Herbert Weiß: Einstiegshilfe

Laut Medien ist eine der Maßnahmen, zu denen die nach den Vorfällen in der HTL Ottakring eingesetzte Expertenkommission in ihrem Bericht an den Wiener Bildungsdirektor rät, die Einführung einer „Probezeit für Lehrer“. (1)

Hätte man diejenigen befragt, die tagtäglich mit der Situation an österreichischen Schulen konfrontiert sind, hätte man sich die Einrichtung einer Kommission ersparen können. Das Unterrichtspraktikum hat sich als Begleitung für den Berufseinstieg bestens bewährt. (Zur Zeit meines Berufseinstieg hieß es übrigens noch „Probejahr“.) Wir haben schon lange gefordert, eine solche Unterstützung auch QuereinsteigerInnen ohne pädagogische Erfahrung zu bieten, anstatt sie – wie den betroffenen HTL-Lehrer – ins kalte Wasser zu stoßen. Stattdessen wurde das international beachtete und kopierte Unterrichtspraktikum im neuen LehrerInnendienstrecht aus Kostengründen durch eine mehr als fragwürdige Induktionsphase ersetzt.

Junge Menschen werden in Zukunft ohne die nötige Praxiserfahrung und mit viel zu wenig Unterstützung durch erfahrene KollegInnen auf Kinder und Jugendliche losgelassen. Die Zahl der Fälle, in denen das nicht gut geht, wird steigen. Befriedigend ist das keinesfalls.

Unsere Forderungen lauten daher einmal mehr:

  • Ermöglicht unseren zukünftigen KollegInnen einen guten, professionell begleiteten Einstieg in den sehr interessanten, aber auch sehr fordernden Lehrberuf! Ob dieses System dann „Induktionsphase“, „Unterrichtspraktikum“ oder „Probejahr“ heißt, ist nebensächlich.
  • Macht nicht die JunglehrerInnen und ihre SchülerInnen zu Versuchskaninchen für ein System, von dessen Scheitern alle erfahrenen KollegInnen überzeugt sind!
  • Schafft für die Fälle, in denen sich die Probleme erst später zeigen, ein Unterstützungssystem durch die Bereitstellung von Supportpersonal!
  • Stattet LehrerInnen mit den notwendigen Mitteln aus, um SchülerInnen und sich selbst vor der psychischen und physischen Gewalt ihrer MitschülerInnen bewahren zu können!
  • Spart nicht an der Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen und damit an der Zukunft unseres Landes, sondern investiert endlich ins Schulsystem!

Den Fehler immer bei den LehrerInnen zu suchen, wie das in der aktuellen politischen Situation wieder einmal beliebter zu werden scheint, bringt uns alle nicht weiter.

(1) Nach HTL-Eklat rät Kommission zu Probezeit für Lehrer. In: Wiener Zeitung online vom 31. Mai 2019.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Herbert Weiß: Einstiegshilfe

  1. Leider wird generell übersehen, dass die Situation für Fachtheoretiker an HTLs eine andere ist als für jene, die an der Uni ein allgemeinbildendes Fach studieren. Dieser Lehrer kommt direkt aus der Praxis (bzw. ist noch teilweise dort tätig) und erhält parallel zu seinem ersten Jahr an den Päd.HS eine Zusatzausbildung. So wie es zu meiner Zeit war endete sein Vertrag zunächst automatisch nach einem Jahr, wurde aber wegen des großen Lehrermangels immer wieder für eine weiteres Jahr verlängert. Auch ein Fachtheoretiker hat einen Stützlehrer – oder wie immer das heißt – zur Seite.
    Was ich im Fall Ottakring merke, ist die Unkenntnis der hierarchischen Struktur an HTLs (und auch HAKs): es gibt hier noch einen Abteilungsvorstand, der den Schulleiter unterstützt und faktisch als Minidirektor agiert. Ein AV ist eng mit seinen Lehrern in Kontakt und weiß über alles Bescheid. Wieso hören wir in Ottakring nichts vom zuständigen AV? Mit ist schon klar, dass in derart politisch organisierten Schulen ein AV vielleicht nichts zu vermelden hat. Aber er kann sich nie ganz aus der Situation hinausschwindeln. Das gilt übrigens noch mehr für den Direktor der ja selbst zuerst AV in Ottakring war.
    Die Wirkung, 4 Schüler hinauszuwerfen, wird wohl rasch verpuffen. Eines sei aber betont: es gibt in diesem Alter keine Schulpflicht mehr, jeder ist formell also freiwillig dabei – und kann somit jederzeit ohne weiteres wegen seines Verhaltens von der Schule gewiesen werden. Wobei dieser Schülerterror kaum als „Verhalten“ verharmlost werden kann!
    OStR Dipl.Ing. Erich Ganspöck, ehemals HTL-Itzling, Höhere Abt. f. Elektronik und Informatik

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