Gerhard Riegler: Das Ende der Freiheit

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ Dieser Satz Jean-Jacques Rousseaus fiel mir ein, als ich ein „Standard“-Interview mit der Migrations- und Bildungsforscherin Barbara Herzog-Punzenberger las, in dem sie für die Abschaffung der „private[n] Trägerschaft bei Kindergärten und Schulen“ plädiert. (1)

Prison Fence in Black and White. Barbed Wire Fence Closeup.

Herzog-Punzenbergers Forderung erinnert an unselige DDR-Zeiten. Ihre Verwirklichung wäre ein massiver Anschlag auf die Wahlfreiheit, die neben einer breiten Differenzierung eine der tragenden Säulen unseres Schulsystems ist. Es gelte die „Reproduktion von Eliten“ zu verhindern. Diese Zielsetzung der Migrations- und Bildungsforscherin teile ich, doch scheint sie zu übersehen, dass Österreichs konfessionelles Privatschulwesen seinen Beitrag dazu leistet, dass wir diesem Ziel weit näher sind, als dies für andere Staaten gilt. In unserem Land gibt es nämlich bisher nur sehr wenige Schulen, an denen Kinder des Finanzadels unter sich bleiben, weil sich NormalverdienerInnen das Schulgeld niemals leisten könnten.

In Österreich besuchen nur 1,1 % aller 15-Jährigen frei finanzierte Privatschulen, im OECD-Mittel fast vier Mal so viele (4,1 %), in Großbritannien sogar 7,8 %. (2) Eine Kostprobe für das Schulgeld an frei finanzierten Privatschulen liefert in Österreich die International School St. Gilgen, deren Schulgeld für das Halbinternat je nach Schulstufe zwischen 34.800 und 44.000 Euro im Jahr beträgt. (3)

Vermag Herzog-Punzenberger zwischen sündteuren Instituten, die es in Großbritannien inzwischen in großer Zahl gibt, und Österreichs konfessionellen Privatschulen, deren Schulgeld etwa dem entspricht, was ein Raucher für sein Hobby ausgibt, wirklich nicht zu unterscheiden? Ich halte das bei einer Bildungsforscherin für unvorstellbar.

Das Verbot jeglicher Privatschulen soll offensichtlich all jenen den Weg abschneiden, die ihre Kinder in den von der Politik angedrohten Modellregionen der Zwangsbeglückung 8-jähriger Volksschulen entziehen wollen, unter welchem Namen auch immer sie geführt werden. Wenn Staaten auf Gesamtschulsysteme umstellen, kommt es zu einem Run auf Privatschulen, wie Stefan Hopmann erst kürzlich in einem Vortrag erläutert hat. (4)

Offenbar hat sich eine unselige Koalition von linken Bildungstagträumern und knallharten Privatschulgeschäftemachern zusammengetan, um dem österreichischen Gymnasium den Garaus zu machen.“ Dieser Satz Günter Schmids, des Vorsitzenden der „Bildungsplattform Leistung & Vielfalt“, ist leider einmal mehr als zutreffend bestätigt worden. (5)

Sicherheitshalber sollte man Schülern auch die Ausreise aus Österreich verbieten, sonst wäre es immerhin möglich, dass sie sich der sozialen Durchmischung durch den Wechsel an Privatschulen im Ausland entziehen.“ (6) Als ich diese Aussage vor einem Monat in den „Salzburger Nachrichten“ las, hielt ich sie für bittere Ironie. Inzwischen schließe ich nicht mehr aus, dass sich „ExpertInnen“ finden lassen, die auch diese Forderung ernstlich erheben.

(1) Lisa Nimmervoll, Bildungsforscherin: „Private Kindergärten und Schulen abschaffen“. In: Standard online vom 10. Jänner 2016.

(2) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014: OECD Indicators (2014), Table C7.2.

(3) Siehe http://www.stgis.at/admissions/fees-and-charges.html, Abfrage vom 11. Jänner 2016.

(4) Siehe Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, Bildungsreform 2015 – Fortschritt oder Rückschritt? Referat gehalten im Weis[s]en Salon am 10. Dezember 2015, 0:22 – 1:52.

(5) Bildungsplattform entsetzt über Anschlag auf Schuldemokratie. Presseaussendung der „Bildungsplattform Leistung & Vielfalt“ vom 24. November 2015.

(6) Alexander Purger, Und wann kommt das Verbot aller Privatschulen? In: Salzburger Nachrichten online vom 7. Dezember 2015.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

6 Antworten zu “Gerhard Riegler: Das Ende der Freiheit

  1. Peter Trenker

    Was zu beweisen war: Jede Ideologie wird zur Diktatur.

  2. Erich Wallner

    Ad: „Es gelte die „Reproduktion von Eliten“ zu verhindern. Diese Zielsetzung der Migrations- und Bildungsforscherin teile ich …“ (Gerhard Riegler)

    Es gibt in Österreich einen Typus von Eliteschulen, den (bisher?) niemand infrage gestellt hat, weil uns die Scheuklappen der österreichischen Leitkultur den Blick darauf verstellen: die Sportgymnasien (auch Sport-NMS gehören sinngemäß dazu) und die Sängerknaben (dort kommt noch die sexistische Exklusion der Mädchen hinzu).

    In beiden Fällen (Sport und Musik) müssen sich neuneinhalbjährige Kinder in diesen Tagen des Jänner / Februar einem beinharten Ausleseverfahren unterwerfen (die sonst so verteufelte „Selektion“, während doch sonst die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium schon lange abgeschafft ist – aber man will ja unter seinesgleichen bleiben!). Besonders im Sport (bei den Sängerknaben weiß ich das nicht) ist es oft so, dass gerade Kinder früherer SpitzensportlerInnen wieder Sportgymnasien besuchen: ein klassischer Fall von Eliten-Reproduktion.

    Wer also so wie Gerhard Riegler die Reproduktion von Eliten ablehnt (sieht Zitat oben), der sollte zuerst einmal unsere Sportgymnasien und die Sängerknaben aufs Korn nehmen.

  3. „In beiden Fällen (Sport und Musik) müssen sich ….. einem beinharten Ausleseverfahren unterwerfen (die sonst so verteufelte “Selektion”, während doch sonst die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium schon lange abgeschafft ist – aber man will ja unter seinesgleichen bleiben!)“ Der Unterschied dürfte wohl in der Tatsache zu suchen sein, dass kein Mensch auf eine Sport NMS gehen muss. Das ist wohl ein freiwilliges Vergnügen. Wenn man schon Kritik üben will, wäre wohl der Umstand zu erwähnen, dass die Sportschulen, gegen geltendes Recht, Schulleistungen zur Bewertung heranziehen, statt ausschließlich die sportliche Qualifikation zu bewerten. Allerdings wäre es tatsächlich besser, die sportliche Spezialförderung stünde allen Schülern zur Verfügung. Ohne jedes Ausleseverfahren.

  4. Peter Trenker

    @wallner
    @wienerwalzer
    „Besonders im Sport (bei den Sängerknaben weiß ich das nicht) ist es oft so, dass gerade Kinder früherer SpitzensportlerInnen wieder Sportgymnasien besuchen: ein klassischer Fall von Eliten-Reproduktion.“
    „Allerdings wäre es tatsächlich besser, die sportliche Spezialförderung stünde allen Schülern zur Verfügung. Ohne jedes Ausleseverfahren.“
    Mit Sicherheit nicht!
    Sowohl in der Musik, als auch im Sport muss man in frühester Kindheit zu trainieren anfangen, wenn man die Spitze erreichen will. Da ist mit 9 1/2 Jahren bereits alles grundgelegt. Und natürlich wird das allfällige Talent durch entsprechende Spitzensportler/musiker-Eltern eher erkannt und entsprechend gefördert.
    Aber die Antwort kann doch nicht sein, dass Kinder deren Bildung Eltern ein Anliegen ist (z.B. auch Spitzensport etc.) nicht mehr entsprechend gefördert werden dürfen, weil es der linken Gleichheitsideologie nicht gefällt.
    Und leider ist jedenfalls im Musikbereich, aber ich vermute auch beim Sport die Selbstüberschätzung gerade bei Nichtbegabten so weit verbreitet, dass ein Ausleseverfahren jedenfalls notwendig ist.

    • Sehr geehrter Herr Trenker, was den Nutzen von Schulen mit sportl. Schwerpunkt für den Spitzensport betrifft, kann man das an den Erfolgen der letzten Sommerspiele in London bemessen. Was die Schulen mit musik. Schwerpunkt betrifft, so müsste es Musikkindergärten geben, alles andere dient der Verankerung des unglaublich wichtigen Kulturguts „Musik“ in der Bevölkerung und vielleicht der örtlichen Blasmusik. Selbstverständlich dürfen Kinder, deren Eltern wissen, was Bildung für einen gesellschaftlichen Vorsprung bedeutet, nicht behindert werden. Aber noch viel wichtiger ist es, Kindern, deren Eltern das nicht wissen, oder gar nicht wissen können, die absolut selben Chancen zu ermöglichen.

      • Peter Trenker

        Widerspruch und Zustimmung:
        „Die absolut selben Chancen“ das ist Diktatur und gibt es nur dann, wenn kein Kind eine Chance bekommt. Dann ist es wirklich absolut gleich.
        Dass allerdings die Öffentlichkeit/der Staat größtes Interesse haben muss, Talente möglichst früh zu erkennen und zu fördern, unabhängig vom Engagement der Eltern: absolute Zustimmung. Da wir aber in einer begrenzten Gesellschaft mit begrenzten Ressourcen leben, wird staatliche Bildung immer ein Stück weit „Fließbandpädagogik“ sein (Perfekte Lehrer mit perfekten Schülern, perfekten Eltern, perfekten Rahmenbedingungen und unbegrenzte Ressourcen stehen leider nicht zur Verfügung und perfekte Hauslehrer für alle Sprösslinge sind unfinanzierbar)…
        Aber sonst, bis hin zu den Musikkindergärten, volle Zustimmung.

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