniger zur Verfügung stehen, als es gemessen am Bruttoinlandsprodukt dem OECD-Mittel entspräche, (2)
  • der Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der unserem Schulwesen gewidmet wird, zwischen 1997 und 2013 um mehr als ein Viertel (von 4,3 auf 3,2 %) reduziert wurde, was zu dem unerträglichen Ressourcenmangel an Österreichs Schulen geführt hat, unter dem wir leiden, (3)
  • die Klassen in Finnlands Schulen, aber auch in denen Südtirols, das von der Schulpolitik immer wieder als Vorbild zitiert wird, deutlich kleiner sind als die Österreichs (4) und
  • das Gehalt der LehrerInnen nach 15 Unterrichtsjahren in Österreich viel weiter unter dem durchschnittlichen Gehalt von AkademikerInnen liegt, als dies in den allermeisten OECD-Staaten der Fall ist. (5)

Wer unser Schulwesen als im internationalen Vergleich teuer diffamiert und Österreichs LehrerInnen als überbezahlt bezeichnet, ist ahnungslos oder verlogen.

Österreichs neue Unterrichtsministerin steht vor ihrer ersten Bewährungsprobe. Wenn sie mit der desaströsen Politik ihrer Vorgängerinnen brechen und der unverantwortlichen Stimmungsmache mit einer faktenbasierten Politik für das Schulwesen begegnen will, hat sie uns an ihrer Seite. Andernfalls steuern wir auf den nächsten Konflikt großen Ausmaßes zu. Nicht schon wieder!

(1) Lisa Kogelnik, Wien gibt bei Modellregion zu Gesamtschule nach. In: Standard online vom 4. Oktober 2016.

(2) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure B2.2.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance (2000), Table B1.1d.; OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Table B2.2.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure D2.1., und Südtirols Landesinstitut für Statistik (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014 -2015 (2015), S. 39.

(5) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Table D3.2b.

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Unfug

Ich kenne aufgrund meiner Tätigkeit viele Politiker (1) persönlich und gestehe vielen von ihnen zu, ihren Job nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben. Aber manche Wortmeldungen lassen mich verstehen, warum Politiker mittlerweile ein deutlich schlechteres Image haben als Prostituierte. (2) Die drei „Highlights“ der letzten Tage:

bigstock-Shocked-and-surprised-boy-with-105925043_blogDie Modellregionen zur 8-jährigen Volksschule – pardon, der „Schule der 6- bis 14-Jährigen“, wie es im Papier zur „Bildungsreform“ heißt – wird von der Tiroler Landespolitik so beschrieben: „Eine „Gemeinsame Schule“ ist eine Schule der Vielfalt, bei der gymnasiale Ausbildung und Schwerpunkte der NMS wie Sport, Musik, Technik und Sprachen weiter bestehen bleiben.“ (3)

Nun heißt es aber im Papier der Bundesregierung zur „Bildungsreform“ wörtlich: „Gleichmäßige Verteilung von Bundes- und Landeslehrerinnen und Landeslehrer sowie der Schülerinnen und Schüler aller Leistungsspektren auf die Standorte der Modell-Regionen (alle Kinder, die die Volksschule positiv abgeschlossen haben, Kinder mit besonderen Bedürfnissen müssen die Volksschule oder Sonderschule lediglich besucht haben).“ Ja selbst die Klassen sollen möglichst heterogen zusammengesetzt und nur „innere Differenzierung“ möglich sein. (4) Da dürfte eine Schwerpunktsetzung schwierig werden …

Am 10. Februar hat die OECD, eine Meisterin im Daten-Recycling, wieder einmal eine Publikation zu PISA 2012 präsentiert („Low-Performing Students“). Jede Partei sieht ihre Position durch diese Publikation bestätigt. Ich wage die Behauptung, dass keine einzige Person, die sich noch am selben Tag wortreich darüber geäußert hat, dieses 210 Seiten umfassende Werk überhaupt sinnerfassend gelesen hat. Ich würde mir die Redlichkeit erwarten, gewisse Aussagen zumindest auf ihre Plausibilität zu prüfen. Wenn das Unterrichtsministerium in einer Presseaussendung behauptet, die Studie belege, dass die Einführung der NMS positive Effekte erziele, erheitert mich das. Bei PISA 2012 wurden im Frühjahr 2012 15-Jährige getestet. Die NMS wurde aber erst im Herbst 2012 aufsteigend für 10-Jährige im Regelschulwesen eingeführt.

Ähnlich skurril ist die Forderung, die etwa auch von Personen der Wirtschaftskammer, des Wirtschafts- oder des Bauernbundes erhoben wird: Der Bundeszuschuss zu den Pensionen müsse drastisch gesenkt werden.

Nun ist es zweifellos legitim, über die Aufkündigung eines seit Jahrzehnten bestehenden gesellschaftspolitischen Konsenses zu diskutieren, gemäß dem die Pensionen zu je einem Drittel vom Arbeitnehmer, vom Arbeitgeber und von der öffentlichen Hand zu finanzieren sind. Absurd wird es aber, wenn man sich ansieht, wer diese Forderung erhebt. Würde man alles unverändert belassen und „nur“ den Bundeszuschuss streichen, würden die ASVG-Pensionen, also die der unselbständig Erwerbstätigen, um 18,2 % sinken, die in der gewerblichen Wirtschaft um 49,2 % und die der Bauern gar um 77,8 %! (5) Damit können wohl nur Großindustrielle oder Großgrundbesitzer leben, die auf keine Pension angewiesen sind.

An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern“, schrieb Erich Kästner.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Politiker: Image ist schlechter als das von Prostituierten. In: Trend online vom 24.  November 2013.

(3) LR Palfrader: „Kein Gymnasium wird geschlossen!“. In: Bezirksblätter online vom 5. Februar 2016.

(4) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

(5) Die Zahlen stammen aus der ORF-Sendung „Hohes Haus“ vom 31. Jänner 2016.

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Eine Geschichte der Revolte

Die Industriellenvereinigung schlägt vor, einen neuen Fächerkanon zu schaffen und dafür „totes Wissen“ aus den Lehrplänen zu entfernen. […] So sollen Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Informatik und Werken das neue große Fach Science & Technology bilden. Bei der Verschränkung dieser Fächer stünde der Bezug zur Praxis in Wissenschaft und Technik im Vordergrund“, las ich vor wenigen Tagen in der „Presse“. (1)

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Ich habe Chemie studiert, traue es mir aber ganz bestimmt nicht zu, Mathematik, Physik, Biologie, Informatik und Werken auf einem Niveau zu unterrichten, das meinen Ansprüchen auch nur ansatzweise genügt. Aber vielleicht verstehe ich unter Qualität etwas anderes als die Industriellenvereinigung.

Mindestens ebenso beachtenswert finde ich die Forderung nach einem stärkeren „Bezug zur Praxis“. Die Forderung ist so alt wie die Institution Schule selbst. Diese hat nämlich immer schon zwei grundlegende Funktionen zu erfüllen – Enkulturation und Qualifikation.

Schule hat eine Enkulturationsfunktion, indem sie grundlegende Symbolsysteme wie Sprache und Schrift ebenso lehrt wie grundlegende Wertorientierungen. Es geht dabei um die Reproduktion kultureller Fertigkeiten und Verständnisformen der Welt.

Schule hat aber stets auch eine Qualifikationsfunktion. Sie soll jenes Wissen und Können vermitteln, das für die Integration in die Berufswelt erforderlich ist. Derzeit erleben wir durch die Ökonomisierung des Bildungsbegriffs, wie der gesellschaftliche Fokus vor allem auf die Qualifikationsfunktion gerichtet wird, um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten.

Beide Funktionen sind zweifellos wichtig und unverzichtbar. Bildung und Ausbildung müssen gemeinsam Platz in einer Institution haben, deren Name sich vom griechischen Wort für „Muße“ ableitet. „Die Qualität von Bildungseinrichtungen wäre auch danach zu beurteilen, wie viel Freiheit, wie viel Risiko, wie viel Neugier, wie viel Wissen, wie viel ästhetische Erfahrung, wie viel Nutzloses, ja wie viele – geistige – Seitensprünge sie erlauben. Daran wird eine Schule der Zukunft zu messen sein, nicht an einem vermeintlichen Qualitätsmanagement, einer hochtrabenden Organisationsterminologie, kompetenzorientierten Curricula und fadenscheinigen Testergebnissen.“ (2)

In einem Interview formulierte es Konrad Paul Liessmann so: „Kultur war immer schon definiert, dass in ihr das vermeintlich Überflüssige, das vermeintlich Nutzlose seinen Platz hat und seinen Platz haben darf. Und ich finde es einigermaßen paradox, dass die entwickeltste und reichste Gesellschaft, die es auf dieser Erde je gab, nämlich die westliche wissenschaftlich-technische Zivilisation, dass die glaubt, auf Kultur, auf Kultivierung verzichten zu können. Eine rein durchökonomisierte Gesellschaft mag erfolgreich sein, aber sie wird nichtsdestotrotz barbarisch sein.“ (3)

Doch im ersten Kommentar des neuen Jahres möchte ich optimistisch enden. Auf die Frage, ob Liessmann trotz alledem Grund zur Hoffnung habe, antwortete er: „Aber natürlich, und zwar weil ich glaube, dass man den Menschen bestimmte Grundbedürfnisse nach Bildung, nach Kultivierung, nach dem Schönen, nach Kunst, nach Erkenntnis nicht austreiben kann. Wir halten es als Menschen im Grunde nicht aus, immer nur von einem von anderen uns vorgegebenen Zweck fremdbestimmt zu sein. Der Bildungsprozess, die Bildungsgeschichte war immer auch eine Geschichte der Revolte, der Emanzipation, der Autonomie und der Selbstbehauptung des Menschen, und das wird sich auch nicht ändern.“ (4)

(1) Dominik Perlaki, Industriellenvereinigung will Schulfächer komplett umkrempeln. In: Presse online vom 4. Jänner 2016.

(2) Konrad Paul Liessmann, Schule zwischen Reformzwang und Marktanpassung – Abschied von Bildung? Vortrag gehalten auf einer Veranstaltung der GÖD/FCG am 24. Mai 2012 in Wien.

(3) Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann in den „NZZ Standpunkten“ vom 2. November 2014. Eine dreieinhalbminütige Kurzfassung des Interviews findet man hier, die Langversion (rund 50 Minuten) hier.

(4) a.a.O.

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