Gerhard Riegler: Hainburg

Aus der Geschichte zu lernen, empfehle ich Österreichs Schulpolitik. Sie hat sich nämlich in eine Situation manövriert, die mich an Hainburg erinnert.

Die Jungen unter uns, denen „Hainburg“ kein Begriff mehr ist, der Erinnerungen an den zivilen Ungehorsam wach- und Bilder des beherzten Widerstands vor Augen ruft, bitte ich um einen Blick in den entsprechenden Wikipedia-Eintrag, da an dieser Stelle kein Platz für einen historischen Exkurs vorhanden ist. (1)

stopfenreuther_au-3_blog

Der Weg, der Österreichs Schulpolitik in Opposition zu den von ihr Betroffenen geführt hat, war lang und von Abgehobenheit und Rücksichtslosigkeit geprägt. Sonst hätten zwei Jahrzehnte, in denen eine „heilsbringende“ Reform die andere jagte, nicht dazu geführt, dass meiner Einschätzung nach mindestens 80 Prozent der LehrerInnen heute den Zustand der Schule vor zwanzig Jahren statt des heutigen wählen würden, könnten sie denn wählen, ohne Vergangenes verklären zu wollen.

  • Gibt es ein vernichtenderes Zeugnis für eine Politik als das Urteil der betroffenen Fachleute, dass in Summe Schaden angerichtet wurde?
  • Gibt es einen blamableren Offenbarungseid, als dass die Schulpolitik den Betroffenen über ein „Autonomiepaket“ das Mitwirkungsrecht entziehen will, um von oben auf ihre Schule zugreifen und sie nach Belieben (um)gestalten zu können?
  • Gibt es einen ungeschickter getarnten Versuch, der AHS-Langform den Garaus zu machen, als die Schulen nach Belieben gegen den Willen der Betroffenen „clustern“ zu können?

Die Besetzung der Hainburger Au im Dezember 1984 war „sowohl von umweltpolitischer als auch von demokratiepolitischer Bedeutung für Österreich“. (2) Die einjährige Nachdenkpause, die sich die österreichische Bundesregierung am 4. Jänner 1985 verordnete, brachte nicht nur den sofortigen Stopp eines Konflikts, der kurz vor der völligen Eskalation stand, sondern in Folge auch ein umweltpolitisches Umdenken, von dem Österreich profitierte und noch heute profitiert.

Ich hoffe, Österreichs Schulpolitik hat genug Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein, die Eskalation zu vermeiden und sich aus der Enge, in die sie sich manövriert hat, durch Reflexion zu befreien. Statt die Rechte der Betroffenen abzuschaffen, möge die Schulpolitik Mut zur Selbstkritik beweisen.

Kettensägen sind kein taugliches Mittel, den von einer Schulpolitik der Arroganz angerichteten Schaden zu beheben. Österreichs Schule braucht sozialpartnerschaftlichen Dialog, Wertschätzung für LehrerInnen, SchülerInnen und deren Eltern und endlich wieder die Ressourcen, die der Schule über all die Reformen der letzten zwanzig Jahre entzogen wurden. Für die Verwendung dieser Ressourcen gibt es an jeder Schule mehr als genug Bedarf und schulautonome Kompetenz, sie für das Gelingen von Schule sinnvoll einzusetzen.

Eine Nachdenkpause, die auch wirklich zum Nach- und Umdenken genutzt wurde, folgte auf den 4. Jänner 1985. Eine sinnvoll genutzte Nachdenkpause ist Österreichs Schulpolitik heute dringend zu empfehlen.

(1) Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Besetzung_der_Hainburger_Au.

(2) Ibidem.

Bild: Stopfenreuther Au, Wikimedia Commons.

12 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

12 Antworten zu “Gerhard Riegler: Hainburg

  1. werner fröhlich

    lernen sie geschichte, herr riegler!
    in hainburg war es genau die gewerkschaft, die sich gegen die demonstranten stellte. heute ist es wieder die gewerkschaft, die möglichst jede schulreform blockiert.
    im übrigen brauchen sie keine angst um die (anachronistische) AHS-langform zu haben, denn die cluster sind im bereich der sekundarstufe 1 nicht schulartenübergreifend geplant.
    ihre schätzonometrie, dass 80% der lehrkräfte retro sind, ist eigentlich eine beleidigung der lehrerInnen.
    sie wünschen sich eine nachdenkpause – die haben wir schon seit jahrzehnten, was die schulentwicklung betrifft.

    • Gerhard Riegler

      Herr Direktor Fröhlich, wären Sie noch aktiv, hätte ich Sie, wie ich Sie kenne, jedenfalls zu den 20 Prozent gezählt.
      Ich verstehe, dass Sie als jahrzehntelanger Verfechter der Ideologie, die so viel Schaden angerichtet hat, ein Problem damit haben, die Wirklichkeit anzuerkennen. Ich empfehle Ihnen in aller Ruhe die Lektüre und Reflexion der bildungswissenschaftlichen Zitate auf http://www.bildungswissenschaft.at.

      • Sehtr geehrter Herr Riegler, bezeichnend, dass sie einem Vertreter der Gesamtschule ideologische Beweggründe vorwerfen, selbst aber Wissenschaft ins Treffen führen. Sie wissen genau, dass wissenschaftliche Argumente für die Gesamtschule hier so viel Platz einnehmen würden, dass das den Rahmen sprengen würde. Genau diese Haltung verhindert seit Jahren eine gemeinsame Lösung. Die Ungerechtigkeit einer Selektion nach der 4. Schulstufe ist demaßen von Übel und durch nichts zu rechtfertigen, dass seit Jahrzehnten unsere Kinder (und die VS Leherer) darunter leiden. Lasst uns doch endlich nach gemeinsamen Modellen suchen, um die Schüler der 5. bis 8.Schulstufe dieses Landes gerecht, und nicht nach dem Bildungsstand der Eltern zu fördern.
        Helmut Handler-Kunze

      • Gerhard Riegler

        Sehr geehrter Herr Handler-Kunze, Ihre Zeilen lassen mich vermuten, dass Sie mit den bildungswissenschaftlichen Erkenntnissen nicht wirklich vertraut sind. Ich empfehle Ihnen die Lektüre der Zitate auf http://www.bildungswissenschaft.at, im Konkreten die der Kategorie „Gesamtschule/Differenzierung“, ergänzend vielleicht auch noch „England“ und „Frankreich“, also die der beiden klassischen Gesamtschulstaaten Europas.

      • Sehr geehrter Herr Riegler, das Impressum der von Ihnen angeführten Seite: „Impressum
        Förderverein für eine differenzierte Allgemeinbildung“
        Was soll so ein Förderverein wohl sonst anführen?
        Helmut Handler-Kunze

      • Gerhard Riegler

        Sehr geehrter Herr Handler-Kunze, ist es nicht viel wichtiger, was bildungswissenschaftliche Evidenz besagt, als wer bildungswissenschaftliche Ergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit, die nicht hunderte Studien liest, zugänglich macht?

    • Pawel Rubljow

      Stimmt ja irgendwie. Aber leider nur IRGENDWIE – wie die vielen Reformansätze und Pseudoreformen. Damals ging es der Gewekschaft um Erhalt oder Schaffung von Arbeit (im Zusammenhang mit einem fragwürdigen Projekt), in der heuligen Schulfrage geht es so ziemlich um Nicht-Schaffung von so notwendigen Arbeitsplätzen im pädagogischen Bereich und Umfeld. Und es ist, glaube ich, unverständlich, wenn das so einfach hingenommen wird – wird leider, denn wo bleiben die Demonstrationen der Betroffenen? Aber die wurden ja schon längst durch erfolgreiches öffentliches Bashing klein gemacht … und manche können da immer noch fröhlich ein Schäuferl dazu legen!

  2. Wurm Gottfried

    Sehr geehrter Herr Quin bzw. Herr Weiß!

    Da sie Hainburg erwähnen und ich diesen damaligen Widerstand aus meiner Studienzeit her kenne, möchte ich mir eine Kritik an der Lehrergewerkschaft insbesonders an der ÖPU erlauben:

    Ich schätze sehr ihre ausgezeichneten Analysen und Vergleiche, aber ich hatte in den letzten 25 Jahren nie das Gefühl, dass die Lehrergewerkschaft bereit gewesen wäre auch über Streiks und Demonstrationen ernsthaft zu kämpen. Ihre Bemühungen mögen schon da sein bzw. gewesen sein, aber halt nur auf diplomatischer, meist nicht sehr öffentlich miterlebbarer Weise.

    Selbst die Demonstration gegen das neue Lehrerdienstrecht war nur eine Demonstration der gesamten Beamtengewerkschaft bei der die Lehrer kaum bemerkt wurden und auch nicht in die Reden miteinbezogen wurden. Außerdem war sie viel zu spät angesetzt und die Kapitulation kam auch prompt. Ich habe damals meinen letzten Glauben an die Lehrergewerkschaft verloren.

    Genau diese Zaghaftigkeit und Unselbstständigkeit der Lehrergewerkschaft ist der große Unterschied zu den Umweltschützern die mit ihrem gesamten Einsatz und der vollen Überzeugung damals für die Natur gekämpft haben.

    Das wäre erbaulich einen solchen Einsatz von einer Lehrergewerkschaft zu spüren. Analysen alleine sind zu wenig!!!!!!!!!!!!!!

    Mit freundlichen Grüßen, Gottfried Wurm (BG/BRG Gmunden)

    • Erich Wallner

      „Ich habe damals meinen letzten Glauben an die Lehrergewerkschaft verloren.“ (Gottfried Wurm)

      Da war Kollege Wurm sehr langmütig.
      In Wirklichkeit war der Wurm (no pun intended) schon viel früher drin, und zwar nicht in der Lehrergewerkschaft, sondern in der Beamtengewerkschaft – nämlich in der Person Fritz Neugebauers, eines Ämterkumulierers, dessen totale Unvereinbarkeit der Funktionen man z.B. bei den Verhandlungen zum Pensionsrecht mit Händen greifen konnte: als ÖVP-ler (2. Nationalratspräsident, Mitglied im Bundesparteivorstand) FÜR massive Verschlechterungen, als Gewerkschafter dagegen. In der Lehrergewerkschaft wiederum war Kritik an Neugebauers Mit-einem-Hintern-auf-zwei-Sesseln-Sitzen immer verpönt – sogar bei denen, die nicht zu seinen Parteifreunden zählten.

      Herausgekommen ist damals ein Gesetz, bei dem Jahrgänge bis 1953 mit 60 in Regelpension gehen konnten; ab 1954 muss man fünf (!) Jahre länger warten. Ein paar Tage Unterschied im Geburtsdatum machen entweder fünf Jahre Hackeln aus oder mindestens ein Jahresgehalt Netto-Verlust, wenn man die Korridorpension wählt. Nicht, dass ich die Notwendigkeit einer Pensionsreform verkenne – aber eine solche Bruchstelle ohne Einschleifregelung ist einfach ein handwerklicher Murks.

      Und als das neue Lehrerdienstrecht beschlossen wurde, war Neugebauer doch auch noch Parlamentarier und Chef der Beamtengewerkschaft gleichzeitig, oder?

  3. die cluster sind nur ein weiter Schritt, um die Langform zu killen. Der erste Schritt war die LehrerInnenbildung NEU…in ein paar Jahren gibt es keine AHS-Lehrer mehr und daher auch keine Langform, wie wir sie kannten…

  4. Pawel Rubljow

    Ja, ja. Das ist halt der Trend der Zeit… Alles, was irgendwie nach Demokratie riecht, einzuschränken und schließlich vielleicht abzuchaffen. Offenbar neigen einige österreichische PolitikerInnen zur Erdo-Orba-Puti-Kaczynisierung und trumpeln ganz kräftig im Porzellanladen umher, beklascht von Leuten, die meinen, dass…, oder besser, die eigentlich nichts meinen und das Meinen lieber anderen überlassen. Demokratie ist bzw. kann unangenehm sein und ehrliche Anstrengung aller zum Z’samm’kommen verlangen. Es ist doch viel einfacher, Eltern-Schüler-Lehrermitsprache, Denonstrationsrecht, Religionsrecht, (Brief-) Wahlrecht etc. zu unterbinden und alles zum Allgemeinwohl mit möglichst vielen öffentlich (und auch rechtswidrig privat) installierten Kameras zu kontrollieren, mitzulauschen, was denn so die Meinung ist… Vivat 1984!!

  5. Erich Wallner

    „„Der Weg, der Österreichs Schulpolitik in Opposition zu den von ihr Betroffenen geführt hat, war lang und von Abgehobenheit und Rücksichtslosigkeit geprägt.“ (G. Riegler)

    Genau deshalb ist der Vergleich mit Hainburg unpassend.

    Nach meiner Wahrnehmung (ich bin jetzt 62 und kann mich gut an Hainburg erinnern) waren die Befürworter des Kraftwerks damals guten Glaubens – die Entscheidungsträger (z.B. Bruno Kreisky oder Anton Benya) waren älter als die 68-er-Generation und techno- und fortschrittsgläubig. Abgehobenheit und Rücksichtslosigkeit kann man ihnen nicht vorwerfen. In Zeiten, wo man Autobahnen und Fabriken (und übrigens auch Schulen!) zuhauf baute, war halt diesmal wieder ein Kraftwerk dran.

    Rücksichtslosigkeit gab es nur bei der Exekutive: Ich erinnere mich an ein PROFIL-Cover mit dem blutüberströmten Gesicht einer jungen Frau während des Polizei-Einsatzes. Ein Bekannter von mir war damals Polizeischüler: Denen hatte man gesagt, dass die Demonstranten alles linke und kommunistische Gewalttäter seien, und sie dann, mit Schlagstöcken ausgerüstet, auf die Aubesetzer losgelassen.
    Der Plan des Chefs der Bau-Holzgewerkschaft Josef Hesoun, mit seinen Leuten die Aubesetzer hinauszuprügeln, wurde zum Glück nicht umgesetzt.

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