Gerhard Riegler: „Antiautoritäre Erziehung“ – der Weg in die Jugendkrise?

Vor kurzem wurde von manchem noch als rückständig bezeichnet, wer „antiautoritäre Erziehung“ als nicht „kindgerecht“ bezeichnete, jetzt findet die Leiterin der Schulpsychologie des Wiener Stadtschulrats in einem STANDARD-Interview den Mut für sehr offene Worte, für die ich höchsten Respekt empfinde: „Ich stehe dazu, dass Lehrer erziehen müssen. (…) Die Erziehungsaufgabe wahrzunehmen ist die ureigenste Aufgabe der Schule, aber es muss Grenzen geben. Lehrer können nicht alle Schwierigkeiten lösen, das muss die Familie, auch mit der Unterstützung von Einrichtungen, die es dafür gibt, machen.“ (1)

Offen bleibt dabei immer noch die Frage, was geschieht, wenn sich Eltern ihrer Verantwortung nicht stellen können oder wollen. Damit ist auch die Schulpsychologie überfordert, hier wäre eine Sozialpolitik gefragt, die sich als Anwalt der Kinder und Jugendlichen versteht und in ihrem Interesse tätig wird. Die Hamburger Sozialwissenschafterin Vera King beschreibt die Erziehungskrise mit folgenden Worten: „Kaum scheint das Kind gross genug, sagen die Eltern: Jetzt bin ich dran, jetzt realisiere ich endlich meine Projekte. Dabei ist der Jugendliche noch gar nicht so weit. Das Nest ist schon leer, bevor er es verlassen will.“ (2)

Bei allem Verständnis für den Drang nach elterlicher Selbstverwirklichung können Politik und Gesellschaft nicht im längst überholten (s.o.) „antiautoritären“ Sinn tatenlos zusehen, wie die erzieherische Verwahrlosung immer weitere Kreise zieht. Während ministerielle Hochglanzbroschüren die heile neue Schulwelt vorzugaukeln versuchen, wachsen immer mehr Jugendliche „erziehungslos“ auf und sind dementsprechend weder ausbildungs- noch beschäftigungsfähig.

Wer der „Spaßpädagogik“ (© Josef Kraus) das Wort redet, trägt bewusst oder unbewusst dazu bei, dass wir auf eine Jugendkrise zusteuern, die die „griechische“ Finanzkrise noch in den Schatten stellen könnte.

(1) derStandard.at, 28.4.2010

(2) NZZ, 10.5.2010


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