Gudrun Pennitz: Unterrichten – nein, danke

Sie wird nun doch nicht Lehrerin, erzählt mir eine junge Bekannte.

Zwar hatte sie ihr Unterrichtspraktikum erfolgreich abgeschlossen, doch dann hat sie es sich anders überlegt und zugegriffen, als man ihr einen interessanten Job in einem renommierten Unternehmen angeboten hat. Das macht mich betroffen. Schließlich wollte sie schon als Kind gern Lehrerin werden und freute sich während des Studiums jahrelang darauf, endlich unterrichten zu dürfen, versichert sie mir.

Was ist passiert? Das oft respektlose, undisziplinierte, offen Desinteresse zur Schau stellende Verhalten ihrer SchülerInnen hat ihr die Freude am Unterrichten geraubt. So hatte sie sich ihren Traumberuf nicht vorgestellt.

Dazu passt dieses Ergebnis des „Global Teacher Status Index 2018“: In Deutschland würde nur jede/r Fünfte ihrem/seinem Kind empfehlen, LehrerIn zu werden. (1) Derselben Studie ist übrigens auch zu entnehmen, dass sich im Länderschnitt nur 36 % der befragten Lehrkräfte von ihren SchülerInnen respektiert fühlen. (2) Österreich nahm an dieser in 35 Staaten durchgeführten Studie leider nicht teil.

Mag sein, dass die Situation in Österreich tatsächlich noch nicht so dramatisch ist, aber auch wir müssen aufpassen, dass talentierte und engagierte junge Menschen nicht vermehrt davor zurückschrecken, sich in ihrem beruflichen Alltag der Willkür Jugendlicher auszusetzen.

Jahrelanges Lehrerbashing und Kratzen am Image des Lehrberufs haben tiefe Spuren hinterlassen. Dazu kommt ein generelles Misstrauen der westlichen Gesellschaft gegenüber Autorität. Schlechtes Benehmen gilt fast schon als Menschenrecht, nicht nur in der Schule. Wen wundert es da noch, wenn immer mehr Jugendliche ihren LehrerInnen gegenüber jegliche Achtung vermissen lassen? Im Internet bilden sich bereits Selbsthilfegruppen für JunglehrerInnen, die sich bei ihren KollegInnen Rat und Hilfe holen, wie man mit frechen SchülerInnen am besten umgeht.

Kindererziehung braucht ein ganzes Dorf, weiß der Volksmund. Schon wahr, aber die wichtigste Rolle spielen dabei immer noch die Eltern! Doch was tun, wenn Eltern sich dieser Verantwortung entziehen?

„Mein Sohn braucht sich keiner Autorität zu unterwerfen, nur um der Autorität willen“, erklärte mir einmal eine Mutter, als ich sie wegen des Verhaltens ihres 12-Jährigen zu einem Gespräch gebeten hatte. „Auch gut“, erwiderte ich, „doch wenn ich meinen Anspruch darauf aufgebe, dann herrscht in der Klasse das Gesetz des Dschungels, und ich weiß nicht, ob Ihr Sohn dann der Stärkere ist.“ Das gab ihr zu denken.

Kinder und Jugendliche brauchen Eltern und PädagogInnen, die sich nicht wegducken, sondern zu Hause sowie in Kindergarten und Schule Bindung und Beziehung zu ihnen aufbauen, sie anleiten und mit Hausverstand führen – ohne Angst davor, als Reibebaum zu dienen, nein zu sagen oder Grenzen zu setzen“, (3) meint Isabella Zins, Bundesvorsitzende der AHS-DirektorInnen, und erinnert dabei Schule UND Elternhaus an ihre pädagogische Verantwortung.

Doch die Wahrnehmung pädagogischer Verantwortung scheinen immer mehr Erziehungsberechtigte zu scheuen, sei es aus Zeitmangel, weil sie beruflich gestresst sind oder weil sie selbst als Kinder nie Grenzen kennengelernt haben.

Bleibt die Hoffnung, dass die Vernunft in der Kindererziehung bald eine Renaissance erlebt und gutes Benehmen auch in der Schule wieder den Stellenwert bekommt, den es verdient. Dann haben Wirtschaftsunternehmen weniger Chancen, uns junge Leute wegzuschnappen, die wir gerne als tolle KollegInnen hätten.

(1) Siehe Varkey Foundation (Hrsg.), Global Teacher Status Index 2018 (2018), Figure 3.8. 20 % der deutschen Eltern würden ihr Kind „definetely“ oder „probably“ dazu motivieren, LehrerIn zu werden.

(2) Siehe ibidem, S. 50.

(3) Isabella Zins, Martina Leibovici-Mühlberger:„Wenn die Tyrannenkindererwachsen werden”. In: ÖPU-Nachrichten 2/2016 (Juni 2016), S. 6f, hier S. 7.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Gudrun Pennitz: Unterrichten – nein, danke

  1. Was müssen das für abgestumpfte Menschen sein, die Justizwachebeamte, Finanzbeamte, Arbeitsinspektoren, Polizisten oder Politiker werden – alle von ihrer Klientel nicht geliebt …

  2. Ja, gesamtgesellschaftlich begrüßen wir die schwächer gewordene Anerkennungsbereitschaft gegenüber Autoritäten…pädagogisch wird‘s dann aber schwierig.

    1. Respekt gegenüber LehrerInnen ist an Stelle der SchülerInnen genau so wichtig wie Respekt gegenüber SchülerInnen an Stelle der Lehrkräfte. Natürlich ist es wichtig , in niedrigeren Schulstufen eine gewisse Hierarchie klar zu machen, jedoch finde ich es fraglich, immer nur darüber zu berichten, wie schrecklich unerzogen Kinder doch seien. Je stärker die Autorität der Lehrkräfte den Kindern und Jugendlichen aufgezwungen wird, desto eher neigen diese zu Trotzreaktionen. Ich persönlich, also eine ehemalige Schülerin, die vor kurzem maturiert hat, hätte mir oft einen höflicheren Umgang in meiner Schulzeit gewuschen und muss auch sagen: für mein Leben habe ich durch dieses übertriebene authoritäre Verhalten meiner Lehrer nichts gelernt. Denn von einem Menschen, den ich mit “Sie“ anspreche, erwarte ich mir, dass ich nicht angeschriehen werde oder jede Kritik die ich an dieser Person übe (konstruktiv und höflich natürlich) als aufmüpfig empfunden wird.

  3. Ich kann Johanna nur zustimmen. Ich finde es zunehmend erschreckend wie viele Lehrer mit Schülern und Lehrern umspringen. Ich musste als Mutter von drei Kindern sehr oft feststellen das es den meisten Lehrern an Respekt vor den Eltern mangelt.“Ich sitze ohnehin am längeren Ast“ und „Wenn sie nicht meiner Meihnung sind bzw sich widersetzen lasse ich es halt an ihrem Kind aus“, sind die Leitsätze von den meisten Pädagogen. Und sollte aus den zahlreichen Studenten die Lehramt aufgrund ihrer Berufung und nicht aufgrund der Arbeits- und Ferienzeit gewählt haben, mal ein engagierter, motivierter Junglehrer hervor kommen wird er von den amtsmüden Kollegen gemobbt. Es gehört der Hebel an beiden Seiten angesetzt. Es gehören die engagierten Lehrer unterstützt, die faulen aussortiert und es sollte den Lehrern auch wieder mehr Möglichkeiten eingeräumt werden sich gegen Übergriffe sowohl verbal und nonverbal, durchzusetzen. Viele gute Lehrer scheitern an einem alten trägen System das nicht mehr zeitgerecht ist.

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