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Herbert Weiß: „Begutachtungsverfahren“

Am 29. März hat das Bildungsministerium eine Verordnung in Begutachtung geschickt – die rechtliche Basis für zentrale Testungen, die im April stattfinden sollen. Nun könnte man sagen, dass wenige Tage zur Beurteilung eines knappen Entwurfs reichen.

Sorgen bereitet mir diese Vorgangsweise aber, wenn sie symptomatisch dafür ist, wie ernst die Bundesministerin den demokratischen Prozess eines Begutachtungsverfahrens nimmt. Denn auch das „Autonomiepaket“ befindet sich derzeit in Begutachtung. Vereinbart wurde, dass am Ende des Begutachtungsverfahrens Schlussverhandlungen stattfinden mit dem Ziel, zu einer sozialpartnerschaftlichen Einigung zu kommen.

Gleichzeitig mit dem Begutachtungsstart des „Autonomiepakets“ gab das Ministerium unter dem Titel „Update Schule“ eine Hochglanzbroschüre heraus, in der all die (angeblichen) Vorzüge des „Autonomiepakets“ in höchsten Tönen gelobt werden. Offensichtlich möchte das Ministerium seine Propagandamaschinerie nutzen, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Schulpartner und die Gewerkschaft mit ihren Einschätzungen des Pakets falsch liegen. Ob das gelingen wird, hängt wohl auch davon ab, ob „BildungsexpertInnen“ und/oder MedienvertreterInnen bereit sind, sich die Inhalte des Pakets tatsächlich anzusehen.

Nun hat die Bildungsministerin auch noch sogenannte „Autonomiebotschafter“ nominiert, die die Schulen über die neuen autonomen Segnungen informieren sollen. Das „Autonomiepaket“ zeige, dass die Politik Vertrauen in die Pädagoginnen und Pädagogen und in die Schulstandorte habe, meint Andreas Schnider, einer dieser „Botschafter“. Da frage ich mich schon, ob er in Besitz eines geheimen, neuen Autonomiepakets ist. Aus dem in Begutachtung befindlichen ist derlei nämlich nicht herauszulesen.

Ob es taktisch geschickt ist, die Propagandamaschinerie so früh anlaufen zu lassen, sei dahingestellt. Eine Missachtung eines demokratischen Prozesses ist es jedenfalls. Das Begutachtungsverfahren soll den Betroffenen Gelegenheit geben, sich in den Entwicklungsprozess eines Gesetzes einzubringen. Die Abgeordneten in National- und Bundesrat entscheiden dann, was sie tatsächlich für sinnvoll erachten. Erst nach der Entscheidung der Legislative gibt es etwas, was „Botschafter“ und Hochglanzbroschüren vermarkten können.

Ob es sich alle Abgeordneten bieten lassen, zu Marionetten degradiert zu werden, bleibt abzuwarten. Bei ihren „Botschaftern“ scheint es der Ministerin gelungen zu sein.

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Problemlösungskompetenz

In unserer kompetenzvernarrten Bildungswelt wäre es schön, wenn die zuständigen PolitikerInnen Problemlösungskompetenz bewiesen. Gelegenheit dazu gäbe es genug, wie allein die Lektüre der Tageszeitungen vom 21. und 22. Februar zeigt.

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So war etwa am Dienstag in der „Presse“ (1) zu lesen, dass ein Viertel der Schüler zuhause nicht Deutsch spricht, und in Wien der Anteil von SchülerInnen mit einer anderen Umgangssprache als Deutsch bereits 50 Prozent beträgt, womit die Bundeshauptstadt in eine Situation geraten ist, die es meines Wissens OECD-weit in keiner anderen Metropole gibt. Dass Arabisch und Rumänisch beim Zuwachs ganz vorn liegen, wird die pädagogischen Herausforderungen wohl auch nicht verringern.

Ein weiterer „Presse“-Artikel beschäftigte sich am darauffolgenden Tag mit der aktuellen Allianz-Studie zum Thema Stress. Darin heißt es wörtlich: „Am meisten gestresst sind die Lehrer (45 Prozent), gefolgt von der Handelsbranche (43 Prozent) und dem Transportwesen (42 Prozent)“. (2)

Zweifellos ist die in den letzten Jahren konstant gewachsene Stressbelastung der LehrerInnen nicht monokausal mit der drastischen Zunahme des Anteils jener Kinder verknüpft, die zuhause nicht Deutsch sprechen, gibt es doch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die es Eltern schwer machen, ihren Aufgaben in Erziehung und Förderung ihrer Kinder gerecht zu werden. Schule verkommt seit vielen Jahren immer mehr zur Reparaturwerkstätte sozialer Nöte. Dass angesichts all dieser Umstände die Stressbelastung für annähernd die Hälfte der PädagogInnen mittlerweile unerträglich geworden ist, kann nur praxisferne „ExpertInnen“ verwundern.

Müssten die zuständigen PolitikerInnen nach Lektüre der beiden Artikel nicht darüber nachdenken, was schiefgelaufen ist, und überlegen, was sie für Österreichs Schule und ihre LehrerInnen tun können? Hätten sie nicht jeden Grund dazu, ihre Problemlösungskompetenz zu beweisen? „Handreichungen“ der Lehrergewerkschaften, mit welchen dringend gebotenen Schritten dem Burnout der LehrerInnen und dem Kollaps der Schule entgegengewirkt werden müsste, stehen ihnen in jeder Menge zur Verfügung.

Die Bildungsministerin hat sich tatsächlich prompt zu Wort gemeldet: „Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt“, titelte die „Presse“ (3) am Donnerstag. Die „Modellregionen“ seien „nicht vergessen und nicht gestorben“, sagte die Ministerin. Ist das Problemlösungskompetenz?

(1) Ein Viertel der Schüler spricht zuhause nicht Deutsch. In: Presse online vom 21. Februar 2017.

(2) Stress-Studie: Am meisten leiden die Lehrer. In: Presse online vom 22. Februar 2017.

(3) Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt. In: Presse online vom 23. Februar 2017.

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Glaubwürdigkeit

Ein Grund für das miserable Image von Politikern (1) liegt wohl an den hohlen Phrasen, die viele von ihnen verwenden, an den Halbwahrheiten, am fehlenden Mut zur Ehrlichkeit etc. Ein kleines Beispiel aus jüngster Zeit:

Als die Elternvertreter am Wochenende warnten, dass „das Ende der Schulgeldfreiheit“ in Österreich gekommen sei, reagierte das Bildungsministerium prompt. Alles ein Missverständnis, hieß es. Die Eltern hätten ein Rundschreiben falsch verstanden.“ (2)

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Der Stein des Anstoßes: Ein ministerielles Rundschreiben, in dem klargestellt wird, dass Lernmittel im Eigentum der Schüler stehen und von diesen bzw. ihren Erziehungsberechtigten zu beschaffen sind. Die demonstrative Aufzählung beinhaltet u. a. Hefte, Füllfeder, Zirkel, Taschenrechner, Laptop und Tablet-PC. „Damit wälzt das BMB offensichtlich die selbst an den Schulstandorten nicht finanzierbaren und fehlenden Investitionen auf Eltern ab“, kritisierte der Bundeselternverband in einer Presseaussendung. (3) „Das Ministerium seinerseits wies darauf hin, dass ja niemand einen Laptop kaufen müsse (außer den Schülern in Laptop-Klassen).“ (4) „Ja, aber …“, kann man einwenden.

Der Grundstein für das jetzt virulent werdende Problem wurde 2012 gelegt. In den Verordnungen, die die Reifeprüfungen an AHS und BHS regeln, werden Minimalanforderungen für elektronische Hilfsmittel für die Zentralmatura in Mathematik definiert. Für den AHS-Bereich sind das „grundlegende Funktionen zur Darstellung von Funktionsgraphen, zum numerischen Lösen von Gleichungen und Gleichungssystemen, zur Ermittlung von Ableitungs- bzw. Stammfunktionen, zur numerischen Integration sowie zur Unterstützung bei Methoden und Verfahren in der Stochastik.“ (5) Ab dem Haupttermin 2018 müssen alle Kandidaten bei der Mathematik-Zentralmatura diese höherwertige Technik einsetzen.

Auf das dadurch entstehende Problem hat die AHS-Gewerkschaft bereits in ihrer Stellungnahme zum Entwurf der Prüfungsordnung AHS vom 13. Februar 2012 hingewiesen:

Es ist sozial unverträglich, von allen Schülern die Anschaffung teurer Taschenrechner zu verlangen. Bisher ist die große Mehrheit der AHS-Schüler ohne solche Rechner ausgekommen. Die neue Zentralmatura-Verordnung würde aber die Lehrer dazu zwingen, solche Rechner im Unterricht einzusetzen, und damit alle Schüler zwingen, einen solchen Rechner zu kaufen, weil bei der Klausur nur elektronische Hilfsmittel verwendet werden dürfen, die auch im Unterricht verwendet worden sind. […] Die AHS-Gewerkschaft fordert daher mit allem Nachdruck […] den ausschließlichen Einsatz von Aufgaben, die ohne teure elektronische Hilfsmittel lösbar sind, oder aber die kostenlose Zurverfügungstellung in Analogie zu Schulbüchern.“ (6)

Viele Schulen entscheiden sich anstelle des Kaufs teurer Taschenrechner für die Anschaffung von Notebooks, da diese in vielen anderen Gegenständen eingesetzt werden können und die nötige Mathematiksoftware kostenlos oder sehr billig ist.

Es wäre doch erfrischend, würde die neue Unterrichtsministerin sagen, was Sache ist. Sie könnte es sich auch politisch leisten, hat die Matura-Verordnungen doch ihrer Vorvorgängerin Dr. Claudia Schmied zu verantworten. Schade, dass diese Chance für eine glaubwürdigere Politik nicht genutzt wird.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Eltern streiten mit Ministerium um Geld für Laptops. In: Presse online vom 26. September 2016.

(3) Bildungsministerium überwälzt hunderte Millionen auf Eltern – Schluss mit Lustig. Presseaussendung des BEV vom 24. September 2016.

(4) Eltern streiten mit Ministerium um Geld für Laptops.

(5) § 18 Abs. 3 Prüfungsordnung AHS.

(6) Stellungnahme der AHS-Gewerkschaft zum Entwurf einer Verordnung über die Reifeprüfung in den allgemein bildenden höheren Schulen vom 13. Februar 2012.

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Gerhard Riegler: Ich habe von meiner Ministerin geträumt

Die Aussagen unserer neuen Unterrichtsministerin heben sich bisher von denen ihrer Vorgängerinnen derart wohltuend ab, dass sich Mag. Dr. Sonja Hammerschmid auch in meine Träume eingeschlichen hat.

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Geträumt habe ich, dass sie mich anrief und sich für die informativen „facts statt fakes“-Seiten im „gymnasium“ und die inzwischen zweiundsechzig Ausgaben meines „daten.dienst.tag“ bedankte. Sie sei vom Ministerbüro gleich zu Beginn ihrer Amtszeit auf diese Daten hingewiesen worden, habe sie von MitarbeiterInnen ihres Hauses auf die sachliche Richtigkeit überprüfen lassen und sie nach deren Bestätigung Blatt für Blatt studiert.

Sie gebe zu, dass für sie viele der Inhalte extrem überraschend waren und ihr Bild von Schule ordentlich zurechtgerückt haben. Sie sei nämlich noch vor wenigen Wochen der Meinung gewesen, dass der Wirklichkeit entspricht, was Politik und „ExpertInnen“ transportierten. Nie und nimmer habe sie z. B. vermutet,

  • dass in Deutschland oder auch den Niederlanden doppelt so viele SchülerInnen wie bei uns repetieren,
  • dass Österreich zu den OECD-Staaten gehört, in denen die wenigsten jungen Menschen ihre Schullaufbahn erfolglos abbrechen,
  • dass unser Schulwesen im Kontext der Migration mit Aufgaben konfrontiert ist, die in kaum einem anderen Staat Europas eine ähnliche Dimension aufweisen,
  • dass Österreichs Schulwesen im internationalen Vergleich deutlich unterdotiert ist,
  • dass unsere Lehrergehälter weit unter denen Deutschlands liegen,
  • dass sich Österreichs SchülerInnen ihrer Schule so stark verbunden fühlen, wie dies in keinem anderen OECD-Staat der Fall ist,
  • und vieles andere mehr.

Zweifelsohne werde dieses Datenkompendium für sie DIE Grundlage des von ihr angekündigten faktenbasierten Handelns bilden. Sie wolle sich seiner aber nicht bedienen, ohne sich bei mir dafür bedankt zu haben.

Der Gedanke, dass sich Österreichs Unterrichtsministerin aus dem Reich der Propaganda verabschiedet, der Gedanke, dass alle, die für unser Schulwesen verantwortlich sind, die Ärmel aufkrempeln, um gemeinsam den Schutt wegzuräumen, den die Schulpolitik des letzten Jahrzehnts hinterlassen hat, hatte sich in meinen Schlaf eingeschlichen. Bin ich deshalb ein urlaubsreifer Träumer, ein Fantast?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche Ihnen einen schönen und erholsamen Sommer. Viele Ihrer Träume mögen in Erfüllung gehen! Meiner, Frau Bundesministerin, bitte auch!

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Gerhard Riegler: Warten auf Taten

Wir stehen vor einer spektakulären Richtungsänderung österreichischer Schulpolitik, wenn die „faktenbasierte Schulpolitik“, die die neue Unterrichtsministerin angekündigt hat, nicht nur eine politische Floskel war, was ich nicht unterstellen will.

People Hold Red German Fakten Means Fact Blue Sky

Belegte und damit überprüfbare Daten stelle ich der neuen Unterrichtsministerin sehr gerne zur Verfügung. Denn eine seriöse Auseinandersetzung mit Fakten ist nach der desaströsen Politik der letzten Jahre dringend angesagt. Österreichs Schulwesen darf nicht dort enden, wo z. B. Englands Gesamtschulwesen gelandet ist: bei einer Zweiklassengesellschaft, die sich in Österreich hoffentlich niemand wünscht, der für unser Schulwesen Verantwortung trägt.

Für nur 4 % eines Jahrgangs reicht in England der Platz in den „grammar schools“, den wenigen verbliebenen Gymnasien, die nicht Opfer der vor Jahrzehnten verfolgten Gesamtschulpolitik geworden sind. Für fast doppelt so viele Kinder (7 %) geben Eltern Unsummen aus, um ihnen einen Platz in „independent schools“ zu verschaffen und sie so vor staatlichen Gesamtschulen zu bewahren. Eine Investition, die sich die große Mehrheit der Bevölkerung natürlich nicht leisten kann, die sich aber lohnt.

An dieser Stelle nur ein einziges Beispiel dafür, wie sehr die berufliche Laufbahn in England davon abhängt, ob man für sein Kind einen der raren „grammar school“-Plätze ergattert oder für einen an einer der sündteuren „independent schools“ mehr Geld zu zahlen bereit und imstande ist, als andere verdienen: „In medicine, 61 per cent of doctors were privately educated while 22 per cent went to selective state grammar schools and just 16 per cent to comprehensives.“ (1)

Neun von zehn jungen Menschen besuchen Gesamtschulen, aber fünf von sechs ÄrztInnen Englands blieb die staatliche Gesamtschule erspart!

Der Weg an Englands Elite-Universitäten wie Oxbridge führt selbstverständlich über „grammar schools“ und „independent schools“. Und somit schließt sich der Kreis. Damit sind wir nämlich auch bei denen, die der Bevölkerung Einheitsschulen als Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit verkauft haben und es teilweise noch immer tun, Englands PolitikerInnen: „59 % of the Cabinet and 33 % of the Shadow Cabinet attended Oxbridge compared to less than 1 % of the UK population as a whole …“ (2)

Allen, die noch immer glauben, ein staatliches Gesamtschulwesen würde einen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit leisten, empfehle ich die Lektüre des im Jahr 2014 erschienenen Reports, dessen Titel „Elitist Britain?“ den Inhalt auf den Punkt bringt und aus dem dieses Zitat stammt. Allen, die darüber ohnehin Bescheid wissen, aber trotzdem nicht den Mut und die Ehrlichkeit aufbringen, sich von ihren alten Dogmen zu befreien, machen sich schuldig, wenn Österreichs Zukunft Englands Gegenwart gleicht.

Hoffentlich gehört eine Politik, die Fakten vertuscht und auf den Kopf stellt, tatsächlich der Vergangenheit an, hoffentlich emanzipiert sich Österreichs Schulpolitik rasch von „BildungsexpertInnen“, deren Aussagen keiner Überprüfung standhalten.

Der Ankündigung der neuen Unterrichtsministerin mögen entsprechende Taten folgen!

(1) Richard Garner, Privately educated people dominate top British jobs, damning report finds. In: Independent online vom 24. Februar 2016.

(2) Social Mobiliy and Child Poverty Commission (Hrsg.), Elitist Britain? (2014), S. 26.

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Gerhard Riegler: Eine Erkenntnis reicher

Am Mittwoch der Vorwoche präsentierte das BIFIE um 10 Uhr MedienvertreterInnen den „Nationalen Bildungsbericht“. Wer wie ich dieses alle drei Jahre erscheinende Werk sofort nachlesen wollte und deshalb die BIFIE-Website besuchte, erfuhr, dass man es im Lauf des Nachmittags zum Download anbieten werde. Offensichtlich sollten Medien ausschließlich anhand dessen berichten können, was man ihnen in der Pressekonferenz präsentierte. Das gelang …

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Drei Tage habe ich in die Lektüre des über 600 Seiten umfassenden Berichts investiert, für den nicht wenig Steuergeld ausgegeben wird.

Der erste Tag war der Tag der Enttäuschung. Die Hoffnung, neueste Daten vorzufinden, die ich in meine Datenbank einspeisen kann, wurde nicht erfüllt. Geboten wird eine Auswahl längst bekannter Daten, die teilweise sogar schon überholt sind.

Der zweite Tag war der Tag der Empörung. Über weite Strecken glaubt man, ein politisches Propagandawerk vor sich zu haben und keinen „Nationalen Bildungsbericht“. Zentrales Thema der Propaganda war, wie könnte es anders sein, das Schlechtreden unseres differenzierten Schulwesens. Keine Erwähnung finden durfte hier natürlich,

  • dass es unserem differenzierten Schulwesen gelingt, die Abhängigkeit der Schülerleistungen vom Elternhaus während der kritisierten Sekundarstufe I zu reduzieren, und
  • dass die Leistungen der 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, was ich schon vor Jahren nachgewiesen habe. (1)

Der dritte Tag aber war der Tag der Erkenntnis. Seit Jahren wundere ich mich, dass Österreichs Schulpolitik und ihre „ExpertInnen“ immer wieder horrende Zahlen betreff Schulabbruch in Umlauf bringen, während internationale Analysen unserem Schulwesen diesbezüglich ein sehr gutes Zeugnis ausstellen. Laut Eurostat haben in Österreich nur 7,3 % der 18- bis 24-Jährigen ihre Schullaufbahn ohne erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II abgebrochen, während es im EU-Mittel um die Hälfte mehr sind. (2)

Nun weiß ich den Grund: „Auch das BMBF selbst kann Übergänge von Schülerinnen und Schülern von der Sekundarstufe I in land- und forstwirtschaftliche und Gesundheitsschulen nicht nachvollziehen und somit Analysen des Bildungsabbruchs nur eingeschränkt durchführen.“ (3)

Und wie löst man das ministerielle Informationsdefizit? Ganz einfach: Die fast 40.000 jungen Menschen, die das BMBF aus dem Blick verliert, weil sie die oben genannten Schulen besuchen, werden zu denen hinzugerechnet, die als SchulabbrecherInnen aus unserem Schulwesen fallen.

Dazu fällt mir Univ.-Prof. Hopmanns Bilanz der Bildungsdebatte ein: „Die österreichische Debatte ist extrem von Überzeugungen geprägt, die sich relativ unbeschadet von empirischem Wissen verhalten.“ (4)

Empirisches Wissen habe ich mir vom „Nationalen Bildungsbericht“ erhofft. Für die Qualität des Gebotenen trägt die neue Unterrichtsministerin selbstverständlich keinerlei Verantwortung. Dringend geboten erscheint aber die Entscheidung, ob der Bericht die in ihn investierten Ressourcen des Unterrichtsbudgets wert ist.

Da die neue Unterrichtsministerin erfreulicherweise eine faktenbasierte Schulpolitik angekündigt hat, wird sie auf einen „Nationalen Bildungsbericht“ nicht verzichten wollen. Dann ist aber schnellstens zu entscheiden, wem die verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut wird, einen „Nationalen Bildungsbericht“ zu verfassen, der diesen Namen tatsächlich verdient.

(1) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17

(2) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 2. Juni 2016.

(3) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2015, Band 2 (2016), S. 189.

(4) Zit. n. Gesamtschule: „Kasperl aus dem Sack“. In: Presse online vom 5. April 2016.

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Gerhard Riegler: Das Ende der Talfahrt?

Wenn wir dieses Schauspiel weiter liefern, ein Schauspiel der Machtversessenheit und der Zukunftsvergessenheit, dann haben wir nur noch wenige Monate bis zum endgültigen Aufprall.“ (1) Mit deutlichen Worten bewertete Mag. Christian Kern, Österreichs neuer Bundeskanzler, am Dienstag eine Politik, die der Vergangenheit angehören soll. Zwei Tage später ergänzte er in seiner Antrittsrede vor dem Nationalrat: „Politischer Inhalt wurde durch taktischen Opportunismus ersetzt, und genau das ist es, womit wir brechen müssen.“ (2)

Turn Around Road Sign with Dramatic Clouds and Sky.

Aus schulpolitischer Perspektive kann ich die Diagnose des neuen Bundeskanzlers nur vollinhaltlich bestätigen. Und ich meine damit nicht nur die bisherige Bildungsministerin und nicht nur die letzten Jahre. Bundeskanzler Kern spricht mir aus dem Herzen: „Ich konnte das schlicht und einfach nicht mehr hören.“ (3)

Nach zwei Jahrzehnten der Demontage unseres Schulwesens – zuerst aus finanziellen und anschließend zusätzlich aus ideologischen Gründen – ist es höchste Zeit, die Zukunftsvergessenheit abzulegen. Sonst werden die Probleme, die durch sie in großer Anzahl und enormer Dimension geschaffen wurden, nicht mehr zu bewältigen sein – auch nicht von den engagiertesten LehrerInnen, die Österreichs Schulwesen bisher vor größerem Schaden bewahrt haben.

Mag. Dr. Sonja Hammerschmid, Österreichs neue Bildungsministerin, scheint sich der Verantwortung, die sie übernommen hat, bewusst zu sein: Österreich verfüge über nahezu keine Rohstoffe, „daher brauchen wir kluge Köpfe und hervorragende Ideen, Produkte und Dienstleistungen, die unserer Wirtschaft helfen. Diese klugen Köpfe gilt es zu entwickeln.“ (4)

Wertschätzung für LehrerInnen und Signale in Richtung Vielfalt und Qualität statt Nivellierung und Normierung standen wohltuend am Beginn ihrer Amtszeit: „Wir brauchen motivierte PädagogInnen, die mit Leidenschaft ihren Beruf vertreten, mit Leidenschaft unterrichten und unsere Kinder fördern.“ Es gehe „vor allem um die Talente und Neigungen der Kinder […], die gefördert werden müssen.“ (5)

Vizekanzler Dr. Reinhold Mitterlehner betonte anhand der dualen Bildung die Qualität und den Erfolg eines vielfältigen Angebots in der Berufsbildung: „Gerade die betriebliche Lehre ist ein Vorzeigemodell, das international auf großes Interesse stößt. Daher wollen wir auch andere Länder dabei unterstützen, ein erfolgreiches System aufzubauen.“ (6) Noch vor wenigen Wochen wollte es Österreichs damalige Bildungsministerin der Bevölkerung als Erfolg verkaufen, dass sich weniger junge Menschen für eben diese betriebliche Lehre entschieden.

Finstere Kapitel der österreichischen Schulgeschichte mögen nicht nur in Worten, sondern auch tatsächlich der Vergangenheit angehören! Viel schulpolitischer Schutt ist aufzuräumen, enorme Aufgaben liegen vor uns, von deren Bewältigung Österreichs Wohlstand und sozialer Frieden von morgen abhängt. Und das Morgen ist uns in den vergangenen Jahren schon sehr nahe gekommen.

Hoffentlich hat Österreichs Politik ihre Lektion wirklich und nachhaltig gelernt!

(1) Dieter Zirnig, Transkript zur ersten Pressekonferenz von Christian Kern (SPÖ Parteichef und Bundeskanzler) vom 17. Mai 2016.

(2) „Geben Sie uns eine Chance“. In: ORF online vom 19. Mai 2016.

(3) Zirnig, Transkript.

(4) Nationalrat – Hammerschmid: „Gemeinsam Bildungssystem entwickeln, in dem alle Chance auf beste Bildung haben“. OTS-Aussendung der SPÖ vom 19. Mai 2016.

(5) a.a.O.

(6) Österreichische Ausbildungssysteme als Vorbild für Westbalkanländer. Presseaussendung des BMWFW vom 18. Mai 2016.

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