„Ghettoklassen“

Die „Krankheit“ ist eindeutig diagnostiziert und unbestritten: 39 % der Schüler (1) der achten Schulstufe mit Deutsch als Erstsprache erreichen hinsichtlich Leseverständnis nicht oder nur teilweise die Lernziele. Unter den Schülern mit einer anderen Erstsprache sind es gar 71 %. (2) Insgesamt befinden sich 22,5 % der 15-Jährigen in Österreich mit ihrer Lesekompetenz im Risikobereich (unterhalb der Kompetenzstufe 2). (3) Über die richtige „Therapie“ freilich besteht keine Einigkeit.

Am vergangenen Mittwoch hat BM Faßmann sein Vorhaben „zur Förderung der Sprachkompetenz von Kindern und Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf in der Unterrichtssprache Deutsch“ (4) im Ministerrat absegnen lassen. Das Konzept in aller Kürze:

Mittels eines standardisierten Testverfahrens wird das Sprachniveau der Schüler erhoben. Wenn entsprechende Mängel festgestellt werden, ist eine intensive Förderung ab sechs Kindern pro Schule verpflichtend. Sie umfasst 15 Stunden pro Woche in der Volksschule und 20 Stunden in der Sekundarstufe I.

Nach einem Semester wird mittels standardisiertem Test der Sprachstand erneut überprüft und – falls notwendig – die Förderung fortgesetzt. Neben dem Besuch einer Deutschförderklasse nehmen die Schüler auch an bestimmten Fächern (z. B. Sport, Werken) und Aktivitäten des Regelunterrichts teil.

Der Besuch der Deutschförderklasse ist so lange verpflichtend, bis der Übertritt des Schülers aufgrund der standardisierten Testergebnisse in die Regelklasse nachweislich möglich ist, jedoch längstens für vier Semester.

Schüler, die einen Deutschförderkurs erfolgreich absolviert haben, steigen nicht mehr automatisch, sondern nur mehr in begründeten Einzelfällen in die nächste Schulstufe auf. Dadurch sollen das Nachholen des Lernstoffes und ein entsprechender Lernfortschritt sichergestellt werden. (5)

Der Aufschrei mancher Personen und Gruppen war zu erwarten. „Das ist Rassismus und Gesellschaftsspaltung“, meint etwa die AKS. (6) Allerdings tun sich selbst in der neuen Oppositionspartei SPÖ manche schwer, das Konzept zu verurteilen. Die frühere Bildungsministerin Sonja Hammerschmid „findet es gut, dass der neue Bildungsminister Heinz Faßmann die von der ÖVP und FPÖ im Wahlkampf propagierten Deutschklassen für Kinder, die noch nicht so gut Deutsch können, schnell wieder verworfen hat und zum bewährten SPÖ-Konzept der Sprachstartgruppen zurückkehrt.“ (7)

Wie immer man das Konzept auch nennen mag und wer immer es sich auf seine Fahnen heftet, Tatsache ist, dass BM Fassmann nun endlich eine dringend notwendige Maßnahme setzt, um Schülern mit Sprachdefiziten eine echte Chance zu geben. Dass damit Ausgaben für Personal und Infrastruktur verbunden sind, steht außer Frage. Aber das ist gut investiertes Geld – aus ethischer und wirtschaftlicher Sicht.

Wird dieses Konzept alle Probleme der Integration lösen? Sicher nicht, aber es wird dazu beitragen. Klar ist aber auch, dass die kampfrhetorische Verunglimpfung des neuen Versuchs („Ghettoklassen“) keinem einzigen Schüler helfen wird, Deutsch zu lernen.

Diese Regierung ist mit dem Versprechen angetreten, in der Zuwanderungs- und Integrationspolitik neue, auch restriktivere Wege zu gehen. Weil die bisherigen offensichtlich in die falsche Richtung geführt haben.

Das kann man gut finden – eine leise Mehrheit wird das tun. Oder schlecht finden. Die laute Minderheit, die das tut, könnte in diesem speziellen Punkt der Sprachförderungsklassen aber auch einmal in sich gehen: Es wird an Türkis-Blau noch genug zu kritisieren geben. Das hier zählt eher nicht dazu.“ (8)

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2016 – Deutsch, 8. Schulstufe, Bundesergebnisbericht (2017), S. 44.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2015 Ergebnisse. Exzellenz und Chancengerechtigkeit in der Bildung (2016), Tabelle I.4.8.

(4) Vortrag an den Ministerrat 5/29 vom 24. Jänner 2018.

(5) Siehe a.a.O.

(6) Spaltung statt Lösung! Bildungsminister soll der Realität ins Auge blicken! OTS-Aussendung vom 22. Jänner 2018.

(7) Hammerschmid erfreut über Absage von Faßmann an „Deutschklassen“ – „Mit Populismus ist keine Schule zu machen“. OTS-Aussendung vom 11. Jänner 2018.

(8) Oliver Pink, Straight outta Ghettoklasse. In: Presse online vom 22. Jänner 2018.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “„Ghettoklassen“

  1. Einfaches Rezept – Klassenteilung!!! Funktioniert in den Fremdsprachen und sogar in Mathematik. Immer wieder viel Lärm um nichts anstatt die naheliegensten Dinge umzusetzen. Solange die Bildung ein Spielball der Politik ist wird das alles nie funktionieren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s