Herbert Weiß: Wortbrüchig?

Nach der Beendigung der Begutachtungsphase haben die Geschehnisse rund um das „Autonomiepaket“ der Bundesregierung geradezu skurrile Formen angenommen. Offensichtlich kann oder will sich auf Regierungsseite niemand mehr daran erinnern, was im Vorfeld oder während der Begutachtungsphase versprochen wurde.

In dem am 16. März 2017 in der ARGE LehrerInnen gefassten Beschluss heißt es unter anderem, dass nach der Begutachtungsphase „Schlussverhandlungen mit dem Ziel einer sozialpartnerschaftlichen Einigung“ zu führen seien. Solche „Schlussverhandlungen“ wurden seitens des Ministeriums zugesagt. Nach Beendigung der Begutachtungsphase klingt das jetzt allerdings anders.

Zuerst wurde davon gesprochen, dass man mit der Gewerkschaft noch einen Termin habe. (1) Später betonte man schon, dass es sich „nur um ein Gespräch und nicht um Verhandlungen handle“. (2) Am Abend des 2. Mai hieß es schließlich, dass man die Lehrergewerkschaft am 8. Mai noch „informieren, aber nicht mehr mit ihr diskutieren“ wolle. (3)

Ebenso ist wenig von den Versprechungen der Bildungsministerin übrig geblieben, die wochenlang landauf und landab von einem „Ermöglichungspaket“ gesprochen hat, das keine Schule zwingen würde, mit einer anderen gegen ihren Willen verclustert zu werden. Auch dem Versprechen, dass es sich beim „Autonomiepaket“ nicht um ein Sparpaket handle, könnte ich erst glauben, wenn den Schulen nicht nur die Ressourcen zur Einhaltung der bisher gesetzlich festgeschriebenen – und vom Ministerium trotzdem ignorierten – Klassenschülerhöchstzahlen, sondern auch die für die bisher in der Eröffnungs- und Teilungszahlenverordnung definierten Gruppenteilungen garantiert würden. Davon ist derzeit leider keine Rede.

Vielmehr streut man hinter vorgehaltener Hand völlig unzutreffende Behauptungen, in der Hoffnung, dass Medien auf den Schwindel hereinfallen und die Märchen vom Minoritenplatz als Tatsachen verbreiten. Zum Teil scheint das sogar gelungen zu sein, wie die folgende Meldung zeigt: „Es gebe derzeit ohnehin keine Klassen mit 25 Schülern, also werde es nachher auch keine mit 30 geben.“ (4)

Wenn man weiß, dass allein in der AHS-Unterstufe im Schuljahr 2015/16 fast 40 % der SchülerInnen in Klassen mit mehr als 25 SchülerInnen unterrichtet wurden, sehe ich diese Äußerung als gefährliche Drohung. (5)

Natürlich rücken jetzt auch wieder Leute aus, die in den Medien sogar als „ausgewiesene Experten des Bildungssystems“ bezeichnet werden, um die Gewerkschaft wie üblich als Blockierer hinzustellen und zu fordern, dass die Regierung das angeblich so wichtige und tolle Projekt durchziehen solle, ohne auf die Betroffenen zu hören. (6)

Die Betroffenen sehen sich inzwischen zurecht oftmals als „in einem Hamsterrad“. Eine schlecht vorbereitete oder auch unsinnige Reform jagt die andere, während man den Schulen vorwirft, sich nicht zu bewegen und sich gegen alle Reformen zu stemmen.

Ich fordere die Bildungsministerin auf, zu ihrem Wort zu stehen anstatt den letzten Rest an Vertrauen, den Österreichs Schulpolitik bei der Lehrerschaft genießt, zu verspielen.

(1) Debora Knob, Ich ziehe Schul-Reform jetzt durch. In: Österreich online vom 1. Mai. 2017.

(2) Schulautonomie soll bis Anfang Juni in den Ministerrat. In: ORF online vom 2. Mai 2017.

(3) Julia Neuhauser, Schule: Ministerin gibt 1100 Kritikern Kontra. In: Presse online vom 2. Mai 2017.

(4) Doris Vettermann, Schulreformpaket nicht mehr aufschnüren! In: Krone online vom 2. Mai 2017.

(5) Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Schulstatistik vom 1. Februar 2017.

(6) Bernhard Gaul, Warum die Schule nicht reif fürs Leben macht. In: Kurier online vom 4. Mai 2017.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Herbert Weiß: Wortbrüchig?

  1. Weil es auch noch andere aktuelle Themen für uns AHS-Lehrer gibt, hier ein Leserbrief aus der PRESSE vom 4. Mai:

    Neu ist seit der Einführung der Zentralmatura 2015, dass auch Lehrer schummeln, wie ich von Wiener Absolventen der vergangenen beiden Jahre erfuhr (auf die Verschwiegenheit der Schüler sollte man sich halt nicht verlassen)! Die abgegebenen Arbeiten werden von manchen Gymnasialprofessoren teilweise blau ausgebessert statt rot korrigiert.
    Grund dafür ist, nicht entlarvt zu werden, dass sie u.a. schwierige Stoffgebiete ausließen oder jahrelang positive Noten herschenkten, um Konflikte mit Schülereltern oder ihren Direktoren, die mit einem guten Gesamtergebnis möglichst viele Familien zur Anmeldung ihrer Kinder „überreden“ wollen, zu vermeiden.
    Das ist deshalb möglich, da die Maturaarbeiten in Österreich – im Gegensatz zu anderen Ländern – von den eigenen Klassenlehrern benotet werden. Schüler von betrügerischen Lehrkräften sind dadurch stark im Vorteil, wenn es dann etwa um die Aufnahme an Fachhochschulen oder an Eliteuniversitäten geht. Das ist ungerecht und muss daher schon dieses Jahr nachkontrolliert werden!

    DI Michael Engel, 3300 Amstetten

    Anmerkung Quin: Der Vorwurf von DI Engel ist in dieser Form inakzeptabel. Das behauptete Agieren wäre Amtsmissbrauch und ev. Betrug. Wenn das tatsächlich vorkommt, ist Anzeige zu erstatten und dagegen vorzugehen. Wenn es dafür außer Hörensagen keine Beweise gibt, sind solche vagen Anschuldigungen zu unterlassen, die einen ganzen Berufsstand unter Generalverdacht stellen.

    1. Wenn Kollege Quin so rasch mit einer Anzeige bei der Hand ist, dann hindert ihn ja niemand daran, Anzeige gegen unbekannt zu erstatten und den Leserbriefschreiber als Zeugen zu benennen – der versteckt sich ja nicht.
      Dazu kommt, dass Amtsmissbrauch ein Offizialdelikt ist. Demnach müsste der Wiener Stadtschulrat von sich aus diesen Fall verfolgen, nachdem er durch den Leserbrief darauf aufmerksam wurde. Wir werden ja sehen, wie ernst der SSR seine Verpflichtung nimmt.

      P.S.: Im Bahnschranken-Fall Ende des letzten Schuljahres hat der SSR mächtig vom Leder gezogen. Aber da ging es ja darum, den Boulevard zu bedienen. Dass die Sache schlussendlich ausgegangen ist wie das Hornberger Schießen – das haben die Medien dann geflissentlich ignoriert.

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