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Im Reich der Mythen und Märchen

Es ist vorbei“. So lautet der Titel eines Zeitungsartikels vom Mittwoch. (1) Zitiert wird damit BM Mag.a Dr.in Sonja Hammerschmied, die mit dieser Aussage das „Autonomiepaket“ meint. Am Donnerstag klingt das schon wieder anders. „Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP“, titelt da eine andere Zeitung. (2) Das nenne ich Flexibilität.

Qualitätsjournalismus à la „Österreich“ liefert der „Kurier“ mit der Schlagzeile vom selben Tag: „Die Schule geht kaputt – doch sie pokern weiter“. (3) Als ob die im „Autonomiepaket“ vorgesehenen Maßnahmen zur Lösung der tatsächlichen Probleme in den Schulen Nennenswertes beitragen könnten! Bemerkenswert ist die der SPÖ zugeschriebene Aussage: „Der fertige Entwurf für das Bildungspaket liege seit Monaten fertig am Tisch.“ (4) Ich frage mich, worüber wir verhandelt haben, wenn alles seit Monaten „fertig“ ist.

Besonders erheitert hat mich dann eine APA-Meldung, die ausschließlich Wortspenden der Grünen beinhaltet und in vielen Medien ihren Niederschlag gefunden hat. Darin werden der „Wiener ÖVP-Chef Gernot Blümel“ und ich als „ÖVP-interne Heckenschützen“ bezeichnet. (5) „Mahrer und der designierte ÖVP-Chef Sebastian Kurz hätten diese zwar versucht, zur Räson zu bringen, seien aber gescheitert. Anschließend habe man zunächst das Junktim mit der Studienplatzfinanzierung gebracht und dann eine Einigung überhaupt in Abrede gestellt.“ (6)

Gestatten Sie mir, geschätzte Leserinnen und Leser, das Reich der Mythen und Märchen zu verlassen und einen Blick auf die Tatsachen zu werfen:

  • Weder der Begutachtungsentwurf noch der nach der Begutachtungsfrist mit der Gewerkschaft verhandelte Gesetzestext enthält „Mischcluster“ (also Cluster mit Bundes- und Pflichtschulen) oder Modellregionen zur Gesamtschule. Beides hat nichts mit dem „Autonomiepaket“ zu tun, das in Begutachtung war.
  • Die ARGE LehrerInnen in der GÖD hat zum „Autonomiepaket“ im Namen aller fünf Lehrergewerkschaften ihre Positionierung beschlossen und schriftlich festgehalten. (7)
  • Das gesamte „Autonomiepaket“ ist unter der Prämisse der Kostenneutralität entwickelt worden. Eine kostenneutrale Modellregion zur Gesamtschule wird von allen Lehrergewerkschaften und allen Fraktionen – selbst den gesamtschulaffinen – abgelehnt und wurde – vielleicht auch deshalb – mit uns nie verhandelt.
  • Für den Beschluss des „Autonomiepakets“ bedarf es einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament. Dafür müssten die Grünen oder die FPÖ das Gesetzespaket unterstützen. Beide Oppositionsparteien stellen dafür Bedingungen wie etwa die flächendeckende Gesamtschule in Vorarlberg (Die Grünen würden sich mit einer kostenneutralen Variante zufrieden geben.) oder eigene Sprachklassen vor Eintritt in den „normalen“ Unterricht (FPÖ). Ersteres könnte die SPÖ mittragen, Letzteres die ÖVP – aber nicht vice versa.
  • Flächendeckende Gesamtschule steht ebenso wenig in den Regierungsbeschlüssen zur „Bildungsreform“ wie eigene Sprachklassen.
  • „… die Bildungsreform ist zwar kein großer Wurf, aber es sind durchaus sinnvolle Maßnahmen dabei“, sagte BM Sebastian Kurz in der ZiB2 am Mittwoch. Diese Aussage trifft es eher als die oben zitierte „Kurier“-Schlagzeile.

Die „fokussierte Unintelligenz“ von Wahlkampfzeiten (© Dr. Michael Häupl) zieht offenbar wieder einmal besonders große Kreise. Mich lassen viele Kommentare an Worte von Josef Kraus denken, dem langjährigen Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands: „Ein großer Teil der Bildungspolitik löst keine Probleme, sondern schafft Probleme. Oder noch härter: Bildungspolitik ist in weiten Teilen eine Maßnahme zur vermeintlichen Lösung von Problemen, die es ohne eine bestimmte Bildungspolitik nicht gäbe.“ (8)

(1) Brigitte Pechar, „Es ist vorbei“. In: Wiener Zeitung online vom 7. Juni 2017.

(2) Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP. In: Kleine Zeitung vom 8. Juni 2017.

(3) Raffaela Lindorfer, Bernhard Gaul, Christian Böhmer, Die Schule geht kaputt – doch sie pokern weiter. In: Kurier online vom 7. Juni 2017.

(4) a.a.O.

(5) „Größtmöglicher innenpolitischer Schaden“. In: ORF online vom 8. Juni 2017.

(6) Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP.

(7) Resolution der ARGE LehrerInnen in der GÖD zum „Autonomiepaket“ vom 1. Juni 2017.

(8) Josef Kraus, 30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen. Vortrag in Berlin am 16. Mai 2017.

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Herbert Weiß: Vertane Chance

Im Rückspiegel betrachtet sehe ich die Verhandlungen zum „Autonomiepaket“ auf den ersten Blick recht positiv. Aus einem anfangs völlig unbrauchbaren Paket wird aufgrund der Hartnäckigkeit der VerhandlerInnen auf Gewerkschaftsseite und der Bereitschaft der MitarbeiterInnen verschiedener Ministerien, unsere Bedenken und Argumente ernst zu nehmen und gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten, ein Regelwerk, das in den Schulen hoffentlich keinen großen Schaden anrichten wird.

Auf den zweiten Blick kann ich aber ein Produkt nicht positiv bewerten, das im besten Fall dazu führen kann, dass nichts Schlimmes passiert. Ich sehe die vielen Stunden, die alle Beteiligten in die Erarbeitung von Entwürfen, in deren Bewertung, in die Verhandlungsrunden selbst und in die mehrfachen Überarbeitungen der Entwürfe investiert haben, zwar als extrem wichtige Investition, das Produkt letztlich aber als vertane Chance.

Ein derartiger Prozess hätte Fortschritte bringen können, ja geradezu müssen. Dazu hätte man aber entweder einen anderen Entwurf oder eine andere Vorgangsweise gebraucht. Man hätte sich ja auch am Beginn des Prozesses mit allen Betroffenen zusammensetzen, in einem ersten Schritt die wirklichen Probleme der österreichischen Schulen auflisten und dann gemeinsam nach Lösungen suchen können. Freilich hätte diese Vorgangsweise vorausgesetzt, dass man von Anfang an auch die Finanzierung für die nötige Reform sicherstellen hätte müssen. Von Kostenneutralität wäre dabei wohl keine Rede mehr gewesen.

Als Provokation habe ich es empfunden, dass man uns beim ministeriellen Schulpartnergipfel am 22. Mai von zwei Schulleitern aus Südtirol die Vorzüge der Autonomie vermitteln lassen wollte. Würde man Österreichs Schule auch nur annähernd die Ressourcen zur Verfügung stellen, die der Südtiroler Schule zur Verfügung stehen, dann müsste man uns nicht belehren, was wir mit ihnen alles auf die Beine stellen könnten.

Die Klassengröße bei den 15-Jährigen ist nur in der Schweiz geringer als in Südtirol (19,1 Schüler und Schülerinnen je Klasse).“ (1) Würde man Österreichs AHS genauso großzügig mit Personal ausstatten, wie dies in Südtirol der Fall ist, dann stünden den AHS um 30 Prozent mehr LehrerInnen zur Verfügung. Fast 40 Prozent der SchülerInnen der AHS-Unterstufe werden hierzulande in Klassen jenseits der gesetzlichen Klassenschülerhöchstzahl 25 unterrichtet. In Österreich will man deshalb unter dem Titel „Autonomie“ die Klassenschülerhöchstzahl beseitigen.

Bundesministerin Mag.a Dr.in Sonja Hammerschmid hat Südtirol als Vorbild bezeichnet. (2) Ob sie dabei auch bedacht hat, dass der Anteil der 18- bis 24- Jährigen, die ihre Schullaufbahn ohne einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II beendet haben, in Südtirol fast doppelt so hoch liegt wie in Österreich? (3)

Im Rückblick betrachtet freue ich mich darüber, was uns gelungen ist. Mit dem Blick nach vorne wünsche ich Österreichs Schulen Südtirols Ressourcen, wirkliche Autonomie, mit diesen zusätzlichen Ressourcen das Optimum für unsere SchülerInnen machen zu können, und eine Schulpolitik, die auf Fakten statt auf flotte Sprüche setzt. Österreichs Jugend hätte sie verdient.

(1) OECD (Hrsg.), PISA 2009 – Risultati dell’Alto Adige / Ergebnisse Südtirols (2011), Seite 135.

(2) Siehe Bernhard Gaul, Südtiroler Schul-Freiheit. In: Kurier online vom 22. Oktober 2016.

(3) Siehe Eurostat-Datenbank. Abfrage vom 23. Mai 2017.

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Vom Entmachtungs- zum Ermöglichungspaket?

Wir erleben nun fünf Monate Wahlkampf, eine ziemlich lange Zeit der „fokussierten Unintelligenz“ (© Dr. Michael Häupl). Ich wage daher keinerlei Prognose über die Zukunft des „Autonomiepakets“, denn auch ohne Wahlkampf wäre das Schicksals dieses Gesetzespakets schwer abzuschätzen, benötigt man doch wegen der darin enthaltenen Verfassungsbestimmungen eine 2/3-Mehrheit im Parlament, die nur mit Zugeständnissen an die Grünen oder die FPÖ erreichbar ist.

Entgegen anderslautender Ankündigungen haben auch nach Ende der Begutachtungsfrist Verhandlungen mit der Gewerkschaft stattgefunden, nicht bloß „Gespräche“ (1) oder eine „Information“ (2), wie BM Mag. Dr. Hammerschmid zunächst angekündigt hatte. Am Donnerstag, dem 18. Mai, drehten wir die bisher letzte Verhandlungsrunde mit der Dienstgeberseite.

In den Verhandlungen wurden alle von den verschiedenen Gewerkschaften vorgebrachten Kritikpunkte besprochen, eingehend über große Knackpunkte (wie etwa Freiwilligkeit der Clusterbildung, Klassen- und Gruppengrößen, Zentren für Inklusiv- und Sonderpädagogik) einschließlich möglicher Lösungen diskutiert und manche Änderung vereinbart. Auch von Dienstgeberseite wurden Wünsche vorgebracht und eingehend erörtert.

Nun werden die Gesetzestexte vom Unterrichtsministerium überarbeitet und in Folge der Gewerkschaft übermittelt. Wir werden die Texte dann zu beurteilen haben. Fest steht jedenfalls schon jetzt: Beim „Autonomiepaket“ handelt es sich in erster Linie um ein Strukturpaket (Stichwörter „Bildungsdirektion“, „Schulcluster“ …), das kaum etwas zur Lösung der konkreten Herausforderungen an den Schulen beitragen wird, aber das ist bei der von der Regierung selbst verordneten „Kostenneutralität“ der Reform in vielen Bereichen auch nicht möglich.

Entscheidend für Zustimmung oder Ablehnung wird sein, ob dem am Beginn der Verhandlungen vorliegenden „Autonomiepaket“ die Giftzähne gezogen werden konnten. Entgegen der medialen Aussagen von PolitikerInnen handelte es sich nämlich ursprünglich nicht um ein Ermöglichungs-, sondern um ein Entmachtungspaket der Schulen. Die „Autonomie“ wäre bloß eine der Behörde gewesen.

Bei aller Kritik möchte ich festhalten, dass es manchmal zwar sehr harte und emotionale, aber konstruktive Verhandlungen waren. Sollte am Ende des Tages keine Einigung möglich sein, liegt es jedenfalls an politischen Vorgaben und nicht an den MitarbeiterInnen des Unterrichtsministeriums und anderer Behörden und Institutionen, mit denen wir die Verhandlungen geführt haben. Diesen Personen, die die immense operative Arbeit im Hintergrund der PolitikerInnen leisten, sei an dieser Stelle einmal ausdrücklich für ihr Engagement gedankt.

(1) Siehe Schulautonomie soll bis Anfang Juni in den Ministerrat. In: ORF online vom 2. Mai 2017.

(2) Siehe Julia Neuhauser, Schule: Ministerin gibt 1100 Kritikern Kontra. In: Presse online vom 2. Mai 2017.

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Herbert Weiß: Wortbrüchig?

Nach der Beendigung der Begutachtungsphase haben die Geschehnisse rund um das „Autonomiepaket“ der Bundesregierung geradezu skurrile Formen angenommen. Offensichtlich kann oder will sich auf Regierungsseite niemand mehr daran erinnern, was im Vorfeld oder während der Begutachtungsphase versprochen wurde.

In dem am 16. März 2017 in der ARGE LehrerInnen gefassten Beschluss heißt es unter anderem, dass nach der Begutachtungsphase „Schlussverhandlungen mit dem Ziel einer sozialpartnerschaftlichen Einigung“ zu führen seien. Solche „Schlussverhandlungen“ wurden seitens des Ministeriums zugesagt. Nach Beendigung der Begutachtungsphase klingt das jetzt allerdings anders.

Zuerst wurde davon gesprochen, dass man mit der Gewerkschaft noch einen Termin habe. (1) Später betonte man schon, dass es sich „nur um ein Gespräch und nicht um Verhandlungen handle“. (2) Am Abend des 2. Mai hieß es schließlich, dass man die Lehrergewerkschaft am 8. Mai noch „informieren, aber nicht mehr mit ihr diskutieren“ wolle. (3)

Ebenso ist wenig von den Versprechungen der Bildungsministerin übrig geblieben, die wochenlang landauf und landab von einem „Ermöglichungspaket“ gesprochen hat, das keine Schule zwingen würde, mit einer anderen gegen ihren Willen verclustert zu werden. Auch dem Versprechen, dass es sich beim „Autonomiepaket“ nicht um ein Sparpaket handle, könnte ich erst glauben, wenn den Schulen nicht nur die Ressourcen zur Einhaltung der bisher gesetzlich festgeschriebenen – und vom Ministerium trotzdem ignorierten – Klassenschülerhöchstzahlen, sondern auch die für die bisher in der Eröffnungs- und Teilungszahlenverordnung definierten Gruppenteilungen garantiert würden. Davon ist derzeit leider keine Rede.

Vielmehr streut man hinter vorgehaltener Hand völlig unzutreffende Behauptungen, in der Hoffnung, dass Medien auf den Schwindel hereinfallen und die Märchen vom Minoritenplatz als Tatsachen verbreiten. Zum Teil scheint das sogar gelungen zu sein, wie die folgende Meldung zeigt: „Es gebe derzeit ohnehin keine Klassen mit 25 Schülern, also werde es nachher auch keine mit 30 geben.“ (4)

Wenn man weiß, dass allein in der AHS-Unterstufe im Schuljahr 2015/16 fast 40 % der SchülerInnen in Klassen mit mehr als 25 SchülerInnen unterrichtet wurden, sehe ich diese Äußerung als gefährliche Drohung. (5)

Natürlich rücken jetzt auch wieder Leute aus, die in den Medien sogar als „ausgewiesene Experten des Bildungssystems“ bezeichnet werden, um die Gewerkschaft wie üblich als Blockierer hinzustellen und zu fordern, dass die Regierung das angeblich so wichtige und tolle Projekt durchziehen solle, ohne auf die Betroffenen zu hören. (6)

Die Betroffenen sehen sich inzwischen zurecht oftmals als „in einem Hamsterrad“. Eine schlecht vorbereitete oder auch unsinnige Reform jagt die andere, während man den Schulen vorwirft, sich nicht zu bewegen und sich gegen alle Reformen zu stemmen.

Ich fordere die Bildungsministerin auf, zu ihrem Wort zu stehen anstatt den letzten Rest an Vertrauen, den Österreichs Schulpolitik bei der Lehrerschaft genießt, zu verspielen.

(1) Debora Knob, Ich ziehe Schul-Reform jetzt durch. In: Österreich online vom 1. Mai. 2017.

(2) Schulautonomie soll bis Anfang Juni in den Ministerrat. In: ORF online vom 2. Mai 2017.

(3) Julia Neuhauser, Schule: Ministerin gibt 1100 Kritikern Kontra. In: Presse online vom 2. Mai 2017.

(4) Doris Vettermann, Schulreformpaket nicht mehr aufschnüren! In: Krone online vom 2. Mai 2017.

(5) Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Schulstatistik vom 1. Februar 2017.

(6) Bernhard Gaul, Warum die Schule nicht reif fürs Leben macht. In: Kurier online vom 4. Mai 2017.

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Herbert Weiß: „Begutachtungsverfahren“

Am 29. März hat das Bildungsministerium eine Verordnung in Begutachtung geschickt – die rechtliche Basis für zentrale Testungen, die im April stattfinden sollen. Nun könnte man sagen, dass wenige Tage zur Beurteilung eines knappen Entwurfs reichen.

Sorgen bereitet mir diese Vorgangsweise aber, wenn sie symptomatisch dafür ist, wie ernst die Bundesministerin den demokratischen Prozess eines Begutachtungsverfahrens nimmt. Denn auch das „Autonomiepaket“ befindet sich derzeit in Begutachtung. Vereinbart wurde, dass am Ende des Begutachtungsverfahrens Schlussverhandlungen stattfinden mit dem Ziel, zu einer sozialpartnerschaftlichen Einigung zu kommen.

Gleichzeitig mit dem Begutachtungsstart des „Autonomiepakets“ gab das Ministerium unter dem Titel „Update Schule“ eine Hochglanzbroschüre heraus, in der all die (angeblichen) Vorzüge des „Autonomiepakets“ in höchsten Tönen gelobt werden. Offensichtlich möchte das Ministerium seine Propagandamaschinerie nutzen, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Schulpartner und die Gewerkschaft mit ihren Einschätzungen des Pakets falsch liegen. Ob das gelingen wird, hängt wohl auch davon ab, ob „BildungsexpertInnen“ und/oder MedienvertreterInnen bereit sind, sich die Inhalte des Pakets tatsächlich anzusehen.

Nun hat die Bildungsministerin auch noch sogenannte „Autonomiebotschafter“ nominiert, die die Schulen über die neuen autonomen Segnungen informieren sollen. Das „Autonomiepaket“ zeige, dass die Politik Vertrauen in die Pädagoginnen und Pädagogen und in die Schulstandorte habe, meint Andreas Schnider, einer dieser „Botschafter“. Da frage ich mich schon, ob er in Besitz eines geheimen, neuen Autonomiepakets ist. Aus dem in Begutachtung befindlichen ist derlei nämlich nicht herauszulesen.

Ob es taktisch geschickt ist, die Propagandamaschinerie so früh anlaufen zu lassen, sei dahingestellt. Eine Missachtung eines demokratischen Prozesses ist es jedenfalls. Das Begutachtungsverfahren soll den Betroffenen Gelegenheit geben, sich in den Entwicklungsprozess eines Gesetzes einzubringen. Die Abgeordneten in National- und Bundesrat entscheiden dann, was sie tatsächlich für sinnvoll erachten. Erst nach der Entscheidung der Legislative gibt es etwas, was „Botschafter“ und Hochglanzbroschüren vermarkten können.

Ob es sich alle Abgeordneten bieten lassen, zu Marionetten degradiert zu werden, bleibt abzuwarten. Bei ihren „Botschaftern“ scheint es der Ministerin gelungen zu sein.

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Problemlösungskompetenz

In unserer kompetenzvernarrten Bildungswelt wäre es schön, wenn die zuständigen PolitikerInnen Problemlösungskompetenz bewiesen. Gelegenheit dazu gäbe es genug, wie allein die Lektüre der Tageszeitungen vom 21. und 22. Februar zeigt.

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So war etwa am Dienstag in der „Presse“ (1) zu lesen, dass ein Viertel der Schüler zuhause nicht Deutsch spricht, und in Wien der Anteil von SchülerInnen mit einer anderen Umgangssprache als Deutsch bereits 50 Prozent beträgt, womit die Bundeshauptstadt in eine Situation geraten ist, die es meines Wissens OECD-weit in keiner anderen Metropole gibt. Dass Arabisch und Rumänisch beim Zuwachs ganz vorn liegen, wird die pädagogischen Herausforderungen wohl auch nicht verringern.

Ein weiterer „Presse“-Artikel beschäftigte sich am darauffolgenden Tag mit der aktuellen Allianz-Studie zum Thema Stress. Darin heißt es wörtlich: „Am meisten gestresst sind die Lehrer (45 Prozent), gefolgt von der Handelsbranche (43 Prozent) und dem Transportwesen (42 Prozent)“. (2)

Zweifellos ist die in den letzten Jahren konstant gewachsene Stressbelastung der LehrerInnen nicht monokausal mit der drastischen Zunahme des Anteils jener Kinder verknüpft, die zuhause nicht Deutsch sprechen, gibt es doch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die es Eltern schwer machen, ihren Aufgaben in Erziehung und Förderung ihrer Kinder gerecht zu werden. Schule verkommt seit vielen Jahren immer mehr zur Reparaturwerkstätte sozialer Nöte. Dass angesichts all dieser Umstände die Stressbelastung für annähernd die Hälfte der PädagogInnen mittlerweile unerträglich geworden ist, kann nur praxisferne „ExpertInnen“ verwundern.

Müssten die zuständigen PolitikerInnen nach Lektüre der beiden Artikel nicht darüber nachdenken, was schiefgelaufen ist, und überlegen, was sie für Österreichs Schule und ihre LehrerInnen tun können? Hätten sie nicht jeden Grund dazu, ihre Problemlösungskompetenz zu beweisen? „Handreichungen“ der Lehrergewerkschaften, mit welchen dringend gebotenen Schritten dem Burnout der LehrerInnen und dem Kollaps der Schule entgegengewirkt werden müsste, stehen ihnen in jeder Menge zur Verfügung.

Die Bildungsministerin hat sich tatsächlich prompt zu Wort gemeldet: „Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt“, titelte die „Presse“ (3) am Donnerstag. Die „Modellregionen“ seien „nicht vergessen und nicht gestorben“, sagte die Ministerin. Ist das Problemlösungskompetenz?

(1) Ein Viertel der Schüler spricht zuhause nicht Deutsch. In: Presse online vom 21. Februar 2017.

(2) Stress-Studie: Am meisten leiden die Lehrer. In: Presse online vom 22. Februar 2017.

(3) Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt. In: Presse online vom 23. Februar 2017.

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Glaubwürdigkeit

Ein Grund für das miserable Image von Politikern (1) liegt wohl an den hohlen Phrasen, die viele von ihnen verwenden, an den Halbwahrheiten, am fehlenden Mut zur Ehrlichkeit etc. Ein kleines Beispiel aus jüngster Zeit:

Als die Elternvertreter am Wochenende warnten, dass „das Ende der Schulgeldfreiheit“ in Österreich gekommen sei, reagierte das Bildungsministerium prompt. Alles ein Missverständnis, hieß es. Die Eltern hätten ein Rundschreiben falsch verstanden.“ (2)

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Der Stein des Anstoßes: Ein ministerielles Rundschreiben, in dem klargestellt wird, dass Lernmittel im Eigentum der Schüler stehen und von diesen bzw. ihren Erziehungsberechtigten zu beschaffen sind. Die demonstrative Aufzählung beinhaltet u. a. Hefte, Füllfeder, Zirkel, Taschenrechner, Laptop und Tablet-PC. „Damit wälzt das BMB offensichtlich die selbst an den Schulstandorten nicht finanzierbaren und fehlenden Investitionen auf Eltern ab“, kritisierte der Bundeselternverband in einer Presseaussendung. (3) „Das Ministerium seinerseits wies darauf hin, dass ja niemand einen Laptop kaufen müsse (außer den Schülern in Laptop-Klassen).“ (4) „Ja, aber …“, kann man einwenden.

Der Grundstein für das jetzt virulent werdende Problem wurde 2012 gelegt. In den Verordnungen, die die Reifeprüfungen an AHS und BHS regeln, werden Minimalanforderungen für elektronische Hilfsmittel für die Zentralmatura in Mathematik definiert. Für den AHS-Bereich sind das „grundlegende Funktionen zur Darstellung von Funktionsgraphen, zum numerischen Lösen von Gleichungen und Gleichungssystemen, zur Ermittlung von Ableitungs- bzw. Stammfunktionen, zur numerischen Integration sowie zur Unterstützung bei Methoden und Verfahren in der Stochastik.“ (5) Ab dem Haupttermin 2018 müssen alle Kandidaten bei der Mathematik-Zentralmatura diese höherwertige Technik einsetzen.

Auf das dadurch entstehende Problem hat die AHS-Gewerkschaft bereits in ihrer Stellungnahme zum Entwurf der Prüfungsordnung AHS vom 13. Februar 2012 hingewiesen:

Es ist sozial unverträglich, von allen Schülern die Anschaffung teurer Taschenrechner zu verlangen. Bisher ist die große Mehrheit der AHS-Schüler ohne solche Rechner ausgekommen. Die neue Zentralmatura-Verordnung würde aber die Lehrer dazu zwingen, solche Rechner im Unterricht einzusetzen, und damit alle Schüler zwingen, einen solchen Rechner zu kaufen, weil bei der Klausur nur elektronische Hilfsmittel verwendet werden dürfen, die auch im Unterricht verwendet worden sind. […] Die AHS-Gewerkschaft fordert daher mit allem Nachdruck […] den ausschließlichen Einsatz von Aufgaben, die ohne teure elektronische Hilfsmittel lösbar sind, oder aber die kostenlose Zurverfügungstellung in Analogie zu Schulbüchern.“ (6)

Viele Schulen entscheiden sich anstelle des Kaufs teurer Taschenrechner für die Anschaffung von Notebooks, da diese in vielen anderen Gegenständen eingesetzt werden können und die nötige Mathematiksoftware kostenlos oder sehr billig ist.

Es wäre doch erfrischend, würde die neue Unterrichtsministerin sagen, was Sache ist. Sie könnte es sich auch politisch leisten, hat die Matura-Verordnungen doch ihrer Vorvorgängerin Dr. Claudia Schmied zu verantworten. Schade, dass diese Chance für eine glaubwürdigere Politik nicht genutzt wird.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Eltern streiten mit Ministerium um Geld für Laptops. In: Presse online vom 26. September 2016.

(3) Bildungsministerium überwälzt hunderte Millionen auf Eltern – Schluss mit Lustig. Presseaussendung des BEV vom 24. September 2016.

(4) Eltern streiten mit Ministerium um Geld für Laptops.

(5) § 18 Abs. 3 Prüfungsordnung AHS.

(6) Stellungnahme der AHS-Gewerkschaft zum Entwurf einer Verordnung über die Reifeprüfung in den allgemein bildenden höheren Schulen vom 13. Februar 2012.

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