Herbert Weiß: Wünsche der Schulpartner

In den letzten Tagen gab es in einigen Medien Berichte vom Wechsel in der Bundesschülervertretung, in denen auch die Wünsche des neuen Bundesschulsprechers Timo Steyer genannt wurden. (1)

Die vom neuen Bundesschulsprecher geforderte Überarbeitung der Lehrpläne dürfte auch in Lehrerkreisen auf breite Zustimmung stoßen, solange niemand das Wort „Entrümpelung“ in den Mund nimmt und uns LehrerInnen damit ausrichtet, dass ein Teil jener Inhalte, die wir unseren SchülerInnen vermittelt haben, Gerümpel sei. Auch die von der Schülervertretung geforderte Schaffung von Freiräumen wäre aus meiner Sicht im Sinn aller Betroffenen.

Durch die letzten Änderungen der Lehrpläne, vor allem aber durch die Einführung von Standards und der Zentralmatura, wurden Freiräume in fast allen Bereichen stark beschränkt, wenn nicht sogar ganz beseitigt. Dass gerade diese Freiräume aber einen lebendigen Unterricht möglich machen, in dem auch auf die Interessen der SchülerInnen eingegangen werden kann, braucht man wohl niemandem zu erklären, der die Schulwirklichkeit erlebt. Ich warne allerdings davor, durch die Überarbeitung der Lehrpläne so viele Inhalte zu beseitigen, dass man zusätzliche Fächer oder Inhalte wie die geforderte „Politische Bildung“ oder „wirtschaftliche Allgemeinbildung“ (2) hineinbringen kann.

Schule kann nicht alle Defizite beseitigen, die Kinder und Jugendliche aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen mitbringen. Wenn man die Neugestaltung der Lehrpläne aber so mutig anlegte, dass man sich endlich wieder von der „Kompetenzorientierung“, die sich in Wirklichkeit als Gängelung des Unterrichts entpuppt, verabschieden und Inhalte wieder stärker in den Vordergrund stellen würde, wäre das ein wirklich innovativer Schritt im Sinn unserer Jugend.

Ob ein weiterer Wunsch der Schülervertretung bei LehrerInnen auf Gegenliebe stoßen wird, hängt wohl von seiner Umsetzung ab. Ich war immer ein Verfechter von Feedback, halte es für selbstverständlich, sich in jeder zwischenmenschlichen Beziehung dafür zu interessieren, wie das eigene Tun vom Gegenüber wahrgenommen wird. Wenn man unter „360-Grad-Feedback“ also versteht, dass auch im Schulwesen Rückmeldungen auf allen Ebenen in alle Richtungen ermöglicht werden sollen, ist das sicher positiv. Negativ würde es, wenn sich bestimmte Ebenen in der Schulhierarchie davon ausnehmen wollten oder wenn es sich nicht um Feedback, sondern um eine Beurteilung handelte. Dagegen müssten wir uns zur Wehr setzen. „Cautions have to be taken because the students are not teaching experts and do not necessarily value the aspects which are more likely to enhance student learning.“ (3)

Aufpassen sollte man im Sinn der SchülerInnen aber auch, dass es zu keiner Verpflichtung kommt, die alle SchülerInnen zwingt, allen LehrerInnen Feedback zu geben. Das würde nämlich zu einem riesigen Aufwand führen, der am Ende alle belastet und niemandem etwas bringt.

Bei der Entwicklung und Umsetzung von Veränderungsmaßnahmen erscheint es mir angebracht, alle Beteiligten zur Mitarbeit einzuladen, statt ihnen wieder einmal von oben etwas vorzugeben und das dann vielleicht auch noch „autonome Lösung“ zu nennen, wie das in den letzten Jahren immer wieder passiert ist. Mit dem Bundes-SGA, der von Eltern-, Schüler- und LehrervertreterInnen gemeinsam gegründet wurde, gäbe es dafür im Bundesschulbereich bereits ein geeignetes Gremium. Die Politik müsste nur die Scheu vor der ehrlichen Kommunikation mit den gewählten VertreterInnen derer ablegen, die die Schulwirklichkeit erleben.

(1) Siehe z. B. Was sich die Schülervertreter von der Politik wünschen. In: Standard online vom 24. September 2018.

(2) a.a.O.

(3) OECD (Hrsg.), Reviews of Evaluation and Assessment in Education – Sweden (2011), S. 70

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Herbert Weiß: Wünsche der Schulpartner

  1. „Ein Lehrplanupdate müsse daher das Streichen von alten und überflüssigen Inhalten beinhalten, um Platz für Neues zu schaffen. Das Schulbuch dürfe daher nicht mehr Grundlage für den Unterricht sein, sondern nur mehr Hilfsmittel.“ (Bundesschulsprecher Timo Steyer)

    Ich habe jahrzehntelang im Englischunterricht der Oberstufe kein Lehrbuch verwendet sondern eigene Materialien. Damit war dann in meiner letzten Klasse vor der Pensionierung Schluss, denn die hatte bereits Zentralmatura: Ich musste wieder ein Schulbuch verwenden, denn angesagt war jetzt „teaching to the test“.

    Immerhin machte ich eine interessante Erfahrung: bei der listening comprehension waren meine SchülerInnen besser als ich. Seither glaube ich nicht mehr, dass dort wirklich listening comprehension getestet wird, sondern irgendetwas anderes, vielleicht Multitasking.

    Dafür schaffte ich bei der reading comprehension ein bestimmtes Testformat der Zuordnung von Satzteilen mit positivem Ergebnis, ohne den Text überhaupt gelesen zu haben.

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