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Gerhard Riegler: Vorurteile

Am 10. Februar hat die OECD, eine Meisterin im Daten-Recycling, wieder einmal eine Publikation zu PISA 2012 präsentiert („Low-Performing Students“). Jede Partei sieht ihre Position durch diese Publikation bestätigt. Ich wage die Behauptung, dass keine einzige Person, die sich noch am selben Tag wortreich darüber geäußert hat, dieses 210 Seiten umfassende Werk überhaupt sinnerfassend gelesen hat.“ (1)

bigstock-Set-Of-Stamps-60259196_blogSo hat Eckehard Quin die Flut an Presseaussendungen aus Politbüros infolge einer weiteren OECD-Publikation zu den PISA-Ergebnissen des Jahres 2012 vor einer Woche kommentiert. Ich habe die angesprochene Publikation inzwischen studiert und muss ihm völlig Recht geben.

Auch wenn der ministerielle Vorstoß, die Leistungsbeurteilung in den ersten drei Klassen der Volksschule ebenso wie das Repetieren abschaffen zu wollen, im Moment die Medien füllt, möchte ich heute darlegen, was in der OECD-Publikation „Low-Performing Students“ wirklich zu lesen gewesen wäre und noch immer zu lesen ist.

Meine Forderung nach einer gemeinsamen Schule hat positive Auswirkungen auf die Leistungen der SchülerInnen“, glaubte Österreichs Unterrichtsministerin der Studie entnehmen zu können. (2) Wo sie dies gelesen hat, wird sie uns vielleicht noch verraten. Ich entnehme Seite 184, dass Unterricht in leistungshomogenen Lerngruppen international im Kommen ist („Ability grouping appears to be becoming popular again“), und Seite 142, dass im OECD-Mittel inzwischen nur mehr an jeder vierten Schule auf leistungsdifferenzierten Unterricht verzichtet wird: „On average across OECD countries, 26 % of students attend schools whose principal reported that ability grouping is not used in any classes …

Auf Seite 183 nennt die OECD (!) Österreich sogar als Beispiel für einen jener Staaten, die ein hohes Ausmaß an äußerer Differenzierung aufweisen und im internationalen Vergleich wenig SchülerInnen haben, die beim PISA-Test schwache Leistungen erbringen: „Austria, Belgium and the Netherlands, for example, have high values on the index (Anm.: Ausmaß an äußerer Differenzierung) but small shares of underachieving students …

Da ich nicht annehme, dass die Englischkompetenz der österreichischen Unterrichtsministerin dermaßen schwach ist, dass sie deshalb den Text nicht verstand, und da ich einer Ministerin nicht unterstellen will, die Bevölkerung in einer ministeriellen Presseaussendung vorsätzlich hinters Licht zu führen, kann ich nur schließen, dass Eckehard Quins Einschätzung unsere Unterrichtsministerin betreffend korrekt war. Für die meisten der anderen Presseaussendungen, die die OECD-Publikation wenige Stunden nach ihrer Präsentation kommentierten, gilt dies analog.

Ich könnte die Flut an skurrilen Wortmeldungen als verspäteten und völlig misslungenen Faschingsscherz abtun, wären in dieser Publikation nicht so viele Themen angesprochen, die eine seriöse Auseinandersetzung verdienen:

  • Österreichs Politik hätte erfahren, dass es einen starken Zusammenhang gibt zwischen der pädagogischen Freiheit, die man LehrerInnen gewährt, und dem Unterrichtserfolg.
  • Österreichs Politik hätte erfahren, wie bedeutend Disziplin und Arbeitshaltung der SchülerInnen für ihren Lernerfolg sind, z. B. auf Seite 112:„… being perseverant and determined is important for academic success.
  • Österreichs Politik, die immer wieder von einer Schule ohne Hausübungen träumt, hätte vom starken Zusammenhang zwischen der in Hausübungen investierten Zeit und dem PISA-Ergebnis gelesen, z. B. auf Seite 108: „Performance in mathematics is strongly associated with the time spent on homework.
  • Österreichs Politik hätte erfahren, wie wichtig fachspezifisch ausgebildete Lehrkräfte für den Unterrichtserfolg sind, und auch, dass OECD-weit mehr als ein Drittel der SchülerInnen mit Migrationshintergrund zur Gruppe der Low-Performer zählt, in Österreich 37 %, in Finnland sogar 45 %.

Aber all das scheint die meisten SchulpolitikerInnen der Alpenrepublik nicht zu interessieren. Offensichtlich wollen sie nicht erfahren, wie weit ihre bildungspolitischen Vorurteile von der Wirklichkeit entfernt sind.

(1) Eckehard Quin, Unfug. In: QUINtessenzen vom 13. Februar 2016.

(2) Heinisch-Hosek: PISA-Ergebnisse bestätigen Konzept der Ganztagsschule. Presseaussendung vom 10. Februar 2016.

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Gerhard Riegler: Alleingelassen

Mehrere Volksschüler haben in Wien-Favoriten einen Igel durch Tritte so schwer verletzt, dass das Tier eingeschläfert werden musste.“ (1)

Close up hedgehog isolated on white background

Ob die Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen generell zunimmt, ist unter Fachleuten umstritten. Auch über die Ursachen für ein Absinken von Hemmschwellen streiten die Gelehrten. Wir LehrerInnen müssen jedenfalls immer öfter einschreiten, um Jugendliche vor gewalttätigen MitschülerInnen zu schützen. Und das, obwohl uns mit Sicherheit ein beachtlicher Teil der zwischen SchülerInnen ausgeübten Gewalt, insbesondere der psychischen Gewalt, verborgen bleibt.

Ein Artikel in der „Kleinen Zeitung“ über den qualvollen Tod eines Igels führt das auch in unseren Schulen existierende Gewaltpotenzial drastisch vor Augen. Nicht testosterongeschüttelte Halbwüchsige im Drogen- oder sonstigen Rausch, sondern Drittklässler, also Kinder in einem noch höchst schutzbedürftigen Alter, haben diese grausame Tat verübt. Die vormalige Grünen-Chefin Dr. Madeleine Petrovic, jetzt Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins, spricht von „tickenden Zeitbomben“ und hält „sadistische Tierquälereien“ für die „Einstiegsdroge zu Misshandlungen von Menschen“. (2)

Ich stimme Madeleine Petrovic zu, wenn sie dringenden Handlungsbedarf der Politik sieht. Ihrer Forderung nach Tierschutz als verpflichtendem Unterrichtsfach kann ich allerdings nichts abgewinnen. Denn der Reflex, beim Auftreten gesellschaftlicher Probleme nach neuen Unterrichtsfächern zu rufen, greift viel zu kurz. Die Schule wird nämlich immer nur bedingt heilen können, was viel früher geschehen oder eben nicht geschehen ist.

what is established in a child’s first months and years is decisive for the future life of that individual“, brachte Univ.-Prof. Dr. Berit Brandth (3) das auf den Punkt, was ErziehungswissenschaftlerInnen immer wieder betonen: die Prägung des Menschen in den ersten Monaten und Jahren seines Lebens und damit die entscheidende Bedeutung des Elternhauses. „Die Verdrossenheit so vieler Kinder ist letztlich nichts anderes als Liebesarmut“, mahnte der viel zu früh verstorbene Kinder- und Jugendtherapeut und vielfache Buchautor Wolfgang Bergmann in seinem drei Wochen vor seinem Tod erschienenen letzten Werk. (4)

Selbstverständlich hat die Schule die Pflicht zu heilen, was zu heilen ist. Dafür brauchen LehrerInnen aber auch „Heilmittel“ wie Supportpersonal und Interventionsmöglichkeiten. Und an beidem fehlt es Österreichs Schulen in unverantwortlichem Ausmaß. Für Supportpersonal glaubt die Politik, wie für vieles andere im Schulwesen, kein Geld zu haben, für wirkungsvolle Interventionsmittel aber fehlt ihr – ein noch größerer Skandal – das Vertrauen in uns, die Fachleute der Pädagogik.

Wenn ich wirkungsvolle Interventionsmöglichkeiten fordere, höre ich schon den Aufschrei „progressiver“ ExpertInnen, die mit dem Killervokabel „Rohrstaberlpädagogik“ seit Jahrzehnten jede sinnvolle Entwicklung im Keim ersticken und damit die Verantwortung dafür tragen, dass wir LehrerInnen Igel nicht vor „tickenden Zeitbomben“ schützen können, weder schutzbedürftige Igel auf der grünen Wiese noch die, die wir in jeder Klasse sitzen haben.

(1) Igel von Volksschulkindern zu Tode getreten. In: Kleine Zeitung online vom 23. Juni 2015.

(2) a.a.O.

(3) Berit Brandth und Ingólfur V. Gíslason, Family policies and the best interest of children. In: Ingólfur V. Gíslason u. a., Parental leave, childcare and gender equality in the Nordic countries (2011), S. 106-145 , hier S. 116.

(4) Wolfgang Bergmann, Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung (2011), S. 23.

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Gerhard Riegler: Tabuthema Disziplin

Ein Kindergeburtstag steht bevor, Schweißperlen auf der Stirn der Gastgeberin. Die Freundin rät zu Baldriantropfen im Vorfeld und einer „eisernen Hand“ während des Festes, bedrohen doch nicht weniger als elf Halbwüchsige den häuslichen Frieden, das Nervenkostüm der Gastgeberin und ihr Mobiliar.

bigstock-Frustrated-Student-24459854_blogDass ein einziges Kind ein Geburtstagsfest zum Kippen bringen kann, weil es besonderer Betreuung bedürfte, diese schmerzliche Erfahrung hat schon manchen Kindergeburtstag vorzeitig enden lassen. Wir LehrerInnen aber müssen Verhaltensoriginelle bändigen, während wir der übrigen Klasse abwechslungs- und ertragsreichen Unterricht bieten. „1995 hatten wir zwei auffällige Schüler pro Klasse, heute sind es zwei, die unauffällig sind.“ (1) Wer für diesen pädagogischen Trapezakt geeignete Instrumente und Rahmenbedingungen fordert, stößt hierzulande beim Gesetzgeber nach wie vor auf taube Ohren und wird von der Meinungsschickeria, die keinen Tag in unserer Rolle meistern würde, seit vielen Jahren reflexartig mit dem Rohrstaberl-Argument zum Verstummen gebracht.

In Großbritannien scheinen jetzt auch linke Uhren ein wenig anders zu ticken. Der „Guardian“ titelte kürzlich „Tristram Hunt talks tough on classroom discipline” und widmete dem sozialdemokratischen Schattenminister für Unterricht breiten Raum. Sollte seine Partei die nächste Regierung bilden, würden Ordnung und Disziplin wieder Einzug in englische Klassenzimmer halten, Schwätzen und Smartphone-Benutzung sollen dann der Vergangenheit angehören, von gröberen Disziplinverletzungen ganz zu schweigen. (2)

Englands LehrerInnen werden im Vergleich mit uns schon heute mit Unterstützungspersonal verwöhnt. Und doch weiß Tristram Hunt um den dringenden Handlungsbedarf oder spürt zumindest die Unzufriedenheit der Eltern mit einer Schule, in der Unterricht durch Disziplinlosigkeit unmöglich gemacht wird.

BM Heinisch-Hosek dürfte es an diesem Wissen und Gespür noch massiv fehlen. Denn sonst hätte sie nicht für die über 6000 Schulen Österreichs 400 Personen als Unterstützungspersonal angekündigt – an den Schulen wurde trotz intensiver Suche noch niemand von ihnen entdeckt –, 150 davon Post- und Telekom-MitarbeiterInnen. (3) Diese Antwort auf die geforderten 13.500 Fachkräfte, die Österreichs Schulen brauchen, um im Support zumindest internationales Mittelmaß zu erreichen, war dabei nicht als Scherz gemeint! Mit ihrer Einschätzung ist unsere Neo-Ministerin um Welten weiter daneben als Eugen Freund mit seinem berühmt-berüchtigten 3000-Euro-Sager.

Eugen Freund musste sich vor laufender Kamera rechtfertigen. Bei Unsinn auf dem schulpolitischen Parkett schreit der Boulevard hingegen schon lange nicht mehr auf. Weil er es noch immer nicht besser weiß? Weil es ihn teuer zu stehen käme? Weil man Surreales aus dem Unterrichtsministerium inzwischen gewohnt ist? Jedenfalls verdient ein solches ministerielles und mediales Verhalten ein klares „Nicht zufriedenstellend“.

(1) Dr. Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater. Zit. n. Bettina Weber, „Es kommt zu Machtumkehr“. In: Tagesanzeiger online vom 4. Dezember 2013.

(2) Siehe Patrick Wintour, Tristram Hunt talks tough on classroom discipline. In: The Guardian online vom 15. Jänner 2014.

(3) Karin Leitner, Ex-Post- und Telekom-Leute sollen Lehrer entlasten. In: Kurier  Kurier online vom 13. Juli 2013.

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Politiker-Krankheit Nr. 1

Dieser tägliche Spagat zwischen dem eigenen hohen Anspruch an sich selbst und an einen effektiven Unterricht und der vorgefundenen Realität ist Stress pur und macht den Pädagogen das Leben unnötig schwer und sie letztendlich krank.” Mit diesen klaren Worten wird der baden-württembergische VBE-Landesvorsitzende (1) Gerhard Brand zitiert. „Es müsse in der Gesellschaft wieder ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass an allererster Stelle Eltern für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich seien. Und dass Schule Zeitressourcen brauche, um die wachsende Zahl von therapeutischen Gesprächen mit einzelnen Schülern sowie den konstruktiven Dialog mit den Eltern zu bewältigen.“ (2)

bigstock-Procrastination-blog

Doch nicht nur wir Lehrer (3) haben es satt, einen permanent wachsenden Teil der Unterrichtszeit mit Konfliktschlichtung und Ermahnung zu verbringen, statt Wissen und Können zu vermitteln. Die – im wahrsten Sinn des Wortes – schweigende Mehrheit der nicht verhaltensoriginellen Schüler und deren Eltern sehnen sich ebenfalls nach klaren, durchsetzbaren Verhaltensregeln.

Auch das galoppierend wachsende Phänomen der „Gleitzeitschüler“ wird immer mehr zum Störfaktor. In Deutschland versucht man, diesem Trend mit einer einfachen Maßnahme zu begegnen: Trägt ein Lehrer am Computer ein, dass ein Schüler wiederholt unentschuldigt fehlt, versendet das System automatisch eine SMS oder E-Mail an den Schüler oder dessen Eltern. Doch Ungemach droht von Seiten der Datenschützer. Selbst eine überaus freundliche Formulierung wie etwa „Es ist 8.30 Uhr. Wir vermissen Dich. Komm bitte zur Schule.“ sei nicht akzeptabel. Das Höchste der Gefühle wäre eine neutrale Bitte um Rückruf. (4)

Die Hilflosigkeit mancher Eltern ihren Sprösslingen gegenüber zeigt sich in einer Aussage der Direktorin einer solchen SMS-Versuchsschule: „Manche Eltern fragen mich, was sie denn tun sollen, wenn sie eine SMS bekommen. Sie müssen dann Verantwortung wahrnehmen, auch wenn sie gerade arbeiten.“ (5)

Bildungspolitikern, die zwar den Ruf nach störungsfreiem Unterricht vernehmen, sich aber zu keinen Taten durchringen können, empfiehlt sich ein Besuch der Prokrastinations-Ambulanz der Uni Münster (6), in der chronische Aufschieber Rat und Hilfe bekommen. Es ist nämlich höchste Zeit zu handeln. Wir Lehrer, die große Mehrheit der Schüler und deren Eltern warten seit Jahren sehnsüchtig darauf. Allerdings dürfte es sich bei der Prokrastination um die Politiker-Krankheit Nr. 1 handeln.

(1) Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) ist eine der beiden großen Lehrerorganisationen in Deutschland. Er vertritt ca. 140.000 Pädagogen.

(2) Lehrer machen gegen schlechte Erziehung mobil. In: News4teachers Online vom 12. Februar 2013.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(4) Siehe Carsten Janke, Liebesgrüße aus der Schule. In: Süddeutsche Online vom 4. Februar 2013.

(5) a.a.O.

(6) Was Du heute kannst besorgen – Tipps gegen Aufschieberitis. In: Stern Online vom 4. Februar 2013.

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Eine Mücke im Schlafzimmer

Vor ein paar Tagen stieß ich auf einen englischsprachigen Artikel (1), der gut zum Beginn eines neuen Schuljahres passt.

Im Jahr 1959 hielt ein amerikanischer Richter eine Ansprache an die gelangweilte Jugend. Seit Jahren kursiert diese Mischung aus Kritik und weisem Ratschlag in den unterschiedlichsten Printmedien. Nun verbreitet sie sich im Internet. Die meisten Ratschläge von damals, mögen sie auch mehr als ein halbes Jahrhundert alt sein, haben an Aktualität nichts verloren:

Always we hear the cry from teenagers, ‚What can we do, where can we go?‘ My answer is, go home, mow the lawn, wash the windows, learn to cook, build a raft, get a job, visit the sick, study your lessons, and after you’ve finished, read a book.

Your town does not owe you recreational facilities and your parents do not owe you fun. The world does not owe you a living, you owe the world something. You owe it your time, energy and talent so that no one will be at war, in poverty or sick and lonely again. In other words, grow up, stop being a cry baby, get out of your dream world and develop a backbone, not a wishbone. Start behaving like a responsible person.

You are important, and you are needed. It’s too late to sit around and wait for somebody to do something someday. Someday is now and that somebody is you.

Natürlich ließe sich trefflich darüber streiten, ob Rasenmähen oder Floßbauen das Nonplusultra jugendlicher Betätigung ist. Sich einen Ferialjob zu suchen und dabei zu begreifen, dass Geld nicht mühelos aus dem Bankomaten oder der Brieftasche der Eltern quillt, halte ich hingegen für eine hervorragende Idee. Es schadet auch nicht, sich möglichst früh an den Gedanken zu gewöhnen, dass Mama und Papa keine hauptberuflichen Spaß-Provider sind. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten werden wohl jene die besten Zukunftsperspektiven haben, die Leistung und Verlässlichkeit nicht uncool finden.

Gesellschaftliches Engagement sollten junge Leute vielleicht auch in Erwägung ziehen. Diejenigen, die zu klug sind, um sich in der Politik zu engagieren, werden dadurch bestraft werden, dass sie von Leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst, wusste schon Platon. Und wer meint, als Einzelner sei man viel zu unwichtig, um etwas verändern zu können, sei erinnert: Wenn du glaubst, du bist zu klein, um in der Welt etwas zu bewirken, dann versuche mit einer Mücke im Zimmer zu schlafen!

(1) Exporting to the Americans. In: The Northland Age Online vom 23. August 2012.

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Urban Legends

Dass man auch außerhalb des Religionsunterrichts aus dem Buche Levitikus zitieren kann, bewies ein amerikanischer Lehrer in einem Vorort Bostons, der bei der Abschlussfeier an seiner elitären Highschool den Schülern (1) die Leviten las. Die Medien stürzten sich mit unglaublicher Wucht auf die offenen Worte dieses Kollegen. Die Palette der Kommentare reichte von uneingeschränkter Zustimmung bis zu vernichtender Kritik. (2)

Was hatte der Lehrer zu sagen gewagt, welchen Tabubruch hatte er begangen? Der „Spiegel“ fasste es in der Überschrift des entsprechenden Artikels kurz zusammen: „Ihr seid nichts Besonderes!“ (3) Und zitiert den Lehrer bei seiner Festansprache: „Ihr wurdet verhätschelt, verwöhnt, umschwärmt, geschützt, in Luftpolsterfolie gesteckt.

Ein seltsamer Zufall wollte es, dass mir kurz nach Lektüre der beiden Artikel über den mutigen Lehrer ein Plakat mit angeblichen Aussagen von Bill Gates (siehe Foto) zugeschickt wurde. (4) Auch dieser, so hieß es, habe schon vor etlichen Jahren anlässlich einer „Graduation Ceremony“ staunenden Absolventen klargemacht, dass nach Ende der Schule „Schluss mit lustig“ sei.

Neugierig geworden, recherchierte ich ein wenig im Internet und fand heraus, dass die Bill Gates zugeschriebenen 11 Regeln in Wahrheit ein Succus eines 50-Regel-Elaborates eines gewissen Charles J. Sykes sind. Dem aus anderen Gründen legendären Microsoft-Milliardär war also seine angebliche Rede zugeschrieben und die Geschichte damit zur „Urban Legend“ erhoben worden.

Als Vater musste ich besonders bei Regel Nummer 7 schmunzeln: „Before you were born your parents weren’t as boring as they are now. They got that way from paying your bills, cleaning your clothes and listening to you talk about how cool you thought you were.

Natürlich fand ich sowohl in der 11-Regel-Kurzversion und erst recht in der 50-Regel-Langfassung manche Übertreibung. Aber jeder, der sich wie wir Lehrer tagtäglich mit den Auswüchsen prä-, hoch- und postpubertären Verhaltens herumschlägt, wird Charles J. Sykes diese wohl gerne nachsehen.

Dazu passt eine Begebenheit aus dem AMS, die mir ein Freund vor ein paar Tagen erzählt hat: Ein verzweifelter Installateurmeister hatte sich auf der Suche nach einer Hilfskraft ans Arbeitsamt gewandt. Dort bot ihm ein freundlicher AMS-Bediensteter nach kurzer Suche in seiner Datenbank einen Master der Publizistik und einen Bachelor der Theaterwissenschaften an. Auf die Frage, ob er schon wisse, welchen der beiden er anstellen würde, antwortete der Installateur ohne zu zögern: „Denjenigen, der pünktlich zum Vorstellungsgespräch kommt!“

Mag sein, dass es sich auch bei dieser Geschichte um eine „Urban Legend“ handelt. Zum Nachdenken anregen sollte sie aber jedenfalls!

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) „You’re not special“: Teacher rants at ‚pampered, cosseted and doted upon‘ students in bizarre graduation speech. In: Daily Mail Online vom 7. Juni 2012.

(3) Heike Sonnberger, „Ihr seid nichts Besonderes!“ In: Spiegel Online vom 11. Juni 2012.

(4) http://lifeasiknowitv1.files.wordpress.com/2012/01/rules-for-success.jpg

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Von Rohrstaberln und Kurzparkscheinen

Ein (nicht ganz) fiktiver Dialog um 8:10: „’Tschuldigung, Frau Professor! Ich hab’s nicht pünktlich in die Schule geschafft. Beim Einparken ums Eck in der Kurzparkzone bin ich draufgekommen, dass mir die Parkscheine ausgegangen sind.“ Auf die Nachfrage, ob der Weg in die Trafik nicht aufschiebbar gewesen wäre, folgt die entwaffnend offene Antwort: „Glauben Sie, ich will Strafe zahlen?“

Ein weiterer (diesmal vollkommen) fiktiver Dialog einer Kurzparkwächterin mit einem Falschparker: „Ich darf Sie freundlich darauf hinweisen, dass Sie die in dieser Zone erlaubte maximale Parkzeit um zwei Stunden überschritten haben. Ich appelliere an Ihre Solidarität mit anderen Autofahrern, die auch gerne einen Parkplatz fänden. Hoffentlich haben Sie Verständnis dafür, dass ich mir jetzt Ihre Daten notieren muss. Sollten Sie weitere zehnmal die Parkzeit überschreiten, wären wir bedauerlicherweise gezwungen, Sie zu einer Konferenz der Wiener ParkwächterInnen vorzuladen, wo wir Ihnen einen strengen Verweis erteilen müssten!“

Vor einer Woche schrieb Gerhard Riegler an dieser Stelle vom Killervokabel „Rohrstaberlpädagogik“, das immer dann geschwungen wird, wenn LehrerInnen nach wirksamen Mitteln verlangen, die das Einhalten von Regeln dort erzwingen, wo gute Worte ins Leere gehen. Damit bewies Gerhard Riegler prophetische Qualitäten.

Die am Wochenbeginn von meinem Kollegen Paul Kimberger diesbezüglich erhobene Forderung wurde vom SP-Bildungssprecher umgehend mit dem „Rohrstaberlreflex“ quittiert. Noch weiter verstieg sich Christian Oxonitsch, Bundesvorsitzender der Österreichischen Kinderfreunde: „Diese Forderungen sind eine Ungeheuerlichkeit und erinnern mich an Zeiten zurück, in denen Prügelstrafe sowie die Ausübung von psychischer Gewalt in der Schule Realität waren.“ (1) Und der Vergleich von berechtigten Forderungen meines Gewerkschaftskollgen mit Methoden der NS-Zeit durch den Ober-„Volks“begehrer richtet sich wohl von selbst. (2)

Geradezu Labsal ist angesichts solcher Attacken ein Kommentar von Dr. Martina Salomon, der stv. Kurier-Chefredakteurin: „Die Idee von ‚Time-out-Klassen’, in denen Schüler vorübergehend von Spezialisten betreut werden, ist daher ebenso vernünftig wie die Möglichkeit, jugendliche Vandalen zum Gemeinschaftsdienst heranzuziehen. Derzeit wählen wir hingegen die schlechteste Lösung: wegschauen.“ (3)

Für mich steht fest: Solange 17-Jährige mehr Respekt vor Kurzparkvorschriften haben als vor schulischen Regeln, gibt es dringenden Handlungsbedarf, auch wenn das manchen „ExpertInnen“ nicht passen sollte!

(1) Kinderfreunde zu Kimberger: Kinderrechte statt härterer Strafen! OTS-Aussendung der Österreichischen Kinderfreunde vom 22. November 2011.

(2) ÖVP-Lehrer-Vorschlag „erinnert an NS-Zeit“. Schlagzeile im Kurier vom 24. November 2011.

(3) Martina Salomon, Wer erzieht? In: Kurier Online vom 21. November 2011.

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