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Gerhard Riegler: Erfolgsrezept „Laptop und Lederhose“

Im Juni erschien in der „Kleinen Zeitung“ ein Artikel mit dem Titel „Osttirol zwischen Laptop und Lederhose“. (1) Zu lesen war über Osttiroler Pläne, sich den Freistaat Bayern zum Vorbild zu nehmen, um die Abwanderung zu bremsen und das Land fit für die Zukunft zu machen.

Bavarian man wearing traditional Leather Trousers with hands in pockets

Längst ist Bayern nicht nur im Fußball Deutschlands Leuchtturm. Die bayerische Wirtschaft boomt, die Technologieoffensive ist beispielgebend, das Bildungssystem liegt im innerdeutschen Vergleich an der Spitze, und die Jugendarbeitslosigkeit nähert sich mit inzwischen nur mehr 2,6 Prozent asymptotisch der Nulllinie. Und das, obwohl Bayerns Großstädte einen höheren Anteil an MigrantInnen haben als z. B. Berlin.

Mit einer Ehrlichkeit und einer Sachkenntnis, die ich bei österreichischen PolitikerInnen seit Jahren vermisse, machte Heinz Buschkowsky, der langjährige sozialdemokratische Bürgermeister von Berlin-Neukölln, kein Hehl aus seiner Bewunderung für Bayerns Schulwesen: „Bayerische Schulen sind beim Bildungserwerb für Einwandererkinder übrigens erfolgreicher als unsere.“ (2)

Vor wenigen Tagen berichtete der „Bayernkurier“, dass Bayern beim aktuellen OECD-Bericht „Education at a Glance“ neuerlich hervorragend abgeschnitten hat: „Besonders im Freistaat haben junge Menschen überdurchschnittlich gute Bildungschancen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.“ (3) Von einer Abschaffung der bayerischen Gymnasien ist nichts zu lesen, dafür aber von einem klaren Bekenntnis zur gezielten Förderung von Talenten schon in frühen Lebensjahren. Bayerns Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle beweist Sachkenntnis: „Die Nachteile aufgrund der sozialen Stellung und eines niedrigen Bildungstandes der Eltern lassen sich besonders während der Grundschulzeit ausgleichen.“ (4)

Doch nicht nur das CSU-regierte Bayern setzt auf die Förderung von Begabungen. Der rot-grüne Hamburger Senat will jetzt die Förderung hochbegabter Kinder in allen Grundschulen und weiterführenden Schulen fest verankern. Für manchen westösterreichischen VP-Landeskaiser und erst recht für die linksgrüne Bildungsschickeria müssen die Aussagen des sozialdemokratischen Hamburger Bildungssenators Ties Rabe geradezu reaktionär klingen. Für hochbegabte SchülerInnen dürfe es „keine Langeweile im Unterricht geben, erst Recht keine Arbeits- und Lernverbote“. Und der SPD-Politiker legt noch eins drauf: „Bei ihnen führe das Lernen im Gleichschritt zu Frust oder sogar psychischen Beeinträchtigungen.“ (5)

Vor fünf Jahren wollte eine von der CDU geführte Regierung die Gesamtschule Grundschule um zwei Jahre verlängern und so das Hamburger Gymnasium um zwei Jahre verkürzen, bekam dafür bei einem Volksentscheid eine Abfuhr, der Bürgermeister verlor sein Amt und seine Partei bei den folgenden Wahlen die Hälfte des Vertrauens, das sie vor ihrer Verirrung genossen hatte.

Vielleicht beginnen angesichts all dessen auch unsere „Politgrößen“, die ihr schulpolitisches Vorbild südlich des Brenners suchen und Osttirol in die Gesamtschullederhose stecken wollen, nachdenklich zu werden. „Macht endlich kehrt“, möchte ich ihnen zurufen, „ihr habt den falschen Personen vertraut!“ Und wenn sie mir borniertem Gewerkschafter nicht glauben, mögen sie auf Mathias Brodkorb, den sozialdemokratischen Bildungsminister Mecklenburg-Vorpommerns, hören. Er hat nämlich schon vor über drei Jahren Bayerns schulpolitisches Erfolgsrezept durchschaut: „Und einer der Erfolgsfaktoren scheint neben gesicherten sozialen Verhältnissen durchaus zu sein, dass Bayern regelmäßig hauptberufliche Lautsprecher ignoriert und einfach nicht jeden pädagogischen Modekram mitmacht.“ (6)

(1) Adolf Winkler, Osttirol zwischen Laptop und Lederhose. In: Kleine Zeitung online vom 16. Juni 2015.

(2) Zit. n.Rudi Wais, „Was wollt ihr Deutschen hier?“ In: Augsburger Allgemeine vom 4. März 2015.

(3) Anne Meßmer, Beste Chancen für junge Menschen in Bayern. In: Bayernkurier online vom 25. November 2015.

(4) a.a.O.

(5) Jana Werner, So will Hamburg seine Hochbegabten besser fördern. In: Die Welt online vom 1. Dezember 2015.

(6) Mathias Brodkorb, Unser Problem in der Bildung? Ewige Besserwisser! In: Cicero online vom 25. September 2012.

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Einen Schritt weiter …

Reinhold Mitterlehner hat die undankbare Aufgabe übernommen, seine Partei auf Erfolgskurs zu führen. Man möchte das verstaubte Image ablegen, sich öffnen, progressiv sein etc.

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Was das im Bildungsbereich bedeuten könnte, entnehme ich den Medien. Der Tiroler Landeshauptmann betonte gestern im Interview, „dass die Tiroler VP für die gemeinsame Schule eintritt“ und dass es dafür „einstimmige Beschlüsse im Landesparteivorstand“ gebe. (1) Und heute lese und höre ich, dass Andreas Salcher der „Bildungsguru“ des neuen ÖVP-Parteiobmanns werden soll. (2)

Im Ö1-Mittagsjournal konnte Österreich vernehmen, welchen Ratschlag Salcher für die ÖVP parat hat. Auf die Frage, ob „Mitterlehner lieber auf die Stimmen der Lehrer verzichten und dafür die der Eltern und der Wirtschaft einsammeln“ solle, antwortete der „Experte“: „Na ja, ich glaube, jeder Politiker, der die Grundrechnungsarten beherrscht, der wird sehr schnell zu diesem Schluss kommen.“ (3) Dass er es selbst nicht so mit den Grundrechnungsarten hat, verschwieg er geflissentlich. (4)

Mit dieser Aussage zeigt Salcher, dass er, obwohl Betriebswirt, von Mitarbeiterführung ebenso viel Ahnung zu haben scheint wie von Bildung. Denn unabhängig davon, wie man zu Salchers Vorschlägen steht, gehört es zum kleinen Einmaleins jeder Managementausbildung, dass ein Betrieb nur mit motivierten MitarbeiterInnen gute Ergebnisse liefern kann. In eine Schule mit demotivierten LehrerInnen wollte ich jedenfalls meine Kinder nicht schicken.

Glaubt man den Umfragen und den politischen KommentatorInnen, stand die Bundes-ÖVP vor wenigen Tagen vor dem Abgrund. Mit solchen Beratern ist sie einen großen Schritt weiter. Fragt sich nur, in welche Richtung.

(1) Platter: „Nulldefizit nicht in Stein gemeißelt“. In: Tiroler Tageszeitung online vom 3. September 2014.

(2) Bildungsreform: Salcher berät Mitterlehner. In: Österreich online vom 4. September 2014.

(3) Ö1-Mittagsjournal vom 5. September 2014.

(4) Der „Bildungsexperte“ blamierte sich am 23. Mai 2014 in „Wir sind Kaiser“. Die rund zwei Minuten kann man hier genießen.

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Gerhard Riegler: Mit 10 sind die Würfel längst gefallen

Wir brauchen ein „radikales“ Umdenken in der Bildungspolitik. Das ist kein Zitat eines Koalitionsverhandlers, sondern meine felsenfeste Überzeugung.

bigstock-The-words-Learn-Practice-and-I-44419135_blogViel zu vielen fehlt es an grundlegenden Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen. Dieses Problem ist seit Langem unübersehbar und muss endlich entschlossen an der Wurzel gepackt werden. Nicht einmal die „ExpertInnen“ aus dem Dunstkreis der scheidenden Unterrichtsministerin wagen noch zu behaupten, das diesbezügliche Können unserer 10-Jährigen sei zufriedenstellend. Das krasse Gegenteil ist nämlich der Fall.

Ich habe mich mit dem Leistungsstand der österreichischen 10-Jährigen, soweit er durch PIRLS und TIMSS gemessen wird, in einer Artikelserie des „gymnasium“, unserer Gewerkschaftszeitung, ausführlich auseinandergesetzt. (1) An dieser Stelle möchte ich daher keine weiteren wissenschaftlichen Belege für Zustand und Ursachen auflisten, sondern nur auf zwei aktuelle Zeitungsartikel hinweisen, die die Dringlichkeit eines radikalen Umdenkens in der Bildungspolitik untermauern.

Ein höchst lesenswerter Artikel aus „The Guardian“ bringt es schon in der Überschrift auf den Punkt: „Poor children’s life chances are decided in primary school“ (2). Hoffentlich wird aber nicht nur die Überschrift rezipiert! Denn im Beitrag wird – im Einklang mit bildungswissenschaftlichen Erkenntnissen, die seit vielen Jahren auf dem Tisch liegen – festgestellt, dass Lern- und Entwicklungsrückstände von Siebenjährigen kaum mehr aufzuholen sind.

Wer Kindern aus bildungsfernem Elternhaus bessere Chancen auf sozialen Aufstieg geben will, darf Bildungspolitik nicht auf Schulpolitik reduzieren. Wer sozial Schwachen durch eine Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen helfen zu können glaubt, beweist seine eigene Bildungsferne.

Besteht nicht das Hauptproblem des österreichischen Schulwesens in dem Umstand, dass zahlreiche Kinder nach der Volksschule nur beschränkt lesen, schreiben und rechnen können? Ist nicht dieses Phänomen keineswegs auf Kinder mit dem viel zitierten Migrationshintergrund beschränkt? Leiden nicht auch die österreichischen Kinder unter für Zehnjährige unerträglichen Defiziten?“ (3)

Lassen Ronald Barazons rhetorische Fragen Menschen kalt, die heute Österreichs Bildungspolitik von morgen verhandeln? Werden sie scheuklappenbewehrt weiterhin die Einheitsschule bis 15 (oder 18) fordern? Werden sie einmal mehr gefährlich geringe Lesekompetenz und Immunität gegenüber Fakten beweisen?

(1) Gerhard Riegler, Der Leistungsstand unserer 10-Jährigen. In: gymnasium Nr. 2/2013, S. 15-17, Nr. 3/2013, S. 16f, und Nr. 4/2013, S. 18-20.

(2) Randeep Ramesh, Poor children’s life chances are decided in primary school, report finds. In: The Guardian Online vom 8. Oktober 2013.

(3) Ronald Barazon, Geht es nicht um die Leseschwäche der 10-Jährigen? In: Salzburger Nachrichten Online vom 12. Oktober 2013.

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Der schwarz-weiße Regenbogen

Am Zentralfriedhof is‘ Stimmung, wia’s sei Lebtoch no net wor, weu olle Tot’n feiern heite seine erscht’n hundert Johr.“ An diesen Satz aus Ambros‘ „Zentralfriedhof“ musste ich beim Durchblättern der 1.504 Seiten denken, die die OECD gestern zur PIAAC-Studie (1) veröffentlicht hat. Im Gegensatz zu den vielen Politikern (2) und Journalisten, die sich gestern schon mit profunden Analysen zu Wort gemeldet haben, die zweifellos auf einem ausführlichen Studium der 1.504 Seiten beruhen – alles andere wäre ja unseriös –, bin ich wohl noch lange nicht in der Lage, einen abschließenden Befund zu publizieren. Ein paar interessante Aspekte sind mir allerdings bereits aufgefallen:

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Über weite Strecken handelt es sich bei PIAAC um einen wenig spektakulären Zahlenfriedhof, auf dem u. a. auch sehr eigenartige statistische Korrelationen hergestellt werden wie etwa zwischen der Lesekompetenz und der Wahrscheinlichkeit, dass jemand Freiwilligenarbeit leistet. (3) Oder man erfährt, dass besonders in Deutschland, Österreich und den USA gute Leser gesünder sind oder sich für gesünder halten als schlechte Leser. In Italien sind hingegen Leser aller Qualitätsstufen fast gleich gesund. (4) Was man nicht erfährt: Liegt das daran, dass in Italien auch die guten Leser zu Krankheiten neigen oder dass die schlechten gesünder sind? Zumindest habe ich die entsprechenden Daten noch nicht gefunden.

Womit ich bei Italien bin, dem Land, das sich LH Platter so gerne zum bildungspolitischen Vorbild nimmt. Italien hat ein wahres PIAAC-Debakel erlebt: So zeigen dort etwa 27,7 % (Österreich 15,3 %, Mittelwert aller Teilnehmerländer 15,5 %) sehr niedrige Lesekompetenz (5) und 31,7 % (Österreich 14,3 %, Mittelwert aller Teilnehmerländer 19,0 %) sehr geringe alltagsmathematische Kompetenz (6). Kein weiterer Kommentar zu den Vorbildern mancher Landeshauptleute, denn ein höflicher fällt mir nicht ein.

Das Abschneiden Österreichs – es liegt bei den meisten Aspekten im Mittelfeld – weiß man wohl nur dann zu würdigen, wenn man den Anteil der Bevölkerung mit einer anderen Erstsprache betrachtet. In Österreich liegt er um über 50 % über dem Italiens und ebenso hoch über dem OECD-Schnitt. (7)

Zuletzt noch eine kleine Anmerkung zum „Expertentum“ der OECD-Bildungsabteilung: „Der Reaktor hatte pro Jahr eine durchschnittliche Leistung von 3.572 Gigawattstunden (GWh) an elektrischer Energie erzeugt.“ Diese Aussage ist physikalischer Nonsens. Man kann nur Energie in GWh messen und nicht Leistung. „Experten“ der OECD leisten sich eben die Verwechslung von Äpfeln und Birnen. „The reactor had been generating an average energy output of 3,572 GWh of electrical energy per year“, heißt es übrigens sprachlich und physikalisch korrekt in der englischen Version.

Für mich ist dieses Beispiel ein Indiz für die Scharlatanerie der OECD. Eine Gruppe von „Experten“, die vorgibt, „objektive“ Daten u. a. zur Sprachkompetenz liefern zu können, ist nicht in der Lage, einen im Englischen korrekt formulierten Text fehlerfrei ins Deutsche zu übersetzen. Meine Conclusio: In der Bildungsabteilung der OECD versuchen Farbenblinde, uns die Schönheit des Regenbogens zu erklären.

(1) PIAAC steht für „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“, dem „PISA für Erwachsene“.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) „The relationship between literacy and volunteering is strong in Canada, Australia, England/Northern Ireland (UK), the United States and Germany, while it is weakest in Japan and Austria.“ OECD (Hrsg.), Skills Outlook 2013 (2013), S. 240.

(4) „… the relationship between literacy and selfreported health status is strongest in Germany, the United States and Austria, while it is weakest in Japan and Italy.“ Ebenda, S. 242.

(5) Ebenda, S. 257.

(6) Ebenda, S. 262.

(7) Ebenda, S. 439.

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Vom Wiegen allein…

Am 11. Dezember 2012 wurden gleich drei Studien präsentiert: die Ergebnisse der Standardtestungen in Mathematik auf der achten Schulstufe, TIMSS (1) und PIRLS (2). Allein die letzten zwei umfassen zusammen rund 1.400 Seiten.fat pig measures the waist measuring tape on a light backgroundDie Reaktionen darauf waren vorhersehbar und hatten– ebenso vorhersehbar – allerhand Skurriles zu bieten: Der Kärntner Landesrat Christian Ragger (FPK) sieht die Ursache für das schlechte Abschneiden der Kärntner Schüler (3) in der Unfähigkeit der Lehrer und fordert weitreichende Kündigungsmöglichkeiten. (4) Und Josef Bucher vom BZÖ schlägt als Sofortmaßnahme eine Kürzung der Bildungsausgaben um rund 60 % vor. (5)

Ich wende mich aber lieber ernsthafteren Betrachtungen zu und möchte einige beachtenswerte Punkte herausgreifen:

  • Aus meiner Sicht nahezu banal, von der Politik aber ständig ignoriert: „Successful schools tend to be well-resourced.“ (6)
  • In Österreich besuchen nur 33 % der Schüler eine Schule, in der bei zumindest 90 % der Mitschüler die Erstsprache die Unterrichtssprache ist. Im internationalen Schnitt sind es rund 70 %, in Finnland sogar 85 %. (7) Und immer noch wird es von linken Bildungsideologen als Ghettoisierung gebrandmarkt, wenn ein grundlegendes Verständnis der Unterrichtssprache als Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilnahme am Schulunterricht bezeichnet wird.
  • In kaum einem anderen Staat haben Lehrer mit so großen disziplinären Problemen zu kämpfen wie in Österreich. (8) Das von manchen Politikern und Journalisten lustvoll betriebene Lehrerbashing trägt sicherlich dazu bei, die Autorität von Pädagogen weiter zu untergraben. Und völlig lächerliche Verfahren zur Bekämpfung von Schulpflichtverletzungen stärken die Schule auch nicht gerade. (9)
  • Finnlands Vorsprung entsteht ausschließlich im ersten Lebensjahrzehnt und nimmt während der Sekundarstufe I ab. Dasselbe gilt auch für das traditionsreiche Gesamtschulland England und für das von einem Böcke schießenden Landeshauptmann so heiß geliebte Italien. Wer die Leistung der finnischen Schüler auf die Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen zurückführt, ist ahnungslos oder sagt bewusst die Unwahrheit. (10)
  • Leistungsorientierung, hinter der alle Schulpartner stehen und die von allen getragen wird, führt zum Erfolg. (11)

Die genannten Fakten sind für Personen, die internationale Studien verfolgen, nicht grundsätzlich neu. Viele Politiker und „Experten“ weigern sich aber, sie zur Kenntnis zu nehmen und daraus sinnvolle Handlungen abzuleiten. Dr. Günter Schmid, Gründer und langjähriger Leiter des Popper-Gymnasiums in Wien, forderte als Vorsitzender der Bildungsplattform Leistung & Vielfalt endlich „den Reset-Button in der Bildungspolitik“ zu drücken und dort den Hebel anzusetzen, wo längst „nicht nur mehr bloß der Schuh drückt, sondern der Hut brennt“. (12) Und der Fachdidaktiker Werner Peschek, dessen Institut an der Entwicklung der Test-Items für die Standardtestungen mitgearbeitet hat, meinte in einem Interview: „Insbesondere ist zu fragen, ob der immense (finanzielle) Aufwand für die Testung von 80.000 Schülern gerechtfertigt ist oder ob man das Geld nicht für andere Maßnahmen wie Schul- und Unterrichtsentwicklung, Lehrer/innenweiterbildung oder Schulausstattung sinnvoller hätte einsetzen können.“ (13) Oder volkstümlicher ausgedrückt: Vom Wiegen allein wird die Sau nicht fett!

(1) TIMSS steht für „Trends in International Mathematics and Science Study“ und testet im Abstand von vier Jahren die Mathematik- und Naturwissenschaftskompetenz von Schülern in der vierten und achten Schulstufe. Österreich beteiligt sich ausschließlich an der Erhebung in der vierten Schulstufe.

(2) PIRLS steht für „Progress in International Reading Literacy Study“ und testet im Abstand von fünf Jahren die Lesekompetenz von Schülern der vierten Schulstufe.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(4) LR Ragger: Für schlechte Lehrer muss es Sanktionen geben. Presseaussendung der FPK vom 13. Dezember 2012.

(5) Bucher fordert, dass jedes Kind 4.000 Euro quasi als Bildungsscheck der Schule übergibt, die es besucht. Derzeit würden, so Bucher, 9.700 Euro pro Schüler ausgegeben. Das entnehme ich der APA-Meldung „Bildungsstudien: BZÖ setzt auf Privatschulen“ vom 13. Dezember 2012.

(6) Siehe International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA; Hrsg.), PIRLS 2011. International Results in Reading (2012), S. 14, International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA; Hrsg.), TIMMS 2011. International Results in Mathematics (2012), S. 14, und International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA; Hrsg.), TIMSS 2011. International Results in Science (2012), S. 11.

(7) Siehe PIRLS, S. 144, TIMSS Mathematik, S. 218, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 216.

(8) Siehe PIRLS, S. 178, TIMSS Mathematik, S. 270, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 272.

(9) Siehe mein Posting „Lei Lei!“ vom 2. Dezember 2012.

(10) Siehe TIMSS Mathematik, S. 40, 42, 66, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 38, 40, 64.

(11) Siehe PIRLS, S. 16, TIMSS Mathematik, S. 16, und TIMSS Naturwissenschaften, S. 13.

(12) Die Politik des Wegschauens ist gescheitert. Presseaussendung der Bildungsplattform Leistung & Vielfalt vom 11. Dezember 2012.

(13) Lisa Nimmervoll, „Schlechte Lehrer wie leistungsschwache Schüler fördern“. In: Standard Online vom 10. Dezember 2012.

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Erasmus für (fast) alle

Jeder ist umso glücklicher, je reichhaltiger nach der Meinung der Torheit seine Verrücktheit ist“, schreibt Erasmus von Rotterdam in seinem „Lob der Torheit“. (1) Wer die Medienberichte zu Schulthemen in der vergangenen Woche verfolgte, fühlte sich wohl öfter an diese Aussage des niederländischen Humanisten erinnert.

Hans Holbein der Jüngere, Erasmus von Rotterdam (1523)

Hans Holbein der Jüngere, Erasmus von Rotterdam (1523)

BM Schmied nahm das 2014 beginnende EU Programm „Erasmus für alle“ zum Anlass, mit der Forderung „mehr Auslandsaufenthalte für Lehrer“ (2) an die Öffentlichkeit zu treten. Und die Unterrichtsministerin hat auch schon klare Vorstellungen: „Mein Ziel ist es, die Möglichkeit mehrwöchiger Auslandsaufenthalte als Bestandteil der Aus- und Weiterbildung von PädagogInnen im Bildungssystem zu verankern.“ (3)

Nicht einmal Erasmus von Rotterdam hätte wohl verstanden, wie mehrwöchige Auslandsaufenthalte zur Weiterbildung mit dem Schmiedschen Dogma von „Fortbildung ausschließlich in den Ferien“ in Einklang zu bringen wären. Obgleich mit einer gewissen Reichhaltigkeit an Verrücktheit betrachtet vier Wochen in einer finnischen Schule während der Sommerferien auch einen gewissen Reiz hätten…

In den USA spielt sich ebenso manch Verrücktes in der Bildungsszene ab. Ein Jus-Studium von fünf Jahren – die Mindestzeit für einen Masterabschluss – kostet rund 200.000 Dollar. Kein Wunder, dass sich eine Chicagoer Law School mit Klagen ihrer vormaligen Studenten (4) konfrontiert sieht, deren durchschnittliche Verschuldung bei 165.178 Dollar liegt. Geworben hatte die Uni damit, dass mehr als 90 Prozent ihrer Studenten innerhalb von neun Monaten nach dem Abschluss einen Job gefunden haben – was auch stimmt, wenn man das Einschlichten von Regalen im Supermarkt oder Burger-Braten im Fastfood-Restaurant dazuzählt. (5) Akademikerarbeitslosigkeit ist in den USA mittlerweile ein Massenphänomen. Dort hat man das OECD-Dogma vom „Studium für alle“ besonders intensiv befolgt. Stultitia lässt grüßen.

Dass sich Verrücktheit im Land der begrenzten Unmöglichkeiten noch steigern lässt, beweist ein Bericht der Süddeutschen Zeitung (6) über einen „Schummelring“, der jahrelang angehenden Lehrern „half“, sich durch Prüfungen zu mogeln. Zertifizierung, Standardisierung etc. – ein Trend, der wohl nicht nur in den USA verrückt macht.

Erasmus liefert übrigens auch für einen Landeshauptmann, den Südtiroler Gesamtschulphantasien plagen, die richtigen Worte: „Je weniger wir Trugbilder bewundern, desto mehr vermögen wir, die Wahrheit aufzunehmen.“ Erasmus für Platter wird allerdings wohl ein unerfüllbarer Wunsch bleiben.

(1) „Verum hoc quisque felicior, quo pluribus desipit modis, Stultitia iudice…“ Erasmus Roterdamus, Moriae encomium (1509), Punkt 39.

(2) Schmied will mehr Auslandsaufenthalte für Lehrer. In: Standard Online vom 26. November 2012.

(3) a.a.O.

(4) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(5) Karoline Meta Beisel, Geschönte Aussichten. In: Süddeutsche Online vom 26. November 2011.

(6) Mogel-Bande hilft Lehrern beim Schummeln. In: Spiegel Online vom 27. November 2012.

Bild aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons.

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Gerhard Riegler: Mutig in die neuen Zeiten…

In Österreich lebt sichs wie in der Verwandtschaft. Sie glauben nicht an das Talent, mit dem sie aufgewachsen sind. Im Österreicher ist ein unzerstörbarer Hang, den für klein zu halten, den man noch gekannt hat, wie er so klein war. Was kann an einem dran sein, den ich persönlich kenne? denkt der Österreicher.“ (1) Karl Kraus fällt mir ein, wenn ich die bildungspolitische Debatte verfolge. Denn „der klare Blick, der offne, richt’ge Sinn“ (2) fehlt vielen politisch Verantwortlichen. Der ideologisch verengte und populistisch gesteuerte Tunnelblick regiert auf vielen Ebenen. Anstatt Bewährtes zu schätzen und auszubauen, wird geradezu zwanghaft nach Demolierung und Radikalreform gerufen.

Wenn man aktuelle Berichte zur horrenden Jugendarbeitslosigkeit in Europa verfolgt, kann man mit Freude und Stolz feststellen, dass die „Heimat großer Töchter und Söhne“ (3) noch immer „hoffnungsreich“ ist. Denn für den Zusammenhalt der Gesellschaft und ihre positive Weiterentwicklung ist eine berufliche Perspektive für die Jungen von ganz entscheidender Bedeutung: „In fact, it is strongly perceived that there is a danger that some young people may opt out of participation in civil society or may engage at the extremes of the political spectrum“, liest man dazu in einem am Montag erschienenen Bericht der europäischen Behörde Eurofound. (4)

Selbst Technokraten, deren Denken nur von Zahlen dominiert wird, werden zur Kenntnis nehmen müssen, dass eine galoppierende Jugendarbeitslosigkeit nicht „nur“ Leid verursacht und sozialen Sprengstoff produziert, sondern auch die Staatshaushalte der betroffenen Länder enorm belastet. Eurofound spricht allein für das Jahr 2011 von Kosten in der Höhe von 153 Milliarden Euro, die durch die Jugendarbeitslosigkeit europaweit entstanden sind.

Der direkte Zusammenhang zwischen dem Bildungssystem und der Jugendarbeitslosigkeit wird auch von der UNESCO bestätigt: „Laut UNESCO-Experten sind die erschreckend hohen Arbeitslosenraten bei Jugendlichen etwa in Griechenland nicht nur eine Folge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern auch die Konsequenz mangelnder Bildung. Selbst vor der Krise hätten mehr als 40 Prozent der jungen Griechen und auch der Italiener fünf Jahre auf einen Job warten müssen, heißt es.“ (5)

Ob der Tiroler Landeshauptmann und seinesgleichen trotz dieses Italien-Befunds weiter mit dem Südtirol-Gesamtschul-Lied zum Halali auf das Gymnasium blasen oder ihnen angesichts dieser UNESCO-Analyse endlich die Spucke wegbleibt, ist, so befürchte ich, leider nur eine rhetorische Frage. (6) Allen populistisch agierenden PolitikerInnen seien jedoch zum Nationalfeiertag zwei Sätze Univ.-Prof. Taschners ins Stammbuch geschrieben: „Der Verlockung, mit dem Schielen auf den möglichen kurzfristigen Erfolg den Blick aufs Wesentliche zu verlieren, widerstehen nicht alle. Für einen Staat ist dies in heiklen Zeiten fatal. Freiheit und Sicherheit im Lande bedürfen stabiler Institutionen, die man nicht fahrlässig und leichtfertig über den Haufen werfen sollte.“ (7)

(1) Karl Kraus, Die Fackel Nr. 326/327/328, XIII. Jahr, 8. Juli 1911.

(2) Franz Grillparzer (1791 – 1872), König Ottokars Glück und Ende.

(3) Bundesgesetzblatt BGBl. I Nr. 127/2011.

(4) Eurofound, NEETs – Young people not in employment, education or training (2012), Seite 82.

(5) Düstere Zukunftsaussichten. In: ORF Online vom 24. Oktober 2012.

(6) „Dass er [LH Platter] mit seinem Vorstoß in Tirol bei der schwarzen Lehrer-Gewerkschaft auf Widerstand stößt und man in der Bundespartei keine Freude hat, weiß er, sei ihm aber egal: „Ich lasse mich von diesem Weg nicht mehr abbringen, weil ich von der Richtigkeit überzeugt bin“, gibt sich der VP-Politiker überzeugt.“ Michael Sprenger, Platter bläst bei Bildung zum „Befreiungsschlag“. In: Tiroler Tageszeitung Online vom 19. Oktober 2012.

(7) Rudolf Taschner, Drei Gründe, den Nationalfeiertag angemessen zu feiern. In: Presse Printausgabe vom 25. Oktober 2012. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Taschner ist Wissenschaftler des Jahres 2004.

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