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Im Reich der Mythen und Märchen

Es ist vorbei“. So lautet der Titel eines Zeitungsartikels vom Mittwoch. (1) Zitiert wird damit BM Mag.a Dr.in Sonja Hammerschmied, die mit dieser Aussage das „Autonomiepaket“ meint. Am Donnerstag klingt das schon wieder anders. „Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP“, titelt da eine andere Zeitung. (2) Das nenne ich Flexibilität.

Qualitätsjournalismus à la „Österreich“ liefert der „Kurier“ mit der Schlagzeile vom selben Tag: „Die Schule geht kaputt – doch sie pokern weiter“. (3) Als ob die im „Autonomiepaket“ vorgesehenen Maßnahmen zur Lösung der tatsächlichen Probleme in den Schulen Nennenswertes beitragen könnten! Bemerkenswert ist die der SPÖ zugeschriebene Aussage: „Der fertige Entwurf für das Bildungspaket liege seit Monaten fertig am Tisch.“ (4) Ich frage mich, worüber wir verhandelt haben, wenn alles seit Monaten „fertig“ ist.

Besonders erheitert hat mich dann eine APA-Meldung, die ausschließlich Wortspenden der Grünen beinhaltet und in vielen Medien ihren Niederschlag gefunden hat. Darin werden der „Wiener ÖVP-Chef Gernot Blümel“ und ich als „ÖVP-interne Heckenschützen“ bezeichnet. (5) „Mahrer und der designierte ÖVP-Chef Sebastian Kurz hätten diese zwar versucht, zur Räson zu bringen, seien aber gescheitert. Anschließend habe man zunächst das Junktim mit der Studienplatzfinanzierung gebracht und dann eine Einigung überhaupt in Abrede gestellt.“ (6)

Gestatten Sie mir, geschätzte Leserinnen und Leser, das Reich der Mythen und Märchen zu verlassen und einen Blick auf die Tatsachen zu werfen:

  • Weder der Begutachtungsentwurf noch der nach der Begutachtungsfrist mit der Gewerkschaft verhandelte Gesetzestext enthält „Mischcluster“ (also Cluster mit Bundes- und Pflichtschulen) oder Modellregionen zur Gesamtschule. Beides hat nichts mit dem „Autonomiepaket“ zu tun, das in Begutachtung war.
  • Die ARGE LehrerInnen in der GÖD hat zum „Autonomiepaket“ im Namen aller fünf Lehrergewerkschaften ihre Positionierung beschlossen und schriftlich festgehalten. (7)
  • Das gesamte „Autonomiepaket“ ist unter der Prämisse der Kostenneutralität entwickelt worden. Eine kostenneutrale Modellregion zur Gesamtschule wird von allen Lehrergewerkschaften und allen Fraktionen – selbst den gesamtschulaffinen – abgelehnt und wurde – vielleicht auch deshalb – mit uns nie verhandelt.
  • Für den Beschluss des „Autonomiepakets“ bedarf es einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament. Dafür müssten die Grünen oder die FPÖ das Gesetzespaket unterstützen. Beide Oppositionsparteien stellen dafür Bedingungen wie etwa die flächendeckende Gesamtschule in Vorarlberg (Die Grünen würden sich mit einer kostenneutralen Variante zufrieden geben.) oder eigene Sprachklassen vor Eintritt in den „normalen“ Unterricht (FPÖ). Ersteres könnte die SPÖ mittragen, Letzteres die ÖVP – aber nicht vice versa.
  • Flächendeckende Gesamtschule steht ebenso wenig in den Regierungsbeschlüssen zur „Bildungsreform“ wie eigene Sprachklassen.
  • „… die Bildungsreform ist zwar kein großer Wurf, aber es sind durchaus sinnvolle Maßnahmen dabei“, sagte BM Sebastian Kurz in der ZiB2 am Mittwoch. Diese Aussage trifft es eher als die oben zitierte „Kurier“-Schlagzeile.

Die „fokussierte Unintelligenz“ von Wahlkampfzeiten (© Dr. Michael Häupl) zieht offenbar wieder einmal besonders große Kreise. Mich lassen viele Kommentare an Worte von Josef Kraus denken, dem langjährigen Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands: „Ein großer Teil der Bildungspolitik löst keine Probleme, sondern schafft Probleme. Oder noch härter: Bildungspolitik ist in weiten Teilen eine Maßnahme zur vermeintlichen Lösung von Problemen, die es ohne eine bestimmte Bildungspolitik nicht gäbe.“ (8)

(1) Brigitte Pechar, „Es ist vorbei“. In: Wiener Zeitung online vom 7. Juni 2017.

(2) Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP. In: Kleine Zeitung vom 8. Juni 2017.

(3) Raffaela Lindorfer, Bernhard Gaul, Christian Böhmer, Die Schule geht kaputt – doch sie pokern weiter. In: Kurier online vom 7. Juni 2017.

(4) a.a.O.

(5) „Größtmöglicher innenpolitischer Schaden“. In: ORF online vom 8. Juni 2017.

(6) Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP.

(7) Resolution der ARGE LehrerInnen in der GÖD zum „Autonomiepaket“ vom 1. Juni 2017.

(8) Josef Kraus, 30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen. Vortrag in Berlin am 16. Mai 2017.

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Problemlösungskompetenz

In unserer kompetenzvernarrten Bildungswelt wäre es schön, wenn die zuständigen PolitikerInnen Problemlösungskompetenz bewiesen. Gelegenheit dazu gäbe es genug, wie allein die Lektüre der Tageszeitungen vom 21. und 22. Februar zeigt.

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So war etwa am Dienstag in der „Presse“ (1) zu lesen, dass ein Viertel der Schüler zuhause nicht Deutsch spricht, und in Wien der Anteil von SchülerInnen mit einer anderen Umgangssprache als Deutsch bereits 50 Prozent beträgt, womit die Bundeshauptstadt in eine Situation geraten ist, die es meines Wissens OECD-weit in keiner anderen Metropole gibt. Dass Arabisch und Rumänisch beim Zuwachs ganz vorn liegen, wird die pädagogischen Herausforderungen wohl auch nicht verringern.

Ein weiterer „Presse“-Artikel beschäftigte sich am darauffolgenden Tag mit der aktuellen Allianz-Studie zum Thema Stress. Darin heißt es wörtlich: „Am meisten gestresst sind die Lehrer (45 Prozent), gefolgt von der Handelsbranche (43 Prozent) und dem Transportwesen (42 Prozent)“. (2)

Zweifellos ist die in den letzten Jahren konstant gewachsene Stressbelastung der LehrerInnen nicht monokausal mit der drastischen Zunahme des Anteils jener Kinder verknüpft, die zuhause nicht Deutsch sprechen, gibt es doch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die es Eltern schwer machen, ihren Aufgaben in Erziehung und Förderung ihrer Kinder gerecht zu werden. Schule verkommt seit vielen Jahren immer mehr zur Reparaturwerkstätte sozialer Nöte. Dass angesichts all dieser Umstände die Stressbelastung für annähernd die Hälfte der PädagogInnen mittlerweile unerträglich geworden ist, kann nur praxisferne „ExpertInnen“ verwundern.

Müssten die zuständigen PolitikerInnen nach Lektüre der beiden Artikel nicht darüber nachdenken, was schiefgelaufen ist, und überlegen, was sie für Österreichs Schule und ihre LehrerInnen tun können? Hätten sie nicht jeden Grund dazu, ihre Problemlösungskompetenz zu beweisen? „Handreichungen“ der Lehrergewerkschaften, mit welchen dringend gebotenen Schritten dem Burnout der LehrerInnen und dem Kollaps der Schule entgegengewirkt werden müsste, stehen ihnen in jeder Menge zur Verfügung.

Die Bildungsministerin hat sich tatsächlich prompt zu Wort gemeldet: „Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt“, titelte die „Presse“ (3) am Donnerstag. Die „Modellregionen“ seien „nicht vergessen und nicht gestorben“, sagte die Ministerin. Ist das Problemlösungskompetenz?

(1) Ein Viertel der Schüler spricht zuhause nicht Deutsch. In: Presse online vom 21. Februar 2017.

(2) Stress-Studie: Am meisten leiden die Lehrer. In: Presse online vom 22. Februar 2017.

(3) Gesamtschule ist Hammerschmids nächstes Großprojekt. In: Presse online vom 23. Februar 2017.

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Placebo-Politik

Der Placebo-Effekt ist in der Medizin gut untersucht. Wenn der Patient (1) glaubt, dass er ein wirksames Medikament erhält, bessert sich sein Gesundheitszustand schneller, selbst wenn er ein Placebo schluckt. Umgekehrt sinkt die Wirkung – auch die des echten Medikaments –, wenn der Patient den Verdacht hegt, er bekomme ein Placebo. Der Arzt-Patient-Beziehung kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Das Vertrauen in den Arzt ist Voraussetzung für den Placebo-Effekt.

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Diesen letzten, entscheidenden Punkt scheinen verantwortliche Politiker oftmals zu vergessen. Das Vertrauen in sie ist in der Bevölkerung dermaßen gering, dass eine Placebo-Politik niemals funktionieren kann. Trotzdem versuchen sich Spitzenpolitiker darin. Ein Beispiel aus der „Bildungsreform“:

Modellregionen: Die SPÖ möchte ihren Anhängern einreden, damit die Gesamtschule umzusetzen. Die Einführung der Gesamtschule bedeutet aber – und das wollen uns viele Politiker wohlweislich verschweigen –, dass nicht nur eine neue Schulart geschaffen wird, sondern auch alle anderen für diese Altersstufe abgeschafft werden: kein Gymnasium, keine Hauptschule, keine Neue Mittelschule, keine Sonderschule, keine Schwerpunktschulen für Sport, Musik, Informatik etc. Es gibt dann nur mehr eine einzige Schulart für alle. Und das will man umsetzen bei einer 15 Prozent-Grenze pro Bundesland und der Ausnahme von Privatschulen? Wenn Politiker meinen, mir das weismachen zu können, fühle ich mich intellektuell beleidigt.

Der Regierungspartner, die Bundes-ÖVP, ist aber nicht minder „kreativ“ in der Argumentation. Selbstverständlich kämpfe man wie ein Löwe für den Erhalt die AHS-Langform, aber 15 Prozent der gymnasialen Unterstufen will man auch gegen den Willen der betroffenen Schulpartner abschaffen. Ja geht’s noch? Das ist selbst einigen ÖVP-Abgeordneten zu dumm, weshalb sie eine parlamentarische Petition zum Erhalt der Rechte der Schulpartner eingebracht haben.

Und was sagt die Wissenschaft? „Modellregionen: Also ich sag‘ mal zunächst, wissenschaftlich gibt es für diese Modellregionen überhaupt keinen Bedarf. Es gibt eigentlich nichts zum Thema Oberflächenstrukturen von Schulwesen und wie die wirken, was nicht in den letzten sechzig, siebzig Jahren dutzend Male erforscht und beschrieben worden wäre.“ (2)

Die Wähler haben von einer solchen Placebo-Politik die Nase gestrichen voll. Sie wird bei den nächsten Wahlen zu einer bitteren Pille für die Regierungsparteien mutieren.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, Bildungsreform 2015 – Fortschritt oder Rückschritt? Referat gehalten im Weis[s]en Salon am 10. Dezember 2015.

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Die Linie der Bundes-ÖVP

Man kann der Bundes-ÖVP sicher nicht vorwerfen, sie habe keine Linie. Auch eine Schlangenlinie ist ein solche. Aber der Reihe nach …

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Am 17. November 2015 präsentierten SPÖ und ÖVP, vertreten durch BM Heinisch-Hosek und StS Mahrer, ein „fast geilesReformpapier. Darin heißt es betreffend Modellregionen zur achtjährigen Volksschule: „Die Gesamtzahl der Standorte in den Modell-Regionen darf in keinem Bundesland 15% aller Standorte der jeweiligen Schulart sowie 15% aller Schülerinnen und Schüler der jeweiligen Schulart überschreiten.

Schon kurz danach brach Streit darüber aus. Die Unterrichtsministerin erklärte, „dass es bei der 15-Prozent-Obergrenze für die Modellregionen zur gemeinsamen Schule noch Bewegung nach oben geben könnte“ (1), was prompt die Reaktionen der Bundes-ÖVP provozierte. „Ich sehe hier überhaupt keinen Bedarf zu einer Änderung zu kommen. Jetzt haben wir diese Einigung und die sollten wir gemeinsam vertreten […] Sie [Anm.: SPÖ-Verhandlerin BM Heinisch-Hosek] hat das ja noch bejubelt mit Staatssekretär Mahrer“, meinte der ÖVP-Klubobmann im Nationalrat Reinhold Lopatka. (2) Der genannte Staatssekretär hielt fest: „Die 15 Prozent sind eine Einigung der Bundesregierung und genauso hat die Einigung der Bund-Länderkommission auch ausgesehen und die 15 Prozent sind die 15 Prozent. (…) Wir haben das gerade erst vor zwei Wochen fixiert, ich sehe überhaupt gar keine Notwendigkeit, an den 15 Prozent irgendwie umzurütteln.“ (3)

Die Bundes-ÖVP hat mit dieser Positionierung schon eine gehörige Portion an Selbstzerstörungstrieb bewiesen. Denn in einem groß beworbenen „Evolutionsprozess“ für die Entwicklung eines neuen Parteiprogramms hatten sich bei einer Umfrage unter den Parteimitgliedern 84 % „für ein differenziertes Schulsystem“ ausgesprochen. Dies führte zu einer unmissverständlichen Textierung im neuen Parteiprogramm: „Wir bekennen uns zum Leistungsprinzip und zu einem differenzierten Schulsystem, das den unterschiedlichen Talenten und Interessen der Kinder gerecht wird. Daher bekennen wir uns auch zum Gymnasium und allen anderen Schularten in einem differenzierten Schulwesen …“ (4)

Dementsprechend ist auch die Linie der bedeutenden Landesparteiorganisationen. Beispielhaft sei Niederösterreich genannt: „Gesamtschultendenzen sind bildungspolitischer Wahnsinn. Gleichmacherei und Nivellierung nach unten bringen junge Menschen morgen nicht nach vorne. Wir brauchen Ausbildungsstätten auf hohem Niveau und werden für den Erhalt unserer AHS-Schulen kämpfen.“ (5)

Und nun ist heute am Titelblatt der „Vorarlberger Nachrichten“ zu lesen: „Mitterlehner für echte Schul-Modellregion“. Und weiter heißt es dann, dass sich der Vizekanzler „dezidiert dafür ausgesprochen hat, sich in den entsprechenden Gremien für das Vorarlberger Modell der Gemeinsamen Schule einsetzen zu wollen“ – ein Modell, das die Einführung der achtjährigen Volksschule flächendeckend in ganz Vorarlberg vorsieht.

Und ich dachte bisher, im Liegen könne man nicht umfallen …

(1) Heinisch-Hosek glaubt an Bewegung bei Gesamtschulquote. In: Standard online vom 28. November 2015.

(2) Ö1-Morgenjournal vom 2. Dezember 2015.

(3) a.a.O.

(4) Grundsatzprogramm 2015 der Österreichischen Volkspartei in der Fassung vom 12. Mai 2015, S. 38.

(5) Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka, zit. n. Martin Gebhart, Plädoyer für Gymnasien. In: NÖN online vom 1. März 2016.

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„Mander – ’s isch Zeit!“

Andreas Hofer, unbekannter Maler, Mitte des 19. Jahrhunderts, Tiroler Kaiserjägermuseum Innsbruck (Bild von Wikimedia Commons)

Andreas Hofer, unbekannter Maler, Mitte des 19. Jahrhunderts, Tiroler Kaiserjägermuseum Innsbruck (Bild von Wikimedia Commons)

Am 28. Februar finden in Tirol Gemeinderatswahlen statt. Und daher musste ich an die bekannte Definition des Wiener Bürgermeisters von Wahlkampf als der Zeit fokussierter Unintelligenz denken, als mir ein Schreiben aus Tirol auf den Bildschirm flatterte. Darin reitet die Tiroler Bildungslandesrätin Mag. Dr. Beate Palfrader doch tatsächlich allen Ernstes eine Attacke gegen die gesamte Schulgemeinschaft des Gymnasiums Landeck – also SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen, weil diese den Plan, ihre Schule einer Modellregion zur achtjährigen Volksschule zu opfern, alles andere als „fast geil“ findet. Der Schulgemeinschaftsausschuss habe in einer Einladung zu einem Elternabend „unsachlich und niveaulos absolut falsche Informationen an die Eltern/Erziehungsberechtigten kommuniziert“. Den weiteren Inhalt dieses Elternbriefs habe ich teilweise bereits analysiert. (1)

Den Brief der Bildungslandesrätin mussten die DirektorInnen der Pflichtschulen im Bezirk Landeck auf deren Weisung hin allen SchülerInnen für ihre Eltern mitgeben. An der Tatsache, dass eine Politikerin SchuldirektorInnen dazu eine Weisung erteilt, stößt sich in Tirol niemand? Palfrader steht ein Weisungsrecht zu, denn sie ist nicht nur ÖVP-Regierungsmitglied, sondern auch amtsführende Präsidentin des Landesschulrates für Tirol. Wahrscheinlich versteht die schwarz-grüne Tiroler Landesregierung diese Ämterkumulierung als „Entpolitisierung“ des Schulwesens.

Aber gerade als Politikerin sollte die Landesrätin besser mit Kritik umgehen können. Ihre Nerven müssen blank liegen, wenn sie so agiert. Es stellt sich wohl nicht nur mir die Frage, wie lange sich ein Landeshauptmann ein solches Regierungsmitglied politisch leisten kann. Interessant wird auch sein, ob sich die Unterrichtsministerin zu Wort meldet. Denn sie könnte der amtsführenden Präsidentin Palfrader per Weisung Einhalt gebieten.

Bemerkenswert ist, welches Ergebnis eine Befragung der SpitzenkandidatInnen für die Tiroler Gemeinderatswahlen an den Standorten von Gymnasien gebracht hat: Fast alle wahlwerbenden Gruppierungen in Lienz, Kufstein, St. Johann in Tirol, Wörgl, Schwaz, Hall, Telfs, Landeck, Imst und Reutte erklärten, sich für den Weiterbestand des achtjährigen Gymnasiums einzusetzen und eine Modellregion verhindern zu wollen. Es gab zwei Ausnahmen: die Grünen in Reutte und eine Namensliste in Kufstein. (2)

Da scheint sich ein gehöriger Volksaufstand gegen eine abgehobene Politik anzubahnen, deren Ziel die Entmachtung der Schulpartner vor Ort ist. Wie meinte Andreas Hofer so treffend: „Mander – ’s isch Zeit!

(1) Eckehard Quin, Mist-Reiter. In: QUINtessenzen vom 23. Februar 2016.

(2) Die Tiroler wollen die Gesamtschule nicht! Presseaussendung von „Pro Gymnasium“ vom 23. Februar 2016.

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Mist-Reiter

Die Schulpartner des Gymnasiums Landeck hielten Mitte Jänner in einer gemeinsamen Presseaussendung fest:

Cleaning BoxDie Absicht, die gymnasiale Unterstufe abzuschaffen, stößt überall auf Ablehnung. […] Das derzeit geltende Recht auf Mitbestimmung der Schulpartner (Eltern, Schüler- und Lehrervertretung der betroffenen Schule) soll auch nach ihrem Wunsch [Anm: dem Wunsch der Tiroler Bildungslandesrätin Mag. Dr. Beate Palfrader] durch eine Gesetzesänderung aufgehoben werden. Wir brauchen nicht in Polen oder anderswo nach demokratiepolitisch bedenklichen Regierungsaktivitäten suchen! […]

Unsere begabten Kinder gegenüber Kindern in anderen Bezirken von einer gymnasialen Bildung fernzuhalten, kommt für uns nicht in Frage. […] Wir fordern den Erhalt der freien Schulwahl für Eltern und Kinder statt einer Zwangszuteilung in eine Gesamtschule.“ (1)

Gezeichnet wurde diese Aussendung vom Schulsprecher, dem Obmann des Elternvereins und dem Direktor. Offenbar legten die Landecker Schulpartner damit den Finger in eine offene Wunde, denn die Bildungslandesrätin reagierte ungewöhnlich. Der Direktor des Gymnasiums HR Mag. Josef Röck wurde wie viele PflichtschuldirektorInnen gezwungen, am 23. Februar allen SchülerInnen der Unterstufe einen von ihr unterzeichneten Brief zu übergeben. Ich erlaube mir, kommentarlos daraus zu zitieren und diesen Zitaten ein paar andere gegenüberzustellen.

Elternbrief Palfrader: „Ebenso ist vollkommen klar, dass vor allem die Eltern als ganz besonders wichtige Gruppe in die Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse einbezogen werden.

Ich [Anm: Mag. Dr. Beate Palfrader] gehe nicht davon aus, dass eine Schule von sich aus bereit ist, mitzumachen.“ (2)

Sie [Anm: Mag. Dr. Beate Palfrader] werde Eltern, Schüler und Lehrer zwar in die Überlegungen einbinden, im Ernstfall aber auch gegen diese entscheiden.“ (3)

Elternbrief Palfrader: „Die AHS-Direktoren und -Direktorinnen, die bereits von mir zur Mitarbeit eingeladen wurden, haben ihre Mitwirkung unverständlicherweise abgelehnt. […] Für mich ein etwas merkwürdiges Demokratieverständnis für eine Gruppe, die sich in jedem zweiten Satz auf die demokratischen Grundsätze beruft.

Die politische Entscheidung, in Tirol eine Modellregion bzw. langfristig die Gesamtschule einzuführen, ist schon vor der Installierung der Steuerungsgruppe erfolgt. An dieser Entscheidung wurden AHS-LehrerInnen und AHS-DirektorInnen nicht beteiligt. Offenbar soll nun nachträglich der Öffentlichkeit signalisiert werden, dass auch die AHS in den Entscheidungs- und Umsetzungsprozess eingebunden ist. Für ein derartiges Manöver stehen wir nicht zur Verfügung.“ (4)

Elternbrief Palfrader: „Eine ganz besonders dreiste Falschaussage ist, dass es in einer neuen gemeinsamen Schulform keine Schwerpunkte mehr geben wird. Genau das Gegenteil ist der Fall!

Gleichmäßige Verteilung von Bundes- und Landeslehrerinnen und Landeslehrer sowie der Schülerinnen und Schüler aller Leistungsspektren auf die Standorte der Modell-Regionen“, ja selbst die Klassen sollen möglichst heterogen zusammengesetzt und nur „innere Differenzierung“ möglich sein. (5)

Elternbrief Palfrader: „Wenn Herr Dir. Röck die Frage stellt, „warum Kinder mit unterschiedlichen Begabungen den gleichen Unterricht erhalten sollen“, dann beweist er, dass er ganz offensichtlich nicht nur die aktuellen Forschungserkenntnisse nicht kennt bzw. nicht einmal die Entwicklungen in den Neuen Mittelschulen wahrgenommen hat, sondern auch dass er diese nicht wahrnehmen will.

Eine relative Verbesserung der Situation der leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler lässt sich mit diesen Ergebnissen nicht argumentieren; die Ergebnisse weisen vielmehr überwiegend in die umgekehrte Richtung. […]

Überproportional viele Schülerinnen und Schüler geben in der NMS explizit an, dass sie keine positiven Schulerfahrungen zu berichten hätten; in diesem Punkt unterscheiden sie sich stark von der AHS, wo dieser Schüleranteil deutlich unter der statistischen Erwartung liegt. […]

Als unerwünschte Effekte erweisen sich partielle Überforderung von Leistungsschwächeren sowie partielle Unterforderung von Leistungsstärkeren – mit einer Tendenz zur Nivellierung des Anforderungsniveaus und der Leistungsbeurteilungskriterien nach unten.“ (6)

Elternbrief Palfrader: „Eine weitere unglaubliche Falschinformation stellt die Aussage dar, dass die Langform der AHS abgeschafft wird.

Schule der 6- bis 14-Jährigen […] In einer Modell-Region sind alle Schulen der Region eingebunden“. (7)

Am besten aber gefällt mir die Bezeichnung derer, die gemeinsam mit dem Direktor gegen die Bestrebungen der Bildungslandesrätin ankämpfen: „Mistreiter“. Tippfehler oder Freud’sche Fehlleistung? Sei es, wie es sei. Aber gegen diesen Mist kann man nur ankämpfen, wenn einem Schulpartnerschaft, Schuldemokratie und Bildung ein Anliegen sind.

(1) Presseaussendung der Schulpartner des Landecker Gymnasiums vom 15. Jänner 2016.

(2) Mag. Dr. Beate Palfrader über Modellregionen. Zit. n. Peter Nindler, Modellregion für gemeinsame Schule wird zur Konfliktzone. In: Tiroler Tageszeitung online vom 14. Jänner 2016.

(3) Julia Neuhauser, Länder basteln an der Gesamtschule. In: Presse online vom 19. Jänner 2016.

(4) Brief des Tiroler AHS-Direktorenvereins an Mag. Dr. Beate Palfrader vom 28. Jänner 2016.

(5) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

(6) Ferdinand Eder et al., Evaluation der Neuen Mittelschule (Salzburg und Linz 2015), S. 151, 236 und  436.

(7) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

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Unfug

Ich kenne aufgrund meiner Tätigkeit viele Politiker (1) persönlich und gestehe vielen von ihnen zu, ihren Job nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben. Aber manche Wortmeldungen lassen mich verstehen, warum Politiker mittlerweile ein deutlich schlechteres Image haben als Prostituierte. (2) Die drei „Highlights“ der letzten Tage:

bigstock-Shocked-and-surprised-boy-with-105925043_blogDie Modellregionen zur 8-jährigen Volksschule – pardon, der „Schule der 6- bis 14-Jährigen“, wie es im Papier zur „Bildungsreform“ heißt – wird von der Tiroler Landespolitik so beschrieben: „Eine „Gemeinsame Schule“ ist eine Schule der Vielfalt, bei der gymnasiale Ausbildung und Schwerpunkte der NMS wie Sport, Musik, Technik und Sprachen weiter bestehen bleiben.“ (3)

Nun heißt es aber im Papier der Bundesregierung zur „Bildungsreform“ wörtlich: „Gleichmäßige Verteilung von Bundes- und Landeslehrerinnen und Landeslehrer sowie der Schülerinnen und Schüler aller Leistungsspektren auf die Standorte der Modell-Regionen (alle Kinder, die die Volksschule positiv abgeschlossen haben, Kinder mit besonderen Bedürfnissen müssen die Volksschule oder Sonderschule lediglich besucht haben).“ Ja selbst die Klassen sollen möglichst heterogen zusammengesetzt und nur „innere Differenzierung“ möglich sein. (4) Da dürfte eine Schwerpunktsetzung schwierig werden …

Am 10. Februar hat die OECD, eine Meisterin im Daten-Recycling, wieder einmal eine Publikation zu PISA 2012 präsentiert („Low-Performing Students“). Jede Partei sieht ihre Position durch diese Publikation bestätigt. Ich wage die Behauptung, dass keine einzige Person, die sich noch am selben Tag wortreich darüber geäußert hat, dieses 210 Seiten umfassende Werk überhaupt sinnerfassend gelesen hat. Ich würde mir die Redlichkeit erwarten, gewisse Aussagen zumindest auf ihre Plausibilität zu prüfen. Wenn das Unterrichtsministerium in einer Presseaussendung behauptet, die Studie belege, dass die Einführung der NMS positive Effekte erziele, erheitert mich das. Bei PISA 2012 wurden im Frühjahr 2012 15-Jährige getestet. Die NMS wurde aber erst im Herbst 2012 aufsteigend für 10-Jährige im Regelschulwesen eingeführt.

Ähnlich skurril ist die Forderung, die etwa auch von Personen der Wirtschaftskammer, des Wirtschafts- oder des Bauernbundes erhoben wird: Der Bundeszuschuss zu den Pensionen müsse drastisch gesenkt werden.

Nun ist es zweifellos legitim, über die Aufkündigung eines seit Jahrzehnten bestehenden gesellschaftspolitischen Konsenses zu diskutieren, gemäß dem die Pensionen zu je einem Drittel vom Arbeitnehmer, vom Arbeitgeber und von der öffentlichen Hand zu finanzieren sind. Absurd wird es aber, wenn man sich ansieht, wer diese Forderung erhebt. Würde man alles unverändert belassen und „nur“ den Bundeszuschuss streichen, würden die ASVG-Pensionen, also die der unselbständig Erwerbstätigen, um 18,2 % sinken, die in der gewerblichen Wirtschaft um 49,2 % und die der Bauern gar um 77,8 %! (5) Damit können wohl nur Großindustrielle oder Großgrundbesitzer leben, die auf keine Pension angewiesen sind.

An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern“, schrieb Erich Kästner.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Politiker: Image ist schlechter als das von Prostituierten. In: Trend online vom 24.  November 2013.

(3) LR Palfrader: „Kein Gymnasium wird geschlossen!“. In: Bezirksblätter online vom 5. Februar 2016.

(4) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 12.

(5) Die Zahlen stammen aus der ORF-Sendung „Hohes Haus“ vom 31. Jänner 2016.

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