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Gerhard Riegler: Grenzen, Regeln, Gesetze und viel Liebe

Unserer Generation geht es einfach viel zu gut“, schreibt Sarah W. in der Tageszeitung „Der Standard“ (1) und analysiert ebenso beeindruckend wie erschütternd die Situation vieler ihrer AltersgenossInnen – unserer SchülerInnen. Leid resultiert oft weder aus Armut noch aus Krankheit, sondern aus einer Orientierungs- und Perspektivenlosigkeit, die das Leben für Menschen unerträglich werden lässt. „Unsere Eltern, die unter der Unterdrückung ihrer eigenen Eltern zu leiden hatten, erziehen uns genau gegenteilig: ohne Grenzen, Regeln und Gesetze, dafür mit viel Liebe.“ (2)

Damit schreit Sarah W. weder nach Prügelstrafe noch nach Winkerlstehen, sie fordert sicher auch nicht eine Reduktion liebevoller Zuwendung. Ganz im Gegenteil: Wer seine Kinder liebt, soll, ja muss ihnen Halt geben und vernünftige Grenzen setzen. Dasselbe Prinzip gilt selbstverständlich auch für die Schule. Wer SchülerInnen Halt und Grenzen verweigert, nimmt „großzügig“ in Kauf, dass sie sich verrennen und, wenn sie Pech haben, „ganz einfach“ abstürzen.

Wegschauen statt eingreifen, „den Dingen“ freien Lauf lassen statt pädagogisch zu wirken – die Früchte einer Saat, die allzu lange ausgestreut wurde. „Erziehen heißt immer einen Kompromiss zu finden zwischen Führen und Wachsenlassen.“ (3) Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes bringt es auf den Punkt und lässt das Spannungsfeld erkennen, in dem sich jeder befindet, der seinem Erziehungsauftrag gerecht zu werden versucht.

Vergleicht man die Situation von Jugendlichen in anderen Staaten der OECD, und zwar von Spanien über Griechenland bis nach Korea, scheint Österreichs Jugend geradezu im Paradies zu leben. Bei uns haben junge Menschen schulische und berufliche Perspektiven. Doch zum Glücklichsein fehlt ihnen immer mehr etwas Grundlegendes. Schenken wir ihnen auch Orientierung für „das Leben“: Grenzen, Regeln, Gesetze und viel Liebe!

(1) Sarah W., Unserer Generation geht es einfach viel zu gut. In: Standard Online vom 7. November 2012.

(2) Ebenda.

(3) Von Helikopter-Eltern und einer unmündigen Generation. Josef Kraus zu Gast bei Ingo Kahle, Rundfunk Berlin-Brandenburg am 4. August 2012.

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Gerhard Riegler: Damit etwas weitergeht

Fast hundert Menschen warten auf den Bus, schauen betreten auf den Boden oder konzentriert in die Gratis-Zeitung, über die WienerInnen allmorgendlich Bildung erfahren, vermeiden jeden Blickkontakt, werden von Minute zu Minute nervöser. Dabei ist der Bus schon da, die Leute warten im Bus auf dessen Abfahrt. Nur einer hat Spaß: Ein etwa vierzehnjähriger Bursche unterbricht jedes Mal die Lichtschranke, wenn sich die letzte offene Tür zu schließen beginnt. Der „Spaßvogel“ beherrscht die Szene, bis sich plötzlich vom anderen Ende des Busses eine Frau durchdrängt und dem jungen Mann mit forscher Stimme zwei Alternativen stellt: entweder sofort mit dem Unfug aufzuhören oder auszusteigen. Die Mehrheit der anderen Erwachsenen starrt noch angestrengter auf den Boden. Als der Übeltäter den Bus verlässt und dieser endlich abfahren kann, geht ein Seufzer der Erleichterung durch die Menge. Aus peinlich berührtem Wegschauen und feigem Schweigen werden bewunderndes Aufschauen und dankbares Rechtgeben.

„So viel positives Feedback habe ich in den letzten drei Jahren zusammen in meiner Schule nicht bekommen, obwohl ich oft nichts anderes tue.“ So die Kollegin, die in diesem Bus der Wiener Verkehrsbetriebe zur „Heldin“ geworden war. Bei der Lektüre des Artikels „Erziehungsfreie Zone“ (1) kam mir das Gespräch über das kollektive Wegschauen, die feige Haltung, so zu tun, als wäre man nicht betroffen, wieder in den Sinn.

In der Realität gibt es […] einen virtuellen Schutzkreis um jedes Kind, der einem verminten Gelände gleicht. Es ist eine Nicht-Einmischungszone – und eine der wenigen Normen, die die meisten von uns in Bezug auf die Kindererziehungsfrage noch teilen: Man mischt sich nicht ein in die Erziehung fremder Kinder.“ So schildert der SPIEGEL-Journalist Frank Patalong einen gesellschaftlichen Ist-Zustand, der eine Unterstützung der häuslichen Erziehung durch die Schule noch notwendiger, aber es für uns im Alltag noch schwerer macht, den höchst divergenten Erwartungen und Wunschvorstellungen der Eltern gerecht zu werden.

PolitikerInnen sollten öfter mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein, um zu begreifen, dass ein Wegschauen nicht genügt, wenn etwas weitergehen soll.

(1) Frank Patalong, Erziehungsfreie Zonen. Die Monster anderer Eltern. In: Spiegel Online vom 26. April 2011.

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Gerhard Riegler: Hilfssheriffs

„Hilfssheriffs für ÖBB-Schaffner“ titelte der STANDARD am 9. Februar. Security-Personal soll in Regionalzügen auf der Südbahn Randalierer einschüchtern. Das Zugpersonal müsse „bewacht“ werden. Es sei zuletzt zu teils schweren Übergriffen gekommen. Schaffner seien an Leib und Leben bedroht worden.

Besonders besorgniserregend ist dabei die Tatsache, dass die gewaltbereiten Übeltäter immer jünger werden. Dass es in manchen Pariser Vororten und in der Bronx weit schlimmer zugeht, kann wohl kein wirklicher Trost sein. In Sicherheitsfragen hat Österreich den Status der „Insel der Seligen“ mit politischer Bravour bereits verspielt.

Wir leben in einer Gesellschaft,

  • die zwar realisiert, dass immer mehr Eltern von ihren Erziehungsaufgaben heillos überfordert werden, daraus aber keine Konsequenz zieht,
  • die von LehrerInnen eine Übernahme der Erziehungsarbeit erwartet, ihnen aber keine Erziehungsrechte anvertraut,
  • die Schaffner von Hilfssheriffs vor Jugendlichen schützen lässt, LehrerInnen aber locker zutraut, dieselben Jugendlichen mit Lob und Tadel zu optimalem „Output“ zu dirigieren.

Seit Jahren fordern wir SozialarbeiterInnen und SchulpsychologInnen, die den LehrerInnen zur Seite stehen, sobald pädagogische Möglichkeiten erschöpft sind. Unserer Politik aber sind weder wir LehrerInnen noch die Entwicklung junger Menschen so viel wert. Sie schickt lieber „Hilfssheriffs“ aus, wenn die Konsequenzen politischer Kurzsichtigkeit unerträglich werden.

Wir leben in einer Gesellschaft, die einer morbiden Politik zusieht, wie sie exquisite Lebensbedingungen demoliert, die kein Geschenk des Himmels sind, sondern hart erarbeitet wurden.

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Gerhard Riegler: „Antiautoritäre Erziehung“ – der Weg in die Jugendkrise?

Vor kurzem wurde von manchem noch als rückständig bezeichnet, wer „antiautoritäre Erziehung“ als nicht „kindgerecht“ bezeichnete, jetzt findet die Leiterin der Schulpsychologie des Wiener Stadtschulrats in einem STANDARD-Interview den Mut für sehr offene Worte, für die ich höchsten Respekt empfinde: „Ich stehe dazu, dass Lehrer erziehen müssen. (…) Die Erziehungsaufgabe wahrzunehmen ist die ureigenste Aufgabe der Schule, aber es muss Grenzen geben. Lehrer können nicht alle Schwierigkeiten lösen, das muss die Familie, auch mit der Unterstützung von Einrichtungen, die es dafür gibt, machen.“ (1)

Offen bleibt dabei immer noch die Frage, was geschieht, wenn sich Eltern ihrer Verantwortung nicht stellen können oder wollen. Damit ist auch die Schulpsychologie überfordert, hier wäre eine Sozialpolitik gefragt, die sich als Anwalt der Kinder und Jugendlichen versteht und in ihrem Interesse tätig wird. Die Hamburger Sozialwissenschafterin Vera King beschreibt die Erziehungskrise mit folgenden Worten: „Kaum scheint das Kind gross genug, sagen die Eltern: Jetzt bin ich dran, jetzt realisiere ich endlich meine Projekte. Dabei ist der Jugendliche noch gar nicht so weit. Das Nest ist schon leer, bevor er es verlassen will.“ (2)

Bei allem Verständnis für den Drang nach elterlicher Selbstverwirklichung können Politik und Gesellschaft nicht im längst überholten (s.o.) „antiautoritären“ Sinn tatenlos zusehen, wie die erzieherische Verwahrlosung immer weitere Kreise zieht. Während ministerielle Hochglanzbroschüren die heile neue Schulwelt vorzugaukeln versuchen, wachsen immer mehr Jugendliche „erziehungslos“ auf und sind dementsprechend weder ausbildungs- noch beschäftigungsfähig.

Wer der „Spaßpädagogik“ (© Josef Kraus) das Wort redet, trägt bewusst oder unbewusst dazu bei, dass wir auf eine Jugendkrise zusteuern, die die „griechische“ Finanzkrise noch in den Schatten stellen könnte.

(1) derStandard.at, 28.4.2010

(2) NZZ, 10.5.2010

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