Gerhard Riegler: Damit etwas weitergeht

Fast hundert Menschen warten auf den Bus, schauen betreten auf den Boden oder konzentriert in die Gratis-Zeitung, über die WienerInnen allmorgendlich Bildung erfahren, vermeiden jeden Blickkontakt, werden von Minute zu Minute nervöser. Dabei ist der Bus schon da, die Leute warten im Bus auf dessen Abfahrt. Nur einer hat Spaß: Ein etwa vierzehnjähriger Bursche unterbricht jedes Mal die Lichtschranke, wenn sich die letzte offene Tür zu schließen beginnt. Der „Spaßvogel“ beherrscht die Szene, bis sich plötzlich vom anderen Ende des Busses eine Frau durchdrängt und dem jungen Mann mit forscher Stimme zwei Alternativen stellt: entweder sofort mit dem Unfug aufzuhören oder auszusteigen. Die Mehrheit der anderen Erwachsenen starrt noch angestrengter auf den Boden. Als der Übeltäter den Bus verlässt und dieser endlich abfahren kann, geht ein Seufzer der Erleichterung durch die Menge. Aus peinlich berührtem Wegschauen und feigem Schweigen werden bewunderndes Aufschauen und dankbares Rechtgeben.

„So viel positives Feedback habe ich in den letzten drei Jahren zusammen in meiner Schule nicht bekommen, obwohl ich oft nichts anderes tue.“ So die Kollegin, die in diesem Bus der Wiener Verkehrsbetriebe zur „Heldin“ geworden war. Bei der Lektüre des Artikels „Erziehungsfreie Zone“ (1) kam mir das Gespräch über das kollektive Wegschauen, die feige Haltung, so zu tun, als wäre man nicht betroffen, wieder in den Sinn.

In der Realität gibt es […] einen virtuellen Schutzkreis um jedes Kind, der einem verminten Gelände gleicht. Es ist eine Nicht-Einmischungszone – und eine der wenigen Normen, die die meisten von uns in Bezug auf die Kindererziehungsfrage noch teilen: Man mischt sich nicht ein in die Erziehung fremder Kinder.“ So schildert der SPIEGEL-Journalist Frank Patalong einen gesellschaftlichen Ist-Zustand, der eine Unterstützung der häuslichen Erziehung durch die Schule noch notwendiger, aber es für uns im Alltag noch schwerer macht, den höchst divergenten Erwartungen und Wunschvorstellungen der Eltern gerecht zu werden.

PolitikerInnen sollten öfter mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein, um zu begreifen, dass ein Wegschauen nicht genügt, wenn etwas weitergehen soll.

(1) Frank Patalong, Erziehungsfreie Zonen. Die Monster anderer Eltern. In: Spiegel Online vom 26. April 2011.


Ein Gedanke zu “Gerhard Riegler: Damit etwas weitergeht

  1. Ja, Lehrer müssen in diesen „virtuellen Schutzraum um jedes Kind“ eingreifen – und werden deswegen von vielen Seiten angefeindet, bis sie es irgendwann aufgeben. Dann werden sie wieder angefeindet.

    Leider greifen auch viele Eltern in diesen „Schutzraum“ nicht mehr ein, weil sie glauben, dass sich Kinder ohne äußeres Zutun zu sozialen Wesen entwickeln.

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