Man könnt‘ erzogene Kinder gebären …

Es gibt keine Bildungsoffensive ohne Erziehungsoffensive. Daher ist es ist höchst an der Zeit, dass die Gesellschaft mit dem gleichen Engagement wie die anderen Bürger- und Menschenrechte auch die Erziehungsrechte und -pflichten sowie eine Erziehung im Interesse der Kinder einfordert.

Nach wie vor nimmt ein großer Teil der Elternschaft die erzieherische Verantwortung des Elternhauses ernst, das sei hier ausdrücklich betont, die Anzahl der Problemfälle nimmt aber zu. „Schulen sind nicht der Reparaturbetrieb für verkorkste Erziehung zuhause“, sagte Günther Oettinger, der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg. (1) „Wir haben eine wachsende Zahl von Eltern, die sich von ihrem Erziehungsauftrag und vom gemeinsamen Wirken mit Lehrern verabschiedet haben. Laut einer aktuellen Umfrage bezeichnen 32 Prozent der Grundschullehrer Eltern als ihr größtes Problem“, hielt Susanne Eisenmann, aktuell Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg, vor wenigen Tagen fest. (2) In Österreich wird die Situation wohl nicht viel anders sein.

Das wirklich Tragische daran ist, dass Schule niemals die Versäumnisse des Elternhauses zur Gänze kompensieren kann. „In der Bildungsforschung ist die Erkenntnis nicht neu, dass wir die Erziehung der Eltern nicht durch den Einfluss professioneller Pädagogen ersetzen können.“ (3)

Natürlich ist uns LehrerInnen klar, dass häusliche Erziehung heute vielfach unter erschwerten Bedingungen stattfindet. Dass die Ergebnisse der daraus oft resultierenden familiären Erziehungsdefizite den Unterricht erschweren, bekommen wir tagtäglich hautnah zu spüren. Die Schule kann kaum bessere Bildung vermitteln, wenn sich immer mehr Eltern aus ihrer erzieherischen Verantwortung verabschieden.

Physische und psychische Gewalt sind an Österreichs Schulen häufig anzutreffen. „35,0 % [Anm.: der 11- bis 17-jährigen SchülerInnen Österreichs] beteiligten sich laut Selbstbericht in den letzten paar Monaten zumindest einmal am Schikanieren bzw. Bullying von Mitschülerinnen oder Mitschülern. 32,5 % berichten, zumindest einmal Opfer von Bullying-Attacken geworden zu sein.“ (4) Auch das hat zweifellos etwas mit Erziehung und Vorbildwirkung im Elternhaus zu tun.

Zu Schulerfolg gelangt man nicht ausschließlich im Klassenzimmer, sondern er braucht eine entsprechende familiäre Atmosphäre. Wenn die häusliche Vorbereitung und Begleitung junger Menschen nicht oder unzureichend stattfinden, dann gelingt Schule nicht oder zumindest nicht so, wie sie gelingen könnte. So trivial das klingen mag: Eltern sollten dafür sorgen, dass Kinder ausgeschlafen mit einem Frühstück im Bauch und einer Jause im Gepäck rechtzeitig in der Schule ankommen, zu Hause ungestört ihre Hausübung erledigen, die Schultasche für den nächsten Tag korrekt packen etc. Und gerade diesbezüglich gibt es in Österreich massive Defizite, wie WHO-Studien aufzeigen. (5) Grundsätzlich muss Schule Priorität vor Freizeit- oder Jobinteressen haben. So einfach ist das – zumindest in der Theorie.

Man könnt‘ erzogene Kinder gebären, wenn die Eltern erzogen wären“, wusste schon Johann Wolfgang von Goethe. (6)

(1) Zit. n. Axel Habermehl, „Manche ziehen sich da sauber raus“. In: Schwäbisches Tagblatt online vom 3. April 2019.

(2) a.a.O.

(3) Pädagogen können Eltern nicht ersetzen. In: Zeit Online vom 10. April 2013.

(4) Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.), Gesundheit und Gesundheitsverhalten von österreichischen Schülerinnen und Schülern (2015), S. 9.

(5) Siehe etwa die HBSC-Studien der WHO.

(6) Aus den „Zahmen Xenien“, die Johann Wolfgang von Goethe gemeinsam mit Friedrich Schiller verfasste und die 1797 erschienen.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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