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Gerhard Riegler: Hainburg

Aus der Geschichte zu lernen, empfehle ich Österreichs Schulpolitik. Sie hat sich nämlich in eine Situation manövriert, die mich an Hainburg erinnert.

Die Jungen unter uns, denen „Hainburg“ kein Begriff mehr ist, der Erinnerungen an den zivilen Ungehorsam wach- und Bilder des beherzten Widerstands vor Augen ruft, bitte ich um einen Blick in den entsprechenden Wikipedia-Eintrag, da an dieser Stelle kein Platz für einen historischen Exkurs vorhanden ist. (1)

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Der Weg, der Österreichs Schulpolitik in Opposition zu den von ihr Betroffenen geführt hat, war lang und von Abgehobenheit und Rücksichtslosigkeit geprägt. Sonst hätten zwei Jahrzehnte, in denen eine „heilsbringende“ Reform die andere jagte, nicht dazu geführt, dass meiner Einschätzung nach mindestens 80 Prozent der LehrerInnen heute den Zustand der Schule vor zwanzig Jahren statt des heutigen wählen würden, könnten sie denn wählen, ohne Vergangenes verklären zu wollen.

  • Gibt es ein vernichtenderes Zeugnis für eine Politik als das Urteil der betroffenen Fachleute, dass in Summe Schaden angerichtet wurde?
  • Gibt es einen blamableren Offenbarungseid, als dass die Schulpolitik den Betroffenen über ein „Autonomiepaket“ das Mitwirkungsrecht entziehen will, um von oben auf ihre Schule zugreifen und sie nach Belieben (um)gestalten zu können?
  • Gibt es einen ungeschickter getarnten Versuch, der AHS-Langform den Garaus zu machen, als die Schulen nach Belieben gegen den Willen der Betroffenen „clustern“ zu können?

Die Besetzung der Hainburger Au im Dezember 1984 war „sowohl von umweltpolitischer als auch von demokratiepolitischer Bedeutung für Österreich“. (2) Die einjährige Nachdenkpause, die sich die österreichische Bundesregierung am 4. Jänner 1985 verordnete, brachte nicht nur den sofortigen Stopp eines Konflikts, der kurz vor der völligen Eskalation stand, sondern in Folge auch ein umweltpolitisches Umdenken, von dem Österreich profitierte und noch heute profitiert.

Ich hoffe, Österreichs Schulpolitik hat genug Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein, die Eskalation zu vermeiden und sich aus der Enge, in die sie sich manövriert hat, durch Reflexion zu befreien. Statt die Rechte der Betroffenen abzuschaffen, möge die Schulpolitik Mut zur Selbstkritik beweisen.

Kettensägen sind kein taugliches Mittel, den von einer Schulpolitik der Arroganz angerichteten Schaden zu beheben. Österreichs Schule braucht sozialpartnerschaftlichen Dialog, Wertschätzung für LehrerInnen, SchülerInnen und deren Eltern und endlich wieder die Ressourcen, die der Schule über all die Reformen der letzten zwanzig Jahre entzogen wurden. Für die Verwendung dieser Ressourcen gibt es an jeder Schule mehr als genug Bedarf und schulautonome Kompetenz, sie für das Gelingen von Schule sinnvoll einzusetzen.

Eine Nachdenkpause, die auch wirklich zum Nach- und Umdenken genutzt wurde, folgte auf den 4. Jänner 1985. Eine sinnvoll genutzte Nachdenkpause ist Österreichs Schulpolitik heute dringend zu empfehlen.

(1) Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Besetzung_der_Hainburger_Au.

(2) Ibidem.

Bild: Stopfenreuther Au, Wikimedia Commons.

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Newspeak

Don’t you see that the whole aim of Newspeak is to narrow the range of thought? In the end we shall make thought-crime literally impossible, because there will be no words in which to express it.

bigstock-145816529_blogMit diesen Worten beschreibt Syme, ein Arbeitskollege von Winston, dem Protagonisten in George Orwells „1984“, das Ziel des „Neusprechs“, und an diese Zeilen muss ich denken, wenn ich mir mache Aussagen von PolitikerInnen zum geplanten „Autonomiepaket“ ansehe.

Echte Autonomie täte der Schule sicherlich gut. Schon Kant bezeichnete in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ Autonomie als den „Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur“, und Adorno sah in ihr „die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz“, wie er es in seiner „Erziehung zur Mündigkeit“ ausdrückte.

Das geplante „Autonomiepaket“ hat kurz gesagt nur ein Ziel: eine massive Machterweiterung des Unterrichtsministeriums bei gleichzeitig massiver Beschneidung der Rechte aller anderen, die bisher im Schulwesen Mitspracherechte besitzen – Eltern, SchülerInnen, LehrerInnen, DirektorInnen, Länder …

Seit einer Woche kursiert auf verschiedenen Schienen eine Zusammenfassung der geplanten Maßnahmen in tabellarischer Form, die ich den geschätzten LeserInnen nicht vorenthalten möchte:

Sie nennen es Es bedeutet Warum?
mehr Autonomie weniger Mitbestimmungsrechte der Eltern und Schüler/innen, Entmachtung der Schulpartner Entscheidungen trifft der Clusterleiter alleine.
mehr Flexibilität weniger Sprachenteilungen, größere Klassen, geringeres Angebot, weniger Individualisierung, Sparpaket keine Klassenschülerhöchst- und Teilungszahlen; diese fallen auch als Basis für die Mittelzuteilung an die Schulen weg. Unterdotierung des Bildungsbudgets
mehr Sozialarbeiter weniger Lehrer/innen Wer Unterstützungspersonal braucht, muss Lehrer/innen einsparen.
Qualitätssicherung und Bildungscontrolling mehr zentrale Testungen, weniger Unterricht Zusätzliche Testungen kosten Geld und Unterrichtszeit.
mehr soziale Gerechtigkeit mehr Mittel für einige Schulen auf Kosten aller anderen Es sind keine zusätzlichen finanziellen Mittel für Brennpunktschulen vorgesehen.
Schulcluster Anonymität in Großschulen, kein Direktor vor Ort, kein SGA vor Ort, Verlust der Vielfalt Zusammenschluss von unterschiedlichen Schularten (AHS, BMHS) zu einem Cluster mit bis zu 2500 Schüler/innen unter einer Leitung
Allgemeinbildende Pflichtschule des Bundes kein Gymnasium für 10- bis 14-Jährige, keine freie Schulwahl nach der Volksschule Schulsprengelpflicht bis 14 Gesamtschule, auch gegen den Willen der Betroffenen

Als Autonomie bezeichnet man den Zustand der Selbstständigkeit, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Selbstverwaltung oder Entscheidungsfreiheit. Wer kann sie in diesem Paket entdecken?

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Herbert Weiß: Von Trommlern und Ruderern

Am 18. Oktober hat die Regierung das lange angekündigte „Autonomiepaket“ vorgestellt. Bei fast allen Gesprächen mit MedienvertreterInnen, die ich in den letzten Tagen geführt habe, bin ich auf die Aussage meines Vorgängers Eckehard Quin angesprochen worden, in der er den Erstentwurf für die „Modellregionen“ mit den Worten „Schuldiktatur à la Nordkorea“ kommentiert hat. Machen Sie sich selbst ein Bild, ob das am Dienstag vorgelegte Paket eher in eine Diktatur oder eine Demokratie passt.

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Wohl nicht nur mir bleibt jedenfalls verborgen, was der aktuelle Entwurf mit einer Stärkung der Schulpartnerschaft auf allen Ebenen zu tun haben soll. Keine Spur von der groß versprochenen Einbindung der Betroffenen. (1)

Ich kenne keine gewählten Eltern-, Lehrer- oder SchülervertreterInnen, von denen ich weiß, dass sie in den Entstehungsprozess des von vielen Medien bejubelten Reformpapiers eingebunden gewesen wären. Mag sein, dass es einen handverlesenen Personenkreis gibt, den man eingebunden hat, weil man von ihm erwarten konnte, diesem nicht einmal geschickt getarnten Spar- und Entmachtungspaket zu applaudieren.

Manche Medien ließen selbsternannte ExpertInnen ausführlich zu Wort kommen. Den Mangel an gelebter Demokratie kann dies aber nicht kompensieren.

Statt die Schulpartnerschaft auch auf Landes- und Bundeseben endlich gesetzlich zu verankern, will der angesprochene Entwurf den schulpartnerschaftlichen Gremien ihre Entscheidungskompetenz rauben. Sämtliche Eröffnungs- und Teilungszahlen können bisher vom SGA geändert werden. In Zukunft sollen darüber die Schul(cluster)leitungen allein entscheiden. Bundesschulsprecher Harald Zierfuß brachte es auf den Punkt: „Aus dem bewährten SGA mit Entscheidungskompetenz würde ein Debattierklub werden, der in der Bedeutungslosigkeit versinkt.“ (2)

Im „Reformpapier“ wird wiederholt davon gesprochen, dass „die Schulen“ gestärkt werden sollen. Angesichts dessen, dass Entscheidungen, die bisher von der Direktion oder dem SGA der Schule zu treffen waren, in Zukunft von Direktion oder der der Direktion übergeordneten Clusterleitung zu treffen sind, empfinde ich das als Verhöhnung. In Wirklichkeit will das „Reformpapier“ den Schulpartnern vor Ort jede Entscheidungskompetenz nehmen und den DirektorInnen den Clusterleiter vorsetzen.

Geht es um Einsparungen? Wohl kaum ein demokratisches Gremium der SchulpartnerInnen würde etwa einer massiven Erhöhung von Klassenschülerzahlen an seinem Schulstandort zustimmen.

Von Stärkung „der Schulen“ oder der Demokratie kann man jedenfalls, wenn man bei der Wahrheit bleibt, nicht sprechen. Offensichtlich wollen wieder einmal die, die oben trommeln, jenen, die unten rudern, diktieren, was für sie gut ist.

(1) Siehe Ministerratsvortrag vom 18. Oktober 2016, S. 11.

(2) Bundesschulpartner warnen vor Aus der Mitbestimmung. OTS-Aussendung des B-SGA vom 19. Oktober 2016.

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„Mander – ’s isch Zeit!“

Andreas Hofer, unbekannter Maler, Mitte des 19. Jahrhunderts, Tiroler Kaiserjägermuseum Innsbruck (Bild von Wikimedia Commons)

Andreas Hofer, unbekannter Maler, Mitte des 19. Jahrhunderts, Tiroler Kaiserjägermuseum Innsbruck (Bild von Wikimedia Commons)

Am 28. Februar finden in Tirol Gemeinderatswahlen statt. Und daher musste ich an die bekannte Definition des Wiener Bürgermeisters von Wahlkampf als der Zeit fokussierter Unintelligenz denken, als mir ein Schreiben aus Tirol auf den Bildschirm flatterte. Darin reitet die Tiroler Bildungslandesrätin Mag. Dr. Beate Palfrader doch tatsächlich allen Ernstes eine Attacke gegen die gesamte Schulgemeinschaft des Gymnasiums Landeck – also SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen, weil diese den Plan, ihre Schule einer Modellregion zur achtjährigen Volksschule zu opfern, alles andere als „fast geil“ findet. Der Schulgemeinschaftsausschuss habe in einer Einladung zu einem Elternabend „unsachlich und niveaulos absolut falsche Informationen an die Eltern/Erziehungsberechtigten kommuniziert“. Den weiteren Inhalt dieses Elternbriefs habe ich teilweise bereits analysiert. (1)

Den Brief der Bildungslandesrätin mussten die DirektorInnen der Pflichtschulen im Bezirk Landeck auf deren Weisung hin allen SchülerInnen für ihre Eltern mitgeben. An der Tatsache, dass eine Politikerin SchuldirektorInnen dazu eine Weisung erteilt, stößt sich in Tirol niemand? Palfrader steht ein Weisungsrecht zu, denn sie ist nicht nur ÖVP-Regierungsmitglied, sondern auch amtsführende Präsidentin des Landesschulrates für Tirol. Wahrscheinlich versteht die schwarz-grüne Tiroler Landesregierung diese Ämterkumulierung als „Entpolitisierung“ des Schulwesens.

Aber gerade als Politikerin sollte die Landesrätin besser mit Kritik umgehen können. Ihre Nerven müssen blank liegen, wenn sie so agiert. Es stellt sich wohl nicht nur mir die Frage, wie lange sich ein Landeshauptmann ein solches Regierungsmitglied politisch leisten kann. Interessant wird auch sein, ob sich die Unterrichtsministerin zu Wort meldet. Denn sie könnte der amtsführenden Präsidentin Palfrader per Weisung Einhalt gebieten.

Bemerkenswert ist, welches Ergebnis eine Befragung der SpitzenkandidatInnen für die Tiroler Gemeinderatswahlen an den Standorten von Gymnasien gebracht hat: Fast alle wahlwerbenden Gruppierungen in Lienz, Kufstein, St. Johann in Tirol, Wörgl, Schwaz, Hall, Telfs, Landeck, Imst und Reutte erklärten, sich für den Weiterbestand des achtjährigen Gymnasiums einzusetzen und eine Modellregion verhindern zu wollen. Es gab zwei Ausnahmen: die Grünen in Reutte und eine Namensliste in Kufstein. (2)

Da scheint sich ein gehöriger Volksaufstand gegen eine abgehobene Politik anzubahnen, deren Ziel die Entmachtung der Schulpartner vor Ort ist. Wie meinte Andreas Hofer so treffend: „Mander – ’s isch Zeit!

(1) Eckehard Quin, Mist-Reiter. In: QUINtessenzen vom 23. Februar 2016.

(2) Die Tiroler wollen die Gesamtschule nicht! Presseaussendung von „Pro Gymnasium“ vom 23. Februar 2016.

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Mist-Reiter

Die Schulpartner des Gymnasiums Landeck hielten Mitte Jänner in einer gemeinsamen Presseaussendung fest:

Cleaning BoxDie Absicht, die gymnasiale Unterstufe abzuschaffen, stößt überall auf Ablehnung. […] Das derzeit geltende Recht auf Mitbestimmung der Schulpartner (Eltern, Schüler- und Lehrervertretung der betroffenen Schule) soll auch nach ihrem Wunsch [Anm: dem Wunsch der Tiroler Bildungslandesrätin Mag. Dr. Beate Palfrader] durch eine Gesetzesänderung aufgehoben werden. Wir brauchen nicht in Polen oder anderswo nach demokratiepolitisch bedenklichen Regierungsaktivitäten suchen! […]

Unsere begabten Kinder gegenüber Kindern in anderen Bezirken von einer gymnasialen Bildung fernzuhalten, kommt für uns nicht in Frage. […] Wir fordern den Erhalt der freien Schulwahl für Eltern und Kinder statt einer Zwangszuteilung in eine Gesamtschule.“ (1)

Gezeichnet wurde diese Aussendung vom Schulsprecher, dem Obmann des Elternvereins und dem Direktor. Offenbar legten die Landecker Schulpartner damit den Finger in eine offene Wunde, denn die Bildungslandesrätin reagierte ungewöhnlich. Der Direktor des Gymnasiums HR Mag. Josef Röck wurde wie viele PflichtschuldirektorInnen gezwungen, am 23. Februar allen SchülerInnen der Unterstufe einen von ihr unterzeichneten Brief zu übergeben. Ich erlaube mir, kommentarlos daraus zu zitieren und diesen Zitaten ein paar andere gegenüberzustellen.

Elternbrief Palfrader: „Ebenso ist vollkommen klar, dass vor allem die Eltern als ganz besonders wichtige Gruppe in die Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse einbezogen werden.

Ich [Anm: Mag. Dr. Beate Palfrader] gehe nicht davon aus, dass eine Schule von sich aus bereit ist, mitzumachen.“ (2)

Sie [Anm: Mag. Dr. Beate Palfrader] werde Eltern, Schüler und Lehrer zwar in die Überlegungen einbinden, im Ernstfall aber auch gegen diese entscheiden.“ (3)

Elternbrief Palfrader: „Die AHS-Direktoren und -Direktorinnen, die bereits von mir zur Mitarbeit eingeladen wurden, haben ihre Mitwirkung unverständlicherweise abgelehnt. […] Für mich ein etwas merkwürdiges Demokratieverständnis für eine Gruppe, die sich in jedem zweiten Satz auf die demokratischen Grundsätze beruft.

Die politische Entscheidung, in Tirol eine Modellregion bzw. langfristig die Gesamtschule einzuführen, ist schon vor der Installierung der Steuerungsgruppe erfolgt. An dieser Entscheidung wurden AHS-LehrerInnen und AHS-DirektorInnen nicht beteiligt. Offenbar soll nun nachträglich der Öffentlichkeit signalisiert werden, dass auch die AHS in den Entscheidungs- und Umsetzungsprozess eingebunden ist. Für ein derartiges Manöver stehen wir nicht zur Verfügung.“ (4)

Elternbrief Palfrader: „Eine ganz besonders dreiste Falschaussage ist, dass es in einer neuen gemeinsamen Schulform keine Schwerpunkte mehr geben wird. Genau das Gegenteil ist der Fall!

Gleichmäßige Verteilung von Bundes- und Landeslehrerinnen und Landeslehrer sowie der Schülerinnen und Schüler aller Leistungsspektren auf die Standorte der Modell-Regionen“, ja selbst die Klassen sollen möglichst heterogen zusammengesetzt und nur „innere Differenzierung“ möglich sein. (5)

Elternbrief Palfrader: „Wenn Herr Dir. Röck die Frage stellt, „warum Kinder mit unterschiedlichen Begabungen den gleichen Unterricht erhalten sollen“, dann beweist er, dass er ganz offensichtlich nicht nur die aktuellen Forschungserkenntnisse nicht kennt bzw. nicht einmal die Entwicklungen in den Neuen Mittelschulen wahrgenommen hat, sondern auch dass er diese nicht wahrnehmen will.

Eine relative Verbesserung der Situation der leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler lässt sich mit diesen Ergebnissen nicht argumentieren; die Ergebnisse weisen vielmehr überwiegend in die umgekehrte Richtung. […]

Überproportional viele Schülerinnen und Schüler geben in der NMS explizit an, dass sie keine positiven Schulerfahrungen zu berichten hätten; in diesem Punkt unterscheiden sie sich stark von der AHS, wo dieser Schüleranteil deutlich unter der statistischen Erwartung liegt. […]

Als unerwünschte Effekte erweisen sich partielle Überforderung von Leistungsschwächeren sowie partielle Unterforderung von Leistungsstärkeren – mit einer Tendenz zur Nivellierung des Anforderungsniveaus und der Leistungsbeurteilungskriterien nach unten.“ (6)

Elternbrief Palfrader: „Eine weitere unglaubliche Falschinformation stellt die Aussage dar, dass die Langform der AHS abgeschafft wird.

Schule der 6- bis 14-Jährigen […] In einer Modell-Region sind alle Schulen der Region eingebunden“. (7)

Am besten aber gefällt mir die Bezeichnung derer, die gemeinsam mit dem Direktor gegen die Bestrebungen der Bildungslandesrätin ankämpfen: „Mistreiter“. Tippfehler oder Freud’sche Fehlleistung? Sei es, wie es sei. Aber gegen diesen Mist kann man nur ankämpfen, wenn einem Schulpartnerschaft, Schuldemokratie und Bildung ein Anliegen sind.

(1) Presseaussendung der Schulpartner des Landecker Gymnasiums vom 15. Jänner 2016.

(2) Mag. Dr. Beate Palfrader über Modellregionen. Zit. n. Peter Nindler, Modellregion für gemeinsame Schule wird zur Konfliktzone. In: Tiroler Tageszeitung online vom 14. Jänner 2016.

(3) Julia Neuhauser, Länder basteln an der Gesamtschule. In: Presse online vom 19. Jänner 2016.

(4) Brief des Tiroler AHS-Direktorenvereins an Mag. Dr. Beate Palfrader vom 28. Jänner 2016.

(5) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

(6) Ferdinand Eder et al., Evaluation der Neuen Mittelschule (Salzburg und Linz 2015), S. 151, 236 und  436.

(7) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

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Gerhard Riegler: Abschied und Neubeginn

Dreifacher Vater Gernot Schreyer wurde zum Chef des Bundeselternverbands gekürt.“ (1)

Diese Meldung landete am Dienstagabend auf meinem Bildschirm und ließ mich innehalten. Sie kam für mich keineswegs überraschend, und doch bedeutet sie für mich eine Zäsur, die das Tagesgeschäft in seiner Bedeutung relativiert und den Blick aufs Ganze richtet. Und dieser Blick gibt Mut und Zuversicht.

There are No Endings Just New Beginnings words on sticky notes f

Nach jahrelanger Ausübung seiner Funktion hat Ing. Theodor Saverschel, MBA, als Präsident des Bundesverbandes der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen das Staffelholz weitergegeben. Als wäre es gestern gewesen, sehe ich mich bei den ersten Gesprächen mit Theo Saverschel, sehe einen hochmotivierten und alles andere als bequemen obersten Elternvertreter, der sehr kritisch und mit Nachdruck fordernd auftrat. Was uns einte, war das Bewusstsein um die Bedeutung der Schule, um das Recht eines jeden Kindes, Schule unter bestmöglichen Rahmenbedingungen erleben zu dürfen, und um den Anspruch der Eltern, ihr Kind in der Schule in besten Händen wissen zu wollen. Was uns außerdem einte, war der gegenseitige Respekt.

Aus unseren unterschiedlichen Blickwinkeln die Realität durchaus unterschiedlich wahrnehmend hat uns der Wille, Dinge zu bewegen, sehr schnell zu intensiv miteinander kommunizierenden Partnern werden lassen. Theo Saverschels Zielorientierung, sein Mut, Dinge zu riskieren, und unser Vertrauen in das Engagement und die Handschlagqualität des jeweils anderen haben ein Projekt, das wir Schulpartner schon seit Jahren als Vision verfolgten, ans Ziel gebracht: die Schaffung des B-SGA.

Schüler-, Eltern- und Lehrervertreter haben am Donnerstag ein neues Gremium gegründet, das das Unterrichtsministerium in bundesweit relevanten Fragen beraten will. Der neue „Bundes-Schulgemeinschaftsausschuss“ (B-SGA) soll den Schulpartnern mehr Einfluss auf bildungspolitische Entscheidungen bringen“, war vor inzwischen fast drei Jahren in den Medien zu lesen. (2)

Seit damals treffen einander die gewählten RepräsentantInnen der Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen zu regelmäßigen mehrstündigen Sitzungen, in denen Austausch gepflegt und nach Wegen gesucht wird, schulpolitische Entscheidungen im Sinne derer zu beeinflussen, die Schule ausmachen und die der Schulpolitik Mittelpunkt ihrer Überlegungen sein sollten:

  • der jungen Menschen, die eine einmalige und für sie entscheidende Phase ihres Lebens durchlaufen,
  • ihrer Eltern, um deren Wichtigstes, nämlich ihre Kinder, es dabei geht, und
  • der LehrerInnen, der Fachleute des Schulwesens, deren Händen die jungen Menschen anvertraut werden.

Als wollte die Bundesregierung uns beweisen, wie wichtig und unverzichtbar unser schulpartnerschaftliches Miteinander ist, hat sie sich in den letzten Jahren immer weiter von ihrer Aufgabe entfernt, für die Menschen und im Sinne derer, von denen sie gewählt wurde, zu wirken. Die auch schon jenseits der österreichischen Grenzen nur mehr für ungläubiges Kopfschütteln sorgende Absicht, Gymnasien gegen den Willen der Betroffenen zuzusperren und durch gemeinsame Schulen der 6- bis 14-Jährigen zu ersetzen, würde diesen Schulterschluss zum Schutz unseres hochwertigen Schulwesens schmerzlich vermissen lassen, wäre er uns nicht schon lange gelungen.

Es passiert vor Ort in den Schulen unheimlich viel Positives. Aber es mangelt an Ressourcen.“ (3) Mit dieser Einschätzung spricht mir Gernot Schreyer, Theo Saverschels Nachfolger als oberster Elternvertreter aller AHS und BMHS, aus dem Herzen.

Vielen Dank, lieber Theo, für deinen in so stürmischen Jahren ungemein wichtigen Beitrag zum Gelingen der österreichischen Schule und dein Vermächtnis, den B-SGA! Lieber Gernot Schreyer, auf ein intensives und erfolgreiches Miteinander für eine Schule, die unseren Einsatz braucht und verdient!

(1) Rosa Schmidt-Vierthaler, Salzburger spricht künftig für Eltern. In: Presse online vom 26. Jänner 2016.

(2) Schüler, Eltern und Lehrer gründen bundesweite Vertretungsorganisation. In: Standard online vom 22. Februar 2013.

(3) Salzburger spricht künftig für Eltern.

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„Bildungsreform“

Am 17. November wird sie also präsentiert, die „Bildungsreform“. Was darin enthalten sein wird, steht teilweise schon seit zwei Wochen in den Zeitungen, teilweise wird, so pfeifen es die Spatzen von den Dächern, noch heftig um Positionen gerungen.

November 17. Day on the calendar. 3d

Eine Bewertung vorzunehmen, bevor ein Konzept vorliegt, halte ich für unfair. Daher hier exemplarisch einige Forderungen, die alle Schulpartner in einer gemeinsamen Presseerklärung am Freitag wieder einmal vorgebracht haben (1):

  • eine Attraktivierung des Lehrerberufs
  • ein Ende des parteipolitischen Gezänks auf Kosten des Schulwesens
  • die für die Einhaltung der Klassenschülerhöchstzahlen und Teilungszahlen erforderlichen Ressourcen
  • zusätzliche Mittel zur gezielten Förderung lernschwacher Schüler
  • Freifächer und Unverbindliche Übungen als kostenloses Zusatzangebot zur Förderung individueller Interessen und besonderer Begabungen
  • den Erhalt des differenzierten Schulsystems inklusive der AHS-Langform
  • eine Schulautonomie, die Schulpartnern Gestaltungsmöglichkeiten für die Schule eröffnet, statt zur Mängelverwaltung missbraucht zu werden
  • eine Investitionsoffensive in den Schulbau
  • Supportpersonal
  • zusätzliche Ressourcen für die zusätzlichen Aufgaben zur Integration von Flüchtlingen
  • Wertschätzung der Politik für Österreichs Schulwesen

Zugegeben, ich bin wenig optimistisch, dass diese Forderungen am 17. November erfüllt werden. Vielmehr befürchte ich, dass der Streit über eine Schulverwaltungsreform pädagogische Aspekte zudecken wird. Die kolportierte Einführung von „Modellregionen“, in denen gegen den Willen der Betroffenen die Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen umgesetzt wird, würde uns unumkehrbar zu neun Schulsystemen in Österreich führen. Und der Finanzminister sieht in der „Bildungsreform“ den Weg zu Einsparungen im jetzt schon deutlich unterdotierten Bildungsbereich. (2)

Jetzt wissen Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, warum ich „Bildungsreform“ unter Anführungszeichen setze. Es würde mich unheimlich freuen, könnte ich diese am 17. November streichen …

(1) Wegweiser für eine neue Schulpolitik. OTS-Aussendung des Bundes-Schulgemeinschaftsausschusses vom 13. November 2015.

(2) Siehe meinen Kommentar „Selbstbefriedigung?“ vom 17. Oktober 2015.

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