Im Fokus

Am Dienstag wurden die Ergebnisse der im Frühjahr 2016 durchgeführten Standardtests in Deutsch in der achten Schulstufe veröffentlicht. Die Auswertung zeigt, wie erwartet, große Problemgruppen. Die politischen Reaktionen darauf – nun ja, lesen Sie selbst:

Die Unterrichtsministerin „setze hier besonders auf methodische, didaktische und pädagogische Maßnahmen (z.B. Weiterbildung), um die Resultate zu verbessern“. (1) Anders formuliert: Die LehrerInnen sind schuld.

Das Lösungskonzept des Grünen Bildungssprechers: „Die Gemeinsame Schule ermöglicht die bessere Durchmischung der SchülerInnen. Damit steigen die Chancen auf höhere Leistungen“. (2) Anders formuliert: Mit der Gesamtschule wird alles gut.

Der freiheitliche Bildungssprecher beschränkt sich in erster Linie auf eine Diagnose und kann damit nicht viel falsch machen: „Die Ergebnisse zeigen, dass das derzeitige Bildungssystem nicht das richtige Konzept darstellt, um den vorgesehenen Bildungsstandard zu erreichen“. (3)

Wir brauchen endlich einen echten Sozialindex und finanzielle Autonomie für die Verteilung der Ressourcen an die Schulstandorte“, meint der NEOS-Chef. (4) Von zusätzlichen Mitteln ist allerdings nichts zu lesen, also anders formuliert: Nehmt den Standorten mit besseren Ergebnissen Ressourcen weg!

Mit dem Autonomiepaket, das sich derzeit in Begutachtung befindet, geben wir den einzelnen Standorten mehr Freiheit und Eigenverantwortung und ermöglichen individuelle Förderung“, meint die ÖVP-Bildungssprecherin. (5) Grundsätzlich hätte sie damit recht, wenn mit dem „Autonomiepaket“ auch mehr Ressourcen an die Schulen kämen. Der Gesetzesentwurf steht aber unter der Prämisse der Kostenneutralität.

Belustigt hat mich schließlich der Versuch, ein neues Wording einzuführen. Hießen bis vor wenigen Tagen Schulen, die aufgrund des sozio-ökonomischen Hintergrundes ihrer SchülerInnen schlechte Ergebnisse erzielten, „Brennpunktschulen“ (6), so sind aus ihnen in der „Regierungssprache“ nun „Fokusschulen“ (7) geworden. Wer glaubt allen Ernstes, dass das die Situation an diesen Schulen verbessern wird? Aber der Fokus auf „Neusprech“ ist jedenfalls eine kostenneutrale Maßnahme …

(1) Hammerschmid: Bildungsstandard-Ergebnisse sind „akute Handlungsaufforderung“ – Umfangreiches Maßnahmenpaket. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(2) Walser zu Bildungsstandards: Ergebnisse sind gerade noch rechtzeitiges Alarmsignal. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(3) FPÖ-Mölzer: Weniger als die Hälfte der Schüler erreicht den vorgesehenen Bildungsstandard. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(4) NEOS zu Bildungsstandards: Herausforderungen mit finanzieller Autonomie und Sozialindex direkt an den Schulen lösen. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(5) Jank: Ergebnisse beim Lesen weiterhin dramatisch – Fokusschulen jetzt in den Mittelpunkt der Arbeit stellen. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(6) Siehe etwa Bernadette Bayrhammer, Sozialtopf durch größere Klassen finanzieren? In: Presse online vom 4. Jänner 2017.

(7) Siehe etwa die unter (1) und (5) genannten OTS-Aussendungen.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Im Fokus

  1. Dem STANDARD vom 29.3. entnehme ich die Ergebnisse der Bildungsstandardtestung Deutsch 2016. Ich zitiere hier die Auswertung für Schüler ohne Migrationshintergrund, um Verzerrungen im unteren Bereich auszuschalten:
    Lernziele übertroffen: 8%
    Lernziele erreicht: 54%
    Lernziele teilweise nicht erreicht: 27%
    Lernziele nicht erreicht: 12%
    (Dass da in Summe 101% herauskommen, führe ich auf einen Rundungseffekt zurück.)

    Ich möchte mich hier nicht inhaltlich äußern, sondern zu einem formalen Aspekt: Diese Ergebnisse eines schulischen Leistungstest spiegeln (mehr oder weniger) die klassische Gauss’sche Normalverteilung wieder, wie man sie im Mathematikunterricht lernt: links und rechts ist die Kurve symmetrisch, also 8% übertroffen und 12% nicht erreicht ist dieselbe Größenordnung.
    Vergleiche ich das mit den Zentralmatura-Ergebnissen 2016 – https://www.bmb.gv.at/ministerium/vp/2016/20160628_ahs.pdf?5i81ve
    so kommt dort in den Sprachen alles andere als eine Gauss’sche Normalverteilung heraus:
    Deutsch: 19,1% Sehr gut, 1,1% Nicht genügend
    Englisch: 26,2% Sehr gut, 2,2% Nicht genügend
    In Mathematik dagegen passt es: 8,6% Sehr gut, 6,9% Nicht genügend.

    Meine Frage: Wie kann es sein, dass derselbe Untersuchungsgegenstand (nämlich Schülerleistungen) einmal mathematischen Gesetzen gehorcht (bei der Bildungsstandardtestung) und einmal nicht (bei der Zentralmatura in den Sprachen)?
    Und wie sind die Unterschiede in Mathematik und in den Sprachen (Verhältnis Sehr gut zu Nicht genügend) bei der Zentralmatura testmethodisch zu erklären?

  2. sehr interessant – ich versuche eine Interpretation:
    Deutsch und Englisch – Maturaergebnisse >> da die eigenen LehrerInnen verbessern, ist hier der Spielraum, „positiv“ einzuwirken, sehr groß und wird von den LehrerInnen auch benutzt – besonders bei der Textbewertung
    das heißt, wir haben hier KEINE Noten/Leistungswahrheit
    Mathematik-Matura: durch das Punktesystem ist der Einfluss der LehrerInnen praktisch null – daher Notenwahrheit >> jedoch muss man sagen, dass die Ergebnisse NACH den sogenannten Kompensationsprüfungen dargestellt sind – und bei diesen wird das sehr erschreckende Ergebnis bei der schriftlichen Mathematikklausur durch die Möglichkeit der Einflussnahme nochmals verbessert, da die Prüfung mündlich stattfindet und „geholfen“ wird

    1. 1. In meinem Fach Englisch kann der Lehrer 3/4 der Gesamtpunkte bei der Zentralmatura nicht beeinflussen: Die Punkte von listening comprehension, reading comprehension und language in use sind vorgegeben.
      Der Spielraum des Lehrers im letzten Viertel – Schreibkompetenz – ist so gering, dass sich das rein mathematisch kaum auswirken kann. Abgesehen davon, heißt „Spielraum“ ja nicht, dass alle Lehrer in die gleiche Richtung ziehen. Wenn 50 Lehrer eher aufwerten und die nächsten 50 Lehrer eher abwerten, dann gleicht sich das wieder aus. Oder sollen wir davon ausgehen, dass ALLE Lehrer beschönigend unterwegs sind? (Diese Frage gilt natürlich auch für die Kompensationsprüfung – siehe weiter unten.)

      2. Wenn Kollege Parma die 21,8% Nicht genügend in Mathematik 2016 vor der Kompensationsprüfung als „sehr erschreckend“ bezeichnet, dann folgt er mit dieser Einschätzung dem in den Medien gezeichneten Bild.
      Ich verweise dagegen auf zwei Aspekte, die nirgendwo thematisiert wurden:

      2.1. In Mathematik wurden die 21,8% Nicht genügend im Weichspülgang der Kompensationsprüfung auf 6,9% begnadigt, also auf weniger als ein Drittel. In Deutsch ging es gar von 5,9% auf 1,1% herunter, als auf weniger als ein Fünftel. (Englisch: 5,5% auf 2,1%)
      Im Bundesland Kärnten gab es 2016 nach den Kompensationsprüfungen KEIN EINZIGES Nicht genügend in Deutsch mehr – in einem Matura-Pflichtfach! Im Burgenland wurden aus 7,1% Nicht genügend in Englisch 0,3% – das heißt, jedes vierundzwanzigste (!) Nicht genügend blieb tatsächlich „picken“. Wer kann solche Absolutionen noch ernst nehmen?

      2.2. Mit Blick auf die Gauss’sche Kurve: Wenn 21,8% Nicht genügend in Mathematik auf der einen Seite „sehr erschreckend“ ist, was sind dann 26,2% Sehr gut in Englisch? Wenn 21,8% in Mathematik als Ausreißer gewertet wird, wieso dann nicht auch die 26,2% in Englisch?

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