Herbert Weiß: Vertane Chance

Im Rückspiegel betrachtet sehe ich die Verhandlungen zum „Autonomiepaket“ auf den ersten Blick recht positiv. Aus einem anfangs völlig unbrauchbaren Paket wird aufgrund der Hartnäckigkeit der VerhandlerInnen auf Gewerkschaftsseite und der Bereitschaft der MitarbeiterInnen verschiedener Ministerien, unsere Bedenken und Argumente ernst zu nehmen und gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten, ein Regelwerk, das in den Schulen hoffentlich keinen großen Schaden anrichten wird.

Auf den zweiten Blick kann ich aber ein Produkt nicht positiv bewerten, das im besten Fall dazu führen kann, dass nichts Schlimmes passiert. Ich sehe die vielen Stunden, die alle Beteiligten in die Erarbeitung von Entwürfen, in deren Bewertung, in die Verhandlungsrunden selbst und in die mehrfachen Überarbeitungen der Entwürfe investiert haben, zwar als extrem wichtige Investition, das Produkt letztlich aber als vertane Chance.

Ein derartiger Prozess hätte Fortschritte bringen können, ja geradezu müssen. Dazu hätte man aber entweder einen anderen Entwurf oder eine andere Vorgangsweise gebraucht. Man hätte sich ja auch am Beginn des Prozesses mit allen Betroffenen zusammensetzen, in einem ersten Schritt die wirklichen Probleme der österreichischen Schulen auflisten und dann gemeinsam nach Lösungen suchen können. Freilich hätte diese Vorgangsweise vorausgesetzt, dass man von Anfang an auch die Finanzierung für die nötige Reform sicherstellen hätte müssen. Von Kostenneutralität wäre dabei wohl keine Rede mehr gewesen.

Als Provokation habe ich es empfunden, dass man uns beim ministeriellen Schulpartnergipfel am 22. Mai von zwei Schulleitern aus Südtirol die Vorzüge der Autonomie vermitteln lassen wollte. Würde man Österreichs Schule auch nur annähernd die Ressourcen zur Verfügung stellen, die der Südtiroler Schule zur Verfügung stehen, dann müsste man uns nicht belehren, was wir mit ihnen alles auf die Beine stellen könnten.

Die Klassengröße bei den 15-Jährigen ist nur in der Schweiz geringer als in Südtirol (19,1 Schüler und Schülerinnen je Klasse).“ (1) Würde man Österreichs AHS genauso großzügig mit Personal ausstatten, wie dies in Südtirol der Fall ist, dann stünden den AHS um 30 Prozent mehr LehrerInnen zur Verfügung. Fast 40 Prozent der SchülerInnen der AHS-Unterstufe werden hierzulande in Klassen jenseits der gesetzlichen Klassenschülerhöchstzahl 25 unterrichtet. In Österreich will man deshalb unter dem Titel „Autonomie“ die Klassenschülerhöchstzahl beseitigen.

Bundesministerin Mag.a Dr.in Sonja Hammerschmid hat Südtirol als Vorbild bezeichnet. (2) Ob sie dabei auch bedacht hat, dass der Anteil der 18- bis 24- Jährigen, die ihre Schullaufbahn ohne einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II beendet haben, in Südtirol fast doppelt so hoch liegt wie in Österreich? (3)

Im Rückblick betrachtet freue ich mich darüber, was uns gelungen ist. Mit dem Blick nach vorne wünsche ich Österreichs Schulen Südtirols Ressourcen, wirkliche Autonomie, mit diesen zusätzlichen Ressourcen das Optimum für unsere SchülerInnen machen zu können, und eine Schulpolitik, die auf Fakten statt auf flotte Sprüche setzt. Österreichs Jugend hätte sie verdient.

(1) OECD (Hrsg.), PISA 2009 – Risultati dell’Alto Adige / Ergebnisse Südtirols (2011), Seite 135.

(2) Siehe Bernhard Gaul, Südtiroler Schul-Freiheit. In: Kurier online vom 22. Oktober 2016.

(3) Siehe Eurostat-Datenbank. Abfrage vom 23. Mai 2017.


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