Gudrun Pennitz: Dürfen Kinder gerne lernen?

Das hämische Gelächter zweier junger Reporter eines Privatradiosenders, das mir vor wenigen Wochen aus dem Autoradio entgegenschallte, ärgert mich immer noch, galt es doch einem kleinen Volksschulmädchen. Womit hatte es sich öffentlichen Spott verdient?

Zu Beginn des zweiten Semesters hielten die beiden wackeren Vertreter ihrer Zunft Volksschulkindern ein Mikrofon vor die Nase und wollten wissen, was diese denn nun davon hielten, dass die Ferien zu Ende seien. Ein kleines Mädchen erklärte mit wohlgesetzten Worten, dass sie sehr gerne in die Schule gehe. Dort könne sie ihre Freundinnen treffen und viel lernen. Sie lerne gerne und freue sich darauf. Das quittierten die beiden – sinngemäß zitiert – in ihrem Sendebeitrag mit wieherndem Gelächter, Prusten und spöttischen Kommentaren wie: „Ach, sie geht GERNE in die Schule!“, „das hat sie WIRKLICH gesagt, das haben wir ihr nicht in den Mund gelegt!“, „sie will LERNEN!“, ganz so, als sei diese Aussage so aberwitzig, dass man sich ruhig in einer Radiosendung darüber lustig machen könne. Der Beitrag sollte wohl dem Gaudium all derer dienen, von denen angenommen wurde, dass sie Schule und Lernen blöd finden, vermeintlich also (beinahe) aller HörerInnen. Schließlich hat eine negative Einstellung gegenüber dem Schulbesuch in Österreich Tradition. Noch bevor kleine Kinder einen ersten Fuß in die Schule gesetzt haben, werden sie schon von allen Seiten bedauert, weil für sie ja nun der „Ernst des Lebens“ beginne. „Warte nur, bis du in die Schule kommst …!“ Die Schule – ein Ort des Schreckens.

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Das Ergebnis der kürzlich veröffentlichten Studie des BIFIE über das Ergebnis der Standardüberprüfung in Mathematik in der vierten Schulstufe hält für solche SchulskeptikerInnen aber eine Überraschung parat. Bessere Leistungen – und die gab es offenbar diesmal in Mathematik bei den 10-Jährigen – gehen nicht zwingend mit weniger Freude am Lernen einher: Der Anteil der SchülerInnen Österreichs der 4. Schulstufe, die „ungern“ oder „sehr ungern“ in die Schule gehen, liegt bei dürftigen 8%! (1)

Höchst erfreulich finde ich, dass diese Schulzufriedenheit sich nicht nur auf die Volksschulkinder beschränkt, sondern sich über die Pubertät hinaus fortsetzt: „Schüler/innen in österreichischen Schulen der Sekundarstufe 1 stehen der Schule größtenteils positiv oder zumindest neutral gegenüber: 59 % geben an, gern oder sehr gern in die Schule zu gehen, etwa ein Viertel (27 %) äußert sich neutral. Insbesondere in ihrer Klasse fühlen sich die meisten Schüler/innen wohl. Mehr als drei Viertel der Schüler/innen äußern sich in Bezug auf ihre Klasse positiv, weitere 15 % neutral. Nur 9 % geben an, (sehr) unzufrieden mit ihrer Klasse zu sein.“ (2)

Derselbe Bericht konstatiert, dass 93 % aller SchülerInnen „die eigene soziale Eingebundenheit als eher hoch oder hoch“ bezeichnen. „Dieses hohe Zugehörigkeitsgefühl zur Schule belegen für Österreich auch im internationalen Vergleich die Ergebnisse der OECD-Studie PISA 2012“. (3)

Und tatsächlich, auch die überwiegende Mehrheit der 15-Jährigen fühlt sich in ihrer Schule pudelwohl: „In the PISA 2012 study, some 80% of students in Austria reported that they feel happy at school“. (4)

Die Aussagen der SchülerInnen werden durch ihre Eltern mehr als bestätigt. Über 95 % von Österreichs Eltern der 10-15-Jährigen stimmen der Aussage „Mein Kind geht gerne zur Schule“ zu. (5)

Den LehrerInnen an Österreichs Schulen gebührt dafür größte Bewunderung und Wertschätzung! Gelingt es ihnen doch, unter immer schwieriger werdenden Bedingungen ein Lernklima zu schaffen, das Leistung UND Wohlfühlen fördert. Schade, dass viel zu viele Medien diese so positive Tatsache nicht wirklich interessiert. Dass sich die beiden Reporter inzwischen zumindest bei dem Mäderl entschuldigt haben, bezweifle ich.

(1) Siehe BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2018. Mathematik, 4. Schulstufe. Bundesergebnisbericht (Februar 2019), S. 31.

(2) BIFIE (Hrsg.), Standardüberprüfung 2017. Mathematik, 8. Schulstufe. Bundesergebnisbericht (Februar 2018), S. 32.

(3) Ebenda.

(4) Michael Bruneforth et. al., OECD Review of Policies to Improve the Effectiveness of Resource Use in Schools. Country Background Report for Austria (Herbst 2015), S. 117.

(5) Vgl. ÖIF (Hrsg.), Erziehung – nicht genügend? (2016), S. 165.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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