Subversive Kräfte

Verbesserung der Lernprozesse, Überprüfbarkeit, Individualisierung des Lernens, Kompetenzen, Kompetenzraster, Evaluation, Quality Management, „Bildungsstandards“ (1) etc. Wer hat diese Begriffe nicht schon unzählige Male als die Mittel zur Rettung unseres ach so schlechten Bildungssystems präsentiert bekommen?

Die genannten Begriffe sind Symptome eines internationalen Prozesses, der in Richtung Privatisierung des Bildungswesens läuft. Dahinter stehen Organisationen wie die OECD. „Weil sich die ganze Unternehmung als «Reform» tarnt, verstehen die Menschen nicht, was vor sich geht. […] die Reformwellen rollen immer schneller und verändern alles, bevor man sich besinnen kann. Sie verändern grundlegend:

  • die Organisation: Auflösung von Jahrgangsstufen und Klassenverbänden,
  • die Führung: Manager statt Headmaster,
  • das Curriculum: Es gibt keine verbindlichen Inhalte mehr,
  • die Methoden, mit denen unterrichtet wird (jeder Schüler schafft für sich an seinen individuellen Lernjobs statt im gemeinsamen Klassenunterricht),
  • die Leistungsbeurteilung (Testen von Kompetenzen und Unterkompetenzen),
  • die Art wie Schüler, Schulen, Schulleiter und ganze Gemeinden bewertet werden: Wer widerspruchslos mitmacht, ist innovativ, wer sich sträubt, ist rückständig.“ (2)

Private vs Public words on a toggle switch to flip between privaDie österreichische Bundesverfassung legt fest, dass Österreich eine demokratische Republik ist und ihr Recht vom Volk ausgeht. Weiters bestimmt sie, dass die Schule Wissen, Können und bestimmte Werte vermitteln soll. (3) All das wird durch diese indirekte Steuerung von außen umgangen. (4) „Das Bildungswesen wird damit quasi unbemerkt aus der Ferne gesteuert. Ein managing Netzwerk tritt an die Stelle der staatlichen Behörden. Damit einher geht der Niedergang des Nationalstaates als der Ort, an dem Politik gemacht wird.“ (5)

Der Prozess ist aber nicht nur verfassungsrechtlich bedenklich, sondern auch eine bildungspolitische Katastrophe. Die Folgen listet sogar das BIFIE auf: Konzentration auf testmethodische und -strategische Kompetenzen, Verengung des Curriculums auf testrelevante Fähigkeiten und Inhalte, Ausschluss leistungsschwacher Schüler etc. (6) Allerdings formiert sich Widerstand – auch von Wissenschaftlern, wie etwa der im Juni 2010 gegründeten „Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.“. Wir alle dürfen und sollten auf den Bildungsidealen der österreichischen Verfassung beharren, auch wenn wir dafür als rückständige Betonierer an den medialen Pranger gestellt werden.

Der über jeden Verdacht des Konservativismus erhabene französische Soziologe Pierre Bourdieu formulierte: „Aber diese Kräfte der Bewahrung, die sich leicht als konservative Kräfte hinstellen lassen, sind auch in einem anderen Zusammenhang die Kräfte des Widerstandes gegen die Einführung der neuen Ordnung, die zu subversiven Kräften werden können.“ (7)

(1) „Bildungsstandards“ ist der rechtlich korrekte Begriff, aber ein Oxymoron, weshalb ich ihn immer unter Anführungszeichen setze. Zu meinen, Bildung ließe sich „standardisieren“, ist das sicherste Zeichen dafür, dass einem etwas fehlt: Bildung.

(2) Renate Caesar, Die heimliche Privatisierung des öffentlichen Bildungswesens. In: Zeit-Fragen online vom 3. Februar 2015.

(3) In Artikel 14 B-VG liest man: „Demokratie, Humanität, Solidarität, Friede und Gerechtigkeit sowie Offenheit und Toleranz gegenüber den Menschen sind Grundwerte der Schule“. Die jungen Menschen sollen befähigt werden, „an den sozialen, religiösen und moralischen Werten orientiert Verantwortung für sich selbst, Mitmenschen, Umwelt und nachfolgende Generationen zu übernehmen.

(4) Siehe dazu Eckehard Quin, Die subversive Kraft der störrischen Lehrer. In: gymnasium, 6/2013, S. 4-7.

(5) Caesar, Privatisierung.

(6) Siehe Herbert Altrichter und Anna Kanape-Willingshofer, Bildungsstandards und externe Überprüfung von Schülerkompetenzen: Mögliche Beiträge externer Messungen zur Erreichung der Qualitätsziele der Schule, S. 374. In: Barbara Herzog-Punzenberger (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012, Band 2. Fokussierte Analysen bildungspolitischer Schwerpunktthemen (Graz 2012), S. S. 355-394. Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(7) „Mais ces mêmes forces de „conservation“, qu’il est trop facile de traiter comme des forces conservatrices, sont aussi, sous un autre rapport, des forces de résistance à l’instauration de l’ordre nouveau, qui peuvent devenir des forces subversives.“ Pierre Bourdieu, L’essence du néolibéralisme. In: Le Monde diplomatique, mars 1998.

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2 Gedanken zu “Subversive Kräfte

  1. In der PRESSE vom 18.2. erschien ein Interview mit dem Sprecher der 320 AHS-DirektorInnen Österreichs, Mag. Wilhelm Zillner, Direktor des BRG/BORG Kirchdorf /OÖ.
    Bezugnehmend auf die kürzlich durchgeführte österreichweite Mathematik-Probeschularbeit heißt es in dem Artikel:
    „Die 28 Prozent Fünfer im Österreich-Schnitt regen den erfahrenen AHS-Direktor nämlich nicht auf: ‚Dass in einer Klasse ein Viertel Fünfer sind, haben wir früher auch immer wieder gehabt. Hat da jemand aufgeschrien? Viel Lärm um nichts’, findet er: ‚Das kann ja wohl nicht an der Ministerin liegen, wenn ein Viertel Fünfer geschrieben werden. Die haben vielleicht einfach nicht so zielgerichtet wie nötig gearbeitet. Ich frage mich, ob es in diesem Land einen Maturanten gibt, der nicht solche oder schlechtere Schularbeitenergebnisse erlebt hat – und das war keine Schlagzeile in den Medien. Da wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht.’“

    Wenn E. Quin schreibt, dass wir mitten in einem Prozess sind, in dem Headmaster zu Managern transformiert werden, dann frage ich mich, in welche Kategorie Mag. Zillner wohl gehört. „Headmaster“ ist er keiner, denn ein Headmaster beißt andere Lehrer und Schüler, die er gar nicht kennt (denn an seiner Schule waren die Ergebnisse der Mathematik-Probeschularbeit sicherlich hervorragend …) nichts ins Wadl, indem er ihnen taxfrei Inkompetenz unterstellt („Die haben vielleicht einfach nicht so zielgerichtet wie nötig gearbeitet“). Manager ist er auch keiner, denn ein Manager ist wenigstens mit den Grundzügen von Statistik vertraut und kann zwischen Einzelfällen und statistisch aussagekräftigen großen Zahlen unterscheiden.

    Bisher habe ich kein Wort des Widerspruchs von einem/einer der 320 AHS-DirektorInnen wahrgenommen, welche Mag. Zillner vertritt. Qui tacet consentit?

    1. Korrektur: Der zitierte Artikel (mit dem Titel „Zentralmatura: Bitte Hausverstand einschalten“ erschien nicht in der PRESSE, sondern im STANDARD vom 18.2. (auf Seite 7).
      Sorry …

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