Gerhard Riegler: Vorurteile

Kaum war das Ergebnis der Standardtestungen publik, prasselten zahlreiche Kommentare und Interpretationen auf die Öffentlichkeit ein. Eine Kakophonie aus Schönrederei und Pseudointerpretationen erschallte. Die Verwirrung wurde von Tag zu Tag größer.

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Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Eder, der Leiter jener Kommission, die die Evaluierung der NMS nachholen soll, verspürte offenbar den tiefen Drang, den Gymnasien anlässlich ihrer herausragenden Ergebnisse eine Breitseite zu verpassen: Die AHS erreiche ihren Leistungsvorsprung „oft auf Kosten der psychischen Gesundheit der Kinder“. An den Gymnasien herrsche mehr Stress und Angst als an der NMS. (1)

Woher Eder sein vorgebliches „Wissen“ nimmt, teilt er nicht mit. Die aktuellen Standardtestungen können jedenfalls nicht die Quelle seiner Behauptung sein. Denn am liebsten besuchen GymnasiastInnen ihre Schule, wie dem Herrn Universitätsprofessor bereits ein kurzer Blick in den Ergebnisbericht gezeigt hätte. (2) Er ließ sich offenbar lieber von seinen Vorurteilen leiten, die wissenschaftlichen Standards wohl nicht standhielten.

Es geht nicht allein um das Kognitive, sondern auch um den psychomotorischen und emotionalen Bereich.“ (3) Ich teile diese Meinung der neuen Unterrichtsministerin. Bleibt zu hoffen, dass BM Heinisch-Hosek dem Kinder- und Jugendpsychiater Winterhoff mehr Gehör schenkt als Eder. Es „sollten Politiker stärker den Praktikern an den Bildungseinrichtungen zuhören und sich die Probleme schildern lassen, anstatt Studie um Studie in Auftrag zu geben, in der man sich die Zahlen dann so zurechtbiegt, wie es ins jeweilige (partei-)politische Programm passt.“ (4)

Meine Vorurteile lassen mich vermuten, dass BM Heinisch-Hosek Winterhoffs Rat nicht beherzigen wird. Aber vielleicht besteht Hoffnung, denn – das hat Prof. Eder eindrücklich bewiesen – es zählen letztlich keine Vorurteile, sondern Fakten!

(1) Edith Meinhart und Christa Zöchling, Neue Mittelschule: Warum sie scheitern musste. In: Profil online vom 10. Februar 2014.

(2) Claudia Schreiner und Simone Breit (Hrsg.), Standardüberprüfung 2013.  Englisch, 8. Schulstufe (Salzburg 2014), S. 22.

(3) Zit. n. Edith Meinhart und Christa Zöchling, Gabriele Heinisch-Hosek über das „junge Pflänzchen“ Neue Mittelschule. In: Profil online vom 12. Februar 2014.

(4) Michael Winterhoff, SOS Kinderseele. Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können (2013), S. 197.

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4 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Vorurteile

  1. Vorurteile – viele Eltern haben das Vorurteil, dass ihre begabten Kinder in einem Gymnasium (AHS Langform) am besten gefördert und gebildet werden. Diesem Vorurteil habe ich nichts hinzuzufügen und wünsche vielen Eltern – und deren Kindern – dass sich dieses Vorurteil bewahrheitet!

  2. Bei den Standard-Testungen Englisch kam heraus, dass die NMS geringfügig schlechter abschneidet als die HS.
    Kosten tut der Englischunterricht an NMS aber mehr als das Doppelte als an HS, weil das Gehalt des AHS/BHS-Zweitlehrers (L1) höher ist als die L2a2-Staffel der Pflichtschullehrer. Für (knapp weniger als) dieselbe Leistung fällt also mehr als das Doppelte an Kosten an.
    Im österreichischen Strafgesetz findet man im §155 die Bestimmungen über Wucher. Ich erkläre den Tatbestand anhand eines Beispiels: Wenn ich bei einem Händler für einen Fernseher € 1000 bezahle, der bei MediaMarkt regulär nur €499 kostet, dann
    hat sich der Händler des Wuchers schuldig gemacht („Verkürzung über die Hälfte“, „laesio enormis“) weil er mehr als das Doppelte des wahren Wertes verlangt hat. Die Strafandrohung für Wucher liegt bei maximal drei Jahren Gefängnis, bei Gewerbsmäßigkeit bei fünf Jahren.
    Der Steuerzahler muss für den Englischunterricht an einer NMS mehr als das Doppelte des wahren Wertes bezahlen.
    Noch Fragen?

    1. Es dürfte klar sein, von welchen handelnden Personen die Position und das Gehalt des Herrn Eder abhängt. Wahrscheinlich hat er von den Bifie-Fällen gelernt. Ein Schelm der Böses denkt….

      @Erich Wallner: excellente Analogie. Ich habe die Zahlen in diesem Vergleich noch nicht gekannt, bin aber nicht überrascht. Und vor dem Hintergrund, dass den AHS mehr und mehr der Geldhahn abgedreht wird, wirkt diese Tatsache wie ein Schlag ins Gesicht. Man könnte genauso gut das Geld am Klosterwappen zum Heizen verbrennen.

      Im Übrigen überrascht mich das Ergebnis NMS-HS überhaupt nicht, da ich dort Erfahrungen sammeln durfte. Dort werden von den drei angesprochenen Bereichen der kognitive Bereich eher nicht berücksichtigt, und das geben außer den ideologieverblendeten „Lerndesignern“ auch die meisten zu. Die Wahrheit ist, dass im Mittel der Schritt von der HS zur NMS Nivellierung nach unten bedeutet. Man darf nicht alles über einen Kamm scheren, aber die Tendenz ist eindeutig.

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