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Im Fokus

Am Dienstag wurden die Ergebnisse der im Frühjahr 2016 durchgeführten Standardtests in Deutsch in der achten Schulstufe veröffentlicht. Die Auswertung zeigt, wie erwartet, große Problemgruppen. Die politischen Reaktionen darauf – nun ja, lesen Sie selbst:

Die Unterrichtsministerin „setze hier besonders auf methodische, didaktische und pädagogische Maßnahmen (z.B. Weiterbildung), um die Resultate zu verbessern“. (1) Anders formuliert: Die LehrerInnen sind schuld.

Das Lösungskonzept des Grünen Bildungssprechers: „Die Gemeinsame Schule ermöglicht die bessere Durchmischung der SchülerInnen. Damit steigen die Chancen auf höhere Leistungen“. (2) Anders formuliert: Mit der Gesamtschule wird alles gut.

Der freiheitliche Bildungssprecher beschränkt sich in erster Linie auf eine Diagnose und kann damit nicht viel falsch machen: „Die Ergebnisse zeigen, dass das derzeitige Bildungssystem nicht das richtige Konzept darstellt, um den vorgesehenen Bildungsstandard zu erreichen“. (3)

Wir brauchen endlich einen echten Sozialindex und finanzielle Autonomie für die Verteilung der Ressourcen an die Schulstandorte“, meint der NEOS-Chef. (4) Von zusätzlichen Mitteln ist allerdings nichts zu lesen, also anders formuliert: Nehmt den Standorten mit besseren Ergebnissen Ressourcen weg!

Mit dem Autonomiepaket, das sich derzeit in Begutachtung befindet, geben wir den einzelnen Standorten mehr Freiheit und Eigenverantwortung und ermöglichen individuelle Förderung“, meint die ÖVP-Bildungssprecherin. (5) Grundsätzlich hätte sie damit recht, wenn mit dem „Autonomiepaket“ auch mehr Ressourcen an die Schulen kämen. Der Gesetzesentwurf steht aber unter der Prämisse der Kostenneutralität.

Belustigt hat mich schließlich der Versuch, ein neues Wording einzuführen. Hießen bis vor wenigen Tagen Schulen, die aufgrund des sozio-ökonomischen Hintergrundes ihrer SchülerInnen schlechte Ergebnisse erzielten, „Brennpunktschulen“ (6), so sind aus ihnen in der „Regierungssprache“ nun „Fokusschulen“ (7) geworden. Wer glaubt allen Ernstes, dass das die Situation an diesen Schulen verbessern wird? Aber der Fokus auf „Neusprech“ ist jedenfalls eine kostenneutrale Maßnahme …

(1) Hammerschmid: Bildungsstandard-Ergebnisse sind „akute Handlungsaufforderung“ – Umfangreiches Maßnahmenpaket. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(2) Walser zu Bildungsstandards: Ergebnisse sind gerade noch rechtzeitiges Alarmsignal. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(3) FPÖ-Mölzer: Weniger als die Hälfte der Schüler erreicht den vorgesehenen Bildungsstandard. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(4) NEOS zu Bildungsstandards: Herausforderungen mit finanzieller Autonomie und Sozialindex direkt an den Schulen lösen. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(5) Jank: Ergebnisse beim Lesen weiterhin dramatisch – Fokusschulen jetzt in den Mittelpunkt der Arbeit stellen. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(6) Siehe etwa Bernadette Bayrhammer, Sozialtopf durch größere Klassen finanzieren? In: Presse online vom 4. Jänner 2017.

(7) Siehe etwa die unter (1) und (5) genannten OTS-Aussendungen.

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Gerhard Riegler: Späte Einsicht

Nach Möglichkeit und bei entsprechendem Bedarf sollen Schülerinnen und Schüler […] vor dem vollständigen Eintritt in den Regelunterricht, in eigenen Sprachstartgruppen intensiv in der Unterrichtssprache Deutsch soweit auf den Regelunterricht vorbereitet werden, dass sie in diesen vollständig übertreten und diesem folgen können.“ (1)

The ostrich has buried a head in sand

So lautet ein Vorhaben der Bundesregierung, das am Donnerstag in Begutachtung geschickt wurde. Es ist höchst erfreulich, dass endlich Einsicht ideologische Blockaden zu überwinden scheint. Die katastrophalen Ergebnisse der Standardüberprüfung am Ende der Volksschule dürften das jahrelange Verdrängen der Wirklichkeit nun doch beenden. Am Tag der Präsentation hatte die Unterrichtsministerin ja noch einen kläglich-skurrilen (letzten?) Versuch unternommen, die traurige Wirklichkeit schönzureden: „Das Ergebnis zeigt, dass das österreichische öffentliche Bildungswesen sehr gut funktioniert.“ (2)

Hier einige Fakten:

  • 38 % der 10-Jährigen Österreichs verfügen über kein ausreichendes Leseverständnis. In Wien sind es sogar 44 %. (3)
  • Österreichweit erreichen fast zwei Drittel der 10-Jährigen die Lernziele beim Leseverständnis nicht oder nur teilweise. (4)
  • 10-Jährige aus einem Elternhaus mit höchstens Pflichtschulabschluss haben auf ihre gleichaltrigen MitschülerInnen, deren Eltern eine universitäre oder ähnliche Bildung aufweisen, einen Leistungsrückstand von über drei Jahren. Sie befinden sich mit ihren Leistungen kurz vor Ende der Volksschule dort, wo die anderen bereits am Beginn standen. (5)

Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann fand im Ö1-Morgenjournal klare Worte: „Da ist es fast unmöglich, egal wie gut die Lehrkraft ist, tatsächlich alle so zu erreichen, dass sie ihre Möglichkeiten ausnutzen können. Das heißt, was wir dringend bräuchten, wäre eine Schulorganisation – schon in der Volksschule –, die es ermöglichen würde, unterschiedlichen Förderbedarf unterschiedlich zu bedienen.“ (6)

Spät kommt die Erkenntnis der Politik, für viele junge Menschen, denen durch das jahrelange Verschleppen eines dringenden Handlungsbedarfs faire Chancen geraubt wurden, viel zu spät. Deshalb mischt sich in meine Freude ein hohes Maß an Ärger und Wut. Österreichs Schulpolitik scherte sich viel zu lange keinen Deut um bildungswissenschaftliche Erkenntnisse.

Was jenseits der engen Grenzen Österreichs oder gar in englischer Sprache publiziert wird, ignoriert die Politik nahezu durchgängig. Aber zumindest den leicht verständlichen Nationalen Bildungsbericht des BIFIE hätten die Damen und Herren schon vor drei Jahren in die Hand nehmen können, statt die ewig gleichen dummen Sprüche zu klopfen. In ihm hätten sie lesen können, dass in Österreich 10-Jährige, deren Eltern höchstens über Pflichtschulabschluss verfügen, auf ihre MitschülerInnen, deren Eltern eine universitäre oder ähnliche Bildung aufweisen, in Deutsch einen Leistungsrückstand von über drei Jahren aufweisen. Ja, genau dasselbe, was jetzt die Standardergebnisse belegen! (7)

Sollten sich PolitikerInnen, durch diesen Kommentar angeregt, vielleicht doch noch dazu bequemen, den Nationalen Bildungsbericht drei Jahre nach seinem Erscheinen in die Hand zu nehmen, werden sie auf derselben Seite erfahren, dass es unserer differenzierten Sekundarstufe I gelingt, diesen Rückstand um immerhin etwa ein Drittel zu verkleinern.

Ebenso könnten sie in BIFIE-Publikationen nachlesen, dass der enorme Rückstand, den 10-Jährige mit Migrationshintergrund aufweisen, während der differenzierten Sekundarstufe I deutlich verringert wird. (8)

In Staaten, deren öffentliches Schulwesen sich auf Gesamtschulen beschränkt, steigt die Abhängigkeit der Schülerleistungen vom Elternhaus während der Sekundarstufe I. Um das zu erfahren, müssten sie zu bildungswissenschaftlicher Literatur aus dem Ausland greifen, aber das … (s. o.)

Die „Panama Papers“ führten binnen weniger Tage zu ersten Rücktritten. Das jahrelange Ignorieren, Vertuschen und Auf-den-Kopf-Stellen von Fakten durch Österreichs „Schulpolitik“ würden meines Erachtens Rücktritte nicht weniger rechtfertigen. Ignoranz und Präpotenz haben genug Schaden angerichtet und gefährden unsere Zukunft.

(1) Erläuterungen zum Schulrechtspaket 2016 vom 7. April 2016.

(2) Conrad Seidl, Vier von zehn Volksschülern können nicht sinnerfassend lesen. In: Standard online vom 1. April 2016.

(3) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Landesergebnisbericht Wien (2016), S. 31.

(4) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Bundesergebnisbericht (2016), S. 39.

(5) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Bundesergebnisbericht (2016), S. 103.

(6) Ö1-Morgenjournal vom 1. April 2016, 8:00.

(7) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht, Österreich 2012 (2013), Band 2, S. 199.

(8) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2013 – Mathematik, 4. Schulstufe (2014), S. 30f; BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2013 – Englisch, 8. Schulstufe (2014), S. 50f.

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Wie Sex im viktorianischen England …

Anfang Mai nahm der Komiker John Oliver in seiner „Last Week Tonight“-Show standardisierte Tests in den USA aufs Korn. Diese Folge wurde seither auf YouTube über 4,3 Millionen Mal angeklickt (hier eine Kurzfassung).

Woman in victorian dress imprisoned in a dungeonUS-amerikanische Schüler (1) sind einer enormen „Testeritis“ ausgesetzt: 10-20 zentrale Testungen pro Schulstufe, durchschnittlich 113 bis zur Graduierung. (2) „Common Core State Standards Initiative“ heißt die „Bildungsreform“, die weitreichende zentrale Testungen vorsieht. „Seit einigen Monaten wächst der Widerstand gegen Common Core, in manchen Teilstaaten werden die Tests weitreichend boykottiert. Mehr als 200.000 Schüler im Staat New York haben zuletzt nicht an den Tests teilgenommen. Sie sind ins Kreuzfeuer mehrerer Gruppen gekommen, die sonst nie im selben Boot zu finden sind: So gut wie jeder republikanische Präsidentschaftskandidat geißelt sie als „Communist Core“, die Lehrervertreter laufen Sturm, und selbst politisch neutrale Elternvereine und Schulleiter sind frustriert.“ (3)

Die immer mehr um sich greifende „Testeritis“ hat extrem negative bildungspolitische Auswirkungen mit verheerenden Folgen v. a. für sozial Schwache (4), ist aber für manche ein äußerst lukratives Geschäft. Die Pearson-Gruppe ist die größte Firma im Bildungsbereich und der größte Buchverlag sowie die umsatzstärkste Verlagsgruppe weltweit – 2014 mit 6,4 Milliarden Euro Umsatz und über einer Milliarde Euro Gewinn. (5) Pearson expandiert am globalen Markt und wurde von der OECD mit der Entwicklung von PISA 2015 und PISA 2018 beauftragt. (6) Offenbar sieht niemand in der OECD einen Interessenskonflikt oder gar eine Unvereinbarkeit darin, dass Andreas Schleicher, der „Mister PISA“ der OECD (7), gleichzeitig im wissenschaftlichen Beirat von Pearson sitzt. (8)

In den USA vergab die Politik „millionenschwere Aufträge für die Erstellung von Lehrmaterialien und zur Durchführung der Tests an den britischen Medienkonzern Pearson. Laut „Washington Post“ kontrolliert Pearson heute 39 Prozent des Marktes für Schultests und verdient laut einer Studie der Brookings Institution allein damit pro Jahr eine Viertelmilliarde Dollar.“ (9) In manchen Bundesstaaten ist es sogar noch viel schlimmer. Ohio ist ein „Pearson state“: „Pearson effectively controls what is taught, who graduates, and even who gets a second chance at a high school diploma through the General Education Diploma (GED) examination. […] Since 2013, Pearson tests even license teachers in Ohio. Because the tests are designed and graded by Pearson, the company and its employees determine what teachers need to know in all particular teaching fields-English, science, history. Colleges must address what Pearson puts on the tests so that their students will be licensed to teach in Ohio initially and, later, when a teacher seeks professional advancement.“ (10) Dieses krakenhafte Pearson-Imperium veranlasste John Oliver zur zynischen Aussage: „In fact, the only test they have no hand in is the HPV test she might take in college and I can only assume that they’ll take on that as soon as they see this fucking show.“ (11)

Wie formulierte es der politisch aktive US-amerikanische Verbraucherschutzanwalt Ralph Nader so treffend: „Like sex in Victorian England, the reality of Big Business today is our big dirty secret.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe Last Week Tonight with John Oliver: Standardized Testing (HBO), 2:51-2:59.

(3) Oliver Grimm, Zentrale Tests: Aufstand gegen „Communist Core“ in den USA. In: Presse online vom 12. Mai 2015.

(4) Siehe dazu Eckehard Quin, Die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält. Das US-amerikanische Schulwesen in der Krise. In: ÖPU-Nachrichten Nr. 3/2014, S. 8f.

(5) Siehe https://www.pearson.com/ar2014.html.

(6) Siehe die Presseaussendungen „Pearson to develop frameworks for OECD’s PISA student assessment for 2015“ vom 19. September 2011 und „Pearson to develop PISA 2018 Student Assessment 21st Century Frameworks for OECD“ vom 10. Dezember 2014.

(7) Andreas Schleicher ist Director for the Directorate of Education and Skills der OECD und für die Studien PISA, PIAAC („Erwachsenen-PISA“), TALIS und INES zuständig. Siehe dazu http://www.oecd.org/edu/andreas-schleicher.htm.

(8) Siehe Lisa Nimmervoll, Bildungsphilosoph: „Unsere Kinder werden zu Zwergen degradiert“. In: Standard online vom 10. November 2014.

(9) Grimm, Zentrale Tests.

(10) William Phillis, Ohio, a Pearson State. Veröffentlicht auf: Diane Ravitch’s blog. A site to discuss better education for all am 14. Juni 2015.

(11) Siehe Pearsons Geschäft mit standardisierten Tests, 1:15-1:24.

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Subversive Kräfte

Verbesserung der Lernprozesse, Überprüfbarkeit, Individualisierung des Lernens, Kompetenzen, Kompetenzraster, Evaluation, Quality Management, „Bildungsstandards“ (1) etc. Wer hat diese Begriffe nicht schon unzählige Male als die Mittel zur Rettung unseres ach so schlechten Bildungssystems präsentiert bekommen?

Die genannten Begriffe sind Symptome eines internationalen Prozesses, der in Richtung Privatisierung des Bildungswesens läuft. Dahinter stehen Organisationen wie die OECD. „Weil sich die ganze Unternehmung als «Reform» tarnt, verstehen die Menschen nicht, was vor sich geht. […] die Reformwellen rollen immer schneller und verändern alles, bevor man sich besinnen kann. Sie verändern grundlegend:

  • die Organisation: Auflösung von Jahrgangsstufen und Klassenverbänden,
  • die Führung: Manager statt Headmaster,
  • das Curriculum: Es gibt keine verbindlichen Inhalte mehr,
  • die Methoden, mit denen unterrichtet wird (jeder Schüler schafft für sich an seinen individuellen Lernjobs statt im gemeinsamen Klassenunterricht),
  • die Leistungsbeurteilung (Testen von Kompetenzen und Unterkompetenzen),
  • die Art wie Schüler, Schulen, Schulleiter und ganze Gemeinden bewertet werden: Wer widerspruchslos mitmacht, ist innovativ, wer sich sträubt, ist rückständig.“ (2)

Private vs Public words on a toggle switch to flip between privaDie österreichische Bundesverfassung legt fest, dass Österreich eine demokratische Republik ist und ihr Recht vom Volk ausgeht. Weiters bestimmt sie, dass die Schule Wissen, Können und bestimmte Werte vermitteln soll. (3) All das wird durch diese indirekte Steuerung von außen umgangen. (4) „Das Bildungswesen wird damit quasi unbemerkt aus der Ferne gesteuert. Ein managing Netzwerk tritt an die Stelle der staatlichen Behörden. Damit einher geht der Niedergang des Nationalstaates als der Ort, an dem Politik gemacht wird.“ (5)

Der Prozess ist aber nicht nur verfassungsrechtlich bedenklich, sondern auch eine bildungspolitische Katastrophe. Die Folgen listet sogar das BIFIE auf: Konzentration auf testmethodische und -strategische Kompetenzen, Verengung des Curriculums auf testrelevante Fähigkeiten und Inhalte, Ausschluss leistungsschwacher Schüler etc. (6) Allerdings formiert sich Widerstand – auch von Wissenschaftlern, wie etwa der im Juni 2010 gegründeten „Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.“. Wir alle dürfen und sollten auf den Bildungsidealen der österreichischen Verfassung beharren, auch wenn wir dafür als rückständige Betonierer an den medialen Pranger gestellt werden.

Der über jeden Verdacht des Konservativismus erhabene französische Soziologe Pierre Bourdieu formulierte: „Aber diese Kräfte der Bewahrung, die sich leicht als konservative Kräfte hinstellen lassen, sind auch in einem anderen Zusammenhang die Kräfte des Widerstandes gegen die Einführung der neuen Ordnung, die zu subversiven Kräften werden können.“ (7)

(1) „Bildungsstandards“ ist der rechtlich korrekte Begriff, aber ein Oxymoron, weshalb ich ihn immer unter Anführungszeichen setze. Zu meinen, Bildung ließe sich „standardisieren“, ist das sicherste Zeichen dafür, dass einem etwas fehlt: Bildung.

(2) Renate Caesar, Die heimliche Privatisierung des öffentlichen Bildungswesens. In: Zeit-Fragen online vom 3. Februar 2015.

(3) In Artikel 14 B-VG liest man: „Demokratie, Humanität, Solidarität, Friede und Gerechtigkeit sowie Offenheit und Toleranz gegenüber den Menschen sind Grundwerte der Schule“. Die jungen Menschen sollen befähigt werden, „an den sozialen, religiösen und moralischen Werten orientiert Verantwortung für sich selbst, Mitmenschen, Umwelt und nachfolgende Generationen zu übernehmen.

(4) Siehe dazu Eckehard Quin, Die subversive Kraft der störrischen Lehrer. In: gymnasium, 6/2013, S. 4-7.

(5) Caesar, Privatisierung.

(6) Siehe Herbert Altrichter und Anna Kanape-Willingshofer, Bildungsstandards und externe Überprüfung von Schülerkompetenzen: Mögliche Beiträge externer Messungen zur Erreichung der Qualitätsziele der Schule, S. 374. In: Barbara Herzog-Punzenberger (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012, Band 2. Fokussierte Analysen bildungspolitischer Schwerpunktthemen (Graz 2012), S. S. 355-394. Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(7) „Mais ces mêmes forces de „conservation“, qu’il est trop facile de traiter comme des forces conservatrices, sont aussi, sous un autre rapport, des forces de résistance à l’instauration de l’ordre nouveau, qui peuvent devenir des forces subversives.“ Pierre Bourdieu, L’essence du néolibéralisme. In: Le Monde diplomatique, mars 1998.

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Gerhard Riegler: Keine Träne

BM Heinisch-Hosek hat anscheinend die tatsächlichen PISA-Ergebnisse erfahren. Vielleicht ist mir dies über meinen aktuellen Leitartikel in den ÖPU-Nachrichten gelungen. (1)

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Offensichtlich hat sie realisiert, dass

  • Österreich vier der fünf Gesamtschulstaaten des hohen Nordens hinter sich lässt,
  • Österreich zu den Staaten gehört, in denen die Mathematikleistung am wenigsten vom sozioökonomischen Status des Elternhauses abhängt,
  • in den Gesamtschulländern Polen, Dänemark und Finnland diese Abhängigkeit europaweit am größten ist,
  • in Österreich im internationalen Vergleich wenige 15-Jährige Mathematik-Nachhilfe bekommen,
  • in Finnland doppelt so viele SchülerInnen Mathematik-Nachhilfe nehmen,

Offensichtlich hat die neue Unterrichtsministerin auch realisiert, was PISA in Kombination mit PIRLS/TIMSS aufzeigt: Die Rückstände unserer SchülerInnen auf die anderer Staaten

  • entstehen vor Schuleintritt und während der Gesamtschule Volksschule und
  • werden während der differenzierten Sekundarstufe I deutlich reduziert.

Diese Befunde passen natürlich gar nicht zur Gesamtschul-Apotheose. Daher erließ BM Heinisch-Hosek ganz einfach den Befehl, keine PISA-, TIMSS- und PIRLS-Daten mehr zu erheben. Österreichs Bevölkerung wird also obige Fakten und Zusammenhänge nicht mehr erfahren. „Das ist, mit Verlaub, die bizarrste bildungspolitische Volte seit langem“, liest man dazu in einem „Standard“-Kommentar. (2) Die Politpropaganda kann – ungetrübt durch Fakten – munter weitergehen. Gestoppt werden auch die Standarderhebungen, deren Ergebnisse schon bisher weitestgehend geheim gehalten wurden. Was nämlich als „Ergebnis“ der Standardergebnisse präsentiert wurde, verhält sich zum Reichtum der über die Kontexthefte erhobenen Informationen wie die Vitrine eines Geschäfts zum Geschäft selbst.

Österreichs „Schulpolitik“ hat es seit dem ersten PISA-Durchgang verabsäumt, aus den Ergebnissen sinnvolle Konsequenzen zu ziehen. Dass z. B. junge Menschen, die die Unterrichtssprache nicht verstehen, vom ersten Schuljahr an, welch Wunder, chancenlos sind, hat PISA bereits vor zwölf Jahren gezeigt und zeigt es Durchgang für Durchgang. Dass die frühkindliche Förderung durch die Eltern in jedem Staat der Schlüssel zum Bildungserfolg ist, ebenso. Österreichs Politik und ihre „ExpertInnen“ haben ihr Interesse auf die Vitrine beschränkt, haben die tatsächlichen PISA-Ergebnisse entweder nicht gelesen oder bewusst auf den Kopf gestellt und danach für Propagandazwecke missbraucht.

Studien, aus denen viel zu erfahren wäre, die aber in Österreich ohnehin nur dem PR-Missbrauch dienen, weine ich keine Träne nach. Dass Österreichs „Schulpolitik“ ist, wie sie ist, und sich der Realität verschließt, ist mit Blick auf die jungen Menschen und ihre Zukunft zum Heulen.

(1) Gerhard Riegler, Zurück zur Vernunft! Appell für einen bildungspolitischen Neubeginn. In: ÖPU-Nachrichten März/April 2014, S. 4-5.

(2) Lisa Nimmervoll, Ministerin stoppt Pisa & Co: Hidden Agenda. In: Standard online vom 11. März 2014.

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Helmut Jantschitsch: Präpotenz statt Kompetenz

BM Heinisch-Hosek und das BIFIE, zuständig für die kompetenzorientierte Reifeprüfung, legten in den letzten zehn Wochen eine eher präpotenzorientierte Performance hin, die einem kalte Schauer über den Rücken jagt.

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Wie die „Presse“ am 26. Februar 2014 berichtet, hat die Firma Zoe Solutions GmbH, die mit dem BIFIE zusammengearbeitet hat, bereits am 18. Dezember 2013 darauf hingewiesen, dass ungesicherte Daten im Internet aufgetaucht seien. (1) Statt sich für diese wichtige Information zu bedanken und umgehend alle nötigen Schritte einzuleiten, reagierten BM Heinisch-Hosek und das BIFIE mit einer Präpotenz sondergleichen.

Dem Whistleblower wurden vom BIFIE rechtliche Schritte angedroht, sollte es der Firma nicht möglich sein, die „Verstöße zu präzisieren“. In einer Mischung aus Selbstgefälligkeit und gekränkter Eitelkeit dachte man keine Sekunde daran, das Datenleck zu suchen oder gar zu stopfen. Vielmehr drohte man den Störenfrieden mit Gerichtsverfahren und beklagte sich bitterlich darüber, dass Kopien der Alarmschreiben auch der Ministerin geschickt worden sind. (2)

Während sich das BIFIE offenbar um seinen guten Ruf im BMUKK sorgte, beschloss die frisch angelobte Unterrichtsministerin ganz offenkundig, sich ihre ersten Wochen im Amt nicht durch lästige Whistleblower verderben zu lassen, und kehrte die Angelegenheit unter den frisch verlegten Teppich ihre Büros.

Als am 25. Februar 2014 die Bombe platzte, wurde aus dem Winterschlaf aller Verantwortlichen abrupt rege Betriebsamkeit. Binnen Minuten war der Server in Rumänien gefunden und abgedreht und Polizei und Staatsanwalt eingeschaltet. Und das alles nach zehn Wochen der präpotenten Lethargie.

Wer meint, dass man am BIFIE aus Fehlern kompetenzorientiert lernt, irrt gewaltig. Wenige Stunden nach Platzen des Skandals sah man sich dort bereits in der Lage, mit 100-prozentiger Sicherheit behaupten zu können, dass alle anderen Daten (Standards, PISA, Zentralmatura inkl. des flächendeckenden Schulversuchs in Englisch, der in zwei Monaten über die Bühne gehen soll) sicher seien und kein unbefugter Zugriff darauf stattgefunden habe. Worauf sich diese angebliche Gewissheit gründet, weiß wohl nur der Schutzheilige des BIFIE, der Heilige Präpotenz!

(1) Siehe Julia Neuhauser und Manuel Reinartz, Datenleck: 400.000 vertrauliche Schülertests im Internet aufgetaucht. In: Presse online vom 26. Februar 2014.

(2) a.a.O.

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Gerhard Riegler: Vorurteile

Kaum war das Ergebnis der Standardtestungen publik, prasselten zahlreiche Kommentare und Interpretationen auf die Öffentlichkeit ein. Eine Kakophonie aus Schönrederei und Pseudointerpretationen erschallte. Die Verwirrung wurde von Tag zu Tag größer.

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Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Eder, der Leiter jener Kommission, die die Evaluierung der NMS nachholen soll, verspürte offenbar den tiefen Drang, den Gymnasien anlässlich ihrer herausragenden Ergebnisse eine Breitseite zu verpassen: Die AHS erreiche ihren Leistungsvorsprung „oft auf Kosten der psychischen Gesundheit der Kinder“. An den Gymnasien herrsche mehr Stress und Angst als an der NMS. (1)

Woher Eder sein vorgebliches „Wissen“ nimmt, teilt er nicht mit. Die aktuellen Standardtestungen können jedenfalls nicht die Quelle seiner Behauptung sein. Denn am liebsten besuchen GymnasiastInnen ihre Schule, wie dem Herrn Universitätsprofessor bereits ein kurzer Blick in den Ergebnisbericht gezeigt hätte. (2) Er ließ sich offenbar lieber von seinen Vorurteilen leiten, die wissenschaftlichen Standards wohl nicht standhielten.

Es geht nicht allein um das Kognitive, sondern auch um den psychomotorischen und emotionalen Bereich.“ (3) Ich teile diese Meinung der neuen Unterrichtsministerin. Bleibt zu hoffen, dass BM Heinisch-Hosek dem Kinder- und Jugendpsychiater Winterhoff mehr Gehör schenkt als Eder. Es „sollten Politiker stärker den Praktikern an den Bildungseinrichtungen zuhören und sich die Probleme schildern lassen, anstatt Studie um Studie in Auftrag zu geben, in der man sich die Zahlen dann so zurechtbiegt, wie es ins jeweilige (partei-)politische Programm passt.“ (4)

Meine Vorurteile lassen mich vermuten, dass BM Heinisch-Hosek Winterhoffs Rat nicht beherzigen wird. Aber vielleicht besteht Hoffnung, denn – das hat Prof. Eder eindrücklich bewiesen – es zählen letztlich keine Vorurteile, sondern Fakten!

(1) Edith Meinhart und Christa Zöchling, Neue Mittelschule: Warum sie scheitern musste. In: Profil online vom 10. Februar 2014.

(2) Claudia Schreiner und Simone Breit (Hrsg.), Standardüberprüfung 2013.  Englisch, 8. Schulstufe (Salzburg 2014), S. 22.

(3) Zit. n. Edith Meinhart und Christa Zöchling, Gabriele Heinisch-Hosek über das „junge Pflänzchen“ Neue Mittelschule. In: Profil online vom 12. Februar 2014.

(4) Michael Winterhoff, SOS Kinderseele. Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können (2013), S. 197.

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