Gerhard Riegler: Späte Einsicht

Nach Möglichkeit und bei entsprechendem Bedarf sollen Schülerinnen und Schüler […] vor dem vollständigen Eintritt in den Regelunterricht, in eigenen Sprachstartgruppen intensiv in der Unterrichtssprache Deutsch soweit auf den Regelunterricht vorbereitet werden, dass sie in diesen vollständig übertreten und diesem folgen können.“ (1)

The ostrich has buried a head in sand

So lautet ein Vorhaben der Bundesregierung, das am Donnerstag in Begutachtung geschickt wurde. Es ist höchst erfreulich, dass endlich Einsicht ideologische Blockaden zu überwinden scheint. Die katastrophalen Ergebnisse der Standardüberprüfung am Ende der Volksschule dürften das jahrelange Verdrängen der Wirklichkeit nun doch beenden. Am Tag der Präsentation hatte die Unterrichtsministerin ja noch einen kläglich-skurrilen (letzten?) Versuch unternommen, die traurige Wirklichkeit schönzureden: „Das Ergebnis zeigt, dass das österreichische öffentliche Bildungswesen sehr gut funktioniert.“ (2)

Hier einige Fakten:

  • 38 % der 10-Jährigen Österreichs verfügen über kein ausreichendes Leseverständnis. In Wien sind es sogar 44 %. (3)
  • Österreichweit erreichen fast zwei Drittel der 10-Jährigen die Lernziele beim Leseverständnis nicht oder nur teilweise. (4)
  • 10-Jährige aus einem Elternhaus mit höchstens Pflichtschulabschluss haben auf ihre gleichaltrigen MitschülerInnen, deren Eltern eine universitäre oder ähnliche Bildung aufweisen, einen Leistungsrückstand von über drei Jahren. Sie befinden sich mit ihren Leistungen kurz vor Ende der Volksschule dort, wo die anderen bereits am Beginn standen. (5)

Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann fand im Ö1-Morgenjournal klare Worte: „Da ist es fast unmöglich, egal wie gut die Lehrkraft ist, tatsächlich alle so zu erreichen, dass sie ihre Möglichkeiten ausnutzen können. Das heißt, was wir dringend bräuchten, wäre eine Schulorganisation – schon in der Volksschule –, die es ermöglichen würde, unterschiedlichen Förderbedarf unterschiedlich zu bedienen.“ (6)

Spät kommt die Erkenntnis der Politik, für viele junge Menschen, denen durch das jahrelange Verschleppen eines dringenden Handlungsbedarfs faire Chancen geraubt wurden, viel zu spät. Deshalb mischt sich in meine Freude ein hohes Maß an Ärger und Wut. Österreichs Schulpolitik scherte sich viel zu lange keinen Deut um bildungswissenschaftliche Erkenntnisse.

Was jenseits der engen Grenzen Österreichs oder gar in englischer Sprache publiziert wird, ignoriert die Politik nahezu durchgängig. Aber zumindest den leicht verständlichen Nationalen Bildungsbericht des BIFIE hätten die Damen und Herren schon vor drei Jahren in die Hand nehmen können, statt die ewig gleichen dummen Sprüche zu klopfen. In ihm hätten sie lesen können, dass in Österreich 10-Jährige, deren Eltern höchstens über Pflichtschulabschluss verfügen, auf ihre MitschülerInnen, deren Eltern eine universitäre oder ähnliche Bildung aufweisen, in Deutsch einen Leistungsrückstand von über drei Jahren aufweisen. Ja, genau dasselbe, was jetzt die Standardergebnisse belegen! (7)

Sollten sich PolitikerInnen, durch diesen Kommentar angeregt, vielleicht doch noch dazu bequemen, den Nationalen Bildungsbericht drei Jahre nach seinem Erscheinen in die Hand zu nehmen, werden sie auf derselben Seite erfahren, dass es unserer differenzierten Sekundarstufe I gelingt, diesen Rückstand um immerhin etwa ein Drittel zu verkleinern.

Ebenso könnten sie in BIFIE-Publikationen nachlesen, dass der enorme Rückstand, den 10-Jährige mit Migrationshintergrund aufweisen, während der differenzierten Sekundarstufe I deutlich verringert wird. (8)

In Staaten, deren öffentliches Schulwesen sich auf Gesamtschulen beschränkt, steigt die Abhängigkeit der Schülerleistungen vom Elternhaus während der Sekundarstufe I. Um das zu erfahren, müssten sie zu bildungswissenschaftlicher Literatur aus dem Ausland greifen, aber das … (s. o.)

Die „Panama Papers“ führten binnen weniger Tage zu ersten Rücktritten. Das jahrelange Ignorieren, Vertuschen und Auf-den-Kopf-Stellen von Fakten durch Österreichs „Schulpolitik“ würden meines Erachtens Rücktritte nicht weniger rechtfertigen. Ignoranz und Präpotenz haben genug Schaden angerichtet und gefährden unsere Zukunft.

(1) Erläuterungen zum Schulrechtspaket 2016 vom 7. April 2016.

(2) Conrad Seidl, Vier von zehn Volksschülern können nicht sinnerfassend lesen. In: Standard online vom 1. April 2016.

(3) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Landesergebnisbericht Wien (2016), S. 31.

(4) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Bundesergebnisbericht (2016), S. 39.

(5) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2015 – Deutsch, 4. Schulstufe, Bundesergebnisbericht (2016), S. 103.

(6) Ö1-Morgenjournal vom 1. April 2016, 8:00.

(7) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht, Österreich 2012 (2013), Band 2, S. 199.

(8) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2013 – Mathematik, 4. Schulstufe (2014), S. 30f; BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2013 – Englisch, 8. Schulstufe (2014), S. 50f.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


6 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Späte Einsicht

  1. Danke Herr Riegler

    Seit Jahren fordern Lehrerinnen und Lehrer Unterstützung, aber es passiert nichts. Alles wurde schön geredet und das einzige, was der Bildungsministerin einfällt ist reflexartig die Gesamtschule als Allheilmittel. In der Steiermark hat der Lehrerbund eine Aktion gestartet und fordert in einer Petition die gesetzliche Verankerung eines ZWEI- LEHRERSYSTEMS im Schuleingangsbereich. Seit die Aktion ins Leben gerufen wurde langen täglich Unterschriften ein. Menschen die nicht im Bildungssektor arbeiten haben sich auch beteiligt. Es ist an der Zeit die wahren Experten endlich einmal sprechen zu lassen. Es sind nämlich Lehrerinnen und Lehrer. Seit Jahren werden wir öffentlich diskreditiert. Der Bürgermeister von Wien verhöhnt vor laufenden Kamaras im Beisein des Bundeskanzler einen gesamten Berufstand. Jetzt wundert man sich darüber warum manche Schüler und Eltern völlig respektlos mit Lehrerinnen und Lehrern umgehen. Mich wundert das nicht, das ist LERNEN AM OBJEKT.
    Es ist Zeit, dass sich was ändert.

  2. Auch in der Schweiz verlassen 20 Prozent der Schüler die Volksschule ohne Lesen zu können. Auch bei uns wird verharmlost und vertröstet. Aber getan wird nichts.
    Gleichzeitig pflegen wir zwei Frühfremdsprachen in den ersten Schuljahren, was sich als schädlich für den gründlichen Erwerb von Deutsch herausstellt. Ganz abgesehen davon, dass mit den Frühfremdsprachen enorm viel Zeit und Geld sinnlos vernichtet wird.

  3. Späte Einsicht… ja, ja, immerhin besser als gar keine Einsicht! Obwohl, lassen wir uns nicht täuschen fehlende Einsicht im Schulbereich in äußerst vielen Köpfen weiterhin platzgreifend bleiben wird, vor allem bei den ExpertInnen in Politik und Journalismus. EIGENSTÄNDIGES, logisches Denken hat halt in solchen Köpfen keinen Platz mehr.
    ZweilehrerInnensystem im Anfangsunterricht (verfassungsmäßg verankert???), gut … aber wozu? Da man ja gleich in bestimmten Teilbereichen (Spracherwerb) kleinere (noch kleinere) Klassen eröffnen. Das wird wohl am Platzmangel liegen.
    Dem Datendienstag entnehme ich, dass „….Die Lernziele nicht oder nur teilweise erreichen von den 10-Jährigen“ auch immerhin 20-22% der Schülerinnen, die aus einem Elternhaus mit universitärer oder ähnlicher Bildung stammen. Das ist eigentlich erschreckend hoch und spricht nicht für ein gutes System….

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