Gerhard Riegler: Erwartet und doch beeindruckend

Wer ein Debakel erwartet, wird sich nicht wundern, wenn es eintritt. Beeindrucken darf höchstens sein Ausmaß. Diese Gedanken begleiteten mich bei der Lektüre des „IQB-Bildungstrend 2016“, der am Freitag der vergangenen Woche erschienen ist. (1)

Baden-Württemberg hat bei innerdeutschen Schülerleistungsvergleichen bisher ebenso wie Bayern stets zu Deutschlands erfolgreichsten Bundesländern gehört. Auch beim „IQB-Bildungstrend 2011“ landete Baden-Württembergs Schulwesen in Deutschlands Spitzenfeld. Fünf Jahre später sieht es allerdings grundlegend anders aus. Zwischen diesen beiden Messpunkten erlitt Baden-Württemberg eine grün-rote Schulpolitik, die weitgehend der entsprach, die wir in Österreich seit einem Jahrzehnt erleben.

Baden-Württembergs Reformpolitik war hoch effizient. Ihre Auswirkungen sind in der 414 Seiten umfassenden Publikation nachzulesen. Einige Auszüge daraus:

  • Während in Bayern, beim „IQB-Bildungstrend 2016“ einmal mehr Deutschlands Top-Performer, 7,9 % der 10-Jährigen beim Lesen nicht einmal den Mindeststandard erreichen, sind es in Baden-Württemberg jetzt fast doppelt so viele (13,4 %).
  • Während in Bayern 8,3 % der 10-Jährigen nicht einmal den Mindeststandard der Mathematik erreichen, sind es in Baden-Württemberg jetzt fast doppelt so viele (15,5 %).
  • Beim Lesen verfehlten im Jahr 2011 31,1 % der 10-Jährigen Baden-Württembergs den Regelstandard, fünf Jahre später ist diese Gruppe auf 36,6 % angewachsen.
  • In Mathematik verfehlten im Jahr 2011 27,3 % der 10-Jährigen Baden-Württembergs den Regelstandard, fünf Jahre später ist diese Gruppe auf 37,3 % angewachsen.
  • In keinem anderen Bundesland Deutschlands hängen die Leseleistung und das mathematische Können stärker vom sozialen Hintergrund ab als in Baden-Württemberg.

Ein Debakel also, nicht nur hinsichtlich der Schülerleistungen, sondern auch hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit, um die es der gescheiterten Reformpolitik ja angeblich ging. Ein beeindruckendes Zeugnis für eine Politik, die sich weder von bildungswissenschaftlicher Evidenz noch von den Mahnungen der Lehrervertretung bei ihrer steilen Talfahrt „bremsen“ ließ.

Am Freitag dieser Woche hat der Bundes-Schulgemeinschaftsausschuss (B-SGA) seine Forderungen an die in den Nationalrat gewählten Politikerinnen und Politiker und an die künftige Bundesregierung präsentiert. Sie stehen ebenso wie ein neunseitiges Zusatzdokument „Fakten und Daten zu den Forderungen des B-SGA an die künftige Politik“ auf www.oepu.at zum Download bereit.

Ich bin stolz und glücklich, Mitglied des B-SGA zu sein und mich zu denen zählen zu dürfen, die sich darum bemüht haben, den Schaden einer Schulpolitik, die der Baden-Württembergs glich wie ein Ei dem anderen, möglichst gering zu halten.

Österreichs künftiger Schulpolitik empfehle ich, die zehn Forderungen des B-SGA und deren Begründung mit dem gebotenen Respekt sehr genau zu studieren und sie in ihr Programm für die kommende Legislaturperiode aufzunehmen – im eigenen Interesse und noch viel mehr im Interesse der Jugend unseres Landes, um die es der Schulpolitik doch gehen müsste.

(1) Petra Stanat et al. (Hrsg.), IQB-Bildungstrend 2016. Kompetenzen in den Fächern Deutsch und Mathematik am Ende der 4. Jahrgangsstufe im zweiten Ländervergleich (Münster / New York 2017).

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Erwartet und doch beeindruckend

  1. Als erster Punkt der Forderungen der B-SGA steht die Weiterentwicklung der Zentralmatura.
    Was ist der pädagogische Wert einer Matura?
    Wozu braucht man überhaupt Matura, wenn diverse Studien Aufnahmsprüfungen vorsehen, Tendenz steigend.
    Als fünften Punkt verlangen Sie die Vielfalt des Schulsystems auszubauen. Für die Sekundarstufe I gibt es fünf abgestufte Schulformen. Ist das nicht genug?

    1. Zur Frage, was der pädagogische Wert der Zentralmatura ist, sieht man sich am einfachsten die Ergebnisse der Zentralmatura 2017 auf der Homepage des Bildungsministeriums an:

      https://www.bmb.gv.at/ministerium/vp/2017/20170626.pdf?61edyr

      Ich greife einen Aspekt heraus, das Verhältnis von Sehr gut zu Nicht genügend (nach Kompensationsprüfungen) an AHS:
      Deutsch: 20:1, Englisch: 11:1, Mathematik: 3:1

      Sowohl, was die absolute Höhe (jedenfalls in D und E), als auch, was die die relative Verteilung der drei Fächer betrifft, kann sich jeder seine eigenen Gedanken machen – nur tut das niemand, sonst läse man irgendwo irgendwas darüber.

  2. Die Frage richtete sich an den pädagogischen Wert, und nicht an die Ergebnisse. Vielleicht haben Sie, s. g. Hr. Riegler, diesbezüglich schon einige Überlegungen parat.

  3. Sehr geehrter Herr Hartel,

    in der Tat erleben wir Jahre, in denen der Wert der Reifeprüfung sukzessive schwindet. Nicht auszuschließen ist es, dass sich die Reifeprüfung am Ende dieser Entwicklung per se in Frage stellt, wenn sie dem jungen Menschen keine andere Berechtigung mehr erteilt, als sich um den Zugang zum postsekundären bzw. tertiären Bildungsbereich bewerben zu dürfen. Gerade angesichts dessen ist darauf zu achten, dass eine Abschlussprüfung die vor ihr liegenden Jahre schulischen Wirkens nicht behindert, sondern zu ihnen passt und sie womöglich unterstützt.

    Die Forderung des fünften Punktes („Vielfalt des Schulwesens ausbauen“) betrifft nicht „nur“ die Sekundarstufe I, sondern das Schulwesen als Ganzes. Die Tendenz der Politik geht leider – aus ideologischen Gründen, aber auch, um Einsparungen zu erzielen – seit Jahren in Richtung Vereinheitlichung und damit in die gegenteilige Richtung.

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